Das Kapitel von der Ehe

»Die Ehe ist schon oft bei der philosophischen Betrachtung des positiven Rechtes für viel wesentlicher und der Vernunft viel gemäßer angesehen worden, als sie bei einer ganz freien Prüfung erscheint.«

Zwar die Befriedigung des Geschlechtstriebs in der Ehe konveniert Herrn Hugo. Er leitet sogar eine heilsame Moral aus diesem Faktum:

»Hieraus, wie aus unzähligen anderen Verhältnissen hätte man sehen sollen, daß es nicht immer unsittlich sei, den Körper eines Menschen als ein Mittel zu einem Zweck zu behandeln, wie man, und auch wohl Kant selbst, diesen Ausdruck falsch verstanden hat.«

Aber die Heiligung des Geschlechtstriebs durch die Ausschließlichkeit, die Bändigung des Triebs durch die Gesetze, die sittliche Schönheit, die das Naturgebot zu einem Moment geistiger Verbindung idealisiert – das geistige Wesen der Ehe – das eben ist dem Herrn Hugo das Bedenkliche an der Ehe. Doch ehe wir weiter seine frivole Schamlosigkeit verfolgen, hören wir einen Augenblick dem historischen Deutschen gegenüber den französischen Philosophen.

»C'est en renonçant pour un seul homme à cette réserve mystérieuse, dont la règle divine est imprimée dans son coeur, que la femme se voue à cet homme, pour lequel elle suspend, dans un abandon momentané, cette pudeur, qui ne la quitte jamais; pour lequel seul elle écarte des voiles qui sont d'ailleurs son asile et sa parure. De là cette confiance intime dans son époux, résultat d'une relation exclusive, qui ne peut exister qu'entre elle et lui, sans qu'aussitôt elle se sente flétrie; de la dans cet époux la reconnaissance pour un sacrifice et ce mélange de désir et de respect pour un être qui, même en partageant ses plaisirs, ne semble encore que lui céder; de là tout ce qu'il y a de régulier dans notre ordre social.«

Also der liberale philosophische Franzose Benjamin Constant! Und nun hören wir den servilen, historischen Deutschen:

»Viel bedenklicher ist schon die zweite Beziehung, daß außer der Ehe die Befriedigung dieses Triebes nicht erlaubt ist! Die tierische Natur ist dieser Einschränkung zuwider. Die vernünftige Natur ist es noch mehr, weil« ... man rate! ... »weil ein Mensen beinahe allwissend sein müßte, um vorauszusehen, welchen Erfolg es haben werde, weil es also Gott versuchen heißt, wenn man sich verpflichtet, einen der heftigsten Naturtriebe nur dann zu befriedigen, wenn es mit einer bestimmten anderen Person geschehen kann!« »Das seiner Natur nach freie Gefühl des Schönen soll gebunden und, was von ihm abhängt, soll völlig davon losgerissen werden.«

Seht ihr, in welche Schule unsere Jungdeutschen gegangen sind!

»Gegen die bürgerliche Natur stößt diese Einrichtung insofern an, als... endlich die Polizei eine fast kaum zu lösende Aufgabe übernimmt!«

Ungeschickte Philosophie, keine solche Aufmerksamkeiten gegen die Polizei zu handhaben!

»Alles, was in der Folge von den näheren Bestimmungen des Eherechts vorkommen wird, lehrt uns, daß die Ehe, man mag dabei Grundsätze annehmen, welche man will, eine sehr unvollkommene Einrichtung bleibt.«
»Diese Einschränkung des Geschlechtstriebs auf die Ehe hat aber auch ihre wichtigen Vorteile, indem – dadurch gewöhnlich ansteckende Krankheiten vermieden werden. Der Regierung erspart die Ehe gar viel Weitläuftigkeit. Endlich tritt dann noch die überall so wichtige Betrachtung ein, daß hierin das Privatrechtliche nun schon einmal das einzig-gewöhnliche ist.« »Fichte sagt: Die unverheiratete Person ist nur zur Hälfte ein Mensch. Da tut es mir« (sc. Hugo) »aber ordentlich leid, einen solchen schönen Ausspruch, wodurch ja auch ich über Christus, Fénélon, Kant, Hume zu stehen käme, für eine ungeheure Übertreibung erklären zu müssen.«
»Was die Mono- und Polygamie betrifft, so kommt es dabei offenbar auf die tierische Natur des Menschen an«!!