Rezensionen aus der Erlanger Literatur-Zeitung

[Bouterweks Anfangsgründe der spekulativen Philosophie]89)

Anfangsgründe der spekulativen Philosophie
Versuch eines Lehrbuchs von Fried. Bouterwek
Göttingen, bei Dietrich 1800. S. 242. (18 Gr.)

Ein allgemeiner Begriff von den vorliegenden Anfangsgründen wird sich am besten nach der Vorlegung des Inhalts ergeben und rechtfertigen. Die Verhandlungen über eine Lehre, welche man auch bekenne oder bezweifle oder verwerfe, meint der Herr Verfasser in der Vorrede, können füglich mit Anstand und in Frieden geführt werden. - In Rücksicht auf jenen sieht man aus dem Schluß der Vorrede, daß der Verfasser ihm einen weiten Umfang gibt; was diesen betrifft, so wird Rezensent nicht ohne Unfrieden mit diesen Anfangsgründen verhandeln können.

Die äußere Form dieses Lehrbuchs bestimmt der Verfasser in der Vorrede dahin, daß es einmal ein Lehrbuch ganz und gar nach skeptischer Methode sein soll. Im ganzen Gange der Entwicklung nimmt der Verfasser vorzüglich Bedacht darauf, immer nur so weit zu gehen, als der Skeptiker geschehen lassen könne, - bis endlich der Skeptizismus in § 384 förmlich widerlegt wird. Der Verfasser ist diesem Vorsatz teils nicht getreu, teils getreu geblieben, - nicht getreu insofern, als er auf den Grund, daß Zweifeln selbst ein Denken sei, das ganze System der Denkgesetze, als Logik, wie nicht minder das ganze System der transzendentalen Vorstellungsgesetze (d. h. die Kantische Kritik der Vernunft im Auszug) erbaut, da doch der konsequente Skeptiker überhaupt den Begriff eines Gesetzes leugnet, - getreu insofern, als der Verfasser das Ganze überhaupt innerhalb der Sphäre einer Magerheit hält, mit welcher der Skeptiker sich abzugeben gar nicht der Mühe wert halten kann; - allerdings die kräftigste Manier, ihn abzutreiben. Warum hat doch der Verfasser nicht sogleich mit jener späten Widerlegung des Skeptikers angefangen? So konnte das mehrere hundert Paragraphen durchgehende, problematische und provisorische Philosophieren, wie es der Verfasser nennt, erspart werden; man begreift die Notwendigkeit und damit den relativen Wert provisorischer Regierungen, provisorischer Entscheidungen bei Gerichten usw., aber welchen Sinn hätte denn ein provisorisches Philosophieren? Mit jener Widerlegung des Skeptizismus § 430 konnte um so mehr angefangen werden, da, wenn der Skeptiker die eine Seite des Dilemmas, das ihm vorgelegt ist, ergreift, erklärt wird, daß wir weiter nichts können, als ihn vom ersten Worte an, das er spricht, sich selbst widersprechen zu lassen; - oder, wenn er die andere Seite aufnimmt, so wird er gefragt, wie der Begriff der Realität auch nur skeptisch in den Verstand komme, und dann auf eine Argumentation verwiesen, in welcher behauptet wird, daß auch den Begriffen und Vorstellungen ein Dasein zugrunde liege; dies Dasein der Vorstellungen und Begriffe aber, das der Skeptiker nicht bezweifle, denken wir nur als ein uneigentliches Dasein, und unbezweifelbar mit dem Begriffe des Daseins etwas, das Prinzip der Vorstellungen und Grund ihrer Möglichkeit sei, eine Realität, die der Verstand voraussetzen müsse. - Diese Widerlegung besteht in nichts anderem als in der positiven Behauptung dessen, was der Skeptiker negiert, - wenn sie gründlicher genommen wird, in der Einsicht, daß der Skeptizismus eigentlich unwiderlegbar ist. Es hinderte nichts, mit jener sogenannten Widerlegung, die zu einer absoluten Voraussetzung sich flüchtet, oder mit dieser Einsicht die ganze spekulative Philosophie anzufangen, alle Rücksicht auf den Skeptiker beiseite zu legen und gleich, statt provisorisch, apodiktisch zu philosophieren. In diesem provisorischen Philosophieren, das kein