75) Glauben ist die Art, wie das Vereinigte, wodurch eine Antinomie vereinigt ist, in unserer Vorstellung vorhanden ist. Die Vereinigung ist die Tätigkeit; diese Tätigkeit, reflektiert als Objekt, ist das Geglaubte. Um zu vereinigen, müssen die Glieder der Antinomie als widerstreitende, ihr Verhältnis zueinander als Antinomie gefühlt oder erkannt werden; aber das Widerstreitende kann als Widerstreitendes nur dadurch erkannt werden, daß schon vereinigt worden ist; die Vereinigung ist der Maßstab, an welchem die Vergleichung geschieht, an welchem die Entgegengesetzten, als solche, als Unbefriedigte erscheinen. Wenn nun gezeigt wird, daß die entgegengesetzten Beschränkten als solche nicht bestehen könnten, daß sie sich aufheben müßten, daß sie also, um möglich zu sein, eine Vereinigung voraussetzen (schon um zeigen zu können, daß sie Entgegengesetzte seien, wird die Vereinigung vorausgesetzt), so wird damit bewiesen, daß sie vereinigt werden müssen, daß die Vereinigung sein soll. Aber die Vereinigung selbst, daß sie ist, ist dadurch nicht bewiesen, sondern diese Art von Vorhandensein der Vorstellung von derselben wird geglaubt; und [sie] kann nicht bewiesen werden, denn die Entgegengesetzten sind die Abhängigen, die Vereinigung in Rücksicht auf sie [ist] das Unabhängige; und beweisen heißt die Abhängigkeit [aufzeigen]; das in Rücksicht auf diese Entgegengesetzten Unabhängige kann freilich wieder in anderer Rücksicht ein Abhängiges, Entgegengesetztes sein; und dann muß wieder zur neuen Vereinigung fortgeschritten werden, die jetzt wieder das Geglaubte ist.
Vereinigung und Sein sind gleichbedeutend; in jedem Satz drückt das Bindewort "ist" die Vereinigung des Subjekts und Prädikats aus - ein Sein; Sein kann nur geglaubt werden; Glauben setzt ein Sein voraus; es ist also widersprechend zu sagen, um glauben zu können, müsse man sich von dem Sein vorher überzeugen. Diese Unabhängigkeit, die Absolutheit des Seins ist es, woran man sich stößt; es soll wohl sein, aber dadurch, daß es ist, sei es deswegen nicht für uns; die Unabhängigkeit des Seins soll darin bestehen, daß es ist, es sei nun für uns oder nicht für uns, das Sein soll etwas schlechthin von uns Getrenntes sein können, in dem es nicht notwendig liege, daß wir mit ihm in Beziehung kommen; inwiefern kann etwas sein, von welchem es doch möglich wäre, daß wir es nicht glaubten? d. h. es ist etwas möglich, denkbar, das wir doch nicht glauben, d. h. das deswegen doch nicht notwendig ist - aus der Denkbarkeit folgt nicht das Sein; es ist zwar insofern als Gedachtes; aber ein Gedachtes ist ein Getrenntes, dem Denkenden entgegengesetzt; es ist kein Seiendes. Nur hierdurch kann ein Mißverstand entstehen, daß es verschiedene Arten von Vereinigungen, von Sein gibt und daß man also insofern sagen kann: es ist etwas, aber deswegen ist nicht notwendig, daß ich es glaube, - mit einer Art des Seins kommt ihm deswegen nicht eine andere Art des Seins zu; ferner ist Glauben nicht Sein, sondern ein reflektiertes Sein; auch insofern kann man sagen, daß das, was ist, deswegen doch nicht reflektiert [sein], nicht zum Bewußtsein kommen muß. Das, was ist, muß nicht geglaubt werden, aber was geglaubt wird, muß sein. Das Gedachte nun als ein Getrenntes muß Vereinigtes werden, und dann erst kann es geglaubt werden; der Gedanke ist eine Vereinigung und wird geglaubt; aber das Gedachte noch nicht.
Das Getrennte findet nur in einem Sein seine Vereinigung; denn ein verschiedenes Sein in einer Rücksicht setzte eine Natur, die auch nicht Natur wäre, also einen Widerspruch voraus; eine Vereinigung könnte in derselben Rücksicht auch nicht Vereinigung sein; ein positiver Glaube nun ist ein solcher, der statt der einzig möglichen Vereinigung eine andere aufstellt, an die Stelle des einzig möglichen Seins ein anderes Sein setzt; der also die Entgegengesetzten auf eine Art vereinigt, wodurch sie zwar vereinigt, aber unvollständig, d. h. nicht in der Rücksicht vereinigt sind, in der sie vereinigt sein sollen.
