31. X. 1822
30. X. 1828
Meine Herren!
Der Gegenstand dieser Vorlesungen ist die philosophische Weltgeschichte. - Es ist die allgemeine Weltgeschichte selbst, welche zu durchlaufen unser Geschäft sein soll; es sind nicht allgemeine Reflexionen über dieselbe, welche wir aus ihr gezogen [hätten] und aus ihrem Inhalte als [aus] Beispielen erläutern wollten, sondern der Inhalt der Weltgeschichte selbst.
Ich kann kein Vorlesebuch dabei zugrunde legen; - in meinen Grundlinien der Philosophie des Rechts, §§ 341 bis 360 (Ende), habe ich übrigens bereits den näheren Begriff solcher Weltgeschichte wie auch die Prinzipien, Perioden angegeben, in welche deren Betrachtung zerfällt. Sie können sich daraus wenigstens mit den Momenten, auf die es ankommen wird, in ihrer abstrakten Gestalt eine Bekanntschaft machen.
Die Einleitung zu unserer philosophischen Weltgeschichte will ich so nehmen, daß ich eine (allgemeine, bestimmte) Vorstellung von dem vorausschicke, was eine philosophische Weltgeschichte ist; zu diesem vorläufigen Behufe [will ich] zuerst die anderen Weisen, die Geschichte vorzutragen und zu behandeln, durchgehe[n], beschreibe[n] und damit vergleichen.
Ich unterscheide dreierlei Weisen des Geschichtsschreibens:
α) die ursprüngliche Geschichte,
β) die reflektierte Geschichte,
γ) die philosophische.
α) Was die erste betrifft, so meine ich dabei, um durch Nennung von Namen sogleich ein bestimmtes Bild zu geben, z. B. Herodot, Thukydides und andere, - nämlich Geschichtsschreiber, welche vornehmlich nur die Taten, Begebenheiten und Zustände, die sie beschrieben, selbst vor sich gehabt, sie erlebt und in denselben gelebt, durchgelebt, diesen Begebenheiten und dem Geiste derselben selbst zugehört [haben], und welche über diese Taten, Begebenheiten den Bericht verfaßt, d. i. sie, die bisher bloß geschehen und äußerlich vorhanden waren, in das Reich der geistigen Vorstellung versetzt und sie für dieselbe ausgearbeitet haben, - vorher nur ein Seiendes, nun Geistiges, Vorgestelltes des inneren und äußeren Gemütes. So arbeitet der Dichter z. B. den Stoff, den er in seiner Empfindung hat, für die sinnliche Vorstellung aus. Bei diesen Geschichtsschreibern sind zwar auch Erzählungen, Berichte anderer ein Ingrediens; aber sie sind nur überhaupt das zerstreutere, mindere, zufällige, subjektive Material. Wie der Dichter der Bildung seiner Sprache, den gebildeten Kenntnissen, die er empfangen, vieles verdankt, aber das Hauptwerk ihm gehört, so ist ein solcher Geschichtsschreiber es, der das, was ein in der Wirklichkeit bereits Vorübergegangenes, in der subjektiven, zufälligen Erinnerung zerstreut und selbst [nur] in flüchtiger Erinnerung Aufbewahrtes ist, zu einem Ganzen komponiert, es in den Tempel der Mnemosyne aufstellt und ihm so unsterbliche Dauer verschafft. Solche Geschichtsschreiber verpflanzen [das Vergangene] - geben ihm einen besseren, höheren Boden, als der Boden der Vergänglichkeit ist, in dem es gewachsen - in das Reich der (abgeschiedenen) nun dauernden ewigen Geister, wie die Alten das Elysium beschreiben, daß die Heroen ewig forttun, was sie in ihrem Leben nur einmal getan.
