Es ist eine der angenehmsten Empfindungen der Christen, ihr Glück und ihre Wissenschaft mit dem Unglück und der Finsternis der Heiden in Vergleichung zu setzen, und einer der Gemeinplätze, wohin die geistlichen Hirten ihre Schafe auf die Weide der Selbstzufriedenheit und der stolzen Demut am liebsten führen, ihnen dies Glück recht lebhaft vor die Augen zu stellen, wobei dann die blinden Heiden gewöhnlich sehr übel wegkommen. Besonders werden sie wegen der Trostlosigkeit ihrer Religion, die ihnen keine Vergebung der Sünden verheißt, besonders sie ohne den Glauben an eine Vorsehung läßt, welche ihre Schicksale nach weisen und wohltätigen Zwecken leite, [bedauert]. Wir können aber bald gewahr werden, daß wir unser Mitleiden sparen dürfen, indem wir bei den Griechen nicht diejenigen Bedürfnisse antreffen, die unsere jetzige praktische Vernunft hat, - der man überhaupt wirklich sehr viel aufzubürden weiß.
Die Verdrängung der heidnischen Religion durch die christliche ist eine von den wunderbaren Revolutionen, deren Ursachen aufzusuchen den denkenden Geschichtsforscher beschäftigen muß. Den großen, in die Augen fallenden Revolutionen muß vorher eine stille, geheime Revolution in dem Geiste des Zeitalters vorausgegangen sein, die nicht jedem Auge sichtbar, am wenigsten für die Zeitgenossen beobachtbar und ebenso schwer mit Worten darzustellen als aufzufassen ist. Die Unbekanntschaft mit diesen Revolutionen in der Geisterwelt macht dann das Resultat anstaunen; eine Revolution von der Art wie die, daß eine einheimische, uralte Religion von einer fremden verdrängt wird, eine solche Revolution, die sich unmittelbar im Geisterreiche zuträgt, muß um so unmittelbarer in dem Geiste der Zeit selbst ihre Ursachen finden.
Wie konnte eine Religion verdrängt werden, die seit Jahrhunderten sich in den Staaten festgesetzt hatte, die mit der Staatsverfassung aufs innigste zusammenhing, wie konnte der Glaube an Götter aufhören, denen die Städte und Reiche ihre Entstehung zuschrieben, denen die Völker alle Tage Opfer brachten, deren Segen sie zu allen Geschäften anriefen, unter deren Panier die Armeen allein siegreich gewesen waren, denen sie für ihre Siege gedankt hatten, denen die Fröhlichkeit ihre Lieder sowie der Ernst seine Gebete weihte, deren Tempel, deren Altäre, Reichtümer und Statuen der Stolz der Völker, der Ruhm der Künste war, deren Verehrung und Feste nur Veranlassungen zur allgemeinen Freude waren, - wie konnte der Glaube an die Götter, der mit tausend Fäden in das Gewebe des menschlichen Lebens verschlungen war, aus diesem Zusammenhange losgerissen werden? Einer körperlichen Gewohnheit kann der Wille des Geistes und andere körperliche Kräfte, einer Gewohnheit einer einzelnen Seelenkraft [können] außer dem festen Willen andere Seelenkräfte entgegengesetzt werden; aber einer Gewohnheit der Seele, die nicht isoliert [ist], wie jetzt häufig die Religion ist, sondern die alle Seiten menschlicher Kräfte durchschlingt und mit der selbsttätigsten Kraft selbst aufs innigste verwebt ist, - wie stark muß das Gegengewicht sein, das jene Macht überwinde?