Alle Vereinigung soll in der positiven Religion etwas Gegebenes sein; was gegeben wird, das hat man noch nicht, ehe man es empfängt; und nach dem Empfangen soll etwas Gegebenes teils bleiben können; allein etwas Gegebenes ist insofern nicht ein anderes als ein Entgegengesetztes, und demnach wäre die Vereinigung etwas Entgegengesetztes, und zwar insofern es vereinigt ist, welches ein Widerspruch ist. Dieser Widerspruch entsteht aus einer Täuschung, indem unvollständigere Arten von Vereinigungen, die in anderer Rücksicht noch entgegengesetzt sind, ein unvollkommenes Sein für das in der Rücksicht, in der vereinigt werden soll, vollkommne Sein [genommen werden], und eine Art des Seins wird mit einer anderen Art verwechselt. Die verschiedenen Arten des Seins sind die vollständigeren oder unvollständigeren Vereinigungen. In jeder Vereinigung ist ein Bestimmen und ein Bestimmtwerden, die eins sind; in der positiven Religion aber soll das Bestimmende, auch insofern es bestimmt, bestimmt sein; seine Handlung soll nicht eine Tätigkeit sein, sondern ein Leiden; das Bestimmende, wodurch es leidet, ist aber auch ein Vereinigtes, in dieser Vereinigung konnte das Handelnde tätig gewesen sein; aber dies ist eine niedrigere Art von Vereinigung; denn in der Handlung, die aus positivem Glauben geschieht, ist dies Vereinigte selbst wieder ein Entgegengesetztes, das sein Entgegengesetztes bestimmt, und hier ist nur unvollständige Vereinigung, denn beide bleiben Entgegengesetzte, das eine ist das Bestimmende und das andere das Bestimmte; und das Bestimmende selbst ist als Tätiges, aber die Form der Tätigkeit ist durch ein anderes bestimmt; d. h. [sie soll] gegeben sein, das Tätige, insofern es tätig ist, soll ein Bestimmtes sein; das die Tätigkeit Bestimmende muß als ein Seiendes vorher vereinigt worden sein; soll auch in dieser Vereinigung das Bestimmende ein Bestimmtes gewesen sein, so war es bestimmt durch ein anderes usf., müßte der positiv Gläubige ein schlechterdings Passives, ein absolut Bestimmtes sein, welches widersprechend ist. - Alle positiven Religionen setzen daher eine mehr oder weniger enge Grenze, worein sie die Tätigkeit einschränken, sie geben gewisse Vereinigungen zu, z. B. Anschauung, sie gestehen den Menschen ein gewisses Sein zu, z. B. daß er ein Sehendes, Hörendes ist, [ein] Bewegendes, Tätiges, aber von einer leeren Tätigkeit; in jeder bestimmten Tätigkeit hat nicht das Tätige bestimmt, sondern ist als ein insofern Tätiges ein bestimmt Tätiges.
Das Bestimmende ist eine Macht, durch welche die Tätigkeit ihre Richtung, ihre Form erhält; auch wenn aus Zutrauen geglaubt und gehandelt wird - Zutrauen ist Identität der Person, des Willens, des Ideals bei Verschiedenheit der Zufälligkeit. Wenn ich da, wo ich nicht er bin und er nicht ich ist, ihm glaube und nach ihm handle, da werde ich bestimmt, er ist eine Macht gegen mich und ich verhalte mich positiv gegen ihn.
Der positive Glaube fordert Glauben an etwas, das nicht ist - das, was nicht ist, kann nur entweder werden oder gar nicht werden; dasjenige, das bestimmt ist, ist insofern kein Seiendes, und da an dasselbe geglaubt werden soll, so soll es doch ein Seiendes sein. Eine Macht wird gefühlt, man ist leidend gegen sie, und sie ist nicht in diesem Gefühl, sondern in der Trennung des Gefühls, in welchem das Leidende, das auf diese Art Objekt wird, dem Leiden Bewirkenden (das insofern Subjekt wird) entgegengesetzt wird.
Alle positive Religion geht von etwas Entgegengesetztem, einem, das wir nicht sind, aus, und das wir sein sollen; sie stellt ein Ideal vor seinem Sein auf; um an dasselbe glauben zu können, muß es eine Macht sein. In der positiven Religion ist das Seiende, die Vereinigung nur eine Vorstellung, ein Gedachtes - ich glaube, daß es ist, heißt, ich glaube an die Vorstellung, ich glaube, daß ich mir etwas vorstelle, ich glaube an etwas Geglaubtes (Kant, Gottheit); kant. Philosophie - positive Religion. (Gottheit heiliger Wille, Mensch absolute Negation; in der Vorstellung ist vereinigt, Vorstellungen sind vereinigt - Vorstellung ist ein Gedanke, aber das Gedachte ist kein Seiendes -)