Philosophieren ist, besteht die sogenannte skeptische Methode, die § 22 sehr pathetisch angepriesen, wie es Herr Bouterwek nennt, praktisch verdeutlicht wird: "laß weder Stolz noch Bewunderung noch irgendeine andere Leidenschaft in deiner Seele irgendeinem Grundsatze das Wort reden! - Wenn du jeden Satz, den dir ein anderer als wahr anzuerkennen zumutet, zum Anfange als vielleicht irrig denkst, dann bist du im Zustande der reinen Skepsis, und nur in diesem Zustande bist du sicher, den Gesichtspunkt der reinen Wahrheit nicht zu verfehlen!" S. 12 wird gesagt, daß wir mit Recht gegen bestrittene Systeme um so mißtrauischer seien, je mehr sie von seltenen Talenten ihrer Urheber zeugen und dessen ungeachtet nicht alle guten Köpfe auf ihre Seite gezogen haben. Einem Cento von Kantischen oder eigenen Formalitäten, der dem Skeptiker keine Blöße geben soll, wäre die Darstellung des Systems irgendeines seltenen Kopfes oder auch das noch mehr vorzuziehen gewesen, wovor der Verfasser S. 11 warnt, nämlich "auf den Skeptiker gar nicht zu achten und einem blinden, aber recht sehr konsequenten Dogmatismus anzuhangen". Es gibt der konsequenten (sage, konsequenten) Dogmatismen eben nicht sehr viele, und einen solchen aufzustellen ist eine ganz andere Arbeit, als auf provisorische Art [zu] philosophieren.

Die Einleitung handelt in 60 Paragraphen I. von der Philosophie überhaupt, II. vom Verhältnisse der Philosophie zur Gelehrsamkeit, III. vom ersten und letzten Gegenstande alles philosophischen Denkens, IV. von der Einteilung der Philosophie, V. von der Methode des philosophischen Studiums; von dem Tone, in dem diese Einleitung geschrieben ist, mag der erste Paragraph ein Beispiel sein, er lautet so: "Unter den Wissenschaften, die von den hellsten und besten Köpfen jedes kultivierten Zeitalters des Studiums wert gefunden wurden, gibt es eine, die sich gewöhnlich Philosophie, im Deutschen zuweilen mit dem wunderlichen Namen der Weltweisheit nennt." In III. wird gesagt, daß eine Wissenschaft, die alle Voraussetzungen verwirft und also durchaus keinen Satz als Beweisgrund ohne Beweis an die Spitze ihrer nachfolgenden Sätze stellen dürfe, mit nichts anderem anfangen könne als mit einer Aufforderung an das denkende Wesen, sich als denkendes Wesen durch das Denken selbst anzuerkennen; - man gewinnt die Hoffnung, der Verfasser habe durch diese Forderung der intellektuellen Anschauung einen festen Punkt gewonnen, von welchem aus er das Bewußtsein konstruieren werde; allein, nachdem noch in § 39 bemerkt worden ist, daß im Anerkennen unserer selbst die Beziehung unserer selbst auf etwas außer uns, das wir in uns finden, sofern wir es erkennen, liege, so wird § 40 die Frage aufgeworfen: "Mit welchem Satz sollen wir fortfahren zu philosophieren, nachdem wir uns selbst überhaupt nur als denkend, übrigens aber als durchaus unbekannt mit uns selbst gedacht haben?" Da der Verfasser auf diese Frage keine Antwort hat und nicht weiß, wie er fortfahren soll, so fällt ihm § 41 die Methode ein, 'es sich so bequem zu machen, wie es die Philosophen lange genug gemacht haben, nämlich dann anzufangen, eine Reihe von sogenannten Seelenkräften aufzuzählen'; aber, fragt er, was uns denn zu dieser Aufzählung berechtige? Wenn man dann noch dazu finde, daß das Verzeichnis in jeder Schule anders ausfalle, daß der Streit über die Wirkungen dieser Kräfte oft ein leerer Wortstreit sei, zu dem nur die Unbestimmtheit und die Verschiedenheit der Sprachen Veranlassung gegeben hat, so werden wir mit Grunde mißtrauisch gegen alle solche Verzeichnisse; nachdem zum Überflusse ebendasselbe § 42 gesagt und bemerkt worden ist, daß auch der vorausgesetzte Einteilungsgrund erst nach Voraussetzung