4.
Über den Vortrag der Philosophie
auf Universitäten

Schreiben an den Königlich Preußischen Regierungsrat und
Professor Friedrich v. Raumer116)
(1816)

Euer Hochwohlgeboren erlaube ich mir hiermit, auf Veranlassung unserer mündlichen Unterhaltung, meine Gedanken über den Vortrag der Philosophie auf Universitäten nachträglich vorzulegen. Ich muß recht sehr bitten, daß Sie auch mit der Form gütigst vorlieb nehmen mögen und mehr Ausführung und Zusammenhang nicht verlangen, als sich in einem eiligen Briefe geben läßt, der Sie noch in unserer Nähe einholen soll.

Ich fange sogleich mit der Bemerkung an, wie überhaupt dieser Gegenstand zur Sprache kommen könne, da es sonst eine ganz einfache Sache scheinen kann, daß von dem Vortrage der Philosophie nur dasselbe gelten müsse, was von dem anderer Wissenschaften gilt; ich will mich in dieser Rücksicht nicht damit aufhalten, daß auch von jenem gefordert werden müsse, daß er Deutlichkeit mit Gründlichkeit und zweckmäßiger Ausführlichkeit verbinden solle, daß er auch dies Schicksal mit dem Vortrage der anderen Wissenschaften auf einer Universität teile, zum Behufe der festgesetzten Zeit - in der Regel eines halben Jahres - zugerichtet werden zu müssen, daß die Wissenschaft hiernach zu strecken oder zusammenzuziehen erforderlich sei usf. Die besondere Art von Verlegenheit, die sich dermalen für den Vortrag der Philosophie wahrnehmen läßt, ist wohl in der Wendung zu suchen, welche diese Wissenschaft genommen hat und woraus das gegenwärtige Verhältnis hervorgegangen ist, daß die vormalige wissenschaftliche Ausbildung derselben und die besonderen Wissenschaften, in die der philosophische Stoff verteilt war, nach Form und Inhalt mehr oder weniger antiquiert worden, - daß aber auf der andern Seite die an die Stelle getretene Idee der Philosophie noch ohne wissenschaftliche Ausbildung steht und das Material der besonderen Wissenschaften seine Umbildung und Aufnahme in die neue Idee unvollständig oder gar noch nicht erlangt hat. - Wir sehen deshalb einerseits Wissenschaftlichkeit und Wissenschaften ohne Interesse, andererseits Interesse ohne Wissenschaftlichkeit.

Was wir daher auch im Durchschnitt auf Universitäten und in Schriften vorgetragen sehen, sind noch einige der alten Wissenschaften, Logik, empirische Psychologie, Naturrecht, etwa noch Moral; denn auch denen, welche sich sonst noch an das Ältere halten, ist die Metaphysik zugrunde gegangen, wie der Juristenfakultät das deutsche Staatsrecht; wenn dabei die übrigen Wissenschaften, die sonst die Metaphysik ausmachten, nicht so sehr vermißt werden, so muß dies wenigstens in Ansehung der natürlichen Theologie der Fall sein, deren Gegenstand die vernünftige Erkenntnis Gottes war. Von jenen noch beibehaltenen Wissenschaften, insbesondere der Logik, scheint es beinahe, daß es meist nur die Tradition und die Rücksicht auf den formellen Nutzen der Verstandesbildung ist, welche dieselben noch erhält; denn der Inhalt derselben, wie auch ihre und der übrigen Form, steht mit der Idee der Philosophie, auf welche das Interesse übergegangen, und mit der von dieser angenommenen Weise zu philosophieren zu sehr im Kontrast, als daß sie noch befriedigende Genugtuung gewähren könnten. Wenn die Jugend auch erst das Studium der Wissenschaften beginnt, so ist sie doch schon, sei es [auch] nur von einem unbestimmten Gerüchte anderer Ideen und Speisen berührt worden, so daß sie ohne das erforderliche Vorurteil von der Autorität und Wichtigkeit an das Studium derselben kommt und leicht ein Etwas nicht findet, zu dessen Erwartung sie schon angeregt ist; ich möchte sagen, daß auch das Lehren solcher Wissenschaften, wegen des einmal imponierenden Gegensatzes, nicht mehr mit der Unbefangenheit und vollem Zutrauen geschieht wie vormals; eine daher entspringende Unsicherheit oder Gereiztheit trägt dann nicht dazu bei, Eingang und Kredit zu verschaffen.

