(ca. 1795-1798)
Geist der Orientalen: Achtung vor der Wirklichkeit in der Wirklichkeit und Ausschmückung derselben in der Phantasie. - Die Orientalen haben festbestimmte Charaktere. Wie sie einmal sind, ändern sie sich nicht mehr. Die Richtung des Weges, den sie eingeschlagen haben, verlassen sie nicht. Was außer ihrem Wege liegt, ist für sie nicht vorhanden. Aber was sie auf dem Wege stört, ist ihnen feindselig. Ihr einmal festbestimmter Charakter kann nicht von sich ablassen, nicht das, was ihm entgegen ist, in sich aufnehmen und sich damit versöhnen. Das eine wird herrschend, das andere ein Beherrschtes. Macht ist der Begriff, in dem die Wesen gleich sind. Gewalt ihre Beziehung aufeinander, Gewalt der Stärke oder des Genies oder der Rede. Ein festbestimmter Charakter läßt nichts außer sich zu, als was er beherrscht oder von welchem er, wie es von ihm, beherrscht wird; denn es sind Schranken, Wirklichkeiten in ihm, die nicht aufgehoben werden können, die[, um] neben anderen widersprechenden Wirklichkeiten, neben Feindlichem zu bestehen, in keinem anderen Verhältnis stehen können. Da die Schranken des Charakters Wirklichkeiten geben, die die Liebe nicht vereinigen kann, so müssen sie objektiv verbunden sein, d. h. unter einem Gesetz stehen. Das Gleiche der Wirklichkeit ist die Notwendigkeit, also das Gesetz, das alles beherrscht. Deswegen sind im orientalischen Charakter die zwei anscheinend widersprechenden Bestimmungen: Herrschsucht über alles und willige Ergebung in jede Sklaverei, so innig verbunden. Über beides waltet das Gesetz der Notwendigkeit. Herrschaft und Sklaverei, beide Zustände sind hier gerecht, denn in ihnen beiden regiert das gleiche Gesetz der Gewalt. Derjenige ist im Orient der glückliche Mann, der Mut hat, dasjenige, was schwächer ist als er, sich zu unterwerfen, und Klugheit besitzt, das nicht anzugreifen und dem sich gleich zu unterwerfen, was stärker ist als er. Derjenige ist hier ein weiser Mann, der von den Wirklichkeiten sich zurückzieht, in der Rede und in Sprüchen tätig ist. Edel ist der Gebildetere, der zu unterscheiden weiß und nur soweit unterjocht, als ihm widerstanden worden, und dem Überwundenen dadurch sich gleichsetzt, daß er über sich mit ihm das Gesetz der Notwendigkeit erkennt; in sich, dem wirklichen Sieger, den möglichen Überwundenen [sieht] und in dem wirklich Unterjochten zugleich den möglichen Herrscher ehrt. Diese Möglichkeit des Entgegengesetzten, diese Möglichkeit der unendlichen Mannigfaltigkeit der Wirklichen als möglich Herrschender oder als möglich Unterjochter, diese Macht, die in den Übergängen des Negativen zum Positiven, des Positiven zum Negativen erscheint, ist die unendliche Gottheit der Orientalen. Auf dem Webstuhl ihres Willens und ihrer Regierung werden die Begebenheiten gewoben, und aus dem Quell seines Befehls fließen in den Abgrund seiner Macht die Ströme der Zeiten und Jahrhunderte. - Bei der festen Bestimmtheit des orientalischen Charakters sind der Beziehungen sehr wenig, in denen der Mensch steht, und alles, was sich darbietet, erhält bald seine Stelle. Der Mensch von festbestimmtem Charakter läßt sich mit nichts ein, was ihm nicht gleichartig ist. Das meiste, was an ihn anstoßen kann, weist er auf die Seite. Das andere bekämpft er und wird Herr darüber oder unterwirft sich der Gewalt, aber seine Ansprüche bleiben die gleichen. Diese Unwandelbarkeit, diese Unfähigkeit, durch die Mannigfaltigkeit der Dinge