der Abteilungen zu demonstrieren versucht werde und es bei einem solchen Verfahren unmöglich sei, irgendein System als Philosophie zu begründen, so wird doch mit irgendeinem System von Seelenkräften angefangen und versucht, wie weit man damit komme. So unbedeutend jene Gründe sind, so hätten sie doch hingereicht, sich die Psychologie vom Leibe zu halten; der Grund, warum denn doch mit ihr angefangen wird, ist § 43 wörtlich so angegeben: "Da indessen die philosophische Spekulation immer diesen Gang genommen hat, muß er wohl der natürlichste sein." - Auch sei es sowohl zum Verständnisse der berühmtesten Philosophien als zum Übergange von der populären zur philosophischen Vorstellungsart notwendig. - Nach diesem willkommenen Fund eines psychologischen Eingangs in die Philosophie werden sowohl eine psychologische Einteilung der Philosophie, § 44, als auch psychologische Voraussetzungen erlaubt, § 46, nach denen wir gewisse Richtungen der Aufmerksamkeit auf uns selbst von anderen unterscheiden, sofern diese Unterscheidungen (a) als durch sich selbst gewiß, (b) ebensowohl von dem gemeinen Menschenverstande behauptet, als (c) von allen philosophierenden Schulen gebilligt werden, § 48. Weil nun die Zweifel auch Gedanken sind und wir, auch wenn wir zweifeln, irgendeiner Regel folgen als einem notwendigen Verhältnis unserer Gedanken zueinander, so gewinnen wir durch die Absonderung dieses Verhältnisses den Begriff der Logik. "Wie (§ 49) aber das bloße Denken, das auch den Zweifel in sich schließt, von dem Wissen verschieden ist, das den Zweifel ausschließt, darüber sind auch noch nicht zwei philosophische Schulen einverstanden." - Die problematische Wissenschaft der Begründung aller Teile des philosophischen Wissens [ist] die Elementarlehre oder Metaphysik. - Nach dieser psychologischen Einteilung, die ein Beispiel von der problematischen und skeptischen Methode des Verfassers ist, zerfallen diese Anfangsgründe spekulativer Philosophie in drei Hauptteile, mit vielen höchst methodischen Unterabteilungen. Wir werden von den zwei ersten Teilen nur wenige Proben geben und uns vorzüglich an den dritten halten.

In der propädeutischen Psychologie werden, nach Abweisung der Behauptung eines Seelendings, als Grundbedingungen des Begriffs der Selbstbeobachtung die gewöhnlichen drei Begriffe Subjekt, Objekt und Vorstellung angegeben; provisorisch wird Sinnlichkeit und Vernunft nach der Selbstbeobachtung entgegengesetzt, beide psychologisch abgehandelt und das Gewöhnliche von oberen und unteren Seelenkräften beigebracht; dadurch, daß alles nur provisorisch und wie es beobachtet wird, aufgestellt werden soll, hat sich der Verfasser von allen Forderungen einer Konstruktion dieser Mannigfaltigkeit der Vermögen befreit; es geht von einem zum anderen in folgenden Arten über, § 80. Da wir uns ferner eines Vermögens bewußt sind, verschwundene Eindrücke wieder zum Bewußtsein zu bringen, wenn es gleich damit nicht immer glückt, so bezeichnen wir es erstens mit dem Namen des Erinnerungsvermögens und schließen zweitens auf ein anderes Vermögen, in dem die Vorstellungen gleichsam ruhen, wenn sie aus dem Bewußtsein verschwunden sind, - Gedächtnis (das also das Vermögen des Erinnerungsvermögens ist, - nicht einmal der gemeine Unterschied zwischen Gedächtnis und Erinnerungsvermögen ist richtig angegeben), § 81. Nahe verwandt mit der Erinnerung, aber doch verschieden von ihr, ist die Einbildungskraft usf. Aus § 92 sieht man schon vorläufig, was man von der Logik zu erwarten hat; "die Frage: woher die Gesetze oder notwendigen Bedingungen des Denkens? bleibt hier (in der Psychologie) noch unbeantwortet. Sie möchte auch wohl immer unbeantwortet bleiben."

