[Auszüge aus dem Tagebuch der Reise in die Berner Oberalpen]188)

(25. Juli bis August 1796)

[...] Die Höhe der Felsenwand, von der er [der Staubbach bei Lauterbronnen] herabstürzt, hat allein etwas Großes, der Staubbach eigentlich nicht. Desto mehr hat das anmutige, zwanglose, freie Niederspielen dieses Wasserstaubs etwas Liebliches. Indem man nicht eine Macht, eine große Kraft erblickt, so bleibt der Gedanke an den Zwang, an das Muß der Natur entfernt, und das Lebendige, immer sich Auflösende, Auseinanderspringende, nicht in eine Masse Vereinigte, ewig sich Fortregende und Tätige bringt vielmehr das Bild eines freien Spieles hervor. [...]

 

[...] Wir sahen heute diese Gletscher [Grindelwaldgletscher] nur in der Entfernung von einer halben Stunde, und ihr Anblick bietet weiter nichts Interessantes dar. Man kann es nur eine neue Art von Sehen nennen, die aber dem Geist schlechterdings keine weitere Beschäftigung gibt, als daß ihm etwa auffällt, sich in der stärksten Hitze des Sommers so nahe bei Eismassen zu befinden, die selbst in einer Tiefe, wo sie Kirschen, Nüsse und Korn zur Reife bringt, von ihr nur unbeträchtlich geschmelzt werden können. Nach unten ist das Eis sehr schmutzig und zum Teil ganz mit Kot überzogen, und wer eine breite, bergabgehende kotige Straße, in der der Schnee angefangen hat zu schmelzen, gesehen hat, kann sich von der Ansicht des unteren Teils der Gletscher, wie sie von fern sich darstellt, einen ziemlichen Begriff machen und zugleich gestehen, daß dieser Anblick weder etwas Großes noch Liebliches hat. - Weiter hinauf erscheint das Eis in Pyramiden, die ein reineres Blau haben und die man im Vergleich mit dem unteren schmutzigen Eis, wenn man will, schöner nennen kann. [...]

 

[...] Auf einmal bot sich jetzt uns, da wir einigen Häusern näherkamen, von der Seite der obere Teil des [Reichenbach-]Falles dar, und vergnügt gingen wir durch nasse Wiesen ihm entgegen. Auf der grünen Anhöhe, die ihm gegenüber ist, durchnetzte uns der Wasserstaub vollends, den der vom Fall verursachte Wind uns entgegenjagte. Um mehr von dem Fall zu übersehen, muß man über schlüpfriges Gras tiefer hinabsteigen bis an den Rand des Abgrundes, in den er sich versenkt. Von hier genießt man den Anblick des Falles, so weit man ihn übersehen mag, und das majestätische Schauspiel hielt uns für die Mühe des unangenehmen Tages allerdings schadlos. Durch eine enge Felsenkluft drängt oben das Wasser schmal hervor, fällt dann in breiteren Wellen senkrecht herab; in Wellen, die den Blick des Zuschauers beständig mit sich niederziehen und die er doch nie fixieren, nie verfolgen kann, denn ihr Bild, ihre Gestalt, löst sich alle Augenblicke auf, wird in jedem Moment von einem neuen verdrängt, und in diesem Falle sieht er ewig das gleiche Bild und sieht zugleich, daß es nie dasselbe ist. Nachdem so die Wellen eine beträchtliche Höhe mehr heruntergefallen sind, als daß sie sich herabstürzten, treffen sie auf Felsen, wo sie sprudelnd sich in drei oder vier Öffnungen hervordrängen, dann zusammenfließen und sich jetzt donnernd in einen Abgrund stürzen, in dessen Tiefe der Blick sie nicht verfolgen kann, weil er von Felsen aufgehalten wird. Nur in einiger Entfernung sieht man aus einer Kluft einen Rauch wogen, den man für den vom Fall aufspritzenden Schaum erkennt.

Mit Recht hat Meiners auf diesen Fall aufmerksam gemacht, aber eine Beschreibung kann so wenig als ein Gemälde nur einigermaßen die Selbstansicht ersetzen. Bei der Beschreibung kann eher noch die Einbildungskraft, wenn sie schon ähnliche Bilder hat, sich das Ganze hinmalen, aber ein Gemälde, wenn es nicht sehr groß gemalt ist, kann nicht anders als dürftig ausfallen und nur eine unzureichende Vorstellung geben. Die sinnliche Gegenwart des Gemäldes erlaubt der Einbildungskraft nicht, den vorgestellten Gegenstand auszudehnen, sondern sie faßt ihn so auf, wie er sich dem Gesicht darstellt. Sie wird an seiner Erweiterung noch mehr dadurch gehindert: wenn wir das Gemälde in der Hand halten oder an einer Wand aufgehängt finden, so können die Sinne nicht anders, als es an unserer Größe, an der Größe der umgebenden Gegenstände zu messen und klein zu finden. Ein solches Gemälde müßte dem Auge so nahe gebracht werden, daß es Mühe hätte, das Ganze zu überblicken, es nicht neben andere Gegenstände versetzen könnte und so völlig allen Maßstab verlöre. Außerdem muß auch im besten Gemälde das Anziehendste, das Wesentlichste eines solchen Schauspiels fehlen: das ewige Leben, die gewaltige Regsamkeit in demselben. Ein Gemälde kann nur einen Teil des ganzen Eindrucks geben, nämlich die Gleichheit des Bildes, die es in bestimmten Umrissen und Partien geben muß; hingegen der andere Teil des Eindrucks, die ewige, unaufhaltbare Veränderung jeder Partie, die ewige Auflösung jeder Welle, jedes Schaumes, die das Auge immer mit sich herniederzieht, die keine Terze lang ihm die gleiche Richtung des Blicks erlaubt: all diese Macht, all dies Leben geht gänzlich verloren [...]

