In Italien, wo die politische Freiheit in reineren Formen und schöneren Zügen sich dargestellt hatte, aber etwas früher verlorenging als in Deutschland, erhob sich in Bologna die Rechtsgelehrsamkeit früher als die Poesie, und die Edelsten des Volks strömten von allen Seiten dahin und begnügten sich, in ihrem Vaterland gelehrte und genaue Richter zu werden, denn auf dem Richterstuhl allein waren sie noch Diener einer Idee, Diener der Gesetze, da sie sonst nur Diener eines Mannes waren. - In der mittleren Geschichte von Mittel- und Oberitalien treffen wir die Verbindung der Menschen zu Staaten äußerst unvollständig und die Bande äußerst locker an. Die Geschichte Italiens ist in diesem Zeitraum nicht eigentlich die Geschichte eines Volks oder mehrerer Völker, als vielmehr die einer Menge von Individuen, und weil in diesem Gemälde keine großen Massen oder nur in kurzen Zeiträumen auftreten und sogleich wieder zerstäuben, so ist es äußerst schwer, allgemeine Gesichtspunkte dafür aufzufinden. Desto interessanter ist die Geschichte einzelner Menschen, da ihre Individualität nicht in den allgemeinen Formen von Staat und Verfassung untergegangen ist. Es ist gewöhnlich nur ein Interesse des Augenblicks, das die Menschen vereinigt. Selten sehen wir eine Vereinigung, die ein bleibendes Interesse zum Grunde gehabt hätte. Alle Streitigkeiten betrafen die Rechte einzelner Familien und Menschen, die nie dazu gebracht werden konnten, zum Besten gesellschaftlicher Vereinigung von ihren Rechten aufzugeben. Das Zusammenwohnen in Städten war mehr ein Beieinandersein im gleichen Raum, innerhalb der gleichen Mauern, als Unterwerfung unter gleiche Gesetze. Die Macht der Obrigkeit war schwach. Es herrschten schlechterdings noch keine Ideen. Das platte Land nicht nur war mit einer unzähligen Menge von Schlössern bedeckt, die jeder zu seiner Sicherheit erbaut hatte; auch jeder Palast der Familien in der Stadt war mit Türmen und auf andere Art befestigt, wo sie einander belagerten. Ausübung der Gerechtigkeit war nur der Sieg einer Faktion über die andere.