Brief Hegels an Niethammer114)

Nürnberg, 23. Okt. 1812

Sie hatten mir aufgetragen, meine Gedanken über den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien zu Papier zu bringen und sie Ihnen vorzulegen. Ich habe schon vor einiger Zeit den ersten Entwurf zu Papier gebracht, aber konnte keine ordentliche Zeit mehr gewinnen, ihn gehörig zu verarbeiten. Um es nicht zu lange anstehen zu lassen, Ihnen Ihrem Verlangen gemäß etwas darüber zu überschicken, lasse ich es in der Gestalt, wie es mit noch einiger Überarbeitung geworden ist, für Sie abschreiben und übersende es Ihnen nunmehr. Da der Aufsatz keinen anderen als einen Privatzweck hat, so wird er auch so, wie er ist, ihn erfüllen können. Das Abrupte der Gedanken, noch mehr aber das hier und da Polemische rechnen Sie gefälligst zur unvollkommenen Form, die für einen anderen Zweck, als meine Meinung Ihnen darzulegen, freilich mehr Abglättung gefordert hätte. Das Polemische mag öfter inkonvenabel sein, insofern der Aufsatz an Sie gerichtet ist und also sonst niemand als Sie vorhanden wäre, gegen den polemisiert werden könnte. Aber Sie werden von selbst dasselbe ganz bloß als einen gelegentlichen Eifer betrachten, der mich bei Erwähnung dieser oder jener Manieren oder Ansichten ins Blaue hinein überfallen hat.

Eine Schlußanmerkung fehlt übrigens noch, die ich aber nicht hinzugefügt habe, weil ich darüber noch uneins mit mir selbst bin, - nämlich daß vielleicht aller philosophische Unterricht an Gymnasien überflüssig scheinen könnte, daß das Studium der Alten das der Gymnasialjugend angemessenste und seiner Substanz nach die wahrhafte Einleitung in die Philosophie sei. - Allein wie soll ich, der Professor der philosophischen Vorbereitungswissenschaften, gegen mein Fach und meine Stelle streiten, mir selbst das Brot und Wasser abgraben? Auf der andern Seite aber hätte ich, der ich auch philosophischer Pädagoge sein sollte, ja selbst als Rektor einen Amtsberuf dazu, endlich auch das nähere Interesse, daß man die Professoren der philosophischen Wissenschaften an Gymnasien für überflüssig erklärte und ihnen entweder ein anderes Pensum gäbe oder sie anderswohin schaffte. Eins aber zieht mich auch wieder auf die erste Seite zurück, nämlich die ganz gelehrt werdende und zur Wortweisheit tendierende Philologie. Die Kirchenväter, Luther und die alten Prediger zitierten, legten aus und handhabten die Bibeltexte auf eine freie Manier, bei der es in Rücksicht des historisch Gelehrten auf einen Bauernschuh nicht ankam, wenn sie desto mehr Lehre und Erbauung hineinlegen konnten. Auf die ästhetische Salbaderei von pulcre, quam venuste, wovon wir noch bedeutende Nachklänge hören, ist jetzt die wortkritische und metrische Gelehrsamkeit an der Tagesordnung. Ich weiß nicht, ob eben schon viel davon in Ihr unterhabendes Personal eingerissen ist. Aber es wird demselben auch bevorstehen und in einem und dem anderen Falle die Philosophie ziemlich leer ausgehen. [...]