Von solcher ursprünglichen Geschichte schließe ich die Sagen, Volkslieder, Überlieferungen, auch die Gedichte überhaupt aus, denn solche Sagen, Überlieferungen sind noch trübe Weisen [der Geschichte] und darum Weisen von Völkern oder der Teile derselben, die in ihrem Bewußtsein noch trübe sind. Hierauf, was die Geschichte in einem Volke für ein Verhältnis zu demselben hat, werde ich später noch zurückkommen. Völker von trübem Bewußtsein oder deren trübe Geschichte ist nicht Gegenstand, wenigstens nicht der philosophischen Weltgeschichte, welche die Erkenntnis der Idee in der Geschichte zum Zwecke [hat], - die Geister von Völkern, die ihr Prinzip zum Bewußtsein gebracht [haben], zum Wissen, was sie sind und was sie tun.
Späterhin [werden wir] bemerken [, daß] historia res gestae [sind]; die eigentliche, objektive Geschichte eines Volkes fängt erst da an, wo es auch eine Historie hat. Bildung, in der es noch nicht zur Geschichte gekommen, noch kein Bildungsgang [z. B.] Indiens von dreieinhalb Tausend Jahren möglich ist -
Solche ursprüngliche Geschichtsschreiber nun schaffen die ihnen gegenwärtige Begebenheit, Tat und Zustand in ein Werk der Vorstellung für die Vorstellung um.
Folgen daraus ziehen:
αα) Der Inhalt solcher Geschichten kann daher nicht von großem äußeren Umfange sein. Was lebendig in eigenem Erleben und gegenwärtigem Interesse der Menschen ist, was lebendig und gegenwärtig in ihrer Umgebung ist, das ist ihr wesentlicher Stoff.
Er beschreibt, was er mehr oder weniger mitgemacht, wenigstens mitgelebt hat. Es sind kurze Zeiträume, individuelle Gestalten von Menschen und von Begebenheiten. Es ist aus Anschauungen, die sie erlebt und durchgelebt, daß sie arbeiten; es sind die einzelnen unreflektierten Züge, aus denen sie ihr Gemälde versammeln, um [es] so bestimmt, als sie in der Anschauung oder in anschaulicher Erzählung es vor sich hatten, vor die Vorstellung der Nachwelt zu bringen.
ββ) In solchen Geschichtsschreibern ist die Bildung des Autors und die Begebenheiten, die er zum Werke erschafft, der Geist des Verfassers und der Geist der Handlungen, von denen er erzählt, einer und derselbe.
Er wird also zunächst keine Reflexionen anzubringen haben, denn er lebt im Geiste der Sache, ist nicht über sie heraus, wie es die Reflexion ist. Es ist in dieser Einheit näher auf dies begriffen, [daß] in einem Zeitalter, in welchem ein größerer Unterschied der Stände eingetreten [ist und] die Bildung und die Maximen mit dem Stande zusammenhängen, dem ein Individuum angehört, ein solcher Geschichtsschreiber dem Stande der Staatsmänner, Heerführer usf. angehört haben muß, deren Zwecke, Absicht und Taten dem politischen Weltkreise selbst [angehören], den er beschreibt. Wenn dieser Geist der Sache selbst gebildet ist, so weiß derselbe auch von sich; eine Hauptseite seines Lebens und Tuns ist sein Bewußtsein über seine Zwecke und Interessen wie über seine Grundsätze - eine Seite seiner Handlungen ist die Weise, sich über sich gegen die anderen zu erklären, auf ihre Vorstellung [einzuwirken, d. h.] zu handeln, um ihren Willen zu bewegen.38)
Dann sind es nicht die eigenen Reflexionen des Schriftstellers, womit er die Erklärung und die Darstellung dieses Bewußtseins gibt, sondern er hat die Personen und die Völker sich selbst aussprechen zu lassen [darüber], was sie wollen und wie sie es wissen, was sie wollen.39) Er legt ihnen keine fremde, von ihm gemachte Rede in den Mund; wenn er sie auch ausgearbeitet hätte, so wäre der Inhalt und diese Bildung und dies Bewußtsein ebensosehr der Inhalt und das Bewußtsein derer, die er so sprechen läßt. So lesen wir bei Thukydides die Reden des Perikles, des tiefstgebildeten, echtesten, edelsten Staatsmannes, ferner