[Neufassung des Anfangs]65)

(1800)

Der Begriff der Positivität einer Religion ist erst in neueren Zeiten entstanden und wichtig geworden; eine positive Religion wird der natürlichen entgegengesetzt und damit vorausgesetzt, daß es nur eine natürliche gebe, weil die menschliche Natur nur eine ist, daß aber der positiven Religionen viele sein können. Schon aus dieser Entgegensetzung erhellt, daß eine positive Religion eine wider- oder übernatürliche wäre, welche Begriffe, Kenntnisse enthält, die für den Verstand und die Vernunft überschwenglich sind, Gefühle und Handlungen fordert, welche aus dem natürlichen Menschen nicht hervorgehen würden, sondern nur, was die Gefühle betrifft, durch Vorrichtungen gewaltsam hervorgetrieben [und], was die Handlungen betrifft, nur auf Befehl und aus Gehorsam, ohne eigenes Interesse getan werden.

Man sieht aus dieser allgemeinen Erklärung, daß, um eine Religion oder einen Teil derselben für positiv erklären zu können, der Begriff der menschlichen Natur und damit auch das Verhältnis derselben zur Gottheit bestimmt worden sein muß. In neueren Zeiten ist man nun mit diesem Begriff sehr beschäftigt gewesen, man glaubte mit dem Begriff der Bestimmung des Menschen so ziemlich im Reinen zu sein, um nun mit demselben als Maßstab an das Sichten der Religion selbst gehen zu können.

Es mußte ein langer, in Jahrhunderte sich ausdehnender Stufengang von Bildung dazu [durchlaufen sein], bis eine solche Periode kommen konnte, in welcher die Begriffe so abstrakt wurden, daß man sich überredete, die unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen der menschlichen Natur in die Einheit einiger allgemeiner Begriffe zusammengefaßt zu haben.

Diese einfachen Begriffe werden ihrer Allgemeinheit wegen zugleich zu notwendigen Begriffen und zu Charakteren der Menschheit; alle übrige Mannigfaltigkeit von Sitten, Gewohnheiten und Meinungen der Völker oder Einzelner wird dadurch, daß jene Charaktere fixiert sind, zu Zufälligkeiten, Vorurteilen und Irrtümern und damit die Religion, die zu dieser Mannigfaltigkeit paßte, eine positive Religion, weil die Beziehung derselben auf Zufälligkeiten selbst eine Zufälligkeit, aber als ein Teil der Religion zugleich heiliges Gebot ist.

Man hat es der christlichen Religion bald zum Vorwurf, bald zum Lobe gemacht, daß sie sich den verschiedensten Sitten und Charakteren und Verfassungen anpaßte. Die Verdorbenheit des römischen Staats war ihre Wiege; die christliche Religion wird herrschend, als dies Reich in seinem Sinken begriffen war, und man sieht nicht, daß sein Sturz durch dieselbe aufgehalten worden wäre; sie gewinnt im Gegenteil dadurch an Ausdehnung ihres Gebiets und erscheint zu gleicher Zeit als Religion der überverfeinerten, in den niederträchtigsten Lastern schwimmenden sklavischen Römer und Griechen und - der unwissendsten, wildesten, aber freiesten Barbaren. Sie war die Religion der italienischen Staaten in den schönsten Zeiten ihrer mutwilligen Freiheit im Mittelalter und der ernsteren freien Schweizerrepubliken, der in mannigfaltigen Stufen gemäßigten Monarchien des neueren Europas, sowie die Religion der niedergedrücktesten Leibeigenen und ihrer Herren; beide besuchen eine Kirche. Unter Vorangehung des Kreuzes haben die Spanier ganze Generationen in Amerika gemordet, die Engländer zur Verheerung Indiens christliche Danklieder gesungen. Aus ihrem Schoße sproßten die höchsten Blüten der bildenden Künste hervor, stiegen die hohen Gebäude von Wissenschaften empor, und ihr zu Ehren ist auch alle schöne Kunst verbannt, die Ausbildung der Wissenschaften zur Gottlosigkeit gerechnet worden. Unter allen Klimaten ist der Baum des Kreuzes gediehen, hat Wurzeln geschlagen und Früchte gebracht. Alle Freuden des Lebens haben Völker an sie geknüpft, und der unglücklichste Trübsinn hat in ihr seine Nahrung und Rechtfertigung gefunden.

