Notizenblatt.128)

Bayern
Ausbruch der Volksfreude über den endlichen Untergang der Philosophie

(Oberdeutsche Allgemeine Literatur-Zeitung CXXXIII. 1801.
Rezension der Kritik der theoretischen Philosophie von Schulze.
Erster Band)

"Es ist endlich einmal Zeit, daß den Philosophen die Decke weggenommen wird, die ihre Augen seit mehr als 2000 Jahren mit Finsternis bedeckt hat. Die Geduld geht nicht ins Unendliche und hat ihre bestimmten Grenzen. Wenn die Erwartung zu lange getäuscht wird, so bricht zuletzt unser Unwille um so lebhafter aus (le cri de la nation!), je länger uns leere Worte und Versprechungen hingehalten haben. Die Philosophen haben schon lange die Erwartung des Publikums getäuscht, sie haben schon lange einen ewigen Frieden unter sich durch eine allgemeingültige Philosophie, durch eine Philosophie ohne Namen versprochen; und mit jedem Jahrhundert wird der Streit in der Philosophie größer, fast mit jedem Jahrzehnt gehen neue Systeme der Philosophie hervor, die alle miteinander im Widerspruche stehen und doch alle auf Allgemeingültigkeit Anspruch machen."

Es wird hier ein Verhältnis zwischen Philosophen und einem Publikum aufgestellt wie zwischen einer Administration und dem Volke; die Philosophen hätten das Amt der Seelsorge für die Vernunft des Volks und die Pflicht auf sich, ihm eine konstitutionelle Philosophie zu machen und die Vernunft des Volks zu verwalten, welches sich darüber auf seine Philosophen sollte verlassen und seine sonstigen Geschäfte danach betreiben können; nach der Ansicht dieses Rezensenten hat das Publikum eine allgemeingültige Philosophie erwartet, die ihm gegeben werden sollte; das Volk hat zweitausend Jahre vergeblich gewartet (von welcher eselhaften Geduld ist doch dies Volk), und wenn es noch sechstausend Jahre wartet, so würde es keine Philosophie bekommen; denn das Warten verhilft ebensowenig dazu als das Warten, bis der Acker von selbst Korn trüge und sein Brot gebacken präsentierte, zur Sättigung. - Aber das so lange getäuschte Volk läßt endlich, wie wir sehen, gegen die Administration der Vernunft seinen Unwillen losbrechen; es findet einen Mann, der als sein Messias sich an seine Spitze stellt, denn 'Herr Hofrat Schulze hat sich das unsterbliche Verdienst erworben, den ewigen Streit in der spekulativen Philosophie zu endigen (nicht daß er die Vernunftadministration verbesserte, sondern, wie ein Marat, daß er alle Systeme, die sich um die Regierung rissen, guillotiniert). Er hat gezeigt, daß die Philosophie einen Erbfehler hat, usw. Er stellt daher einen Skeptizismus auf, den der gewöhnliche Vorwurf nicht trifft, denn der Verfasser erkennt die logischen Wahrheiten an; usw. Der Skeptizismus des Verfassers ist einleuchtend und klar, daß wir fest überzeugt sind, daß dadurch über alle Systeme der theoretischen Philosophie der Stab gebrochen ist; daß in unserem neuen Jahrhundert die spekulative Philosophie als eine Wissenschaft betrachtet werden wird, die als ein künstliches Gewebe von leeren Begriffen nur müßige Köpfe beschäftigen kann.'

Der Umstand ist nicht zu übersehen, daß der, der dieses Freudengeschrei erhebt, nur den ersten Teil des Schulzeschen Werks vor sich hatte, worin die philosophischen Systeme nur erzählend dargestellt werden, und den zweiten nicht, worin ihre Grundlosigkeit erst erwiesen wird, also schon über das bloße Versprechen ihrer Widerlegung seinen Jubel erhebt.

