Frankfurt

1797-1800

[Entwürfe über Religion und Liebe]

(1797/98)

[Moralität, Liebe, Religion]

69) Positiv wird ein Glaube genannt, in dem das Praktische theoretisch vorhanden ist - das ursprünglich Subjektive nur als ein Objektives; eine Religion, die Vorstellungen von etwas Objektivem, das nicht subjektiv werden kann, als Prinzip des Lebens und der Handlungen aufstellt. Die praktische Tätigkeit handelt frei, ohne Vereinigung eines Entgegengesetzten, ohne durch dieses bestimmt zu werden - sie bringt nicht Einheit in ein gegebenes Mannigfaltiges, sondern ist die Einheit70) selbst, die sich nur rettet gegen das mannigfaltige Entgegengesetzte, das in Rücksicht auf das praktische Vermögen immer unverbunden bleibt; die praktische Einheit wird dadurch behauptet, daß das Entgegengesetzte ganz aufgehoben wird.

Alle moralischen Gebote sind Forderungen, diese Einheit zu behaupten gegen Triebe; jene sind nur verschieden, daß sie gegen verschiedene Triebe gerichtet sind - diese Einheit vorgestellt.

Was ist: Begriff von Moralität? Die moralischen Begriffe haben nicht in dem Sinne Objekte, in dem die theoretischen Begriffe Objekte haben. Das Objekt jener ist immer das Ich; das Objekt dieser das Nicht-Ich. - Das Objekt des moralischen Begriffs ist eine gewisse Bestimmung des Ich, die, um ein Begriff zu werden, um erkannt, um Objekt werden zu können, dem Ich anders bestimmt entgegengesetzt wird, als ein Akzidens des Ich betrachtet, von der Bestimmung des Ich, das jetzt erkennt, ausgeschlossen wird. - Begriff ist eine reflektierte Tätigkeit. Ein moralischer Begriff, der nicht auf diese Art entstanden [ist], ein Begriff ohne die Tätigkeit ist ein positiver Begriff; doch soll er zugleich praktisch werden; er ist nur etwas Erkanntes, ein Gegebenes, etwas Objektives und erhält seine Macht, seine Kraft, seine Wirksamkeit nur durch ein Achtung oder Furcht erweckendes Objekt, vor dem wir vergehen, dem wir unterliegen müßten, wenn nicht in jenen Begriffen uns der Weg zu jenem Objekt, zur Hoffnung der Verschonung eröffnet würde, dadurch Einigkeit möglich würde.

Der positive moralische Begriff ist fähig, den Charakter der Positivität zu verlieren, wenn die Tätigkeit, die er ausdrückt, selbst entwickelt wird und Kraft bekommt, - aber das, was man gewöhnlich positiv nennt, ist von der Beschaffenheit, daß es nicht eine reflektierte Tätigkeit unserer selbst ist, sondern etwas Objektives und diesen Charakter nie ablegen kann.

Das Moralische kann zwar auch objektiv werden, indem es vorgestellt und begriffen wird, aber das Bewußtsein ist immer damit verbunden oder kann sogleich hergestellt werden, daß wir selbst, unsere eigne freie Kraft und Tätigkeit das Objekt des Erkennens ist. Moralisches und Objektives im gewöhnlichen Sinn sind einander gerade entgegengesetzt.

Das unendliche Objekt, seine Handlungsweise sind auch fürs Erkenntnisvermögen positiv; Wunder, Offenbarungen, Erscheinungen.

In der Anschauung soll kein Ganzes gegeben sein, das Erkenntnisvermögen soll die Gesetze seines Wesens, zu einem Teil ein Ganzes sich einzubilden, aufgeben, ein Leiden kennen, und nicht die gleiche Quantität von Tätigkeit soll ihm in der Erscheinung gegeben sein, und die soll sich die Anschauung nie als ein solches Ganzes denken. Die Tätigkeit, die Ursache soll etwas Unbekanntes sein, das eine Glied des Wechsels kein Objekt, kein Nicht-Ich und auch kein Ich, nicht wie bei den Wirkungen von Menschen, wo ein Glied ein Ich ist.

Das Wesen des praktischen Ich besteht im Hinausgehen der idealen Tätigkeit über das Wirkliche und in der Forderung, daß die objektive Tätigkeit gleich sein soll der unendlichen. Der praktische Glaube ist Glaube an jenes Ideal; positiv ist nun der Glaube, wenn jenes Hinausgehen sowohl als die Forderung der Gleichheit gegeben ist - gegeben kann diese Forderung werden nur durch ein mächtiges und beherrschendes Objektiv (Autorität), das und dessen Handlungsweise von uns aber nicht kann begriffen werden; indem wir es begriffen, würde es von uns bestimmt - seine Wirkungsarten müssen für uns Wunder sein, die für uns unmöglich sind, d. h. sie setzen eine Tätigkeit voraus, die wir nicht für die Tätigkeit eines Ich erkennen, und dadurch unterscheiden sie sich von den Handlungen, die wir als Handlungen freier Wesen erkennen, daß es Handlungen eines Ich sind.

Bei dem moralischen Zweck, den wir der Vorsehung der Gottheit beilegen, reflektieren wir nicht auf ihr übriges uns unbekanntes Wesen, sondern hier urteilen wir, daß ihre Tätigkeit insofern die Tätigkeit eines Ich sei.