Die Bekanntschaft mit dem Christentum hatte die negative Wirkung, daß die Völker auf das Dürftige und Trostlose ihrer Religion aufmerksam gemacht wurden, daß ihr Verstand das Ungereimte und Lächerliche der Fabeln ihrer Mythologie einsah und sich damit nicht mehr befriedigte, - die positive Wirkung, daß sie das Christentum, diese Religion, die, allen Bedürfnissen des menschlichen Geistes und Herzens so angemessen, alle Fragen der menschlichen Vernunft so befriedigend beantwortet, die außerdem ihren göttlichen Ursprung noch durch Wunder beglaubigte, annahmen. Dies ist die gewöhnliche Antwort auf jene Frage, und die Ausdrücke: Aufklärung des Verstandes und neue Einsicht u. dgl., die man dabei gebraucht, sind uns so geläufig, daß wir große Dinge dabei zu denken und alles damit erklärt zu haben vermeinen, - und wir stellen uns jene Operation so leicht und die Wirkung so natürlich vor, da es uns ja so leicht ist, einem jeden Kinde begreiflich zu machen, wie ungereimt es ist, zu glauben, daß da oben im Himmel ein solches Rudel von Göttern, als die Heiden glaubten, herumrumorten, essen und trinken, sich herumbalgen und noch andere Dinge treiben, deren sich bei uns jeder gesittete Mensch schämt.
Wer aber nur die einfältige Bemerkung gemacht hat, daß jene Heiden doch auch Verstand hatten, daß sie außerdem in allem, was groß, schön, edel und frei ist, noch so sehr unsere Muster sind, daß wir uns über diese Menschen als ein uns fremdes Geschlecht nur verwundern können, - wer es weiß, daß die Religion, besonders eine Phantasiereligion, nicht durch kalte Schlüsse, die man sich da in der Studierstube vorrechnet, aus dem Herzen, am wenigsten aus dem Herzen und dem ganzen Leben des Volks gerissen wird, - wer es ferner weiß, daß bei der Verbreitung der christlichen Religion eher alles andere als Vernunft und Verstand sind angewendet worden, - wer, statt durch die Wunder den Eingang des Christentums erklärbar zu finden, eher sich die Frage schon aufgeworfen hat: wie muß das Zeitalter beschaffen gewesen sein, daß Wunder, und zwar solche Wunder, als uns die Geschichte erzählt, in demselben möglich wurden -: wer diese Bemerkungen schon gemacht hat, wird die oben aufgeworfene Frage durch jene Antwort noch nicht befriedigt finden.
Das freie Rom, das eine Menge von Staaten, die - in Asien früher, gegen Abend später - ihre Freiheit verloren hatten, sich unterworfen und einige wenige noch freie zerstört hatte - denn diese hätten sich nicht unterjochen lassen -, der Siegerin der Welt blieb allein die Ehre, wenigstens die letzte zu sein, die ihre Freiheit verlor. Die griechische und römische Religion war nur eine Religion für freie Völker, und mit dem Verlust der Freiheit muß auch der Sinn, die Kraft derselben, ihre Angemessenheit für die Menschen verlorengehen. Was sollen einer Armee Kanonen, die ihre Ammunition verschossen hat? Sie muß andere Waffen suchen. Was sollen dem Fischer Netze, wenn der Strom vertrocknet ist?
Als freie Menschen gehorchten sie Gesetzen, die sie sich selbst gegeben, gehorchten sie Menschen, die sie selbst zu ihren Oberen gesetzt, führten sie Kriege, die sie selbst beschlossen [hatten], gaben ihr Eigentum, ihre Leidenschaften hin, opferten sie tausend Leben für eine Sache, welche die ihrige war, - lehrten und lernten nicht, aber übten Tugendmaximen durch Handlungen aus, die sie ganz ihr eigen nennen konnten; im öffentlichen wie im Privat- und häuslichen Leben war jeder ein freier Mann, jeder lebte nach eigenen Gesetzen. Die Idee seines Vaterlandes, seines Staates war das Unsichtbare, das Höhere, wofür er arbeitete, das ihn trieb, dies [war] sein Endzweck der Welt, oder der Endzweck seiner Welt, - den er in der Wirklichkeit dargestellt fand oder selbst darzustellen und zu erhalten mithalf. Vor dieser Idee verschwand seine Individualität, er verlangte nur für jene Erhaltung, Leben und Fortdauer und konnte dies selbst realisieren; für sein Individuum Fortdauer oder ewiges Leben zu verlangen oder zu erbetteln, konnte ihm nicht oder nur [selten] einfallen, er konnte nur in tatenlosen, in trägen Augenblicken einen Wunsch, der bloß ihn betraf, etwas stärker empfinden. Cato wandte sich erst zu Platons Phaidon, als das, was ihm bisher die höchste Ordnung der Dinge war, seine Welt, seine Republik zerstört war; dann flüchtete er sich zu einer noch höheren Ordnung.
