(Auszug)
[...] Die Organisation der Anstalt ist auf einen Kursus von zehn Lebensjahren berechnet; davon kommen vier Jahre auf die Primärschulen, zwei auf das Progymnasium und vier auf das Gymnasium. Insofern aber die hiesige Anstalt außer den Primärschulen auch eine Kollaboraturklasse hat - deren beide Abteilungen, die Lorenzer- und Sebalderklasse, einander gleich stehen -, so verteilen sich die unteren vier Jahre unter diese Vorbereitungsklassen und unter die Primärschulen. Die Kollaboraturklassen sind nämlich nur zum Teil als Vorbereitungsschulen für die Unterprimärschule anzusehen, denn ihr Unterricht erstreckt sich um viel weiter als auf diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten, welche die normativmäßige Bedingung zum Eintritt in diese letzeren sind; es wird in der lateinischen Sprache nicht nur die Technik der Deklinationen und Konjugationen gelehrt, sondern die ganze Lehre von den Redeteilen durchgemacht, zu den Regeln der Syntax fortgeschritten und dieselbe durch mündliche und schriftliche Übersetzungen eingeübt. Für Schüler von Anlagen, Aufmerksamkeit und Fleiß stehen diese Vorbereitungsklassen daher den Unterprimärschulen parallel und wird es möglich, aus jenen unmittelbar in die Oberprimärklasse befördert zu werden; wie denn in diesem Studienjahre wieder aus jeder zwei Schüler dahin versetzt worden sind. Jene Vorbereitung wirkt ferner auch auf die Unterprimärschule, so daß sie dadurch höher gestellt und als der erste Kursus der Oberprimärschule betrachtet werden kann; daher hat in der Regel ein Schüler, der nicht gerade zu den ausgezeichneten gehört, nach vollbrachtem Kursus in der Kollaboraturklasse, in jeder jener beiden Schulen nur ein Jahr zu verweilen; wobei aber zu bemerken, daß der Kursus in der Kollaboraturklasse für die langsameren zwei Jahre, wohl auch zum Versuch, ehe man einen Schüler ganz aufgibt, drei Jahre dauern kann. Diese Einrichtung gewährt zwar die Möglichkeit, daß ein Schüler, der nur wenig später, als das normalmäßige Alter fordert, in die Anstalt eintritt, durch schnelles Nachholen des Versäumten noch die Klasse die seinen Jahren entspricht, erreichen und seinen Kursus in der Anstalt zu gehöriger Zeit vollenden kann; derjenige ist jedoch unausbleiblich zurückgesetzt, dessen Unterricht in den früheren Lebensjahren versäumt und um ein beträchtliches zu spät angefangen worden. Indem ich mehrere ältere und wieder, bei der soeben erfolgten Aufnahme neuer Schüler für den nächsten Kursus, frische Beispiele von dieser Verspätung vor mir habe, so wiederhole ich bei dieser Gelegenheit die Ermahnung an die Eltern und Vormünder, ihre Kinder und Pfleglinge doch ja früh genug, es sei in der Gymnasialanstalt oder durch Privat-Veranstaltung, zur Erlernung der Anfangsgründe derjenigen Kenntnisse anzuhalten, welche für das Studieren überhaupt oder wenigstens, um an einem Teil der Gymnasialbildung Anteil nehmen zu können, erforderlich sind.
Die wichtigste Seite, die hierbei in Betracht kommt, ist der große Umfang an Kenntnissen und Fertigkeiten, welche derjenige, der sich dem Studium der Wissenschaften widmet, sich zu erwerben hat. An sich selbst nimmt man diesen Umfang nicht so wahr, wie er in der Tat beschaffen ist; die Fortschritte werden durch ihre Allmählichkeit unmerklich, die mannigfaltigen Stufen und Teile der Kenntnisse und Fertigkeiten schieben sich ineinander, und die Erinnerung hält sie nicht so auseinander, wie sie in der wirklichen Erwerbung unterschieden waren: so daß gewöhnlich das Resultat alles dessen, was man erlernt [und] auch - das abgerechnet, was wirklich vergessen ist - behalten hat, in der Vorstellung viel kleiner erscheint, als es wirklich beschaffen ist. - Die verschiedenen Klassen einer Anstalt dagegen bezeichnen diese Stufen in ihrem bestimmten Unterschiede, und die Übersicht derselben gibt die detaillierte Vorstellung von dem großen Umfange des zu Erlernenden. Das Lernen besteht ferner nicht darin, bekannt mit etwas zu werden und es auswendig zu lernen, dies ist bei weitem das wenigste; um eine Kenntnis innezuhaben, müssen wir sie für immer fest und sicher im Gedächtnisse behalten und in jedem Zusammenhange sie uns gegenwärtig machen können. Zu dem Ende muß sie uns unzähligemal durch den Kopf gegangen sein. Öffentliche Unterrichtsanstalten haben in dieser Rücksicht einen wesentlichen Vorzug vor Privatunterricht; sie haben, andere Umstände nicht erwähnt, den psychologischen Vorteil, daß wegen der Menge von Schülern dieselbe Sache unzähligemal wiederholt werden muß, indem der Lehrer nachfragt, ob auch dieser und jener sie behalten hat, und sie den Unachtsamen noch einmal sagt - eine Wiederholung, die einerseits, weil sie einen vernünftigen Grund hat und mit abwechselnden individuellen Umständen vergesellschaftet ist, auch für die, welche die Sache wissen, nicht den Ekel und Langeweile bewirkt, welche die Folge derselben Wiederholung im Privatunterricht, bei dem man nur einen oder einige Schüler vor sich hat, sein müßte; während dieses öftere Anhören andererseits auch für die Achtsameren zur sicheren unvertilgbaren Bekanntschaft wesentlich ist. Die Erfahrung zeigt daher gewöhnlich, daß, wenn junge Leute durch Privatunterricht auch mancherlei wissen, ihre Bekanntschaft damit weniger Festigkeit und Sicherheit hat, als die dasselbe in öffentlichen Schulen erlernten.
