Angefangen am 24. X. 1820
Diese Vorlesungen haben die Geschichte der Philosophie zu ihrem Gegenstande.
Was diese Geschichte uns darstellt, ist die Reihe der edlen Geister, die Gallerie der Heroen der denkenden Vernunft, welche in Kraft dieser Vernunft in das Wesen der Dinge, der Natur und des Geistes, in das Wesen Gottes eingedrungen sind, und uns den höchsten Schatz, den Schatz der Vernunfterkenntnis, erarbeitet haben. Was wir geschichtlich sind, der Besitz, der uns, der jetzigen Welt angehört, ist nicht unmittelbar entstanden und nur aus dem Boden der Gegenwart gewachsen, sondern dieser Besitz ist die Erbschaft und das Resultat der Arbeit, und zwar der Arbeit aller vorhergehenden Generationen des Menschengeschlechts. Wie die Künste des äußerlichen Lebens, die Masse von Mitteln und Geschicklichkeiten, die Einrichtungen und Gewohnheiten des geselligen Zusammenseins und des politischen Lebens ein Resultat sind von dem Nachdenken, der Erfindung, dem Unglück, der Not und dem Witze der unserer Gegenwart vorhergegangenen Geschichte, so ist das, was wir in der Wissenschaft und näher in der Philosophie sind, der Tradition zu verdanken, die durch alles hindurch, was vergänglich ist, und was also vergangen ist, sich als eine heilige Kette schlingt, das, was die Vorwelt vor sich gebracht, uns erhalten und überliefert hat. Diese Tradition ist aber nicht nur wie eine Haushälterin, die nur Empfangenes wie Steinbilder treu verwahrt und es so den Nachkommen unverändert erhält und überliefert, wie der Lauf der Natur [, der] in der unendlichen Veränderung, Regsamkeit ihre Gestaltungen und Formen nur immer bei den ursprünglichen Gesetzen stehenbleibt und keinen Fortschritt macht, sondern die Tradition dessen, was in der Sphäre des Geistes die geistige Welt hervorgebracht hat, schwillt als ein mächtiger Strom und vergrößert sich, je weiter er von seinem Ursprung aus vorgedrungen ist. Denn der Inhalt der Tradition ist geistiger Natur, und der allgemeine Geist bleibt nicht still stehen. Bei einer einzelnen Nation mag es wohl der Fall sein, daß ihre Bildung, Kunst, Wissenschaft, ihr geistiges Vermögen überhaupt statarisch wird, wie dies etwa z. B. bei den Chinesen der Fall zu sein scheint, die vor zweitausend Jahren so weit in allem gewesen sein mögen als jetzt. Aber der Geist der Welt versinkt nicht in diese gleichgültige Ruhe, und dies beruht auf seiner einfachen Natur. Sein Leben ist Tat; und die Tat hat einen vorhandenen Stoff, auf welchen sie gerichtet ist, den sie bearbeitet und umbildet. Was so jede Generation an Wissenschaft, an geistiger Produktion vor sich gebracht hat, dies erbt die folgende Generation; es macht deren Seele, geistige Substanz, als ein Angewöhntes, deren Grundsätze, Vorurteile und deren Reichtum aus; aber zugleich ist es eine empfangene Verlassenschaft, ein vorliegender Stoff für sie. So, weil sie selbst geistige Lebendigkeit und Tätigkeit ist, bearbeitet sie das nur Empfangene, und der verarbeitete Stoff ist eben damit reicher geworden. So ist unsere Stellung ebenso, die Wissenschaft, die vorhanden ist, zuerst zu fassen und sie uns zu eigen zu machen, und dann sie zu bilden. Was wir produzieren, setzt wesentlich ein Vorhandenes voraus; was unsere Philosophie ist, existiert wesentlich nur in diesem Zusammenhang und ist aus ihm mit Notwendigkeit hervorgegangen. Die Geschichte ist es, die uns nicht Werden fremder Dinge, sondern welche dies unser Werden, das Werden unserer Wissenschaft darstellt.
Die nähere Erläuterung des hiermit aufgestellten Satzes soll die Einleitung in die Geschichte der Philosophie1359) ausmachen - eine Erläuterung, welche den Begriff der Geschichte der Philosophie, ihre Bedeutung und Interesse enthalten, angeben soll. Bei dem Vortrage einer andern, [z. B.] politischen Geschichte kann man es mehr entübrigt sein, vor der Abhandlung der Geschichte selbst den Begriff zu erörtern; was in einer solchen Abhandlung geschieht, entspricht ungefähr dem, was man in der gewöhnlichen, schon allgemein vorhandenen Vorstellung von Geschichte schon hat und also vorausgesetzt werden kann. Aber Geschichte und Philosophie erscheinen schon für sich nach der gewöhnlichen Vorstellung von Geschichte als sehr heterogene Bestimmungen. Die Philosophie ist die Wissenschaft von den notwendigen Gedanken, deren wesentlichem Zusammenhang und System, die Erkenntnis dessen, was wahr [und] darum ewig und unvergänglich ist; die Geschichte dagegen hat es nach der nächsten Vorstellung von ihr mit Geschehenem, somit Zufälligem, Vergänglichem und Vergangenem zu tun.1360) Die Verknüpfung dieser beiden so heterogenen Dinge, verbunden mit den andern höchst oberflächlichen Vorstellungen von jedem für sich, insbesondere von der Philosophie, führen ohnehin so schiefe und falsche Vorstellungen mit sich, daß es nötig ist, sie gleich von vornherein zu berichtigen, damit sie uns das Verständnis dessen, was abgehandelt werden soll, [nicht] erschweren, ja unmöglich machen.
Ich werde eine Einleitung voranschicken a) über den Begriff und die Bestimmung der Geschichte der Philosophie; aus dieser Erörterung werden sich zugleich die Folgen für die Behandlungsweise ergeben. b) Das Zweite wird sein, daß ich den Begriff der Philosophie festsetze, um zu wissen, was wir uns unter dem unendlich mannigfaltigen Stoffe und den vielerlei Seiten der geistigen Bildung der Völker auszuzeichnen und herauszunehmen haben. Die Religion ohnehin, und die Gedanken über sie, über den Staat, die Pflichten und Gesetze - von allen diesen Gedanken kann man meinen, in der Geschichte der Philosophie auf sie Rücksicht nehmen zu müssen. Was hat man nicht alles Philosophie und Philosophieren genannt? Wir müssen uns unser Feld bestimmt abgrenzen und, was nicht zur Philosophie gehört, davon ausschließen. Mit dieser Bestimmung dessen, was Philosophie ist, gewinnen wir auch nur den Anfangspunkt ihrer Geschichte.1361) c) Ferner wird sich dann die Einteilung der Perioden dieser Geschichte ergeben - eine Einteilung, welche das Ganze als einen vernünftigen Fortgang, als ein organisch fortschreitendes Ganzes zeigen muß. Die Philosophie ist Vernunfterkenntnis, die Geschichte ihrer Entwicklung muß selbst etwas Vernünftiges, die Geschichte der Philosophie muß selbst philosophisch sein. d) Zuletzt von den Quellen der Geschichte der Philosophie.