Der Jubel über den Untergang der spekulativen Philosophie trifft genau mit der psychologischen und moralischen Begründung und Aufführung der Philosophie zusammen, der wir hier im Vorbeigehen erwähnen müssen, wovon ein gewisser Pfarrer und Prof. Salat in Schriften über die Aufklärung und Winken des Verhältnisses der intellektuellen zur sittlichen Kultur129) und beständigen Erklärungen und Erzählungen darüber in der Oberdeutschen allgemeinen [Literatur-] Zeitung ein eitles und leeres Gewäsche zu machen gar nicht aufhören kann. Es scheint, dieser Herr Prof. Salat hält sich eigentlich für den philosophischen Apostel Bayerns, und es hat seinem Apostelamte keine andere Bestätigung mehr gefehlt als die wohlfeile Märtyrerkrone, welche ihm seine geistlichen Obern bereitet haben; für das ursprüngliche Diplom zu seinem hohen Berufe, der Ritter gegen die Finsternis zu werden, aber scheint er den Umstand zu halten, daß ins Philosophische Journal einmal ein seichter und unphilosophischer Aufsatz, der ihn zum Urheber hatte, aufgenommen wurde; es erscheint keine seiner vielen geschwätzigen Erzählungen von sich und seiner moralischen Philosophie worin er nicht dieser Ehre, einen Aufsatz im Philosophischen Journal gehabt zu haben, erwähnte, und keine Woche der Oberdeutschen Zeitung, worin er nicht ein solches eitles Auskramen der Humanität und Moralität und praktischen Philosophie und alles Guten und Wahren und des Vorwärts zum Besseren und Vervollkommnung darbrächte. Das Kantische Moralprinzip ist gerade die lahme Mähre, die sich in diese Schwemme schaler moralischer Brühen hineinreiten läßt; der Fichteschen Philosophie traut er nicht recht, denn man kann nicht wissen, ob diese nicht Mücken "aus dem dunklen Lande des Mystizismus" im Kopf habe; soviel wenigstens ist sicher, daß sie gar spekulative Philosophie ist, vor deren einem wie vor dem anderen Salat und seine moralische und humane Philosophie gleicherweise Bange hat; und das eine oder das andere wäre doch Gewürz, das ihrer Geschmacklosigkeit allein nachhelfen könnte. Wie müssen der bayerischen Gediegenheit solche moralische Salbadereien und asthenische Saläte anekeln, durch welche diesem Bayern die berlinische Aufklärerei in ihrer plattesten Gestalt als eine moralische und humane Aufklärung zugewinkt und eingepropft werden soll; Salat nennt das, auf eine empirische, das heiße praktische Weise das Wahre und vorzüglich Wichtige der neueren Philosophie in den Kreis eines feineren und selbstdenkenderen Publikums einführen; wenn das selbstdenkende bayrische Publikum aus dem Salatschen Einführen einen Begriff von der neueren Philosophie erhalten müßte, so müßte es sich wundern, wie unter dem selbstdenkenden Publikum des übrigen Deutschlands räsonierende Eitelkeit und humane Mattheit für Philosophie gehalten werden könnte, und ihr billig seine unphilosophische Derbheit vorziehen, welche Salat und Konsorten breit und platt zu schlagen sich bemühen.