In der Logik ist die Unterscheidung von Begriffen, Urteilen und Schlüssen durch folgende Rechtfertigung zugrunde gelegt. § 135 b. 'In den meisten Schulen sehe man die Begriffe als Produkte des Verstandes in der engeren Bedeutung, die Sätze als Produkte der Urteilskraft und die Schlüsse als Produkte der Vernunft in engerer Bedeutung an, da wir aber auf dem Wege unserer Spekulation die Vernunft nur als das Denkprinzip überhaupt kennengelernt (der Verfasser verweist hier auf einen Paragraphen der Psychologie und vermag also jenes psychologische Provisieren wirklich für Spekulation anzusehen), ein besonderes Vermögen der Urteilskraft aber anzunehmen noch keine Veranlassung gefunden haben, so halten wir uns fürs erste nur an den Begriff der Synthesis überhaupt; diesem gemäß hängt es nur von uns ab, uns der Begriffe, Sätze und Schlüsse, so wie man sie im gemeinen Leben unterscheidet, als verschiedener Vorstellungen, die nur durch die Synthesis möglich sind, bewußt zu werden.' S. 57 lernen wir, daß Sprache mit dem Verstande zusammenfalle; sowie wir diesen auf irgend etwas beziehen und dieses als ein von jenem Abgesondertes durch Merkmale anerkennen, bedürfen wir eine sinnliche Vorstellung, um den Begriff daran als an ein zweites Merkmal im Gedächtnis festzuknüpfen; dies Merkmal heißt Wort. S. 67 erfahren wir, daß in der Kantischen Schule die Verbindung der Begriffe zu Sätzen die reine Synthesis oder Synthesis a priori heiße. - Nach § 182, S. 88, ist die Bedingung eines Satzes, daß zwei Begriffe durch einen dritten Begriff aufeinander bezogen werden; dieser dritte Begriff sei das, was die Logiker Kopula nennen, und bedeute das Denken selbst; - aber eben weil die Kopula das Denken selbst als Tätigkeit bedeutet, so ist sie kein Begriff im Satze selbst; wie sie vorhanden ist, insofern über sie reflektiert, insofern sie also zum Begriff gemacht wird, ist sie nicht im Satze vorhanden, die Beziehung im Satze geschieht nicht durch einen dritten Begriff, dies ist der Schluß. - Reich an solchen Unbestimmtheiten oder an solchen tiefen Aufschlüssen wie der obige über die Sprache laufen die Definitionen der mancherlei Arten von Begriffen, Sätzen und Schlüssen nach den meist gewöhnlichen Kantischen Momenten durch die Logik mit einem sehr methodischen Aussehen von Abteilungen fort.