anderer Redner, Gesandten der Völker usf. In diesen Reden sprechen diese Menschen die Maximen ihres Volkes, ihrer eigenen Persönlichkeit, das Bewußtsein ihrer politischen Verhältnisse wie ihrer sittlichen und geistigen Verhältnisse und Natur, die Grundsätze ihrer Zwecke, Handlungsweisen aus, - und der Geschichtsschreiber hat wenig oder nichts übrig für sich zur Reflexion behalten, und was er jene sprechen läßt, ist nicht ein fremdes, ihnen geliehenes Bewußtsein, sondern ihre eigene Bildung und Bewußtsein sind es. Wenn man die substantielle Geschichte, den Geist der Nationen studieren, in, mit ihnen leben und gelebt haben will, so muß man in solche ursprüngliche Geschichtsschreiber sich hineinstudieren und in ihnen verweilen, und man kann nicht lange genug bei ihnen verweilen; hier hat man die Geschichte eines Volkes oder einer Regierung frisch, lebendig, aus erster Hand. Wer nicht gerade ein gelehrter Historicus werden, sondern die Geschichte genießen will, der kann beinahe größtenteils bei solchen Schriftstellern allein stehenbleiben, außer, was er sonst zur -40)
Solche Geschichtsschreiber sind übrigens nicht so häufig, als man etwa meinen sollte. Herodot, den Vater, d. i. den Urheber der Geschichte - und dazu der größte Geschichtsschreiber - und Thukydides habe ich schon genannt. [Beide sind] von bewunderungswürdiger Naivität. Xenophons Rückzug der Zehntausend ist ein ebenso ursprüngliches Buch usf. - Polybios, Cäsars Commentarii sind gleich[falls] ein Meisterwerk - einfaches, simples Werk - eines großen Geistes. Sie sind jedoch nicht der alten Zeit nur eigen. Daß es solche Geschichtsschreiber [gebe], dazu ist erforderlich, daß nicht nur die Bildung in einem Volke in einer hohen Stufe vorhanden sei, sondern auch, daß sie nicht einsam in der Geistlichkeit, den Gelehrten usf. isoliert, sondern mit den Staats- und Heerführern vereinigt sei. Naive Chronikenschreiber, wie Mönche, hat es z. B. wohl im Mittelalter genug gegeben, aber nicht zugleich Staatsmänner, doch auch gelehrte Bischöfe, die im Mittelpunkt der Geschäfte und Staatshandlungen gestanden, auch Staatsmänner [waren]; aber sonst [war] das politische Bewußtsein nicht ausgebildet. In neueren Zeiten haben sich alle Verhältnisse geändert. Unsere Bildung faßt sogleich auf und verwandelt unmittelbar alle Begebenheiten für die Vorstellung in Berichte, und wir haben in neueren Zeiten vortreffliche, einfache, geistreiche, bestimmte Berichte über Kriegsbegebenheiten und andere, die den Kommentaren Cäsars an die Seite gesetzt werden und wegen des Reichtums ihres Inhalts, d. i. der bestimmten Angabe der Mittel und Bedingungen, noch belehrender sind.
Es sind viele französische Memoires hierher zu rechnen, oft von geistreichen Köpfen über kleine Zusammenhänge und Anekdoten verfaßt, oft kleinlichen Inhalts auf einem kleinlichen Boden, aber oft auch von geistreichen großen Köpfen auf einem größeren interessanteren Feld; [ein solches] Meisterwerk [sind die] Memoires des Kardinals de Retz. In Deutschland sind dergleichen Schriften von Meistern, die selbst in den Begebenheiten mithandelnde Personen gewesen, selten; eine gewisse rühmliche Ausnahme macht die Histoire de mon temps de Frédéric II. Es ist nicht genug, Zeitgenosse solcher Begebenheiten gewesen zu sein, auch nicht, sie in der Nähe gesehen [zu haben], im Falle gewesen zu sein, gute Nachrichten zu haben; der Schriftsteller muß vom Stande, dem Kreise, den Ansichten, Denkweise, Bildung der Handelnden, die er beschreibt, selbst gewesen sein. Wenn man oben steht, kann man nur die Sache recht übersehen und jegliches an seinem Orte erblicken, - nicht wenn man von unten hinauf durch das Loch einer moralischen Bouteille oder sonstigen Weisheit betrachtet.