Ihre Götter herrschten im Reiche der Natur, über alles, wodurch Menschen leiden oder glücklich sein können. Hohe Leidenschaften waren ihr Werk, sowie große Gaben der Weisheit, der Rede und des Rats ihr Geschenk. Sie wurden um Rat gefragt wegen glücklichen oder unglücklichen Erfolgs einer Unternehmung und um ihren Segen gefleht, ihnen wurde für ihre Gaben jeder Art gedankt. Diesen Herrschern der Natur, dieser Macht selbst konnte der Mensch sich selbst, seine Freiheit entgegensetzen, wenn er mit ihnen in Kollision kam. Ihr [sc. der Menschen] Wille war frei, gehorchte seinen eigenen Gesetzen, sie kannten keine göttlichen Gebote, oder wenn sie das Moralgesetz ein göttliches Gebot nannten, so war es ihnen nirgend, in keinem Buchstaben gegeben, es regierte sie unsichtbar (Antigone). Dabei erkannten sie das Recht eines jeden, seinen Willen, er mochte gut oder bös sein, zu haben. Die Guten erkannten für sich die Pflicht, gut zu sein, aber ehrten zugleich die Freiheit des anderen, es auch nicht sein zu können, und stellten daher weder eine göttliche noch eine von sich gemachte oder abstrahierte Moral auf, die sie anderen zumuteten.
Glückliche Kriege, Vermehrung des Reichtums und Bekanntschaft mit mehreren Bequemlichkeiten des Lebens und mit Luxus erzeugten in Athen und Rom eine Aristokratie des Kriegsruhms und des Reichtums, und [man] gab ihnen eine Herrschaft und Einfluß über viele Menschen, die ihnen, bestochen durch die Taten jener Männer und mehr noch durch den Gebrauch, den sie von ihren Reichtümern machten, gern und freiwillig eine Übermacht und Gewalt im Staate einräumten, die sie sich bewußt waren, ihnen selbst gegeben zu haben und ihnen im ersten Anfall einer üblen Laune wieder abnehmen zu können. Aber nach und nach hörten sie auf, einen Vorwurf zu verdienen, den man ihnen so oft gemacht hat, nämlich undankbar gegen sie zu sein und bei der Wahl zwischen diesem Unrecht und der Freiheit das erstere vorzuziehen, Tugenden eines Mannes verfluchen zu können, die ihrem Vaterlande den Untergang brachten. - Bald wurde die frei eingeräumte Übermacht mit Gewalt behauptet, und schon diese Möglichkeit setzt den Verlust desjenigen Gefühls, desjenigen Bewußtseins voraus, das Montesquieu unter dem Namen der Tugend zum Prinzip der Republiken macht und die Fertigkeit ist, für eine Idee, die für Republikaner in ihrem Vaterlande realisiert ist, das Individuum aufopfern zu können.
Das Bild des Staates als ein Produkt seiner Tätigkeit verschwand aus der Seele des Bürgers; die Sorge, die Übersicht des Ganzen ruhte in der Seele eines Einzigen oder einiger Wenigen; ein jeder hatte seinen ihm angewiesenen, mehr oder weniger eingeschränkten, von dem Platze des anderen verschiedenen Platz; einer geringen Anzahl von Bürgern war die Regierung der Staatsmaschine anvertraut, und diese dienten nur als einzelne Räder, die ihren Wert erst in Verbindung mit anderen erhalten - der jedem anvertraute Teil des zerstückelten Ganzen war im Verhältnis zu diesem so unbeträchtlich, daß der Einzelne dieses Verhältnis nicht zu kennen oder vor Augen zu haben brauchte. Brauchbarkeit im Staate war der große Zweck, den der Staat seinen Untertanen setzte, und der Zweck, den diese sich dabei setzten, war Erwerb und Unterhalt und noch etwa Eitelkeit. Alle Tätigkeit, alle Zwecke bezogen sich jetzt aufs Individuelle; keine Tätigkeit mehr für ein Ganzes, für eine Idee - entweder arbeitete jeder für sich oder gezwungen für einen anderen Einzelnen. Die Freiheit, selbstgegebenen Gesetzen zu gehorchen, selbstgewählten Obrigkeiten im Frieden und Heerführern zu folgen, selbst mitbeschlossene Pläne auszuführen, fiel hinweg; alle politische Freiheit fiel hinweg; das Recht des Bürgers gab nur ein Recht an Sicherheit des Eigentums, das jetzt seine ganze Welt ausfüllte; die Erscheinung, die ihm das ganze Gewebe seiner Zwecke, die Tätigkeit seines ganzen Lebens niederriß, der Tod, mußte ihm etwas Schreckliches sein, denn ihn überlebte nichts; den Republikaner [hingegen] überlebte die Republik, und ihm schwebte der Gedanke vor, daß sie, seine Seele, etwas Ewiges sei.