Unendliche Modifikationen läßt der allgemeine Begriff der menschlichen Natur zu, und es ist nicht ein Notbehelf, sich auf die Erfahrung zu berufen, daß Modifikationen notwendig sind, daß die menschliche Natur niemals rein vorhanden war, sondern es läßt sich streng erweisen; es ist hinreichend, nur zu fixieren, was denn die reine menschliche Natur wäre. Dieser Ausdruck soll nichts in sich fassen als die Angemessenheit an den allgemeinen Begriff. Aber die lebendige Natur ist ewig ein anderes als der Begriff derselben, und damit wird dasjenige, was für den Begriff bloße Modifikation, reine Zufälligkeit, ein Überflüssiges war, zum Notwendigen, zum Lebendigen, vielleicht zum einzig Natürlichen und Schönen.

Damit erhält nun der anfangs aufgestellte Maßstab für die Positivität der Religion ein ganz anderes Aussehen. Der allgemeine Begriff der menschlichen Natur wird nicht mehr hinreichend sein; die Freiheit des Willens wird ein einseitiges Kriterium, denn die Sitten und Charaktere der Menschen und die damit zusammenhängende Religion hängen nicht von einer Bestimmung durch Begriffe ab; es müßte in jeder Form von Bildung das Bewußtsein einer höheren Macht und damit Vorstellungen vorkommen, welche für Verstand und Vernunft überschwenglich sind; es werden, wenn das gewöhnliche Leben der Menschen Gefühle, die in der Natur vorkommen müssen, nicht gibt, gewaltsame Anstalten notwendig, um jene Gefühle zu erzeugen, denen freilich von der Gewaltsamkeit immer etwas anklebt; ebenso werden Handlungen nur auf Befehl, aus blindem Gehorsam getan, welche die natürlichste Religion fordert, welche aber in Zeiten, worin alles unnatürlich geworden ist, ebenfalls wegfallen würden. Freilich ist nun die Religion positiv geworden, aber sie ist es auch nur geworden, sie war es ursprünglich nicht; die Religion muß nun positiv sein, weil es sonst gar keine geben würde. Sie ist nur als fremdes Erbstück vergangener Zeiten übrig, ihre Forderungen werden dann noch geachtet, und vielleicht desto höher geehrt und gefürchtet, je unbekannter ihr Wesen ist. Auch vor einem Unbekannten zu zittern, in seiner Handlungsweise seinem Willen zu entsagen und sich durchaus gegebenen Regeln wie eine Maschine zu unterwerfen, ohne allen Verstand durch Tun und Entsagen, Sprechen und Schweigen sich in kürzere oder lebenslängliche Dumpfheit eines Gefühls einzulullen, - alles dies kann natürlich sein, und eine Religion, welche jenen Geist atmete, würde deswegen keine positive sein - weil sie der Natur ihres Zeitalters angemessen wäre. Eine Natur, welche eine solche Religion erforderte, wäre freilich eine elende Natur; aber die Religion erfüllte ihren Endzweck, sie gäbe dieser Natur ein Höheres, wie sie es allein vertragen kann und worin sie Befriedigung findet. Erst wenn ein anderer Mut erwacht, wenn sie ein Selbstgefühl erhält und damit Freiheit für sich selbst fordert, nicht bloß in ihr übermächtiges Wesen sie setzt, dann kann ihr die bisherige Religion eine positive scheinen. Die allgemeinen Begriffe von der menschlichen Natur sind zu leer, als daß sie einen Maßstab für die besonderen und notwendig mannigfaltigeren Bedürfnisse der Religiosität abgeben könnten.