vielseitig bewegt zu werden, erhält dem Orientalen seine Ruhe. Weil ihm die Welt eine Sammlung von Wirklichkeiten ist und diese nur in ihrer nackten Gestalt als bloße Entgegengesetzte erscheinen, ohne eigene Seele und Geist, so muß er, um ihrer Dürftigkeit aufzuhelfen, notwendig durch fremden, erborgten Glanz zu ersetzen suchen, was ihnen an eigenem Gehalt abgeht. Der Orientale schmückt die Wirklichkeit immer mit Einbildungskraft aus. Er hüllt jedes Ding in Bilder ein. Auch diese Bilder sind zwar Bilder von Wirklichkeiten, und eine Armut scheint der anderen keinen Glanz erteilen zu können, aber sie werden durch ihre Verbindung poetisch. Die Vereinigung des Ungleichartigen erzeugt einen Schein von Leben, das in der Gleichheit der Verbundenen liegt. Das, worin man diese sich ähnlich kennt, kommt, weil das Verschiedene so ungleichartig ist, zu einem dunklen Bewußtsein, aber eine Gestalt des reinen Lebens können sie nicht wagen, hervortreten zu lassen. Die erhabene Pracht ihrer Bilder setzt in Erstaunen, der Sonnenglanz ihrer Gemälde ist blendend. Aber eben, weil man die Gewaltsamkeit in der Verbindung Ungleichartiger fühlt, staunt man; weil man an die Pracht dieses Objektiven keinen Anspruch machen kann, wird man geblendet; weil die Liebe nicht verbunden hat, so geht die Empfindung leer dabei aus, und die Kostbarkeiten, die Perlen des orientalischen Geistes sind nur wildschöne Ungeheuer. Wo aber die Objektivität des Lebens, abgestreift vom Mannigfaltigen, als Einheit hervortritt, da kann diese nur ein Begriff, ein Allgemeines sein, womit ihre Gemälde angefüllt sind. - Die Bestimmtheit des Charakters läßt keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere zu. Die Mannigfaltigkeit der Bestimmtheiten würde sich selbst zerschlagen. Was aber jenseits dieser Bestimmtheiten, zwar der Sache nach gleichartig mit ihr, allein von größerer und tieferer Kraft, das mußte als ein Unsichtbares, Höheres, wunderbar wirken. In der Art der Komposition der orientalischen dauernden oder ephemerischen Reiche, aus dem System des Gehorsams und der Subordination in solchen wilden Massen, zeigt sich deutlich die Macht, welche orientalische, also gleichartige, aber mit Stärke, Tiefe und Hartnäckigkeit verbundene Charaktere auf andere Orientalen ausüben, die blinde, fast zur Vernichtung gehende Passivität der letzteren gegen jene. Auch entspringt daraus die Wichtigkeit und darum die Sparsamkeit und der Ernst der Rede, der Äußerung eines unsichtbaren und an sich unerkennbaren Lebens. - Wie die Orientalen die nackte Wirklichkeit der anderen Dinge mit der Phantasie schmücken, so müssen sie, die ein so unvollständiges Bewußtsein ihrer selbst haben und in der Darstellung ihrer Natur keine befriedigende Einigkeit finden können, sich selbst mit fremden Zieraten so sehr überladen. Ihr Schmuck kann keine Bekleidung sein, die ihre Form und Schönheit von der menschlichen Gestalt und ihrem eignen, freien Spiel erhielte, sondern völlig fremde Dinge; dabei keine Naturganze, die man mehr aus Liebe an sich steckt und dabei mehr mit seiner eignen Empfindung sich schmückt, sondern von eignem Leben und einer vom Leben geformten Gestalt entblößte glänzende Dinge, Gold, etwa in geborgte Formen gekleidet, in Blumen vereinigte Zierate usw. - Bei den Orientalen war aus dem Natürlichen gerade die Natur ausgetrieben und erschien für sich selbst nur als Gemeines und Unterjochtes. Das weibliche Gemüt und die Liebe zu den Weibern