Aber so, indem alle seine Zwecke, alle Tätigkeit aufs einzelne gingen, indem der Mensch für dieselben keine allgemeine Idee mehr fand, für die er leben und sterben mochte, fand er auch keine Zuflucht bei seinen Göttern, denn auch sie waren einzelne, unvollendete Wesen, die einer Idee nicht Genüge leisten konnten.60) Griechen und Römer waren mit so dürftig ausgerüsteten, mit Schwachheiten der Menschen begabten Göttern zufrieden, denn das Ewige, das Selbständige hatten jene Menschen in ihrem eigenen Busen. Sie konnten die Verspottung derselben auf der Bühne leiden, denn es war nicht das Heilige, das man in ihnen verspotten konnte; ein Sklave bei Plautus durfte sagen: si summus Jupiter hoc facit, ego homuncio idem non facerem61) , eine Folgerung, die seine Zuhörer seltsam und lächerlich finden mußten, da ihnen das Prinzip, was der Mensch zu tun habe, in den Göttern zu finden, ganz unbekannt war, die ein Christ hingegen richtig finden müßte. In diesem Zustande, ohne Glauben an etwas Haltbares, an etwas Absolutes, in dieser Gewohnheit, einem fremden Willen, einer fremden Gesetzgebung zu gehorchen, ohne Vaterland, in einem Staate, an dem keine Freude haften konnte, dessen Druck der Bürger allein fühlte, bei einem Götterdienste, zu dessen Feier, zu dessen Festen sie den Frohsinn, der aus ihrem Leben entflohen war, nicht mitbringen konnten, in einem Zustande, in welchem der Sklave, seinem Herrn ohnehin sehr häufig an natürlichen Fähigkeiten und an Bildung überlegen, bei ihm den Vorzug der Freiheit und Unabhängigkeit nicht mehr erblicken konnte, - in diesem Zustande bot sich den Menschen eine Religion dar, die entweder schon den Bedürfnissen der Zeit angemessen war, denn sie war unter einem Volke von ähnlicher Verdorbenheit und ähnlicher, nur anders gefärbter Leerheit und Mangel entstanden, oder aus der die Menschen dasjenige formen, sich an das hängen konnten, was ihr Bedürfnis heischte.