Man würde das Bisherige schlecht verstanden haben, wenn man darin eine Rechtfertigung aller Anmaßungen festgesetzter Religionen, alles Aberglaubens, alles kirchlichen Despotismus, aller durch falsche religiöse Anstalten erzeugten oder genährten Stumpfheit sehen wollte. Nein! der schwachsinnigste, härteste Aberglauben ist für ein seelenloses, menschliche Gestalt habendes Wesen nichts Positives, aber sowie Seele in ihm erwacht, und die Anforderung des Aberglaubens bliebe, so würde er positiv für den, der sonst ganz unbefangen unter ihm stand; für den Beurteiler aber ist er notwendig ein Positives, eben weil diesem als Beurteiler ein Ideal von Menschheit vorschweben muß. Ein Ideal der menschlichen Natur ist aber ganz etwas anderes als allgemeine Begriffe über die menschliche Bestimmung und über das Verhältnis des Menschen zu Gott. Das Ideal läßt sehr wohl Besonderheit, Bestimmtheit zu und fordert sogar eigentümliche religiöse Handlungen, Gefühle, Gebräuche, einen Überfluß, eine Menge von Überflüssigem, was vor dem Laternenlicht der allgemeinen Begriffe nur als Eis und Stein erscheint. Nur wenn das Überflüssige die Freiheit aufhebt, wird es positiv, d. h. wenn es Prätention gegen den Verstand und die Vernunft macht und deren notwendigen Gesetzen widerspricht. Die Allgemeinheit dieses Kriteriums muß dadurch beschränkt werden, daß Verstand und Vernunft nur dann Richter sein können, wenn an sie appelliert wird; was keinen Anspruch darauf macht, verständig oder vernünftig zu sein, gehört durchaus nicht in ihre Gerichtsbarkeit. Und hierin liegt ein Hauptpunkt, dessen Vernachlässigung so entgegengesetzte Urteile hervorbringt. Der Verstand und die Vernunft können alles vor ihren Richterstuhl fordern und machen leicht die Anmaßung, daß alles verständig, alles vernünftig sein solle, und somit entdecken sie freilich des Positiven genug, und das Schreien über Geistessklaverei, Gewissensdruck, Aberglauben hat gar kein Ende. Die unbefangensten Handlungen, die unschuldigsten Gefühle, die schönsten Darstellungen der Phantasie erfahren diese rauhe Behandlung. Die Wirkung ist aber auch diesem unpassenden Tun angemessen. Die verständigen Menschen glauben Wahrheit zu sprechen, wenn sie verständig zum Gefühl, zur Einbildungskraft, zu religiösen Bedürfnissen sprechen, und können nicht begreifen, wie ihrer Wahrheit widerstanden wird, warum sie tauben Ohren predigen; der Fehler ist, sie bieten Steine dem Kinde dar, das Brot fordert; wenn ein Haus gebaut werden soll, dann hat ihre Ware Brauchbarkeit. Aber ebenso, wenn das Brot auf Tauglichkeit zum Häuserbauen Anspruch machte, so würden sie mit Recht widersprechen.

In einer Religion können Handlungen, Personen, Erinnerungen für heilig gelten; die Vernunft erweist ihre Zufälligkeit; sie fordert, daß dasjenige, was heilig ist, ewig, unvergänglich sei. Damit hat sie aber nicht die Positivität jener religiösen Dinge erwiesen; denn der Mensch kann an das Zufällige und muß an ein Zufälliges Unvergänglichkeit und Heiligkeit knüpfen; in seinem Denken des Ewigen knüpft er das Ewige an die Zufälligkeit seines Denkens. Ein anderes ist es, wenn das Zufällige als solches, als dasjenige, was es für den Verstand ist, Ansprüche auf Unvergänglichkeit und Heiligkeit und auf Verehrung macht. Dann tritt das Recht der Vernunft ein, von Positivität zu sprechen.