In unseren Zeiten [ist es] um so nötiger, von der beschränkten Ansicht der Stände [loszukommen; nur] die, in denen das Recht des Staats und die Macht des Regierens selbst liegt, [wissen Geschichte zu schreiben, während] die von unmittelbarer politischer Wirksamkeit mehr ausgeschlossenen Stände sich an moralischen Grundsätzen wärmen und sich über die höheren Stände damit zu trösten und hinauszusetzen wissen, kurz, nur innerhalb desselben Kreises stehen.41)
β) Die zweite Art der Geschichte können wir die reflektierende Geschichte nennen, Geschichte, deren Darstellung über das dem Schriftsteller selbst Gegenwärtige hinausgeht, [die] nicht nur als in der Zeit, in dieser Lebendigkeit gegenwärtig, sondern als im Geiste gegenwärtig es mit eigentlicher vollständiger Vergangenheit zu tun [hat]. 42) Es sind darunter sehr verschiedene Arten begriffen, - überhaupt das, was wir im allgemeinen Geschichtsschreiber zu nennen pflegen. Hierbei ist die Verarbeitung des geschichtlichen Stoffs die Hauptsache, an den der Arbeiter mit seinem Geiste, der verschieden ist von dem Geiste des Inhalts selbst, kommt; hierbei kommt es daher hauptsächlich auf die Maximen, die Vorstellungen, Prinzipien an, die sich der Verfasser teils von dem Inhalte, Zwecke der Handlungen und Begebenheiten selbst macht, teils von der Art, die Geschichte zu schreiben. Bei uns Deutschen ist die Reflexion - und Gescheutheit - darüber sehr mannigfach; jeder Geschichtsschreiber hat dabei seine eigene Art und Weise, - Besonderes sich in den Kopf gesetzt. Die Engländer und Franzosen wissen im allgemeinen, wie man Geschichte schreiben müsse; sie stehen mehr in den Vorstellungen einer gemeinschaftlichen Bildung, bei uns klügelt sich jeder etwas Eigentümliches aus. Die Engländer und Franzosen haben daher vortreffliche Geschichtsschreiber; bei uns, wenn man die Kritiken der Geschichtsschreiber seit zehn oder zwanzig Jahren ansieht, findet [man], daß beinahe jede Rezension mit einer eigenen Theorie über die Art, wie Geschichte geschrieben werden soll, anfängt, einer Theorie, die der Rezensent der Theorie des Geschichtsschreibers entgegenstellt. Wir sind auf dem Standpunkt, immer uns zu bestreben und noch zu suchen, wie die Geschichte geschrieben werden soll.