Der dritte Teil. Die Elementarphilosophie wird nach einer Einleitung mit einer Zweifelslehre angefangen, welche, da sie den Skeptizismus nicht vom höchsten Standpunkte aus, der immer noch verschoben wird, konstruiert, formal und ohne wissenschaftliches Interesse ist. Man hofft, daß der zweite Teil der Elementarphilosophie, die Wissenslehre, nunmehr endlich an das Wissen selbst und an die Wahrheit gehen werde, aber man findet sich wieder betrogen; es wird "mit einer Theorie der allgemeinen Gesetze und menschlichen Vorstellungen angefangen, um sich mit dem Skeptiker fürs erste über den Umfang und das System dieser Gesetze zu vergleichen"; als Grund hiervon wird angegeben: weil es unterdessen nichts schaden könne. Diese transzendentale Theorie ist denn weiter nichts als die abgedroschenen Kantischen Expositionen des Raums und der Zeit und der Kategorien, die durch ihre unendlichen Wiederholungen in allen Lehrbüchern vollends ekelhaft geworden sind. Glaubt denn der Verfasser im Ernste, daß der Skeptiker sich diese transzendentalen Gesetze der Vorstellungen gefallen lasse? - In der Logik mußte man hoffen, daß von den Formen, die zur Einteilung der Begriffe und Sätze dienen, denn doch in der Elementarphilosophie eine transzendentale Deduktion gegeben werden würde; aber der Verfasser nimmt alles gerade auf, wie es bei Kant gefunden wird, und glaubt, man müsse die vom Urheber der Vernunftkritik aufgestellte Kategorientafel für vollständig gelten lassen, solange man nichts mit Grund gegen die behauptete Vollständigkeit erinnern kann. Er schreibt übrigens "der Behauptung dieser Vollständigkeit nur den Wert psychologischer Wahrheit zu, solange nicht die Unterscheidung sowohl des Mathematischen und Dynamischen in unserem Wissen, als des Subjektiven und Objektiven zur völligen Befriedigung der Vernunft erklärt ist". Warum hat denn also der Verfasser nicht die Kategorien, so wie die ganze Logik, erst nach dieser durch Vernunft begründeten Unterscheidung abgehandelt, wodurch er sich die Möglichkeit, jene zu deduzieren, bereitet hätte? Doch im folgenden Paragraphen hören wir, daß 'zum Glück an dem Ausgange des Streites über die Vollständigkeit und Gründlichkeit der Kantischen Kategorientafel so viel nicht gelegen sei; da der Verstand doch damit nie ein Objekt erkenne, so mögen der Kategorien immer mehr oder weniger sein'. Es ist zu glauben, daß auch den meisten Kantianern im Grunde des Herzens an ein paar Kategorien mehr oder weniger nichts gelegen ist, aber so offen ist's nicht leicht eingestanden worden. Da der Verfasser einmal zu dem guten Gefühl gekommen ist, daß an ein paar Kategorien mehr oder weniger der Sache der Philosophie nichts gelegen ist, wie wir durch sie die Objekte doch nicht, wie sie sind, erkennen, also nicht zur Wahrheit durch sie kommen, - wofür hat der Verfasser [dann] eine solche propädeutische Psychologie, eine solche Reihe formeller logischer Definitionen, an denen noch weniger gelegen ist, aufstellen mögen? Es ist kein Grund abzusehen, als daß das bessere Gefühl, dem es mit allen diesen Gleichgültigkeiten nicht Ernst ist, sich durch die hergebrachte Sitte hat übermeistern lassen. Wenn der Verfasser vollends (in III. Von der transzendentalen Verbindung der Vernunft und der Sinnlichkeit) die kritische Philosophie als ein System der transzendentalen Vorstellungen, d. i. als einen leeren "Formalismus" bestimmt erkennt, so mußte der Verfasser um so mehr die Trivialitäten der Logik und die Leerheit dessen, was er transzendentales Wissen nennt, auf der Seite liegen lassen, wenn er ihm nicht durch eine Konstruktion vom obersten Standpunkt aus eine reelle Bedeutung verschaffen konnte. - In § 416 kommen in der Apodiktik diese Anfangsgründe der Philosophie auf ein Prinzip der Philosophie, von welchem wir Rechenschaft zu geben haben. Nach § 420 werden wir in das Dilemma befangen, 'entweder dem Begriffe der Realität, sofern er ursprünglich etwas anderes als die Vernunft selbst bedeuten soll, alle Bedeutung abzusprechen und die reine Vernunft allein für die wahre Realität, die sinnlichen Vorstellungen aber für mittelbare Produkte der reinen