Die Frage, ob eine Religion positiv sei, geht viel weniger den Inhalt ihrer Lehre und Gebote an als die Form, unter welcher sie die Wahrheit ihrer Lehre beglaubigt und die Ausübung ihrer Gebote fordert; es ist jede Lehre, jedes Gebot fähig, positiv zu werden, denn jedes kann auf eine gewaltsame Art mit Unterdrückung der Freiheit angekündigt werden, und es gibt keine Lehre, die nicht unter gewissen Umständen Wahrheit wäre, kein Gebot, das nicht unter gewissen Umständen Pflicht wäre, denn auch dasjenige, was allgemein als lauterste Wahrheit gelten mag, erfordert um seiner Allgemeinheit willen in den besonderen Umständen der Anwendung Einschränkung, d. h. hat nicht unter allen Umständen unbedingte Wahrheit. Die folgende Abhandlung hat deswegen nicht die Absicht zu untersuchen, ob es positive Lehren und Gebote in der christlichen Religion gebe; die Beantwortung dieser Frage nach allgemeinen Begriffen der menschlichen Natur und der Eigenschaften Gottes ist zu leer, das entsetzliche Geschwätze in diesem Tone ist durch seine endlose Ausdehnung und seine innere Leerheit zu langweilig geworden, hat zu sehr alles Interesse verloren, daß es vielleicht eher Bedürfnis der Zeit wäre, den Beweis des Gegenteils jener aufklärenden Anwendung allgemeiner Begriffe zu hören, versteht sich, daß der Beweis dieses Gegenteils nicht mit den Grundsätzen und der Methode geführt würde, welche der alten Dogmatik die Bildung ihrer Zeit darreichte, sondern aus dem, was wir jetzt als Bedürfnis der menschlichen Natur erkennen, jene nunmehr verworfene Dogmatik abzuleiten, ihre Natürlichkeit und Notwendigkeit aufzuzeigen. Ein solcher Versuch setzte den Glauben voraus, daß die Überzeugung vieler Jahrhunderte, das, was die Millionen, die in diesen Jahrhunderten darauf lebten und starben, für Pflicht und heilige Wahrheit hielten, - daß dies nicht barer Unsinn und gar Immoralität, wenigstens den Meinungen nach, gewesen ist. Wenn nach der beliebten Methode durch allgemeine Begriffe das ganze Gebäude der Dogmatik für ein in aufgeklärteren Zeiten unhaltbares Überbleibsel finsterer Jahrhunderte erklärt worden ist, so ist man doch so menschlich, hintennach die Frage zu tun, wie es denn erklärt werden könne, daß ein solches Gebäude, das der menschlichen Vernunft so zuwider und durch und durch Irrtum sei, habe aufgeführt werden können. Man läßt die Kirchengeschichte zeigen, wie auf einfache Wahrheiten, die zum Grunde lagen, nach und nach durch Leidenschaft und Unwissenheit ein solcher Haufen von Irrtümern aufgetragen worden sei, daß in dieser allmählichen, durch Jahrhunderte fortgesetzten Bestimmung der einzelnen Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mäßigung und Vernunft die heiligen Väter geleitet hat, daß schon bei der Annahme der christlichen Religion nicht bloß reine Liebe zur Wahrheit, sondern zum Teil sehr zusammengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten, unreine Leidenschaften und oft nur aus Aberglauben stammende Bedürfnisse des Geistes gewirkt haben, daß überhaupt äußere, der Religion fremde Umstände, eigennützige Absichten, Gewalt und List nach ihren Zwecken den Glauben der Nationen modelten. Allein diese Erklärungsart setzt eine tiefe Verachtung des Menschen, einen grellen Aberglauben an seinen Verstand voraus; und sie läßt die Hauptfrage unberührt, nämlich die Angemessenheit der Religion an die Natur zu zeigen, wie die Natur in verschiedenen Jahrhunderten modifiziert war, mit anderen Worten, man fragte nach der Wahrheit der Religion in Verbindung mit den Sitten und dem Charakter der Völker und Zeiten, und die Antwort ist, daß sie eitel Aberglaube, Betrug und Dummheit war. Am meisten wird auf die Sinnlichkeit geschoben, die muß alles verschuldet haben; man mag ihr aber noch soviel Herrschaft zuschreiben, so hört der Mensch damit nicht auf, ein vernünftiges Wesen zu sein, oder seine Natur hat immer notwendig höhere Bedürfnisse der Religiosität, und die Art, wie er sie befriedigt, d. h. das System seines Glaubens, seines Gottesdienstes, seiner Pflichten kann nicht lautere Dummheit gewesen sein, noch so unreine Dummheit, die aller Immoralität Raum ließ.

Indem es als Zweck dieser Abhandlung angegeben wird, daß er nicht der sei, zu untersuchen, ob das Christentum Lehren in sich habe, welche positiv sind, sondern ob es überhaupt eine positive Religion ist, so können diese zwei Ansichten insofern in eine fallen, als selbst die Behauptung, die christliche Religion sei positiv oder nicht, mit allen daraus fließenden Folgen in die Religionslehre selbst hineinkommen könnte und also wirklich die Positivität einer einzelnen Lehre untersucht würde. Es kann freilich jede Ansicht des Ganzen selbst wieder isoliert und neben das übrige gestellt, also zu einem Teil gemacht werden; allein der Inhalt dieser Ansicht wird immer das Ganze betreffen. Ferner betrifft, wie oben erinnert worden, die Frage nach der Positivität nicht sowohl den Inhalt als die Art, wie die Religion etwas durchaus Gegebenes sein oder als ein Freies gegeben und frei empfangen werden soll.

Außerdem schließt diese Abhandlung die unendlich verschiedenen Formen aus, welche die christliche Religion in den verschiedenen Zeitaltern und unter verschiedenen Völkern gehabt hat; ebenso dasjenige, was in unseren Zeiten für christliche Religion gelten könnte; nichts ist vieldeutiger als dieser Begriff, sowohl was das Wesen derselben betrifft als ihre einzelnen Lehren und deren Verhältnis zum Ganzen und Wichtigkeit. Sondern was diese Abhandlung sich zum Zwecke macht, ist, in der unmittelbaren Entstehung des christlichen Glaubens, in der Art, wie sie aus Jesu Mund und Leben entsprang, nachzuforschen, ob darin Umstände vorkommen, welche eine unmittelbare Veranlassung zur Positivität geben konnten, dazu, daß Zufälligkeiten, als solche, für Ewiges genommen wurden, daß die christliche Religion überhaupt auf einer solchen Zufälligkeit gegründet wäre, eine Behauptung, welche von der Vernunft verworfen und von der Freiheit zurückgestoßen würde.

Die Zufälligkeit, aus welcher eine Notwendigkeit hervorgehen sollte, das Vergängliche, worauf sich in den Menschen das Bewußtsein eines Ewigen, das Verhältnis zu ihm in Empfinden, Denken und Handeln gründen sollte, dies Vergängliche heißt im Allgemeinen Autorität.