αα) Man verlangt überhaupt, die Übersicht der ganzen Geschichte eines Volkes oder Landes oder der ganzen Welt überhaupt zu haben; es ist notwendig zu diesem Behuf, Geschichten zu verfertigen. Solche Historienbücher sind dann notwendig Kompilationen aus ursprünglichen förmlichen Geschichtsschreibern, aus ferneren schon verfertigten Berichten und einzelnen Nachrichten. Die Quelle ist nicht die Anschauung und die Sprache der Anschauung des Dabeigewesenseins. Diese erste Art der reflektierenden Geschichte schließt sich zunächst an die vorhergehende an, wenn sie weiter keinen Zweck hat, als das Ganze der Geschichte eines Landes, der Welt darzustellen. Die Art dieser Kompilation hängt zunächst vom Zwecke ab, ob die Geschichte ausführlicher oder nicht ausführlicher sein soll. Es geschieht dabei, daß sich solche Geschichtsschreiber vornehmen, die Geschichte anschaulich so zu schreiben, daß der Leser die Vorstellung habe, er höre Zeitgenossen und Augenzeugen die Begebenheiten erzählen. Solches Beginnen verunglückt nun immer mehr oder weniger. - Das ganze Werk soll und muß auch einen Ton haben; denn es ist ein Individuum von einer bestimmten Bildung, welches der Verfasser desselben ist; aber die Zeiten, welche eine solche Geschichte durchläuft, sind sehr verschiedener Bildung, ebenso die Geschichtsschreiber, die er benutzen kann, und der Geist, der in ihnen aus dem Schriftsteller spricht, ist ein anderer als der Geist dieser Zeiten. Will der Geschichtsschreiber den Geist der Zeiten schildern, so pflegt es der eigene Geist der Herren zu sein. So läßt Livius die alten Könige Roms, die Konsuln und Heerführer alter Zeiten Reden halten, wie sie nur einem gewandten Advokaten (rabulistischen Redner) der Livianischen Zeit zukommen konnten und die wieder mit echten, aus dem Altertum erhaltenen Sagen, z. B. der Fabel des Menenius Agrippa von dem Magen und den Eingeweiden, aufs stärkste kontrastieren. So gibt er uns ganz ausführliche, detaillierte Beschreibungen von Schlachten und anderen Begebenheiten in einem Tone, einer Bestimmtheit der Auffassung des Details, wie sie in Zeiten, worin sie vorgefallen, noch nicht hat statthaben können, als ob er sie mitangesehen hätte, - Beschreibungen, deren Züge man wieder, z. B. für die Schlachten aller Zeiten, brauchen kann und deren Bestimmtheit wieder mit dem Mangel an Zusammenhang und mit der Inkonsequenz kontrastiert, die in andern Stücken oft über den Gang von Hauptverhältnissen herrscht. Was der Unterschied eines solchen Kompilators und eines ursprünglichen Historikers [ist], erkennt man am besten, wenn man den Polybios mit der Art vergleicht, wie Livius dessen Geschichte über die Periode, von der uns des Polybios Werk aufbehalten ist, benutzt, auszieht und abkürzt. - Johannes von Müller hat seiner Geschichte in dem Bestreben, den Zeiten, die er beschreibt, treu in seiner Schilderung zu sein, ein hölzernes, hohlfeierliches, pedantisches Aussehen gegeben. Man liest in dem alten Tschudy dergleichen viel lieber, naiver, natürlicher, als eine solche bloß gemachte, affektierte Altertümlichkeit.
43) Dies ein Versuch, uns ganz in die Zeiten hineinzuversetzen, ganz anschaulich und lebendig, - [was] wir ebensowenig als ein Schriftsteller [können]; ein Schriftsteller ist auch wir, gehört seiner Welt an, ihren Bedürfnissen, Interessen, dem, was sie hochhält, ehrt. - Z. B. wenn wir, es sei welches es wolle, noch so in das griechische Leben [eindringen], das uns von so vielen und wichtigsten Seiten zusagt, [so können wir doch] ebenso im Wichtigsten sympathisieren, nicht mit ihnen, den Griechen, empfinden. Wenn wir uns für die Stadt Athen z. B. aufs Höchste interessieren und [an] den Handlungen, Gefahren [ihrer Bürger] allen Anteil nehmen - [es ist ein] Vaterland und höchst edles Vaterland eines gebildeten Volkes-, [so können wir doch] nicht mitempfinden, wenn sie vor Zeus, Minerva usf. niederfallen, [wenn es] am Tage der Schlacht bei Platää sich mit Opfern quält, - Sklaverei. Den Übelstand - Ton, Duft - Wie [wir] nicht die Mitempfindung eines Hundes haben, [wenn wir auch] einen besonderen Hund wohl vorstellen, kennen, seine Manier, Anhänglichkeit, besondere Weisen erraten. -