Die Vernunft konnte es nie aufgeben, doch irgendwo das Absolute, das Selbständige, Praktische zu finden, in dem Willen der Menschen war es nicht mehr anzutreffen; es zeigte sich ihr noch in der Gottheit, die die christliche Religion ihr darbot, außerhalb der Sphäre unserer Macht, unseres Wollens, doch nicht unseres Flehens und Bittens, - die Realisierung einer moralischen Idee konnte also nur noch gewünscht (denn was man wünschen kann, kann man nicht selbst vollbringen, man erwartet, es ohne unser Zutun zu erhalten), nicht mehr gewollt werden. Zu einer solchen, durch ein göttliches Wesen zustande zu bringenden Revolution, wobei die Menschen sich ganz passiv verhielten, machten auch die ersten Ausbreiter der christlichen Religion Hoffnung, und als diese Hoffnung endlich verschwand, so begnügte man sich, jene Revolution des Ganzen am Ende der Welt zu erwarten. - Sobald einmal die Realisierung einer Idee außerhalb der Grenzen menschlicher Macht gesetzt ist, und die damaligen Menschen fühlten sich zu wenig mehr fähig, so ist es gleichviel, wie weit der Gegenstand des Hoffens ins Unermeßliche ausgedehnt wird, und er war also fähig, alles, nicht für die Phantasie, sondern in der Erwartung der Wirklichkeit in sich aufzunehmen, womit eine orientalische Einbildungskraft in ihrer Begeisterung ihn ausgeschmückt hatte. Auch solange der jüdische Staat Mut und Kraft, sich unabhängig zu erhalten, in sich selbst fand, finden wir [die Juden] zur Erwartung eines Messias selten oder, wie viele wollen, nie ihre Zuflucht nehmen; erst unterjocht von fremden Nationen, im Gefühl ihrer Ohnmacht und Schwäche sehen wir sie nach einem solchen Troste in ihren heiligen Büchern graben; damals, als sich ihnen ein Messias anbot, der ihre politischen Hoffnungen nicht erfüllte, hielt es das Volk der Mühe wert, daß ihr Staat noch ein Staat wäre; welchem Volke dies gleichgültig ist, ein solches wird bald aufhören, ein Volk zu sein; und kurze Zeit nachher warf es seine trägen Messiashoffnungen weg, griff zu den Waffen, und nachdem [es] alles getan, was höchstbegeisterter Mut leisten kann, das grauenvollste menschliche Elend ertragen hatte, begrub es sich und seinen Staat unter den Ruinen seiner Stadt, und [es] würde in der Geschichte, in der Meinung der Nationen neben Karthaginiensern und Saguntinern, größer als die Griechen und Römer, deren Städte ihren Staat überlebten, dastehen, wenn das Gefühl dessen, was ein Volk für seine Unabhängigkeit tun kann, uns nicht zu fremd wäre und wenn wir nicht den Mut hätten, einem Volke vorschreiben zu wollen, daß es seine Sache nicht hätte zu seiner Sache machen, sondern unsere Meinungen [haben] und für diese leben und sterben sollen, zu deren Behauptung wir keinen Finger rühren. Der zerstreute Überrest der Juden hat zwar die Idee seines Staates nicht verlassen, aber ist damit nie mehr zum Panier eigenen Mutes, sondern wieder nur zur Fahne einer trägen Messiashoffnung zurückgekehrt. - Auch die Anhänger der heidnischen Religion fühlten diesen Mangel an praktischen Ideen; daß sie sich unter den Menschen finden sollten, fühlte ein Lukian, ein Longin, und die traurige Erfahrung, die sie darüber machten, ergoß sich in bittere Klagen, andere dagegen, wie Porphyr und Jamblich, versuchten es, ihre Götter mit einem Reichtum, der das Eigentum der Menschen nicht mehr war, auszustatten und dann von ihnen durch Zaubereien einen Teil davon als Geschenk zurückzuerhalten. Außer früheren Versuchen blieb es unseren Tagen vorzüglich aufbehalten, die Schätze, die an den Himmel verschleudert worden sind, als Eigentum der Menschen, wenigstens in der Theorie, zu vindizieren, aber welches Zeitalter wird die Kraft haben, dieses Recht geltend zu machen und sich in den Besitz zu setzen?