Daß die christliche Religion sich auf Autorität gründe, darin stimmen zwei Parteien überein; sie berufe sich zwar auf das natürliche Gefühl oder Sehnen des Menschen zum Guten und setze freilich das Aufsehen des Menschen zu Gott voraus, aber um den Glauben sich geben zu können, daß man das Wohlgefallen Gottes erworben habe, dazu verlange Jesus nicht bloß einen reinen und freien Gehorsam gegen den unendlichen Gott, wie die rein religiöse Seele ihn von sich fordern wird, sondern auch einen Gehorsam gegen bestimmte Vorschriften und Gebote befohlener Handlungen, Gefühle, Überzeugungen. Die zwei Parteien, die diese Meinung haben, unterscheiden sich darin voneinander, daß die eine dies Positive an einer reinen Religion für außerwesentlich, ja für verwerflich hält und wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer freien und Tugendreligion nicht zugestehen will; die andere Partei hingegen setzt den Vorzug derselben gerade in dieses Positive, erklärt dies für das wahre Heilige und will alle Sittlichkeit darauf gebaut haben. Die Frage nach der unmittelbaren Veranlassung, daß die Religion Jesu positiv geworden sei, kann die letztere Partei gar nicht machen, da sie behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen, für alle seine Lehren, für die Gesetze der Tugend, für das Verhältnis Gottes zum Menschen habe Jesus nur auf seine Autorität und die Behauptung derselben durch Wunder usw. Glauben gefordert, und diese Partei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan [II, 1] von den Christen sagt: "Was noch von ihrem Stifter her / Mit Menschlichkeit den - [Aber]glauben würzt, / Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: / Weils Christus lehrt, weils Christus hat getan." - Die Möglichkeit einer positiven Religion überhaupt erklärt diese Partei dadurch, daß in der menschlichen Natur sich Bedürfnisse finden, die sie selbst nicht befriedigen könne, und zwar seien ihre höchsten Bedürfnisse von dieser Art; die Widersprüche, die hieraus in ihr entstehen, können von ihr selbst nicht gelöst werden, und die Lösung derselben müsse etwas Fremdes aus Barmherzigkeit verrichten.

Nicht nur die religiösen Belehrungen und Gebote, sondern alle Tugendgesetze, die Jesus gab, gleichfalls für etwas Positives auszugeben, ihre Gültigkeit und die Möglichkeit, eine Erkenntnis davon zu erlangen, nur darin, daß Jesus sie geboten habe, zu finden, zeugt zwar von einer demütigen Bescheidenheit und einer Resignation, welche auf alles eigene Gute, Edle und Große in der menschlichen Natur Verzicht tut, aber wenn sie sich nur selbst verstehen will, so muß sie doch wenigstens voraussetzen, daß der Mensch ein natürliches Gefühl oder Bewußtsein einer übersinnlichen Welt und der Verpflichtung gegen Göttliches habe; entspräche einer von außen her kommenden Aufforderung zu Tugend und Religion in unserem Herzen schlechterdings nichts, wären es nicht eigene Saiten der Natur, die dadurch in uns angeschlagen werden, so würde das Unternehmen Jesu, die Menschen zu einer besseren Religion und zur Tugend zu begeistern, von gleicher Beschaffenheit und gleichem Erfolge gewesen sein als der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den Fischen zu predigen, welcher sich darauf hätte verlassen können, daß das, was weder seine Predigt noch die Natur der Fische vermochte, durch ein völlig außer ihnen Vorhandenes, einen Beistand von oben in ihnen gewirkt werden könne.