Es fällt uns, nachdem das vorherige schon abgesetzt ist, ein neuer Salat130) in der Oberd. Allg. Liter.-Z. [Nr.] XVIII ff., 1802, in die Hand, worin jene praktische und moralische Tendenz des Philosophierens, welches der oben angeführte Prophet der Plattheit und Seichtigkeit in Bayern übt, und das Verhältnis, das sie sich zur Philosophie gibt, aufs naivste ausgedrückt ist und wovon wir uns nicht enthalten können, einiges beizubringen, um die Züge dieses moralischen Philosophierens zu vervollständigen. Es ergibt sich nämlich daraus, daß dieses Philosophieren seine Forderung der Moralität, als des einzigen tiefen Grundes der Philosophie, darum macht, um alles Philosophierens überhoben zu sein, statt desselben moralische Eitelkeit und Dünkel geltend zu machen, und zur Kritik philosophischer Systeme das einfache und schlechte Hausmittel gebraucht, ihre Urheber und Anhänger aus eigener moralischer Urteilskraft zu unmoralischen Menschen zu kreieren. Der Geist, nur nicht der Buchstabe, ist Salats Geschrei, der Geist, der Geist, nicht die Formeln, nicht ein bestimmter Begriff, - auf das innere, tiefe Wahre und Urwahre, auf den moralischen Geist kommt es an; sein ermunternder Ausruf und moralischer Rippenstoß: immer Vorwärts zum Besseren, Vollkommneren! In Ansehung des Theoretischen geht ihm nichts über die schöne philosophische Nüchternheit in Ansehung der Begriffe, des Wissens, der Theorien, Systeme usw; auch die intellektuelle Bildung und der reinere Begriff ist von großem Belang usw. - In solches Treiben und Aufrufen und Winken setzt er das Philosophieren; er verkennt den Wert der Theorien, Systeme, sofern sie aus der Kraft des Intellektuellen kommen und vornehmlich in der Schule oder nach ihrem Maßstabe gebaut werden, keineswegs, er erkennt vielmehr die Notwendigkeit und den entschiedenen Nutzen derselben unmittelbar für den studierenden Jüngling und mittelbar fürs Ganze. - Ein solches eitles Salbadern ins Allgemeine hinein muß man für das halten, was Salat den Geist nennt; das Geistigste aber ist ihm das Winken, denn im Winken ist am wenigsten Buchstabe. Die intellektuelle Kultur ist ihm von großem Belang, aber weil der Geist alles ist, so erklärt er, daß es auf mehr oder weniger unreine szientifische Begriffe nicht ankomme, der bloße Systematiker aber sehe zuvörderst auf den Buchstaben, nicht auf den edleren Geist; die Systeme gehen aus dem intellektuellen Vermögen hervor, aber es komme darauf an, welch ein Geist sie bewohne; intellektuelles Vermögen und Geist sind Salat zweierlei Dinge. Welche Kraft er diesem intellektuellen Vermögen zutraut, bestimmt sich dadurch, daß ihm der denkende Geist 1. nicht nur von außen abhängig ist, sondern auch 2. als Menschengeist in sich selbst beschränkt; 3. alsdann ist auch die Philosophie nicht allein durch den moralischen Zustand jedes Einzelnen bedingt (denn frei ist des Menschen Wille!), sondern auch 4. bald mehr, bald weniger von den äußeren Umgebungen und folglich selbst von der Kraft des Mechanismus abhängig. - Kurz, man muß auch in dem Salatschen Gewäsche Geist und Buchstaben absondern; zum Buchstaben desselben gehört, daß ihm das intellektuelle Vermögen von Belang ist, der Geist aber, der über diesem moralischen Wasser schwebt, ist die platteste Verachtung desselben - eine Verachtung, die ihre Verächtlichkeit mit dem moralischen Mantel des Besseren und Vollkommeneren zudeckt und unter dieser Haut hervor ungescheut ihre ungezähmte Eitelkeit zur Tugend dekretiert und die Unwissenheit (die Salat in dieser Kritik einer Geschichte der philosophischen Systeme, aus welcher wir diese Brocken nehmen, verrät) nicht nur nicht zu verbergen sucht, sondern eher groß damit tut; so wie dies moralische Fell sich zur gemeinsten Unverschämtheit berechtigt glaubt. Es ist nötig, heißt es, auf das Wesen der Philosophie, sofern es sich in dem schönen Verbande zwischen Beispiel und Lehre offenbart, besonders hinzuweisen, zumal da kürzlich, in der neuesten Schule des Idealismus, glänzende Sophisten aufstanden, die praktisch zwischen Wissenschaft und Leben eine weite Kluft statuieren; - was heißt dies praktische Statuieren anderes, als daß die Sophisten des neusten Idealismus unmoralische Menschen seien; das läßt sich Salat von seinem Geiste sagen, der nur den Geist wittert und über den Buchstaben, was bei Salat soviel als die Wissenschaft selbst heißt, weggeht. Wenn die moralische Plattheit ohne Eitelkeit ist, so könnte sie sich selbst genügen; aber wenn sie davon angesteckt ihr großes Wort und Urteil über Philosophie mitsprechen zu müssen meint, so bleibt ihrer Unfähigkeit, zu den Regionen einer intellektuellen Welt aufzusteigen, nur die überall sich aufdringende moralische Suffisance dagegen. Was sich Salat von der neuen ästhetisch-philosophischen Schule, oder der neuen Sophistik, wie er es nennt, aufgemerkt und in seinem Kopfe überallher zusammengerührt hat, ist, daß das Moralische und Physische hier nicht mehr wesentlich unterschieden seien, aber die Schönheit sei das Höchste (also nicht bloß Abbild oder Widerschein der Sittlichkeit in der Sinnenwelt), und die Religion sei die Poesie der Philosophie!! Daß, setzt Salat hinzu, eine solche Sophistik zur Befriedigung sowohl als zur Beschönigung der Leidenschaften in dieser empirischen Welt trefflich tauge, das versteht sich, - und das wissenschaftliche Urteil lautet dahin: das System dieser philosophierenden Schöngeister (darunter scheint nämlich dieser Schwätzer, der sich besonders einbildet, gut schreiben zu können, was, wie er sagt, bei einem Katholiken noch immer etwas Seltenes ist, samt und sonders alle zu begreifen, denen seine Fatuität nichts abgewinnen kann, das sie sich anzueignen vermöchte) ist übrigens bloßer Naturalismus, mit theoretischen (logischen und metaphysischen) Formeln künstlich eingefaßt und geschminkt mit den Farben der Ästhetik. - So urteilt über die wissenschaftliche Seite der neueren Philosophie dieser feine moralische Mann mit einem "übrigens" so im Vorbeigehen ab; den Hauptakzent legt der unwissende Dünkel aber auf die Befriedigung und Beschönigung der Leidenschaften in dieser empirischen Welt. - Mit einem Worte, seit die Geistlosigkeit und Gemeinheit sich gesunden Menschenverstand und Moralität zu nennen angemaßt hat, so setzt sie ihrer eigenen Nichtswürdigkeit und Unverschämtheit keine Grenzen mehr, und man kann nicht umhin, diese Moralitätshaut für das Schlechteste zu halten, worein sich noch die eitle Unwissenheit gehüllt hat.