In dem Schoße dieser verdorbenen Menschheit, die sich von der moralischen Seite selbst verachten mußte, aber sonst als einen Liebling der Gottheit hochhielt, mußte die Lehre von der Verdorbenheit der menschlichen Natur erzeugt und gern angenommen werden; sie stimmte einerseits mit der Erfahrung überein, andererseits tat sie dem Stolze Genüge, die Schuld von sich abzuwälzen und [sich] im Gefühl des Elends selbst einen Grund des Stolzes zu geben, sie brachte zu Ehren, was Schande ist, sie heiligte und verewigte jene Unfähigkeit, indem sie selbst das, an die Möglichkeit einer Kraft glauben zu können, zur Sünde machte. Das Gebiet der Herrschaft der heidnischen Götter, die bisher nur in der Natur ihr Wesen trieben, wurde wie das des christlichen Gottes über die freie Geisterwelt ausgedehnt; ihm wurde nicht nur das Recht der Gesetzgebung ausschließend eingeräumt, sondern von ihm jede gute Regung, jeder bessere Vorsatz und Entschluß als sein Werk erwartet, nicht in dem Sinne, wie die Stoiker alles Gute der Gottheit zuschrieben, indem sie ihre Seelen als ihres Geschlechts, als einen Funken von ihr sich dachten, sondern in dem Sinne: als das Werk eines Wesens, das außer uns ist, dessen Teil wir nicht sind, das uns ferne ist, mit dem wir nichts Gemeines haben. Ebenso wurde selbst das Vermögen, gegen jene Einwirkungen Gottes sich passiv zu verhalten, noch durch die unaufhörlichen Ränke und List eines bösen Wesens geschwächt, das in das Gebiet des anderen sowohl im Natur- als im Geisterreiche beständige Streifereien machte; und als die Manichäer dem bösen Prinzip die ungeteilte Herrschaft im Reiche der Natur einzuräumen schienen, so vindizierte die orthodoxe Kirche gegen diese die Majestät Gottes entehrende Behauptung dieser billig den größten Teil derselben; das böse Prinzip war von ihr aber durch die Einräumung einer Macht im Reiche der Freiheit hinlänglich für diesen Verlust entschädigt worden.
Mit redlichem Herzen und einem gutmeinenden Eifer flüchtete sich das kraftlose Geschlecht zu dem Altar, auf dem es Selbständigkeit und Moralität fand und anbetete. Als aber das Christentum in die verdorbenere, vornehmere Klasse eindrang, als in seinem Innern selbst große Unterschiede von Vornehm und Gering entstanden, als der Despotismus alle Quellen des Lebens und Seins [immer] mehr vergiftete, legte das Zeitalter die ganze Unbedeutsamkeit seines Wesens durch die Wendung dar, die seine Begriffe von der Göttlichkeit Gottes und seine Streitigkeiten darüber nahmen, und es zeigte seine Blöße um so unverhüllter, da es sie mit dem Nimbus der Heiligkeit umgab und sie als die höchste Ehre der Menschheit hochpries.
Aus dem Ideal der Vollkommenheit nämlich, aus der einzigen Stätte, wo das Heilige verwahrt wurde, verschwand auch das Moralische oder wurde wenigstens in Vergessenheit gestellt. Statt des Moralischen, des wahren Göttlichen, von dessen Anschauung doch erwärmende Strahlen ins Herz zurückgeworfen worden wären, zeigte der Spiegel nichts mehr als das Bild seiner Zeit, Natur, zu einem Zwecke, den ihr der Stolz und Leidenschaft der Menschen beliebig lieh, - Natur, denn wir sehen alles Interesse des Wissens und Glaubens nach der metaphysischen oder transzendentalen Seite der Idee von der Gottheit hingewandt. Wir sehen [die Christenheit] weniger mit dynamischen Verstandsbegriffen beschäftigt, die die theoretische Vernunft ins Unendliche auszuspannen vermögend ist, als vielmehr damit, Zahlenbegriffe, die Reflexionsbegriffe von Verschiedenheit u. dgl., ja sogar bloße Wahrnehmungsvorstellungen von Entstehen, Schaffen, Erzeugen auf ihr unendliches Objekt anwenden und seine Eigenschaften aus Begebenheiten in seiner Natur herleiten. Diese Bestimmungen und Spitzfindigkeiten blieben nicht, wie sonst, in den Studierstuben der Theologen eingeschlossen, ihr Publikum war die ganze Christenheit, alle Stände, alle Alter, beide Geschlechter nahmen gleichen Anteil daran, und die Verschiedenheit in solchen Meinungen erregte den tödlichsten Haß, die blutigsten Verfolgungen, oft eine völlige Zerrüttung aller moralischen Bande und der heiligsten Verhältnisse. Eine solche Umkehrung der Natur konnte nicht anders, als sich aufs fürchterlichste rächen.