Diese Ansicht des Verhältnisses der christlichen Religion zum Menschen ist nicht geradezu für sich selbst positiv zu nennen, sie beruht auf der gewiß schönen Voraussetzung, daß alles Höhere, alles Edle und Gute des Menschen etwas Göttliches ist, von Gott kommt, sein Geist ist, der von ihm ausgeht. Aber dann wird diese Ansicht zum grellen Positiven, wenn die menschliche Natur absolut geschieden wird von dem Göttlichen, wenn keine Vermittlung derselben - außer nur in einem Individuum - zugelassen, sondern alles menschliche Bewußtsein des Guten und Göttlichen nur zur Dumpfheit und Vernichtung eines Glaubens an ein durchaus Fremdes und Übermächtiges herabgewürdigt wird. Man sieht, die Untersuchung hierüber würde, wenn sie durch Begriffe gründlich geführt werden sollte, am Ende in eine metaphysische Betrachtung des Verhältnisses des Endlichen zum Unendlichen übergehen; dies ist aber nicht die Absicht dieser Abhandlung; sie legt die Notwendigkeit zum Grunde, daß in der menschlichen Natur selbst das Bedürfnis [liegt], ein höheres Wesen, als das menschliche Tun in unserem Bewußtsein ist, anzuerkennen, die Anschauung der Vollkommenheit desselben zum belebenden Geiste des Lebens zu machen, auch dieser Anschauung unmittelbar, ohne Verbindung mit sonstigen Zwecken, Zeit, Anstalten und Gefühle zu widmen. Dies allgemeine Bedürfnis einer Religion schließt noch viele einzelne Bedürfnisse in sich; inwieweit die Befriedigung derselben der Natur angehöre, inwieweit die Lösung der Widersprüche, in welche die Natur mit sich gerät, durch sie selbst aufgelöst werden könne, ob die christliche Religion die einzig mögliche Lösung derselben enthalte und ob diese Lösung durchaus außerhalb der Natur liege, ob der Mensch sie nur durch Passivität des Glaubens ergreifen könne, - diese Fragen, die Erforschung ihres wahren Sinns und ihre Entwicklung findet vielleicht sonstwo Platz. Wenn die durch die christliche Religion angegebene Lösung jener Aufgaben des menschlichen Herzens oder, wenn man will, der praktischen Vernunft nur obenhin, der äußeren Erscheinung nach, nämlich als bestimmtes Tun, bestimmte Lehre, von der Vernunft für Zufälligkeit erkannt wird, so ist im allgemeinen zu bemerken, daß nicht vergessen werden darf, daß das Zufällige nur eine Seite dessen ist, was für heilig gilt. Wenn eine Religion an ein Vergängliches ein Ewiges geknüpft hat und die Vernunft nur das Vergängliche fixiert und nun über Aberglauben schreit, so ist es ihre Schuld, oberflächlich zu Werke gegangen zu sein und das Ewige übersehen zu haben. In der folgenden Abhandlung werden nicht Lehren oder Gebote der christlichen Religion an diesen Maßstab allgemeiner Begriffe gehalten und nach ihnen abgeurteilt werden, ob sie in diesen Begriffen liegen oder ihnen widersprechen oder wenigstens etwas Überflüssiges und damit Unvernünftiges und Unnötiges wären; solche Zufälligkeiten, die dadurch, daß etwas Ewiges mit ihnen verknüpft ist, ihren Charakter der Zufälligkeit verlieren, haben deswegen notwendig zwei Seiten, und die Absonderung dieser zwei Seiten ist Trennung durch Vernunft; in der Religion selbst sind sie nicht getrennt, auf die Religion selbst oder besser: auf das Religiöse würden sich allgemeine Begriffe gar nicht anwenden lassen, weil es selbst kein Begriff ist. Von solchen nur von der Reflexion erst gemachten Zufälligkeiten wird hier nicht die Rede sein; sondern von solchen, die als Gegenstand der Religion selbst als Zufälligkeiten bestehen sollen, die als etwas Vergängliches eine hohe Bedeutung, als etwas Beschränktes Heiligkeit haben und der Verehrung würdig sein sollen; und zwar beschränkt sich die Untersuchung darauf, ob solche Zufälligkeiten schon in der unmittelbaren Stiftung der christlichen Religion, in den Lehren, Handlungen, Schicksalen Jesu selbst vorkämen, ob in der Form seiner Reden, in seinem Verhältnisse gegen andere Menschen, seine Freunde oder Feinde solche Zufälligkeiten erscheinen, die für sich oder durch die Umstände eine ursprünglich in ihnen nicht liegende Wichtigkeit erhielten, mit anderen Worten, ob in der unmittelbaren Entstehung der christlichen Religion Veranlassungen lagen, daß sie positiv wurde.

 

