Von dem inneren Zustand der Philosophie ist in der dem Ganzen als Einleitung vorgesetzten Abhandlung ein allgemeines Bild entworfen worden; der äußere Zustand, welcher nicht vor die Kritik gehört, ist darum doch nicht so uninteressant, daß nicht allerdings Notiz von ihm genommen werden dürfte. Denn um nichts von den merkwürdigen klimatischen Unterschieden zu sagen, welche die Betrachtung desselben im Großen wie im Kleinen und sogar schon auf der geringen Oberfläche Deutschlands zeigt, so sind äußere Erscheinungen, welche auf Philosophie Bezug haben, schon ihrer Natur nach mehr oder weniger Wirkungen innerer Verhältnisse und weisen auf diese zurück. Umstände und Schickung der Zeit haben der Philosophie in unseren Tagen ein sehr ausgedehntes und für ihre innere Kultur nicht ganz unwichtiges Verhältnis zu einer Menge von Gegenständen und Menschen gegeben, die, wenn sie sich besinnen könnten, selbst verwundert sein müßten, wie sie dazu gekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit, welche die Philosophie auf sich gezogen, hat den Schwarm von Menschen immer mehr vergrößert, der, wenn er nicht in sie eindringen kann, sie wenigstens äußerlich umschwirrt und sich durch sein Gesumme unnütz macht. Eine Menge friedlicher Bürger des Gelehrtenstaats, die innerhalb der vier Pfähle ihrer Brotwissenschaft vergnügte Leute gewesen sind, hat die allen anderen Wissenschaften von der philosophischen Republik aus angedrohte Erschütterung oder gar Revolution aus ihrer Ruhe aufgestört. Gewiß ist es ein merkwürdiges Zeichen der Zeit, wenn auch die curta supellex einen Kurt Sprengel109) nicht abhält, von den Transzendentalphilosophen Notiz zu nehmen, oder wenn ein solider, hausbackener Verstand sich von Tübingen her vernehmen lassen muß: die Zeit sei noch nicht gekommen, wo man es als ausgemacht ansehen könnte, daß die Erscheinungen der Natur durch die Gesetze des Denkens bestimmt seien; oder ein ungezogener junger Mensch aus Niedersachsen, den Röschlaub von wegen seiner Lügenhaftigkeit gezüchtigt hatte, im Int[elligenz-]Blatt der Jen[aischen] A[llgemeinen] L[iteratur-] Z[eitung] auf die Philosophie und das, was dieser Pöbel Sophisterei nennt, schimpfen muß. Das häufig wiederholte Verschmähen des Autoritätsglaubens, des Mangels an Selbstdenken, hat endlich die Folge gehabt, daß jeder, der irgendeine Trivialität aufzujagen imstande ist, sich zu einem Philosophen von eigener Hand konstituiert, und wenn man ihm etwa zu verstehen gibt, daß er gegenüber von Fichte z. B. allerdings zu schweigen und in allewege die Hand auf den Mund zu legen habe, im Int.-Blatt der Allg. Lit.-Zeit. ganz ungebärdig sich anstellt, auf seine Selbständigkeit pocht und sich nicht etwa darüber verwundert, daß dieser überhaupt seiner nur Meldung getan, sondern darüber, daß er die wahre Meinung über ihn gesagt hat.
Dies alles und noch mehr bildet ein für die Philosophie selbst ganz äußeres Verhältnis zu einzelnen Menschen; ein weit ausgedehnteres und mehr oder weniger allgemeines zum gesamten Publikum bildet die Betriebsamkeit ganzer Institute, die außerdem, daß sie den Gang der Literatur im ganzen und das Wohl aller Wissenschaften leiten, insbesondere auch das der Philosophie bei dem Publikum besorgen und befördern wollen. Obgleich das mit Recht berühmteste und durch einige in früheren Zeiten an den Tag geförderte Meisterwerke im Fach der philosophischen Kritik ausgezeichnetste derselben, die Jenaische Allg. Lit.-Zeit., dem allgemeinen Los menschlicher Dinge so wenig entgehen konnte, daß in der letzten Zeit, in Ansehung der Philosophie, fast sogar das Sprichwort an ihm wahr geworden wäre: der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, so ermangelt es doch, nachdem von ihm die weise und in der Tat lobenswerte Maxime angenommen worden ist, von der Rezension bedeutenderer philosophischer Werke gänzlich abzulassen, nicht, unbedeutende von Zeit zu Zeit mit einer passenden Sauce zu versehen. Zum Teil in Rezensionen, zum Teil und besonders in eigenen Aufsätzen gibt die Oberdeutsche, sonst auch Salzburger genannte, Literatur-Zeitung den Salat dazu, der, weil er ohne Salz und Pfeffer ist, von den Würzburger Gelehrten Anzeigen mit Petersilie gewürzt, von den Tübingischen aber mit einer Gabe linden Öls unschädlicher Plattheit übergossen wird, so daß das Publikum im ganzen wenigstens immer noch auf eine Art von philosophischem Gericht rechnen kann. Zu diesen, obgleich sie abgängig geworden sind, doch noch Abgang findenden Blättern gesellt sich ein beigängiges Institut, unter dem Namen eines Jahrbuchs der Literatur, das im Bewußtsein seiner Beigängigkeit, wie billig, bescheiden ist und sich im ganzen bloß für ein merkantilisches Anzeige-Comtoir anerkennt und ausgibt, aber durch eine gewisse Gründlichkeit auch in philosophischen Beurteilungen mit den abgängigen noch immer die Vergleichung aushalten kann. Die Erlangische Literaturzeitung hat im philosophischen Fach sich durch mehrere Rezensionen über die allgemeine edle Simplizität und Mittelmäßigkeit erhoben, ist aber dadurch stark in den Ruf gekommen, den transzendentalen Idealismus unerlaubtermaßen zu begünstigen und überhaupt sich an die verderblichen Neuerer anzuschließen, weshalb auch noch ganz kurz in dem Int.-Blatt der Jenaischen A. L. Z. gegen sie, wenn nicht die Glocke angezogen, doch wenigstens eine Schelle geläutet worden ist.
