Hegels eigenhändiger Lebenslauf266)

[Entwurf vom September 1804]

Ich, Ge[org] W[ilhelm] Fr[iedrich] H[egel], geb. Stuttgart 27. Aug. 1770. Meine Eltern G[eorg] L[udwig] Hegel, Rentk[ammer]-Exp[editions]-Rat und Ch[ristine] L[uise] geb. Fromm sorgten für die Bildung in den Wissenschaften sowohl durch Privatunterricht als durch den öffentlichen des Gymnasiums zu Stuttgart, wo die alten und neuen Sprachen sowie die Anfangsgründe der Wissenschaften gelehrt wurden. Ich wurde im 18. Jahr in das theologische Stift zu Tübingen aufgenommen. Nach zwei Jahren, welche auf das Studium unter Schn[urrer] der Philologie und unter Flatt, Beckh der Philosophie und Mathematik verwendet wurden, wurde ich Magister der Philosophie und studierte hierauf drei Jahre unter Le Bret, Uhland, Storr und Flatt die theologischen Wissenschaften, bis ich das theologische Examen vor dem Konsistorium in Stuttgart bestanden und unter die Kandidaten der Theologie aufgenommen war; ich hatte den Stand des Predigtamts nach dem Wunsche meiner Eltern ergriffen und war dem Studium der Theologie aus Neigung treu geblieben um seiner Verbindung mit der klassischen Literatur und Philosophie [willen]. Nachdem ich aufgenommen war, wählte ich unter den Berufsarten des theologischen Standes diejenige, welche von den eigentlichen Berufsarbeiten, von dem Geschäft des Predigtamtes unabhängig, ebensosehr Muße gewährte, der alten Literatur und Philosophie mich ergeben zu können, als in anderen Ländern unter fremden Verhältnissen zu leben Gelegenheit schaffte. Ich fand diese in den beiden Hofmeisterstellen, welche ich in Bern und in Frankfurt annahm, deren Berufsgeschäfte mir Zeit genug ließen, um mit den Gang der Wissenschaft zu verfolgen, die ich zur Bestimmung meines Lebens gemacht hatte. Nach 6 Jahren, die ich auf beiden zubrachte, und nach dem Tode meines Vaters beschloß ich, mich ganz der philosophischen Wissenschaft zu widmen, und der Ruhm Jenas ließ über den Ort keine Wahl, wo ich ebenso Gelegenheit fände, was ich für mich gearbeitet hatte, schönstens noch auszubilden, als das Lehramt zu versuchen. Ich schrieb hier eine Schrift über die Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie, das Ungenügende des ersteren, und erhielt hierauf bald die Erlaubnis von den Erhaltern durch die öffentliche Verteidigung meiner Dissertation de orbitis planetarum. Ich gab gemeinsam mit Prof. Schelling das Kritische Journal der Philosophie in zwei Bänden heraus, worin [von mir]:

Die Einleitung,
Wie der gemeine Menschenverstand die Philosophie nehme,
Über den alten und neueren Skeptizismus,
Die Kant-, Jacobi- und Fichtesche Philosophie,
Die bisherige Bearbeitung des Naturrechts.

Seit drei Jahren Privatdozent der Philosophie, habe ich verschiedene Vorlesungen über sie gehalten, und ich glaube, vorigen Winter vor einem zahlreichen Auditorium. Die Herz[ogliche] mineralogische Sozietät hat mich voriges Jahr zum zweiten Assessor, die naturforschende neulich zu ihrem Mitglied aufgenommen.

Indem mir so unter vielseitigen Studien die Wissenschaft der Philosophie zum Beruf geworden ist, so kann ich nicht anders, als den Wunsch zu haben, zum öffentlichen Lehrer derselben von den Durchlauchtigsten Erhaltern aufgestellt zu werden.