Was den Zweck betrifft, den sie dieser unendlichen Natur gaben, so war er von einem moralischen Endzweck der Welt weit entfernt, nicht nur auf die Ausbreitung der christlichen Religion eingeschränkt, sondern auf Zwecke, die eine einzelne Gemeinde, einzelne Menschen, besonders Priester sich setzten, die jedes Eigendünkel, Stolz, Ehrsucht, Neid, Haß und andere Leidenschaften ihm eingaben. Doch war es noch nicht Zeit zu der schöngemalten Vorsehungs- und Trosttheorie unserer Tage, die den Schlußstein unserer Glückseligkeitslehre ausmacht. Die Lage der Christen war größtenteils zu unglücklich, als daß sie viel Glückseligkeit auf Erden erwartet hätten, der allgemeine Begriff einer Kirche zu tief in der Seele, als daß das Individuum soviel für sich erwartet oder gefordert hätte. Aber desto stärker waren die Forderungen, die man machte, sobald man sein Interesse mit dem Interesse dieser Kirche in Verbindung setzen konnte. Sie verschmähten die Freuden der Welt und die Güter der Erde, die sie entbehren mußten, und fanden ihre reichliche Entschädigung im Himmel. An die Stelle eines Vaterlandes, eines freien Staats war die Idee der Kirche getreten, sie sich von jenem dadurch unterschied, daß - außerdem, daß in ihr keine Freiheit Platz haben konnte - jener vollendet sich auf Erden befand, diese hingegen mit dem Himmel aufs innigste in Verbindung stand, welcher dem Empfindungssystem der Christen so nahe war, daß das Hingeben aller Freuden und Güter keine Aufopferung scheinen konnte und nur denjenigen Zuschauern des Todes der Märtyrer außerordentlich vorkommen mußte, die jene Empfindung der Nähe des Himmels nicht kannten.
So hatte der Despotismus der römischen Fürsten den Geist des Menschen von dem Erdboden verjagt, der Raub der Freiheit hatte ihn gezwungen, sein Ewiges, sein Absolutes in die Gottheit zu flüchten, - das Elend, das [jen]er verbreitete, [hatte ihn gezwungen,] Glückseligkeit im Himmel zu suchen und zu erwarten. Die Objektivität der Gottheit ist mit der Verdorbenheit und Sklaverei der Menschen in gleichem Schritte gegangen, und jene ist eigentlich nur eine Offenbarung, nur eine Erscheinung dieses Geistes der Zeiten. Auf diese Art, durch seinen objektiven Gott offenbarte sich dieser Geist, als die Menschen so erstaunlich viel von Gott zu wissen anfingen, als so viele Geheimnisse seiner Natur, in so vielen Formeln, nicht wie sonst Geheimnisse von einem Nachbar dem andern ins Ohr, sondern in aller Welt ausgeschrien wurden und Kinder sie auswendig wußten; der Geist der Zeit offenbarte sich in der Objektivität seines Gottes, als er, nicht dem Maße nach in die Unendlichkeit hinaus, sondern in eine uns fremde Welt gesetzt wurde, an deren Gebiet wir keinen Anteil [haben], wo wir durch unser Tun uns nicht anbauen, sondern höchstens hineinbetteln oder hineinzaubern können, - als der Mensch selbst ein Nicht-Ich und seine Gottheit ein anderes Nicht-Ich war. Am klarsten offenbarte er sich in der Menge Wunder, die er erzeugte, die in Ansehung des Entschließens und der Überzeugung an die Stelle eigener Vernunft traten; am ungeheuersten aber, als für diesen Gott gefochten, gemordet, verleumdet, gebrannt, gestohlen, gelogen und betrogen wurde. In einer solchen Periode mußte die Gottheit völlig aufgehört haben, etwas Subjektives zu sein, sondern ganz zum Objekt geworden sein; und jene Verkehrtheit der moralischen Maximen ward dann ganz leicht und konsequent durch die Theorie gerechtfertigt. - Die Christen wissen durch die Offenbarung Gottes selbst, daß er der hocherhabene, des Himmels Herr, Herr über die ganze Erde, über die leblose [und] lebendige Natur, auch Herr