Edler, verehrungswürdiger Greis!
Diese so glänzende als hochachtungswürdige Versammlung, welche das fünfzigjährige Verdienst ihres Lehrers feiernd ehrt, hat die Lehrer und Schüler der Gymnasialanstalt zu diesem Familienfeste eingeladen, um Zeuge einer Dankbarkeit zu sein, welche für Sie, edler Greis und hochgeschätzter Kollege, den Gegenstand derselben, und für die Versammlung selbst gleich ehrenvoll ist; um Ihres Glückes, ein so seltenes Ziel und zugleich [das] einer so würdig vollendeten Laufbahn erreicht zu haben, mit ihr uns gemeinschaftlich zu freuen. Diese Gesellschaft hat zugleich meinen Wunsch mit wohlwollender Güte aufgenommen, in ihrer Mitte, wo sie dem Lehrer den Ausdruck der Freude ehemaliger Schüler dargebracht hat, Ihnen, teuerster Kollege, auch den glückwünschenden Gruß der Mitgenossenschaft des Lehramtes aussprechen zu dürfen.
O der schönen Stunde, die uns hier vereint, o des reichen Moments! reich an Erinnerungen der Vergangenheit, reich an glücklichen Gefühlen der Gegenwart, auch reich an Segen für die Zukunft; arm an Wünschen, denn wie wenig ist es, was Ihnen, glücklicher Greis, und uns für Sie zu wünschen übrig ist, da Sie durch die göttliche Güte und durch sich selbst das Wünschenswerteste, nämlich dieses mit Verdienst und Tugend bekrönte und mit Munterkeit und Gesundheit der Seele und des Körpers begabte Alter erreicht haben, da gegenwärtiges Fest noch die Anerkennung dieser Tugend und die Ehre dieses Verdienstes hinzufügt und gleichsam in einen Becher des edelsten Genusses vereinigt.
Der Lehrer, wenn er in seinem Berufe den Samen der Erkenntnis ausgestreut hat, tritt von seinem Werke zurück; wenn auch einiges des Ausgesäten nicht gedeihlichen Boden fand, ist er im ganzen der Wirkung und des Erfolgs gewiß, um der geistigen, um der höheren Kraft willen, die in der ausgespendeten Gabe liegt; er kann sich des Gedankens an die Saat, die aufgesprossen sein werde, bei sich erfreuen; aber selten wird ihm das Glück zuteil, das Feld der Garben zumal zu überschauen und in solchem Gesamtanblick seiner Arbeit zu genießen.
Ihnen, verehrter Kollege, hat diese Gesellschaft diesen seltenen Genuß zubereitet. Der Kreis, der um Sie versammelt steht, besteht aus einer großen Zahl der achtungswürdigsten Männer dieser Stadt, Jünglinge, Männer, selbst Greise darunter, die sich in die Zeiten ihrer Jugend wieder versetzen, in die Zeiten der hoffnungsvollen Ahnungen von Welt und Leben, die auch die Zeit der Lehrjahre sind, welche für Welt und Leben vorbereiten und in sie einführen. Diese Männer rufen ihre frühere Bestimmung, Schüler gewesen zu sein, zurück, sind in diesem Namen hier versammelt und bekennen, sich durch denselben zu ehren.
Sie bringen Ihnen, ihrem alten Lehrer, ihren Dank, und nicht nur denselben wieder, den sie Ihnen schon früher zollten, sondern auch einen zweiten, der aus der gereiften Einsicht des lebenserfahrenen Mannes quillt. Begriffen in den Jahren der Lehre erkennt schon die Jugend mit Freude, wie mit dem Unterrichte neue Vorstellungen, Begriffe, Wahrheiten in ihrem Geiste aufgehen, sie nimmt dankbar diese stufenweise Erweiterung ihres Gesichtskreises wahr, diese Entsiegelung des nur erst geahnten Inhalts und Sinnes des natürlichen und geistigen Lebens. Vollständiger aber schätzt der durch die Lebenserfahrung hindurchgegangene Mann die erworbene Bildung, Geschicklichkeiten und eingepflanzten Grundsätze. Wenn das rasch vorwärtstreibende Streben des jugendlichen Alters über die weitläufigen Anstalten und Vorbereitungen der Schule zum Eintritt in die Welt ungeduldig werden kann, wenn die abstrakten Lehren der Wissenschaft mit der konkreten Frische der jungen Lebensfülle im Mißverhältnisse zu stehen scheinen, so hat der Mann dagegen es erkannt, was nur Traum und Schimmer des Lebens und was seine Wahrheit ist; er hat erfahren, daß die früh ins Herz gepflanzten Schätze der alten Weisheit es sind, die mit uns unter allem Wechsel der Zustände aushalten, uns stärken und tragen; er hat erfahren, wie groß der Wert der Bildung überhaupt ist, so groß, daß ein Alter97) sagen möchte, der Unterschied des gebildeten Menschen von dem ungebildeten sei so groß als der Unterschied des Menschen überhaupt vom Steine.