Vernunft zu halten; - oder wir müssen ein Realprinzip behaupten, das, von der Vernunft so verschieden als von der Sinnlichkeit, beiden zum Grunde liegt'; - der Verfasser hatte hier teils den Kantischen Vernunftbegriff vor Augen, nach welchem die reine Vernunft der Sinnlichkeit absolut entgegengesetzt wird, teils aber vermengt er wieder die Vernunft im idealistischen Sinne mit jener formellen reinen Vernunft. Im Kantischen Systeme, wie es nämlich gewöhnlich genommen wird, sind die sinnlichen Vorstellungen nicht Produkte der Vernunft; werden sie aber als solche gesetzt, so hat ja der Begriff der Realität auch für die Produkte der Vernunft Bedeutung, und zwar die höchste. Im nächsten Paragraphen setzt der Verfasser der ersten Seite des Dilemma, der Selbstproduktion der Vernunft im idealistischen Systeme, nach welchem die Vernunft das Bewußtsein und die Objektivität schafft, entgegen, daß 'damit das Bewußtsein übersprungen werde, denn im Bewußtsein selbst verhalte sich alles umgekehrt, und das erkennende Subjekt findet sich nur in der Beziehung auf Objekte, aber nicht als Produzenten derselben'. Was ist gegen einen solchen Grund zu machen? Des Verfassers Realprinzip fällt danach aus, es ist Subjekt und Objekt in ursprünglicher Entgegensetzung. Da die Sache so beschaffen ist, so zweifelt Rezensent, ob der Verfasser ihn verstehen wird, wenn er sagt, daß ganz allein darum philosophiert wird, um die Entgegensetzung des Subjekts und Objekts und die Widersprüche, in die sich die Erkenntnis [verliert,] wenn sie dieselbe so aufnimmt, wie sie im Bewußtsein gefunden wird, aufzuheben; diese Auflösung wird allerdings in ein ursprüngliches Entgegensetzen eines Subjekts und Objekts gesetzt, aber so, daß es durch ein ursprüngliches Identischsein beider bedingt ist. Meint der Verfasser, daß durch diese Identität der Idealismus das Bewußtsein überspringe, so dient zur Antwort, daß diese Identität allerdings im Bewußtsein und das Bewußtsein selbst ist, aber bewußtlos vorhanden, als Vernunft, die sich nur im Philosophieren selbst erkennt. Mit seiner ursprünglichen Entgegensetzung der Urteilskraft als Realprinzip findet nun der Verfasser alle Rätsel der Psychologie und der Logik gelöst; in der Logik hätte es unerklärt und unentschieden bleiben müssen, ob denn die Begriffe, Sätze Realität haben, die Logik konnte das Objekt, worauf sich die Vorstellungen usw. bezogen, nicht erklären; durch das Realprinzip ist nunmehr alles real gesetzt, die Gedanken sind ein Wissen, das Denken an sich setzte das Objekt voraus, das Realprinzip spricht erst kurz und gut den Objekten absolute Realität zu. Man kann auf die gute Meinung geraten, in dem Realprinzip des Verfassers sei wirklich die absolute Identität des Subjekts und Objekts enthalten, wenn, wie oben angeführt, das Realprinzip der Sinnlichkeit und der Vernunft zum Grunde liegen soll, wenn ferner § 429 das absolute Realurteil als Selbstbehauptung des Subjekts mit einem entgegengesetzten Objekt in einer Realität ausgedrückt wird; allein es erhellt bald, daß diese eine Realität nur eine gleiche Realität, d. i. ein Begriff oder ein Substrat, nicht eine lebendige Identität beider ist. Schon zu Anfang dieser Anfangsgründe dieser spekulativen Philosophie sahen wir, daß der Verfasser, nachdem er das Sich-selbst-Denken als Anfangspunkt der Philosophie von der Weise des Idealismus aufgenommen, nun nicht wußte, mit was er fortmachen sollte, und also zum natürlichen Wege der Psychologie und Logik eine Zuflucht nahm, - Wege, die verschmäht werden mußten, wenn das Realprinzip die absolute Identität ist; vollends wird man aufgeklärt, wenn neben jenes Realprinzip ein absolutes Idealprinzip von § 431 an gestellt wird, weil (und doch sollte das Realprinzip der Vernunft und der Sinnlichkeit zugrunde liegen) die subjektive Möglichkeit der Begriffe auch zum Räsonieren gehöre und durch jenes Realprinzip nicht erklärt sei, - sofern sie auf der reinen Abstraktion beruhe, und nach § 434 ist es unmöglich nicht nur, die Realität aus der Vernunft oder die Vernunft aus der Realität, sondern auch beides für absolut eins und dasselbe zu erklären.