Einer noch vielfacheren und längeren Übung bedürfen die eigentlichen Fertigkeiten, allgemeine Kenntnisse und Regeln in Anwendung zu bringen. Es ist dabei darum zu tun, in dem vorkommenden Falle den Gesichtspunkt wahrzunehmen, der eine Regel herbeiruft, und zwar ist jeder Fall ein Konkretes, eine Vereinigung mannigfaltiger Gesichtspunkte, die alle besonders beobachtet [sein] und in der Gemeinschaft mit den übrigen ihr Recht haben wollen. Die vielseitige Fertigkeit, welche diese Seite, besonders der Sprachkenntnis erfordert, wird vorzüglich durch schriftliche Übungen erworben. Von welcher Wichtigkeit dieses Mittel ist, hat sich durch die gemachte Erfahrung in der Anstalt mit entschiedenem Erfolge bewährt. Es setzt eine ganz andere und tiefere Art des Eigentums voraus, wenn wir das, was wir wissen, auch schriftlich äußern und die allgemeine Kenntnis in Anwendung bringen sollen; so wie dies selbsttätige, hervorbringende Verhalten eine viel innigere Beschäftigung des Kopfes erfordert als das Lesen und Anhören, wo wir alles fertig empfangen. Auch bewährt sich in keiner Übung der nachdenkende und recht eigentlich zum Studieren bestimmte Kopf so sehr als in dieser. - Da ein großer Teil der schriftlichen Übungen von den Schülern zu Hause zu verfertigen ist, so geben ihnen diese Arbeiten die Hauptmaterie für ihren Privatfleiß und die Anleitung zur nützlichsten Verwendung ihrer von der Schule freien Zeit. Auf der andern Seite vermehrt die Durchsicht, die von den Lehrern gleichfalls zu Hause geschieht, die Arbeiten ihres Amtes beträchtlich und nimmt ihnen den größten Teil ihrer freien Stunden weg, daß ihnen, da die meisten Arbeiten dieser Art in den unteren Klassen vorkommen, kaum noch die Zeit übrig bleibt, die sie auf den Erwerb der Ergänzung ihres Gehalts wenden müssen, um notdürftig das zum unentbehrlichen Unterhalte Erforderliche zu gewinnen. [...]
Der Gymnasialunterricht, indem er den Schülern so vielfache häusliche Arbeiten auflegt, tut hierdurch, außer dem unmittelbaren moralischen und religiösen Unterricht und direkten Ermahnungen, das seinige, die Jünglinge durch Beschäftigung ihrer von den öffentlichen Lehrstunden freien Zeit von Zerstreuungen und Ausschweifungen abzuhalten. Die Lehrer müssen sowohl hierin auf die Unterstützung von Seiten der Eltern rechnen, daß die Kinder zu Hause zum Fleiße und geordneter Beschäftigung angehalten werden, als auch vornehmlich darin, daß die häusliche Zucht und Aufsicht die Aufführung derselben bewacht und ihre Sitten bewahrt. Was nützt es, wenn die Jugend zwar in den Kenntnissen und Wissenschaften wohl unterrichtet wird, wenn aber die Eltern und Vormünder durch Vernachlässigung entweder der eigenen Aufsicht oder der gehörigen Veranstaltung zu einer solchen, wenn sie nicht am Studienorte selbst wohnhaft sind, bei Haus- und Kostherren den sittlichen Charakter ihrer Söhne zugrunde gehen lassen. Aber auch kein Fortschreiten in den Wissenschaften können sie sich von solchen Söhnen oder Pfleglingen versprechen; wie kann der Unterricht ein Gedeihen in Jünglingen gewinnen, deren Seele von der Sucht nach Zerstreuungen und Ausschweifungen, von der Gewohnheit des Müßiggehens und einer ungebundenen Lebensweise, von der damit sich verknüpfenden Einbildung ihrer Freiheit und Emanzipation eingenommen ist? [...]