So groß und umfassend die Geschäftigkeit dieser Institute ist, so gibt es doch sogar einzelne Menschen, die sie durch Industrie hierin noch zu übertreffen suchen, und unter anderen einen durch Natur und Fleiß ausgezeichneten Böttcher110) , der allein fähig ist, das ganze große Heidelberger Faß der Literatur, das sich zu jeder Messe mit so verschiedenartigen Ingredienzien füllt, mit einem, aus einem Stück gearbeiteten Reif zu binden. Unendlich angenehm muß es einem großen Teil des Publikums sein, der, ohne eben genaue und richtige Begriffe zu verlangen, gleichwohl ein allgemeines Aperçu des jedesmaligen Ertrags begehrt und obenein noch durch die lehrreichen Gleichnisse, welche dabei von Tierpflanzen, Schnabeltieren und aus allen drei Reichen der Natur und Kunst hergenommen werden, eine so ziemlich vollständige Kenntnis aller naturhistorischen und anderer Merkwürdigkeiten der letzten Zeit erlangt und, da des Geträtsches im bürgerlichen Leben ohnehin nicht genug werden kann, hier noch überdies mit Stadtgeschwätzen aus der gelehrten Welt regaliert wird. Da in Deutschland alles nachgemacht wird, so ist zu fürchten, daß, wie nach der obigen Bemerkung die Philosophie und jedes einzelne Fach der Literatur, besonders aber der Industrie, seinen Insektenschwarm herbeizieht, so sich nicht eine eigene Art großer dicker Schmeißfliegen bilde, die nicht nur auf einzelne Produkte, sondern auf das Gesamte der Literatur sich niederlassen. Eine solche Fliege hat sich noch unlängst, den Herausgebern wahrscheinlich unbemerkt, in der Meßrelation der Stuttg. Allg. Zeitung111) auch auf Hegels Schrift Differenz des Fichteschen und Schellingischen Systems der Philosophie gesetzt, und wir machen um so mehr auf sie aufmerksam, da dies eben ein Beispiel ist, welche glaubwürdige Klatschereien und in der Sache gegründete Nachrichten das Publikum sich auf diesem Wege zu versprechen hat.112)
Dies alles, was wir hier angeführt haben, obgleich es nur einige Züge davon sind, rechnen wir zu dem äußeren Zustand der Wissenschaften. Was sich von diesem auf Philosophie bezieht, werden wir in diesem Notizenblatt berühren, in der Hoffnung, besonders durch Aufmerksamkeit auf das deutsche Rezensierwesen es unseren Lesern zu empfehlen. Denn wem wird es nicht angenehm sein, die vortrefflichen Äußerungen und philosophischen Sentiments, die unter der Menge anderer Rezensionen und in den voluminösen Bänden der gelehrten Blätter als einzelne Perlen versteckt liegen, hier besonders aufbewahrt zu finden; wen es nicht interessieren, wenn wir, von diesen Äußerungen aus schließend, dem neugierigen Publikum Kunde und Notiz von den eigenen Grundsätzen mancher Beurteiler und ihren philosophischen Systemen geben können, welche ohne unsere Bemühung wahrscheinlich ewig verborgen blieben, da bekanntlich die philosophischen Rezensenten an kritischen Instituten, ausgenommen die Erlanger Literatur-Zeitung, woran ordentlich auch sonst bekannte philosophische Schriftsteller, als da sind Fichte, Steffens, Eschenmayer, Schelling u. a. m., durch Beiträge teilgenommen haben sollen, sich mit dem Schreiben und Verfassen eigener Schriften oder gar Aufstellung von Grundsätzen und Systemen in der Regel eben nicht abzugeben pflegen.