Noch einmal steigt bei § 438 die Hoffnung auf, daß der Verfasser endlich sich aus dem Dualismus herausfinden werde; es ist hier von der Idee des Absoluten die Rede; dieser höchste aller Begriffe bedeute sowohl das Realprinzip als das Idealprinzip. Wenn der Verfasser sich verdeutlicht hätte, was er damit sagte, so konnte er ein paar Paragraphen vorher es nicht für unmöglich erklären, das Ideal- und Realprinzip als eins zu setzen; was bedeutet denn diese gedoppelte Bedeutung des Absoluten? wie kann das Absolute beides bedeuten, wenn es nicht Real- und Idealprinzip zugleich ist und wenn eben dadurch nicht beide eins und dasselbe sind? Hat der Verfasser vergessen, daß der § 410 den Kantianern vorwarf, daß sie das Absolute zu einer bloßen Idee machen? Warum richtet er nicht die Frage an sich, die er § 430 an den Skeptiker richtet: wie kommt die Idee des Absoluten als desjenigen, das sowohl Ideal- als Realprinzip bedeutet, auch nur skeptisch in den Verstand? - Das Absolute dient aber dem Verfasser zu weiter nichts, als zu bemerken, daß wir durch den Begriff desselben, in seiner Bedeutung als Realprinzip, ein objektives, ein geschlossenes Ganzes oder Totales denken und daß er in seiner Bedeutung als Idealprinzip der Begriff des transzendental Unendlichen und dadurch auch des unendlichen Zweifels im Denken als in einer nie geschlossenen Reihe von Begriffen sei.

Wenn Kant die gemeine Definition, daß der Mensch aus Leib und Seele bestehe, in die, daß er aus Vernunft und Sinnlichkeit bestehe, übersetzt hat, so ist nicht viel gebessert worden, aber beides gibt den Gegensatz doch sehr klar; Herrn Bouterweks Übersetzung in ein Ideal- und in ein Realprinzip verwirrt die Sache hingegen nur mehr; sein Realprinzip setzt schon neben das Objekt ein Subjekt, das § 432 'räsonieren, nur nicht an sich denken kann, ob denn gleich freilich die Schulen beides für eines nehmen'. Neben der Vernunft, als dem Idealprinzip, und neben dem Realprinzip hat Herr Bouterwek denn doch auch noch die Sinnlichkeit besonders nötig, denn so, wie das Realprinzip der Vernunft so schlecht zum Grunde liegt, daß man noch eine Vernunft außer dem Realprinzip braucht, so wird es wohl auch der Sinnlichkeit nicht besser zum Grunde liegen; man findet erst weiter unten darüber Aufschluß. Der letzte Abschnitt dieser transzendentalen Philosophie - von der transzendentalen Resignation, der damit anfängt, daß wir mit allem Philosophieren uns nicht über den spekulativen Gegensatz des Ideal- und Realprinzips erheben können - führt die Rätsel auf, die nach allem Philosophieren noch übrigbleiben; a) das Bewußtsein ist sich selbst ein unauflösliches Rätsel; b) die Mehrheit und Mannigfaltigkeit der sinnlichen Vorstellungen ist weder durch das Ideal- noch Realprinzip erklärt; letzteres gibt nichts als nur das Objekt überhaupt, nicht dieses oder jenes Objekt, § 446. Ersteres, § 447, ist das Ich im Denken, als einfach im Gegensatze mit der Mannigfaltigkeit; wir brauchen also zur Erklärung derselben die Sinnlichkeit § 448. c) § 451 bleibt in Ansehung der Form des Erkennens und der Kantischen Vorstellungsgesetze nichts übrig, als sie überhaupt auf sich beruhen zu lassen. - Bei dieser Unmöglichkeit einer transzendentalen Befriedigung der Vernunft ist die absolute Wahrheit nur eine Idee, und (§ 453) "im Bewußtsein der Unmöglichkeit, sie realisiert zu finden, behelfen wir uns denn empirisch mit dem Begriffe der empirischen oder psychologischen Wahrheit, die wir - als eine Übereinstimmung unserer Vorstellungen mit ihren Gegenständen denken!!" Satis superque. - Am Ende folgen noch die Kantischen Abfertigungen der rationalen Psychologie, Kosmologie und Theologie; bei der Idee von Gott, § 462, erkennt Herr Bouterwek wieder nur das Antinomische des Bestehens des Gegensatzes zwischen Realität und Idealität und des Vernichtens desselben durch den reinen Gedanken; nicht, daß die Synthese des Alles und des Nichts die absolute Realität sein muß.