allein war keine solche Leidenschaft, deren Genuß die Herrschaft war. Bei vielen morgenländischen Nationen ist es eine hohe Unehre, unter Vornehmen besonders, der Weiber, und was auf sie Bezug hat, zu erwähnen: entweder, weil hier auch die tapfersten sich nicht als Herren fühlten und damit an ihre Schwäche erinnert wurden; oder vielmehr, da keiner dieser Schwäche sich vor sich selbst schämte und nur die Erwähnung, die Aussprache alles dessen, was auf diese Seite der menschlichen Natur sich bezog, für Unehre hielt, weil sie das Weibliche als etwas ihrem übrigen Geist Fremdes, ihnen Überlegenes ehrten und sich scheuten, durch die Erwähnung es in die Klasse der übrigen Menge der gemeinen Dinge zu versetzen. Weil sie fühlen, daß das Verhältnis der Weiber nie dasjenige werden kann, was das Verhältnis aller anderen Dinge ist, Herrschaft oder Knechtschaft, und sie ihnen etwas sind, das sich nicht wie diese behandeln läßt und dessen sie sich [nicht] sicher werden können, so wissen sie keinen anderen Rat, als sie einzusperren! - Die Juden hatten jene Scheu nicht. Sie sprachen von den Geschlechtsverhältnissen frei und ohne Umstände, aber alles, was sich darauf bezieht, ist ihnen, wie alles, ein bloßes Wirkliches, vom Geist der Liebe undurchdrungen. Dieser regiert sie also auch nicht in Behandlung dieser Materie, und sie, die Behandlung, ist darum in ihren Gesetzen selbst und den Büchern, welche die Summe ihrer Bildung enthalten, so empörend, niederträchtig und schändlich; denn je heiliger und reiner das beseelende Wesen ist, desto abscheulicher ist es, die Organe desselben und seine Äußerungen als bloße Sachen darzustellen und zu behandeln. - Bei den Orientalen ist der Bart sehr heilig. Bei den Juden durfte auf das Haupt eines Nasiräers oder Gottgeweihten kein Schermesser kommen. Jedes siebente, vielleicht auch noch fünfzigste Jahr, die Gott geweiht waren, durfte kein Feld gebaut, keine Weinrebe beschnitten, keine Weinlese gehalten werden. An den freiwilligen Erzeugnissen der Erde sollten Knechte, Vieh, Wild frei Anteil nehmen können. Es ist sehr große Willkür, den Bart wachsen zu lassen. Er ist wohl, aber in einem sehr geringen Grade, ein Organ des Körpers, und in dieser Rücksicht ist Nägelabschneiden ebensosehr und die bei den Orientalen so gewöhnliche, bei den Juden gebotene Beschneidung wohl noch eine größere Verstümmelung. Die Beibehaltung des Barts kann also nicht als eine Achtung vor der Vollständigkeit der menschlichen Gestalt angesehen werden, welche Achtung ohnehin der Versteckung der Gestalt durch geschmacklose Kleidung und Überladung derselben durch glänzenden und vielfachen Schmuck schlechterdings widerspricht. Eine Willkür, die man sich als Gesetz auflegt, wird mit desto größerem Eigensinn behauptet, so wie die Aufopferung um so mehr Verdienst hat, je größer die Willkür ist, der man sich unterwirft. Aber warum legten sich die Orientalen gerade diese Willkür auf? Warum mit der Wichtigkeit, daß der Bart sogar etwas Heiliges ist? Da im orientalischen Geist aller Wert und Bestand in dem unendlichen Objekt ist, da er auf ein für sich Bestehendes, eigenes Leben in sich selbst Habendes nichts halten kann, so muß er von außen her durch glänzende Dinge, in denen kein Leben ist, sich herausputzen, sich doch auch zu etwas machen und so auch den Bart, der das Unwesentlichste an seiner organischen Ganzheit ist, sich am meisten zu erhalten suchen, das Gleichgültigste an ihm am meisten ehren.