Man hat es nun auch auf andere Weise versucht, uns wenigstens das Geschichtliche, wenn auch nicht zur Mitempfindung durch den Ton zu bringen, - zur Anschaulichkeit, Lebendigkeit der Empfindung, [einer] Lebendigkeit, die Anschaulichkeit ist, d. h. ganz bis ins Detail der Begebenheiten, - Sitz - Empfindungsweise - bestimmte Darstellung. -
Es tritt bei einer solchen Geschichte, welche lange Perioden oder den Zeitraum der Weltgeschichte überschauen will, dies ein [und] kann nicht anders, als sie muß die individuelle Darstellung des Wirklichen mehr oder weniger aufgeben und sich mit Abstraktionen behelfen, epitomieren, abkürzen. Dies [heißt] nicht nur überhaupt viele Begebenheiten und Handlungen weglassen, sondern der Gedanke, der Verstand ist der mächtigste Epitomator. Zum Beispiel: Es ist eine Schlacht geliefert, ein großer Sieg erfochten, eine Stadt vergebens belagert worden usf. - Schlacht, großer Sieg, Belagerung, - alles dies sind allgemeine Vorstellungen, die ein weitläufiges individuelles Ganzes in eine einfache Bestimmung für die Vorstellung zusammenziehen. Wenn erzählt wird, daß im Anfang des Peloponnesischen Krieges Platää von den Spartanern lange belagert und, nachdem sich ein Teil der Bewohner geflüchtet, die Stadt eingenommen und die zurückgebliebenen Bürger hingerichtet worden sind, so ist dies kurz beisammen, was Thukydides mit so vielem Interesse ausführlich in seinem ganzen Detail beschreibt, - oder daß eine Expedition der Athener nach Sizilien einen unglücklichen Ausgang genommen. - Aber es ist, wie gesagt, für die Übersicht notwendig, sich mit solchen reflekt[ierenden] Vorstellungen zu helfen; und solche Übersicht ist gleichfalls notwendig.44) Freilich wird solche Erzählung dann um so trockener. Was will es uns interessieren, wenn Livius hundertmal, nachdem er von hundert Kriegen mit den Volskern erzählt, unter anderem mit dem Ausdruck [kommt]: Dieses Jahr ist auch glücklich mit den Volskern oder Fidenaten usf. Krieg geführt worden. - Solche Weise, die Geschichte zu schreiben, heißt unlebendig; jene Formen, abstrakten Vorstellungen machen den Inhalt trocken.
Gegen d[iese] allgemeine Weise [versuchen gewisse Geschichtsschreiber,] wenigstens, wenn nicht diese Lebendigkeit der Empfindung, doch [die] der Anschauung, der Vorstellung dadurch [zu gewinnen,] daß [sie] alle einzelnen Züge gerecht, lebendig darstellen, nicht durch eigene Verarbeitung die alte Zeit reproduzieren wollen, sondern durch sorgfältige Treue ein Bild derselben geben. [Sie] lesen diese allenthalben her zusammen (Ranke). Die bunte Menge von Detail, kleinlichen Interessen, Handlungen der Soldaten, Privatsachen, die auf die politischen Interessen keinen Einfluß haben, - unfähig, ein Ganzes, einen allgemeinen Zweck [zu erkennen]. [Eine] Reihe von Zügen - wie in einem Walter Scott'schen Roman - überall her aufzulesen, fleißig und mühselig zusammenzulesen, - dergleichen Züge kommen in den Geschichtsschreibern, Korrespondenzen und Chronikenschreibern vor, - solche Manier verwickelt uns in die vielen zufälligen Einzelheiten, [die] historisch wohl richtig [sind]; aber das Hauptinteresse [wird durch sie] um nichts klarer, im Gegenteil verworren, - und so [ist es] gleichgültig, daß dieser Soldat Namens - -, ganz dieselbe Wirkung. - [Man sollte] dies den Walter Scott'schen Romanen überlassen, diese Ausmalerei im Detail mit den kleinen Zügen der Zeit, wo die Taten, Schicksale eines einz[elnen] Individuums das müßige Interesse ausmachen, auf das ganz Partikuläre von dem gleichen Interesse; aber in Gemälden von den großen Interessen der Staaten, in diesen verschwinden jene Partikularitäten der Individuen. Die Züge sollen charakteristisch, bedeutend für den Geist der Zeit sein, - dies ist zu leisten auf eine höhere, würdigere Weise, die politischen Taten, Handlungen, Sit[uationen] selbst [sollen] das Allgemeine der Interessen in ihrer Bestimmtheit [darstellen].