Das höchste dieser Philosophie ist das Bewußtsein; in diesem findet man, man weiß nicht warum, ein Ideal- und Realprinzip, eine Sinnlichkeit und noch eine große Menge anderer Dinge. Dieses Bewußtsein ist genau ebendasselbe Substrat für alles, wie es ehedem das Seelending war; der Unterschied ist rein formell, und die Philosophie hat ihn für gar nichts zu achten.

Es erhellt aus allem bisherigen, daß der Verfasser bei dem Bedürfnis, ein Lehrbuch der spekulativen Philosophie zu haben, das Haltungslose der - besonders Kantischen - Materialien sehr gut erkannte, aber in Rücksicht aufs Prinzip der Philosophie nicht über das Prinzip des Kantischen Systems, nicht über die Idee des Absoluten zum Absoluten selbst - Sein oder Tätigkeit, diese Formen werden auf dem höchsten Standpunkt der Spekulation selbst gleichgültig - durchgedrungen ist, in Rücksicht auf die Materialien sie, weil der höchste Standpunkt nicht erreicht ist, nicht konstruieren konnte, sondern ihre Blöße mit dem Behelf bedeckte, daß der Skeptiker gegen sie in dieser Dürftigkeit nichts werde einzuwenden haben, und bei dem wenigen Interesse, das an ihnen zu nehmen war, es mit den Definitionen weder in Rücksicht der richtigen Unterscheidungen, noch weniger der Tiefe genau genommen hat. Die mancherlei aufgenommenen Materialien machen das Ganze zu einem Gemische aus sehr heterogenen Elementen, aus empirischer Psychologie, gewöhnlicher Logik, Skeptizismus, Kantischem Kritizismus, auch transzendentalem Idealismus. Der letztere gibt nämlich zuweilen die Anfänge der Abschnitte her; der skeptischen Methode wegen will der Verfasser nicht mit Definitionen anfangen, sondern der Begriff des zu Definierenden soll sich - nach der Forderung des Idealismus - durch selbsttätiges Denken und durch die Aufmerksamkeit darauf selbst erzeugen; allein es bleibt denn auch bei dieser Aufforderung, und es folgt nicht, wie zu erwarten wäre, eine Konstruktion der Tätigkeiten in ihrer Notwendigkeit, sondern es geht an ein analytisches Definieren und Erzählen dessen, was sich, wie Kant und andere versichern, im Bewußtsein findet, wie wir oben bei den Kategorien sahen, daß sie so aufgenommen werden, weil sie Kant in dieser Anzahl hat; ebenso ist's mit dem übrigen. Originell wird ein solcher Eklektizismus schon durch sich selbst, da der Faden, an dem die Teile der fremdartigen Systeme fortlaufen, willkürlich ist und der Reflexionsformen, in welchen die höchsten Gegensätze des Dualismus aufgestellt werden können, unendliche sind. - Die Angst vor der Vernunft und der Philosophie legitimiert sich damit, daß die Realität der Erkenntnisse vorher recht begründet werden müsse, ehe man philosophiere; sie nennt sich, wie bei Reinhold, reine Liebe und Glaube an Wahrheit, oder Scheu vor Dogmatismus, kritisches Philosophieren, skeptische Methode; weil nicht philosophiert und doch etwas Philosophisches getan werden soll, so ist in unseren Zeiten die Erfindung eines provisorischen Philosophierens gemacht und die Geschichte der Philosophie mit diesem neuen Phänomen bereichert worden.