Das jüdische Volk, das schlechterdings alle es umgebenden Völker verabscheute und verachtete, wollte für sich, hocherhaben, allein in seiner Art, seinen Sitten, seinem Dünkel beharren; jede Gleichstellung, Vereinigung durch Sitten mit anderen war ihm eine greuelhafte Abscheulichkeit, und doch stand es durch die Lage seines kleinen Landes, durch Handelsverbindungen, durch die Vereinigung der Völker, welche die Römer stifteten, in mannigfaltigen Beziehungen mit anderen; dem Drange der Völker, sich zu vereinigen, mußte die jüdische Sucht, sich zu isolieren, unterliegen, und nach Kämpfen, die um so entsetzlicher waren, je eigner dies Volk war, war sie auch unterlegen und durch die Unterwerfung des Staats unter eine fremde Gewalt tief gekränkt und erbittert worden. Um so hartnäckiger hielt dies Volk fernerhin auf seine statutarischen Gebote der Religion; es leitete seine Gesetzgebung unmittelbar von einem ausschließlichen Gott ab; in seiner Religion war die Ausübung einer unzähligen Menge sinn- und bedeutungsloser Handlungen wesentlich, und der pedantisch sklavische Geist der Nation hatte noch den gleichgültigsten Handlungen des täglichen Lebens eine Regel vorgeschrieben und der ganzen Nation das Ansehen eines Mönchsordens gegeben - der Dienst Gottes und der Tugend war ein zwangsvolles Leben unter toten Formularen, dem Geist blieb nichts als der hartnäckige Stolz auf diesen Gehorsam der Sklaven gegen sich nicht selbst gegebene Gesetze übrig. Diese Hartnäckigkeit konnte aber den immer beschleunigten Fall ihres schweren Schicksals, an das sich von Tag zu Tag mehr Gewichte anhängten, nicht aufhalten. Das Ganze war einmal und auf ewig zerrissen. Ihre Raserei der Absonderung hatte der politischen Abhängigkeit und der Einwirkung der Verbindung mit Fremden nicht widerstehen können. Dieser Zustand der jüdischen Nation mußte in Menschen von besserem Stoff, die ihr Selbstgefühl nicht verleugnen und sich nicht zu toten Maschinen und zugleich zur Wut des Knechtssinns herunterbeugen konnten, das Bedürfnis einer freieren Tätigkeit und reineren Selbständigkeit, als mit mönchischer Geschäftigkeit eines geist- und wesenlosen Mechanismus kleinlicher Gebräuche ein Dasein ohne Selbstbewußtsein zu leben, das Bedürfnis eines edleren Genusses, als in diesem Sklavenhandwerk sich groß zu dünken und für dasselbe zu rasen, erwecken. Die Natur empörte sich gegen diesen Zustand und trieb die mannigfaltigsten Reaktionen hervor, wie [die] Entstehung vieler Räuberbanden, vieler Messiasse, das strenger und mönchischer gemachte Judentum der Pharisäer, die Verbindung von Freiheit und Politik mit demselben in dem Sadduzäismus, das brüderliche, von den Leidenschaften und Sorgen ihres Volks freie Eremitenleben der Essener, die Aufhellung des Judentums durch schönere Blüten der tieferen menschlichen Natur im Platonismus, endlich das Erheben und offene Predigen des Johannes an alles Volk - und zuletzt die Erscheinung des Jesus, der das Übel seines Volks an der Wurzel angriff, nämlich an seiner hochmütigen und feindseligen Aussonderung von allen Nationen, es also zum Gott aller Menschen, zu allgemeiner Menschenliebe, zur Entsagung des lieb- und geistlosen Mechanismus ihres Gottesdienstes führen wollte, dessen neue Lehre eben deswegen mehr noch zur Religion der Welt als seines Volkes wurde - ein Beweis, wie tief er die Bedürfnisse seines Zeitalters aufgegriffen hatte und wie die Juden in rettungslose Abwesenheit des Guten und Wut der Geistesknechtschaft versunken waren.

Wie die Bildung des Jesus gereift ist, über diese interessante Frage sind gar keine Nachrichten auf uns gekommen; in seinem männlichen Alter erst tritt er auf, frei von jüdischem Sinn, frei von der eingeschränkten Trägheit, die an die gemeinen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens ihre einzige Tätigkeit verwendet, wie von Ehrgeiz und anderen Leidenschaften, deren Befriedigungen ihn genötigt haben würden, in den Vertrag der Vorurteile und der Laster einzutreten. Seine ganze Manier hat das Ansehen, daß er zwar unter seinem Volke erzogen, aber fern von ihm - und wohl länger als vierzig Tage - von dem Enthusiasmus des Reformators beseelt wurde; zugleich aber trägt seine Art zu handeln und zu sprechen keine Spuren irgendeiner damals vorhandenen Bildung eines anderen Volkes oder Religion an sich. Er tritt auf einmal jugendlich mit aller freudigen Hoffnung und zweifellosen Zuversicht des Erfolgs auf; der Widerstand, der ihm von den eingewurzelten Vorurteilen seines Volkes kommt, scheint ihm unerwartet; den ertöteten Geist freier Religiosität, die hartnäckige Raserei des Knechtssinns seiner Nation schien er vergessen zu haben. Durch einfaches Reden, durch Predigen im Herumziehen an eine große Menge gedenkt er seinem verstockten Volk das Herz umzukehren; er hält die zwölf Freunde, die noch nicht lange mit ihm bekannt sind, für fähig, diese Wirkung hervorzubringen; er hält seine Nation für reif, durch so ein Ausschicken von so unreifen Menschen, die [sich] in der Folge noch so viele Blößen geben und die wohl nur erst die Worte des Jesus nachsprechen konnten, aufgeregt und verändert zu werden. Erst durch die bittere Erfahrung der Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen verlöscht das jugendlich Unbefangene, und er spricht mit bitterer Heftigkeit, mit einem von feindseligem Widerstande gereizten Gemüt.