 

[...] Von Guttanen [an] wird der Weg immer wilder, öder, einförmiger. Man hat immer gleich rauhe, traurige Felsen zu beiden Seiten. Zuweilen erblickt man Gipfel, die mit Schnee bedeckt sind. Der Boden, der ebener ist und zuweilen ein Tal bildet, ist völlig mit ungeheuren Granitblöcken übersät. Die Aar macht einige prächtige, mit fürchterlicher Kraft hinabstürzende Wasserfälle. Über einen derselben ist eine kühne Brücke gesprengt, auf der man von Staub ganz befeuchtet wird. Man erblickt hier in der Nähe das gewaltige Rasen der Wellen gegen die hervorstehenden Felsen und begreift nicht, wie sie diese Wut festhalten können. Nirgend erhält man einen so reinen Begriff vom Müssen der Natur als beim Anblick des ewig wirkungslosen und ewig fortgesetzten Rasens einer hervorgetriebenen Welle gegen solche Felsen! Doch sieht man, daß ihre scharfen Ecken nach und nach abgerundet sind. Weiterhin sieht man die Vegetation immer mehr den Fluch der wärme- und kraftlosen Natur empfinden. Man trifft keine Tannenbäume mehr an, nur verkrüppeltes Tannengesträuch, Moos, elendes oder gar kein Gras, einige Lärchen- und Arvenbäume; viele Gentianen wachsen in einer Gegend. Die Wurzeln dieser letzteren Pflanzen werden von einer Familie gesammelt und zu Enzianwasser gebrannt. Diese Familie lebt den Sommer hier in völliger Entfernung von Menschen und hat ihre Brennstatt unter aufgetürmten Granitblöcken errichtet, die die Natur zwecklos übereinanderwarf, deren zufällige Stellung aber die Menschen zu benutzen wußten. Ich zweifle, ob hier der gläubigste Theologe es wagen würde, der Natur selbst in diesen Gebirgen überhaupt den Zweck der Brauchbarkeit für den Menschen zu unterlegen, der das Wenige, Dürftige, das er benutzen kann, mit Mühe ihr abstehlen muß; der nie sicher ist, ob er nicht über seinen armen Diebereien, über dem Raub einer Handvoll Gras von Steinen oder Lawinen zerschmettert, ob nicht das kümmerliche Werk seiner Hände, seine ärmliche Hütte und sein Kuhstall ihm in einer Nacht zertrümmert wird. In diesen öden Wüsteneien hätten gebildete Menschen vielleicht eher alle anderen Theorien und Wissenschaften erfunden, aber schwerlich denjenigen Teil der Physikotheologie, der dem Stolze des Menschen beweist, wie die Natur für seinen Genuß und Wohlleben alles hinbereitet habe; ein Stolz, der zugleich unser Zeitalter charakterisiert, indem er eher seine Befriedigung in der Vorstellung findet, was alles für ihn von einem fremden Wesen getan worden ist, als er sie in dem Bewußtsein finden würde, daß er es eigentlich selbst ist, der der Natur alle diese Zwecke geboten hat. Doch die Bewohner dieser Gegenden leben im Gefühle ihrer Abhängigkeit von der Macht der Natur, und dies gibt ihnen eine ruhige Ergebenheit in die zerstörenden Ausbrüche derselben. Ist ihre Hütte zertrümmert oder verschüttet oder weggeschwemmt, so bauen sie am gleichen Ort oder in der Nähe eine andere. Sind auf einem Wege oft Menschen von stürzenden Felsen erschlagen worden, so gehen sie doch ruhig denselben, anders als die Städtebewohner, die ihre Zwecke gewöhnlich nur durch eigene Ungeschicklichkeit oder den bösen Willen anderer zerstört finden, darüber unlittig und ungeduldig werden, auch wenn sie einmal die Macht der Natur empfinden, dann Trostes bedürfen und ihn etwa in einem Geschwätze finden, das ihnen beweist, auch dieses Unglück sei ihnen vielleicht vorteilhaft, denn dazu können sie sich nicht erheben, ihren Nutzen aufzugeben. Dies von ihnen zu fordern, daß sie auf Entschädigung Verzicht tun wollen, hieße ihnen ihren Gott rauben.

[...] Weder das Auge noch die Einbildungskraft findet auf diesen formlosen Massen irgendeinen Punkt, auf dem jenes mit Wohlgefallen ruhen oder wo diese Beschäftigung oder ein Spiel finden könnte. Der Mineralog allein findet Stoff, über die Revolutionen dieser Gebirge unzureichende Mutmaßungen zu wagen. Die Vernunft findet in dem Gedanken der Dauer dieser Berge oder in der Art von Erhabenheit, die man ihnen zuschreibt, nichts, das ihr imponiert, das ihr Staunen und Bewunderung abnötigte. Der Anblick dieser ewig toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so. [...]