ββ) Auf eine zweite Art der reflektierenden Geschichte im allgemeinen treibt sogleich die erste45) ; dies ist die pragmatische. [Eigentlich braucht sie] keinen Namen; es ist das, was Geschichtsschreibung im allgemeinen sich vorsetzt: eine gebildete [Darstellung von] einer Vergangenheit und deren Leben [zu geben]. Wenn wir nämlich solche Totalität nicht vor uns haben und lebendig darin versieren, sondern vielmehr mit einer reflektierten Welt, d. i. mit einer Vergangenheit ihres Geistes, ihrer Interessen, ihrer Bildung zu tun haben, so ist sogleich das Bedürfnis einer Gegenwart vorhanden. Diese [liegt] nicht in der Geschichte, solche Gegenwart [entsteht] in der Einsicht des Verstandes, der subjektiven Tätigkeit und der Bemühung des Geistes dabei. Das Äußerliche der Begebenheiten ist fahl, grau; der Zweck - Staat, Vaterland -, der Verstand derselben, ihr innerer Zusammenhang, das Allgemeine des Verhältnisses in ihnen ist das Dauernde, ebenso jetzt gültig und vorhanden als vormals und immer. Irgendein Staat ist Zweck für sich, - Erhaltung nach außen; - seine Entwicklung und Ausbildung nach innen geschieht in einer notwendigen Stufenfolge, wodurch das Vernünftige, Gerechtigkeit und Befestigung der Freiheit, hervorgeht.46) [Es ist ein] System von Institutionen, α) als System die Konstitution, β) der Inhalt derselben ebenso, wodurch die wahrhaften Interessen zum Bewußtsein gebracht und zur Wirklichkeit errungen werden. In jedem Fortschreiten des Gegenstands [ist] nicht bloß äußerliche Konsequenz und Notwendigkeit des Zusammenhangs, sondern Notwendigkeit in der Sache, im Begriff. Dies [ist] die wahrhafte Sache. Z. B. [ein] moderner Staat, [die Geschichte des] Deutschrömischen Reiches, große Individuen47) oder [eine] einzelne große Begebenheit - französische Revolution, - irgendein großes Bedürfnis, - dies [ist] der Gegenstand und Zweck der Geschichtsschreiber, aber auch Zweck des Volks, Zweck der Zeit selbst. Darauf [wird] alles bezogen.
Solche pragmatischen Reflexionen, so sehr sie abstrakt sind, sind so in der Tat das Gegenwärtige und die Erzählung der Vergangenheit beleben, zum gegenwärtigen Leben bringen Sollende. Ob nun solche Reflexionen in der Tat interessant und belebend seien, das kommt auf den eigenen Geist des Schriftstellers an.
Schlechteste Manier des pragm[atischen Geschichtsschreibers ist] der kleine psychologische Geist, der den Triebfedern der Subjekte, aus keinem Begriff, [sondern] von besonderen Neigungen und Leidenschaften [gewonnen], nachgeht [und] die Sache selbst nicht für treibend, wirkend ansieht; dann der moralische Pragm[atiker, der] ebenso fort kompilierend erzählt, [aber] von Zeit zu Zeit mit erbaulichen christlichen Reflexionen aufwacht aus dieser dröselnden Erzählerei und den Begebenheiten und Individuen mit moralischem Einhauen in die Flanke fällt, eine erbauliche Reflexion, paränetischen Ausruf und Lehre einschaltet und dergleichen.