Was die Juden von der Zukunft hofften, die Vollkommenheit der Theokratie, ein Reich Gottes, davon sagte Jesus ihnen: es ist gekommen, es ist vorhanden; durch den Glauben daran wird es wirklich und jeder ein Bürger desselben. Mit dem Bauernhochmut der Juden war notwendig das Gefühl ihrer Nichtigkeit verbunden, das sie durch die Sklaverei unter ihren Gesetzen sich ewig geben mußten. Daß sie, daß der Sohn eines Zimmermanns Glieder des Reiches Gottes in ihrer elenden Wirklichkeit zu sein fähig wären, dies zu glauben, ihnen dies Selbstgefühl zu geben, war die einzige und freilich schwere Aufgabe; die Freiheit von dem Joch des Gesetzes [war] der negative Charakter jenes Glaubens. Jesus greift daher überall den toten Mechanismus ihres religiösen Lebens an; das jüdische Gesetz hatte sich so verdorben, daß auch für das Vortreffliche desselben eine Menge Ausflüchte, es zu umgehen, erfunden waren. Jesus vermochte freilich wenig gegen die vereinigte Macht eines eingewurzelten Nationalstolzes, der in die ganze Konstitution verflochtenen Heuchelei und Scheinheiligkeit und die darauf sich gründende Herrschaft der Volksführer. Jesus hatte den Kummer zu sehen, daß sein Eifer, Freiheit und Moralität in die Religiosität seiner Nation zu bringen, gänzlich scheiterte, daß selbst seine Bemühungen, wenigstens in einigen Männern bessere Hoffnungen und einen besseren Glauben anzuzünden, durch vertrauteren Umgang sie für sich selbst und zur Unterstützung seiner Bemühungen auszubilden, eine sehr zweideutige und unvollständige Wirkung gehabt hatten (Matth. 20, 20, ein Vorfall, der sich nach einem Umgang des Johannes und Jakobus mit Jesus von einigen Jahren zutrug; - Judas. Selbst in den letzten Augenblicken seines Aufenthalts auf Erden, einige Augenblicke vor seiner sogenannten Himmelfahrt, zeigten sie noch die jüdische Hoffnung in ihrer ganzen Größe, daß er der Israeliten Staat wieder herstellen werde, Acta [Apg.] 1, 6). Jesus selbst wurde ein Opfer des gegen ihn ausbrechenden Hasses der Priesterschaft und der gekränkten Nationaleitelkeit seines Volkes.

Es ist sehr natürlich zu erwarten, daß die neue Lehre des Jesus, von Judenköpfen aufgenommen, so frei sie für sich und mehr nur polemisch war, in etwas Positives verwandelt werden mußte, daß sie sich daraus, es mochte kommen wie es wollte, etwas, dem sie knechtisch dienen könnten, schaffen würden. Die Religion, die Jesus in sich trug, sieht man, war rein vom Geiste seines Volks; was in seinen Äußerungen vorkommt, das nach Aberglauben schmeckt, z. B. die Herrschaft der Dämonen über die Menschen, ist von einem Teile als entsetzlich unsinnig ausgeschrien [worden], von anderen hat es sollen durch die Begriffe von Akkommodation, Zeitideen u. dgl. gutgemacht werden; was über dergleichen von uns für Aberglauben Anzusehendes gesagt werden muß, ist, daß es nicht zur Religion gehört. Sonst war Jesu Seele frei, unabhängig von Zufälligkeiten, [war] Liebe Gottes und des Nächsten, heilig zu sein, wie Gott es ist, das einzige Notwendige. Diese religiöse Reinheit ist an einem Juden gewiß höchst bewunderungswürdig; seine Nachfolger hingegen sehen wir freilich jüdischen Zufälligkeiten entsagen, aber nicht vom Geist der Abhängigkeit von dergleichen überhaupt gereinigt; sie schaffen sich aus den Reden, aus dem, was Jesus für seine Person widerfahren ist, bald Regeln, Pflichtgebote, und freie Nachahmung ihres Lehrers geht in knechtischen Dienst gegen den Meister über.

Was ist nun das Zufällige, das in der Handlungs- und Sprechart des Jesus vorkommt und fähig war, für sich als Zufälliges, für ein Heiliges genommen und so verehrt zu werden?

Da unsere Absicht nicht ist, zu untersuchen, wie diese oder jene positive Lehre in das Christentum gekommen ist oder welche Veränderungen mit ihr nach und nach vorgegangen sind etc.