Dem Lehrstande ist der Schatz der Bildung, der Kenntnisse und Wahrheiten, an welchem alle verflossenen Zeitalter gearbeitet haben, anvertraut, ihn zu erhalten und der Nachwelt zu überliefern. Der Lehrer hat sich als den Bewahrer und Priester dieses heiligen Lichtes zu betrachten, daß es nicht verlösche und die Menschheit nicht in die Nacht der alten Barbarei zurücksinke. - Diese Überlieferung muß einerseits mit treuer Bemühung geschehen, aber zugleich wird der Buchstabe erst durch den eigenen Sinn und Geist des Lehrers recht fruchtbringend.
Sie, edler Lehrer, haben dieses Licht nicht bloß wie ein Spiegel als totes Werkzeug, das keinen eignen Brennpunkt in sich hat, zurückgestrahlt, sondern es durch das kräftige Öl ihres eigenen Geistes zur erwärmenden Flamme ernährt. Sie haben die sonst tote Weisheit wiedergegeben, ausgestattet mit Ihrer Erfahrung, bereichert durch Ihr Herz, durch Ihre Seele beseelt und lebendig gemacht.
Diese inwohnende Seele des Lehrers ist es, was die Wirksamkeit seines Unterrichts ausmacht. Sie, vortrefflicher Lehrer, haben uns, Ihren Mitgenossen im Schulstande, ein großes Muster hierin aufgestellt, das wir achtungsvoll verehren und dem wir nacheifernd uns zu nähern streben mögen. In welchem Fache es sei, wird der ausgezeichnete Mann zu einem einflußreichen Beispiel; er ist ein Bild, das wirkungsvoll in dem Gemüte derer schweben bleibt, die demselben Stande angehören. Sie haben mich, Ihren unmittelbaren Nachfolger, bei meinem Eintritt in mein Amt nicht nur mit herzlichem Wohlwollen empfangen, sondern Ihr Anblick hat mir auch den [für mich noch] unbestimmten Charakter der mir neuen Verhältnisse umschrieben. Ihr Bild hat mir es gesagt: so soll ich als Schulmann werden, so soll ich sein; Ihr Beispiel hat mir den Sinn meines Berufes ausgesprochen, klarer als innere Vorsätze, lebendiger als schriftliche Instruktionen.
Sie haben die neue Lehranstalt noch begrüßt, welche diese Stadt der erhabenen Sorge unseres Königs für die öffentliche Erziehung verdankt, indem Sie selbst bei diesem Wechsel die Huld Seiner Majestät erfuhren und die so sehr verdiente Ruhe endlich fanden. Wer konnte die ältere Anstalt, die Melanchthon eröffnete, würdiger zuschließen als Sie? - Wer war fähiger zu zeigen, daß, wenn der Einfluß von Einrichtungen mächtig ist, der Geist des Menschen noch mächtiger ist und die Mangelhaftigkeit jener durch diesen ersetzt und überwunden werden kann? Wenn das Bedürfnis einer Verbesserung der alten Anstalt überhaupt anerkannt war, so hat Ihre wie Ihrer Mitarbeiter Persönlichkeit dies Bedürfnis weniger auffallend gemacht, und es ist erfreulich für die neue Anstalt, gegen die Regierung dankbar sein zu können, ohne eine andere persönliche Rücksicht einzumischen als nur diese, daß wir solcher Vorgänger nicht unwürdig sein mögen und daß wir, wie wir uns durch die Gemeinschaftlichkeit des Zwecks bei Verschiedenheit der Mittel an die vorher bestandenen Anstalten anschlossen, auch durch das Band der persönlichen Achtung an dieselben angeknüpft wurden.
