12.

Verachtung der Menschen. Jeder ist gewohnt, andere nach der Regel, die er sich für die Menschheit gemacht hat, zu beurteilen und zu verlangen, daß er so sei. Nur lange Welterfahrung oder ein Übermaß von Güte des Herzens bringt uns hiervon zurück. Diese Forderung ist vorzüglich den Europäern eigen. Es ist eine Art von Eigensinn. So ist es auch ein Zeichen unserer Zeit und weiter nichts - nicht hohe Kultur, nicht Annäherung zum Zweck der Menschheit, zur Vollkommenheit -, die öffentliche Beurteilung von Charakteren, z. B. eines Rousseau, nach den Regeln der Vernunft. Außerdem, daß jeder zuerst in seinen Busen greifen sollte, ist es nur die Tugend allein, die sich selbst Regeln gibt, die beurteilen und fordern kann, aber kein Mensch hat gegen den andern das Recht, sich an die Stelle der Tugend zu setzen und, als ihre Person vorstellend, Forderungen an andere zu machen. Jeder kann einem solchen antworten: die Tugend hat das Recht, dies an mich zu fordern, aber nicht Du.