[Liebe und Religion]

71) ... so wie sie mehrere Gattungen kennenlernen, die ihnen nicht feindlich sind, nehmen sie mehrere Götter in ihr Pantheon auf. Euer Gott sei auch unser Gott, d. h. laßt uns uns nicht mehr als Besondere, sondern als Vereinigte betrachten. - Ein Volk, das alle fremden Götter verschmäht, muß den Haß des ganzen menschlichen Geschlechts im Busen tragen.

Wo die Trennung zwischen dem Trieb und der Wirklichkeit so groß ist, daß wirklicher Schmerz entsteht, so setzt er als Grund dieses Leidens zwar eine unabhängige Tätigkeit und belebt sie, aber da die Vereinigung mit dem Schmerz unmöglich ist, indem er ein Leiden ist, so ist auch die Vereinigung mit jener Ursache des Leidens unmöglich, und er setzt sie sich als ein feindliches Wesen gegenüber; hätte er nie keine Gunst von ihm genossen, so würde er ihm eine feindliche Natur, die sich nicht ändert, zuschreiben; hat er schon Freude von ihm gehabt, hat er es schon geliebt, so muß er die feindliche Gesinnung nur als vorübergehend denken, und ist er sich irgendeiner Schuld bewußt, so erkennt er in seinem Schmerz die strafende Hand der Gottheit, mit der er vorhin freundlich lebte. Ist er aber seiner Reinheit sich bewußt und hat Kraft genug, diese völlige Trennung ertragen zu können, so stellt er sich einer unbekannten Macht, in der nichts Menschliches ist, dem Schicksal mächtig gegenüber, ohne sich zu unterwerfen oder sonst eine Vereinigung mit ihm zu treffen, die mit einem mächtigeren Wesen nur eine Knechtschaft sein könnte.

Wenn da, wo in der Natur ewige Trennung ist, wenn Unvereinbares vereinigt wird, da ist Positivität. Dieses Vereinigte, dieses Ideal ist also Objekt, und es ist etwas in ihm, was nicht Subjekt ist.

Das Ideal können wir nicht außer uns setzen, sonst wäre es ein Objekt, - nicht in uns allein, sonst wäre es kein Ideal.

Die Religion ist eins mit der Liebe. Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserem Wesen; wir sehen nur uns in ihm, und dann ist er doch wieder nicht wir - ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen.

"Der Eingeweihte (Platon, Phaidros [251 A]), der der ewigen Schönheit vollen Anblick einst genoß, wenn er ein gottähnliches Gesicht anschaut, das eine gute Nachbildung der Schönheit oder sonst einer unkörperlichen Idee ist, so erschrickt er anfangs, und einer der ehemaligen Schauer ergreift ihn; hernach sieht er näher zu und verehrt ihn wie einen Gott; und fürchtete er nicht den Ruf des Wahnsinns, so würde er dem Geliebten wie einer Bildsäule und einem Gotte opfern."