Außer einem großen Vorbilde verdanken wir Ihrem Verdienste auch diejenige Aufmunterung, welche in der heutigen Feierlichkeit für uns selbst liegt, in diesem öffentlichen Zeugnisse, das diese so hochachtungswürdige Versammlung von dem Verdienste eines Lehrers, der seinen Beruf treu erfüllte, ablegt; denn es ist uns erlaubt, in der persönlichen Ehre, welche der Inhalt dieses Festes ist, auch die Ehre dankbar zu erkennen, die unserem Berufe überhaupt damit widerfährt. Es ist erquickend für uns, in einer Stadt wirksam zu sein, wo das Stilleben des Schulstandes weder über glänzendere und rauschendere Erscheinungen übersehen noch über dem Druck der Zeiten und größeren Interessen vergessen wird; in einer Stadt, wo stille Bürgertugend, wo noch der edle deutsche Sinn, der im Kleinen so treu sei als im Großen, redlich bewahrt und genährt und redliche Bemühungen, wenn sie gleich wie die des Schulstandes unscheinbar sind, geschätzt werden.
Auch diese Jugend hier sieht ihre Väter, sieht die Männer, die sie aus sonstigen Lebensverhältnissen achten gelernt hat, sich der Lehrjahre mit frohem Rückblick erinnern, ihrem alten Lehrer Dank bringen, es bezeugen, wie hoch sie den Erwerb von Wissenschaft und Erkenntnis anschlagen; sie sieht ein Beispiel der hohen Lehre, daß redliche Erfüllung seiner Pflichten anerkannt wird und daß auch in geräuschlosen Tugenden, in einem Leben, das keine historischen Tage zählt, unbedingter Wert und reine Beglückung liegt.
So inhaltsvoll ist für uns alle diese Stunde; am inhaltsvollsten und ernstesten für Ihn, der sie uns gewährt. In ihr ruft sich die Vergangenheit seiner so langen Amtstätigkeit wieder hervor; das Werk seines Lebens hat sich vor seinem Blicke aufgestellt. Und was ist das Zeugnis, das dies sein Werk hier öffentlich ablegt? Dies Zeugnis ist eine allgemeine und freie Huldigung, dargebracht von der Liebe, Dankbarkeit, von dem Vertrauen, von der Verehrung; eine Huldigung, um welche Fürsten Sie, edler Greis, beneiden können. Der heutige Tag berechtigt uns, Sie glücklich.zu preisen; Sie selbst, zu sich zu sagen: Ich bin glücklich! - Ein Ausdruck, den von sich oder von anderen auszusprechen der Mann und der Greis um so schüchterner wird, je mehr er den inneren Wert und dann die wandelbare Natur alles desjenigen kennenlernte, was zum Glücke gerechnet zu werden pflegt, und selbst um so unfähiger wird, je mehr die Erinnerung an getäuschte Hoffnungen, an Leiden, Sorgen und Kummer das Herz getrübt und heiterer Freude und glücklichen Gefühlen unzugänglich machte. Aber Sie, trefflicher Greis, an Ihrer Seite Ihre hochgeschätzte Gattin, die mit Liebe und Sorgsamkeit Sie auf Ihrem Wege begleitete, umringt von Ihrer hochachtungswürdigen Familie, umgeben von der verdientesten Liebe und Verehrung Ihrer selbst verehrten Schüler und Mitbürger, bewährt durch das Zeugnis derselben und durch das Zeugnis Ihres eigenen Gewissens, - Sie darf ich, ohne den Vorwurf eines oberflächlichen Urteils, ohne die Nemesis zu befürchten, glücklich preisen, Sie selbst [dürfen] das Wort von sich sagen: Ich bin glücklich! - Was für Erinnerungen an Sorgen oder Schmerzen noch übrig sein können, sie sind vergangen, und ihr Andenken lösche diese Sabbatstunde der feiernden Ruhe vollends aus; wie keine Träne von Reue sich einmischt, so mische sich auch keine Träne von Wehmut in die Tränen der freudigen Rührung des heutigen Tages ein.
So freuen wir uns der Abendsonne, die ihre gedeihenbringende Wirkung, ihr Tagwerk vollbracht hat und noch verweilt, ihren Abschiedsgruß auf die dankbare Erde zu werfen, nunmehr als ein ruhiges Bild der Erinnerung ihrer Kraftausstrahlung, in milder Heiterkeit glänzend -
so ist dieser schöne Moment der Silberblick Ihres Lebens, der die segensvolle Arbeit von fünfzig Jahren, die Liebe von Hunderten, die Achtung aller in sich faßt. Dieser Moment wird in uns einen unauslöschbaren Nachklang zurücklassen; und für Sie, edler Greis, der Sie der Inhalt desselben sind, sei er für Ihr übriges Alter von erheiternder und wohltätiger Stärkung. So mögen Sie noch lange unter uns weilen, der Liebe Ihrer in Ihnen glücklichen Familie, unserer dankbaren Verehrung und Freundschaft, Ihres eigenen Herzens noch lange genießen.