a. Folgen über Ansicht sowie über die Behandlung der Philosophie überhaupt1389)

Aus dieser Notwendigkeit ergibt [sich], daß der Anfang das am wenigsten Gebildete, in sich Bestimmte und Entwickelte, vielmehr das Ärmste, Abstrakteste ist, und [daß] die erste Philosophie der ganz allgemeine, unbestimmte Gedanke, die erste Philosophie die einfachste ist, die neueste Philosophie die konkreteste, tiefste. Dies muß man wissen, um nicht hinter den alten Philosophien mehr zu suchen, als darin enthalten ist, nicht die Beantwortung von Fragen, die Befriedigung geistiger Bedürfnisse in ihnen suchen, die gar nicht vorhanden waren und die erst einer weitergebildeten Zeit angehören. Ebenso hält uns diese Einsicht ab, ihnen nicht etwa Schuld zu geben, bei ihnen Bestimmungen zu vermissen, die für ihre Bildung noch gar nicht vorhanden waren, ebenso sie nicht mit Konsequenzen und Behauptungen zu belasten, die von ihnen gar nicht gemacht und gedacht waren, wenn sie sich schon richtig aus dem Prinzip, dem Gedanken einer solchen Philosophie ableiten ließen.1390)

αα) So werden wir in der Geschichte der Philosophie die alten Philosophien höchst arm und dürftig an Bestimmungen - wie Kinder - finden, einfache Gedanken, die zugleich in der Rücksicht als unbefangen zu nehmen sind, als sie nicht den Sinn von Behauptungen im Gegensatze gegen andere haben. So hat man z. B. die Fragen gemacht, ob die Philosophie des Thales eigentlich Theismus oder Atheismus gewesen sei, ob er einen persönlichen Gott oder bloß ein unpersönliches, allgemeines Wesen behauptet habe, d. i. einen Gott in dem Sinne wie wir, sonst nimmt man keinen für Gott.1391) Die Bestimmung der Subjektivität der höchsten Idee, der Persönlichkeit Gottes ist ein viel viel reicherer, intensiverer und darum viel späterer Begriff. In der Phantasievorstellung hatten die griechischen Götter wohl Persönlichkeit wie der eine Gott in der jüdischen Religion, aber es ist ein ganz Anderes, was Vorstellung der Phantasie oder was Erfassen des reinen Gedankens und des Begriffes ist.1392) Das Philosophieren hat vielmehr damit anfangen müssen, sein Geschäft ganz für sich zu treiben, das Denken von allem Volksglauben zu isolieren und sich für ein ganz anderes Feld zu nehmen, für ein Feld, dem die Welt der Vorstellung zur Seite liege, so daß sie ganz ruhig nebeneinander bestanden, oder vielmehr, daß es überhaupt noch zu keiner Reflexion auf ihren Gegensatz kam1393) , ebensowenig zu dem Gedanken, sie versöhnen zu wollen, im Volksglauben das auf[zu]zeigen als nur in einer anderen äußeren Gestalt als im Begriffe, und so den Volksglauben erklären und rechtfertigen zu wollen, und so die Begriffe des freien Denkens selbst wieder in der Weise der Volksreligion selbst ausdrücken zu können, - eine Seite und Geschäft, was nachher bei den Neuplatonikern eine vornehmliche Weise ihres Philosophierens ausmachte. Wie das Gebiet der Volksvorstellungen und des abstrakten Denkens ruhig nebeneinander standen, sehen wir noch an den späteren, gebildeteren griechischen Philosophen, mit deren spekulativem Treiben die Ausübung des Kultus, das fromme Anrufen der Götter, Opferbringen usf. ganz ehrlich - nicht als eine Heuchelei - zusammen bestand, wie Sokrates' letztes Wort noch war, seinen Freunden aufzugeben, daß sie einen Hahn dem Äskulap opfern sollten, - ein Verlangen, das mit den konsequent durchgeführten Gedanken des Sokrates vom Wesen Gottes, vornehmlich seines Prinzips der Moralität nicht hätte zusammen bestehen können. Wenn wir solche Konsequenz einsehen, [ist es] ein ganz Anderes.