Auf der andern Seite hat die neue Idee die Forderung noch nicht erfüllt, das weite Feld von Gegenständen, welche in die Philosophie gehören, zu einem geordneten, durch seine Teile hindurch gebildeten Ganzen zu gestalten. Die Forderung bestimmter Erkenntnisse und die sonst anerkannte Wahrheit, daß das Ganze nur dadurch, daß man die Teile durchgearbeitet, wahrhaft gefaßt werde, ist nicht bloß umgangen, sondern mit der Behauptung abgewiesen worden, daß die Bestimmtheit und Mannigfaltigkeit von Kenntnissen für die Idee überflüssig, ja ihr zuwider und unter ihr sei. Nach solcher Ansicht ist die Philosophie so kompendiös, wie die Medizin oder wenigstens die Therapie zu den Zeiten des Brownschen117) Systems war, nach welchem sie in einer halben Stunde absolviert werden konnte. Einen Philosophen, der zu dieser intensiven Weise gehört, haben Sie vielleicht indes in München persönlich kennengelernt; Franz Baader läßt von Zeit zu Zeit einen oder zwei Bogen drucken, die das ganze Wesen der ganzen Philosophie oder einer besonderen Wissenschaft derselben enthalten sollen. Wer in dieser Art nur drucken läßt, hat noch den Vorteil des Glaubens des Publikums, daß er auch über die Ausführung solcher allgemeinen Gedanken Meister sei. Aber Friedrich Schlegels Auftreten mit Vorlesungen über Transzendentalphilosophie erlebte ich noch in Jena; er war in sechs Wochen mit seinem Kollegium fertig, eben nicht zur Zufriedenheit seiner Zuhörer, die ein halbjähriges erwartet und bezahlt hatten. - Eine größere Breite sahen wir den allgemeinen Ideen mit Hilfe der Phantasie geben, die Hohes und Niederes, Nahes und Fernes glänzend und trübe mit tieferem Sinn oft und ebensooft ganz oberflächlich zusammenbraute und dazu besonders diejenigen Regionen der Natur und des Geistes benutzte, die für sich selbst trübe und willkürlich sind. Ein entgegengesetzter Weg zu mehrerer Ausdehnung ist der kritische und skeptische, der an dem vorhandenen Material einen Stoff hat, an dem er fortgeht, übrigens es zu nichts bringt als zu dem Unerfreulichen und Langeweilemachenden negativer Resultate. Wenn dieser Weg auch etwa den Scharfsinn zu üben dient, das Mittel der Phantasie aber die Wirkung haben mochte, ein vorübergehendes Gären des Geistes, auch etwa was man Erbauung nennt, zu erwecken und in wenigen die allgemeine Idee selbst zu entzünden, so leistet doch keine von diesen Weisen, was geleistet werden soll und was Studium der Wissenschaft ist.

Der Jugend war es beim Beginn der neuen Philosophie zunächst willkommen, das Studium der Philosophie, ja der Wissenschaften überhaupt, mit etlichen allgemeinen Formeln die alles enthalten sollten, abtun zu können. Die aus dieser Meinung engspringenden Folgen, Mangel an Kenntnissen, Unwissenheit sowohl in philosophischen Begriffen als auch in den speziellen Berufswissenschaften, erfuhren aber an den Anforderungen des Staats sowie an der sonstigen wissenschaftlichen Bildung einen zu ernsthaften Widerspruch und praktische Zurückweisung, als daß jener Dünkel nicht außer Kredit gekommen wäre. So wie es die innere Notwendigkeit der Philosophie mit sich bringt, daß sie wissenschaftlich und in ihren Teilen ausgebildet werde, so scheint mir dies auch der zeitgemäße Standpunkt zu sein; zu ihren vormaligen Wissenschaften läßt sich nicht zurückkehren, die Masse von Begriffen und Inhalt, die sie enthielten, läßt sich aber auch nicht bloß ignorieren; die neue Form der Idee fordert ihr Recht, und das alte Material bedarf daher einer Umbildung, die dem jetzigen Standpunkte der Philosophie gemäß ist. - Diese Ansicht über das Zeitgemäße kann ich freilich nur für eine subjektive Beurteilung ausgeben, so wie ich auch zunächst für eine subjektive Richtung diejenige anzusehen habe, die ich in meiner Bearbeitung der Philosophie genommen, indem ich mir früh jenen Zweck gesetzt; ich habe soeben die Herausgabe meiner Arbeiten über die Logik beendigt und muß nun vom Publikum erwarten, wie es diese Art und Weise aufnimmt.

So viel aber glaube ich für richtig annehmen zu können, daß der Vortrag der Philosophie auf Universitäten das, was er leisten soll - eine Erwerbung von bestimmten Kenntnissen -, nur dann leisten kann, wenn er einen bestimmten, methodischen, das Detail umfassenden und ordnenden Gang nimmt. In dieser Form ist diese Wissenschaft wie jede andere allein fähig, gelernt zu werden. Wenn der Lehrer auch dies Wort vermeiden mag, so muß er das Bewußtsein haben, daß es darum zunächst und wesentlich zu tun ist. Es ist ein Vorurteil nicht allein des philosophischen Studiums, sondern auch der Pädagogik - und hier noch weitgreifender - geworden, daß das Selbstdenken in dem Sinn entwickelt und geübt werden solle, daß es erstlich dabei auf das Material nicht ankomme und zweitens als ob das Lernen dem Selbstdenken entgegengesetzt sei, da in der Tat das Denken sich nur an einem solchen Material üben kann, das keine Geburt und Zusammenstellung der Phantasie oder keine, es heiße sinnliche oder intellektuelle Anschauung, sondern ein Gedanke ist, und ferner ein Gedanke nicht anders gelernt werden kann als dadurch, daß er selbst gedacht wird. Nach einem gemeinen Irrtum scheint einem Gedanken nur dann der Stempel des Selbstgedachten aufgedrückt zu sein, wenn er abweichend von den Gedanken anderer Menschen ist, wo dann das Bekannte seine Anwendung zu finden pflegt, daß das Neue nicht wahr und das Wahre nicht neu ist; - sonst ist daraus die Sucht, daß jeder sein eignes System haben will entsprungen, und daß ein Einfall für desto origineller und vortrefflicher gehalten wird, je abgeschmackter und verrückter er ist, weil er ebendadurch die Eigentümlichkeit und Verschiedenheit von dem Gedanken anderer am meisten beweist.

Die Fähigkeit, gelernt zu werden, erlangt die Philosophie durch ihre Bestimmtheit näher insofern, als sie dadurch allein deutlich, mitteilbar und fähig wird, ein Gemeingut zu werden. So wie sie einerseits besonders studiert sein will und nicht von Haus aus schon darum ein Gemeingut ist, weil jeder Mensch überhaupt Vernunft hat, so benimmt ihre allgemeine Mitteilbarkeit ihr den Schein, den sie in neueren Zeiten unter anderen auch erhielt, eine Idiosynkrasie etlicher transzendentaler Köpfe zu sein, und wird ihrer wahrhaften Stellung angemessen, zu der Philologie als der ersten propädeutischen Wissenschaft für einen Beruf die zweite zu sein. Es bleibt dabei immer offen, daß einige in dieser zweiten Stufe steckenbleiben, aber wenigstens nicht aus dem Grunde, den es bei manchen hatte, die, weil sie sonst nichts Rechtes gelernt hatten, Philosophen wurden. Ohnehin scheint jene Gefahr überhaupt nicht mehr so groß, wie ich vorhin erwähnt, und auf jeden Fall geringer als die, bei der Philologie, der ersten Stufe, gleich hängenzubleiben. Eine wissenschaftlich ausgebildete Philosophie läßt dem bestimmten Denken und gründlicher Erkenntnis schon innerhalb ihrer selbst Gerechtigkeit widerfahren, und ihr Inhalt, das Allgemeine der geistigen und natürlichen Verhältnisse, führt für sich unmittelbar auf die positiven Wissenschaften, die diesen Inhalt in konkreter Gestalt, weiterer Ausführung und Anwendung zeigen, so sehr, daß umgekehrt das Studium dieser Wissenschaften sich als notwendig zur gründlichen Einsicht der Philosophie beweist; dahingegen das Studium der Philologie, wenn es einmal in das Detail, das wesentlich nur Mittel bleiben soll, hineingeraten ist, von den übrigen Wissenschaften etwas so Abgesondertes und Fremdartiges hat, daß darin nur ein geringes Band und wenige Übergangspunkte zu einer Wissenschaft und einem Berufe der Wirklichkeit liegen.

Als propädeutische Wissenschaft hat die Philosophie insbesondere die formelle Bildung und Übung des Denkens zu leisten; dies vermag sie nur durch gänzliche Entfernung vom Phantastischen, durch Bestimmtheit der Begriffe und einen konsequenten methodischen Gang; sie muß jene Übung in einem höheren Maß gewähren können als die Mathematik, weil sie nicht, wie diese, einen sinnlichen Inhalt hat.

Ich erwähnte vorhin die Erbauung, die oft von der Philosophie erwartet wird; meines Erachtens soll sie, auch wenn der Jugend vorgetragen, niemals erbaulich sein. Aber sie hat ein damit verwandtes Bedürfnis zu befriedigen, das ich noch kurz berühren will. Sosehr nämlich die neuere Zeit die Richtung auf einen gediegenen Stoff, höhere Ideen und die Religion wieder hervorgerufen hat, sowenig und weniger als je genügt dafür die Form von Gefühl, Phantasie, verworrenen Begriffen. Das Gehaltvolle für die Einsicht zu rechtfertigen, es in bestimmte Gedanken zu fassen und zu begreifen und es dadurch vor trüben Abwegen zu bewahren, muß das Geschäft der Philosophie sein. - In Ansehung dieses sowie überhaupt des Inhalts derselben will ich nur noch die sonderbare Erscheinung anführen, daß ein Philosoph etliche Wissenschaften mehr oder weniger, oder sonst verschiedene, in derselben vorträgt als ein anderer; der Stoff, die geistige und natürliche Welt ist immer dieselbe, und so muß auch die Philosophie in dieselben besonderen Wissenschaften zerfallen. Jene Verschiedenheit ist wohl vornehmlich der Verworrenheit zuzuschreiben, die es nicht zu bestimmten Begriffen und festen Unterschieden kommen läßt; die Verlegenheit mag auch das Ihrige beitragen, wenn man neben einer neuesten transzendentalen Philosophie alte Logik, neben einer skeptischen Metaphysik natürliche Theologie vortragen sollte. Ich habe schon angeführt, daß der alte Stoff allerdings einer durchgeführten Umbildung bedarf und nicht bloß auf die Seite gelegt werden kann. Sonst ist es bestimmt genug, in welche Wissenschaften die Philosophie zerfallen muß; das ganz abstrakte Allgemeine gehört in die Logik, mit allem, was davon ehemals auch die Metaphysik in sich begriff; das Konkrete teilt sich in Naturphilosophie, die nur einen Teil des Ganzen abgibt, und in die Philosophie des Geistes, wohin außer Psychologie mit Anthropologie Rechts- und Pflichtenlehre, dann Ästhetik und Religionsphilosophie gehört; die Geschichte der Philosophie kommt noch hinzu. Was auch in den Prinzipien für eine Verschiedenheit stattfinden könnte, so bringt die Natur des Gegenstandes eine Einteilung in die genannten Wissenschaften und deren notwendige Behandlung mit sich.

Über äußerliche Veranstaltungen zur Unterstützung des Vortrags, z. B. Konversatorien, enthalte ich mich etwas hinzuzufügen, da ich mit Schrecken sehe, wie weitläufig ich bereits geworden und wie sehr ich Ihre Nachsicht in Anspruch genommen; ich füge nur noch den herzlichen Wunsch der glücklichen Fortsetzung Ihrer Reise und die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und Ergebenheit hinzu.

 

Nürnberg, den 2. Aug. 1816