der Geisterwelt ist; diesem König seine Ehrfurcht zu versagen [statt ihn zu ehren] auf die Art, wie er selbst befohlen hat, ist notwendig Undank und Verbrechen. Dies ist das System jeder Kirche, und nur darüber befolgen sie verschiedene Maximen, wer der Richter, Strafer dieses Verbrechens sein soll. Die eine Kirche verwaltet dieses Richteramt selbst; die andere verdammt in ihrem System, rührt aber keinen Finger, diesen Richterspruch schon auf Erden auszuführen, und ist dagegen versichert, daß die Gottheit selbst ihn ausführen werde, und der Eifer, durch Lehre oder andere kleine Mittel der Bestechung, oder [durch] Unterdrückung, die nur nicht bis zum Tode gehen durfte, [mitzuwirken], scheint nach und nach zu erkalten und ein Mitleiden an die Stelle des Hasses zu treten, eine Empfindung der Ohnmacht, die, sosehr ihr Grund ein Eigendünkel ist, der sich im Besitze der Wahrheit zu sein überredet, doch dem letzteren vorzuziehen ist. - Der freie Mann konnte jenen Eifer so wenig als dieses Mitleiden haben; denn als ein Freier unter Freien lebend, würde er keinem anderen das Recht zugestehen, an ihm bessern und ändern und sich in seine Maximen mischen zu wollen, auch sich nicht anmaßen, anderen das Recht streitig zu machen, zu sein, wie sie sind und wie sie wollen, gut oder schlecht. Frömmigkeit und Sünde sind zwei Begriffe, die den Griechen in diesem Sinne fehlten; jenes ist uns eine Gesinnung, die aus Achtung gegen Gott als Gesetzgeber handelt, dieses eine Handlung, die Gebote, insofern sie göttlich sind, übertritt; ἅγιον, ἀνάγιον, pietas und impietas drückt heilige Empfindungen der Menschheit und Gesinnungen oder Handlungen aus, die denselben angemessen oder zuwider sind; sie nennen sie zugleich auch göttliche Gebote, aber [nehmen] sie nicht im positiven Sinne, und wenn einem die Frage hätte einfallen können, womit er die Göttlichkeit eines Gebots oder Verbots erweisen wollte, so hätte er sich auf kein historisches Faktum, sondern allein auf die Empfindung seines Herzens und die Übereinstimmung aller guten Menschen berufen können.
In der Lage eines Volkes, wenn nach Vertilgung aller politischen Freiheit alles Interesse an einem Staate - denn Interesse können wir nur an etwas nehmen, für das wir tätig sein können - verschwunden ist, und wenn der Zweck des Lebens nur auf Erwerbung des täglichen Brotes mit mehrerer oder wenigerer Bequemlichkeit oder Überfluß und alles Interesse an dem Staate nur auf die Hoffnung, daß seine Erhaltung uns dieses gewähren oder erhalten werde, eingeschränkt und also völlig selbstsüchtig ist, muß sich in den Zügen, die wir im Geiste der Zeit erblicken, notwendig auch Abneigung gegen Kriegsdienste finden, da sie das Gegenteil des allgemeinen Wunsches, eines ruhigen, gleichförmigen Genusses [sind], da sie Beschwerlichkeiten mit sich führen und selbst den Verlust der Möglichkeit, noch etwas zu genießen, den Tod mit sich führen; oder wer dieses letzte Hilfsmittel, sich zu erhalten und seine Begierden zu befriedigen, das ihm Trägheit oder Liederlichkeit oder Langeweile übrigläßt, ergreift, wird im Angesichte des Feindes nur feige sein. In diesem Zustande der Unterdrückung, der politischen Untätigkeit sehen wir bei den Römern eine Menge Menschen, die sich durch Flucht, durch Bestechung, durch Verstümmlung der Glieder dem Kriegsdienste entzogen; und einem Volke mit dieser Stimmung mußte eine Religion willkommen sein, die den herrschenden Geist der Zeiten, die moralische Ohnmacht, die Unehre, mit Füßen getreten zu werden, unter dem Namen des leidenden Gehorsams zur Ehre und zur höchsten Tugend stempelte, durch welche Operation die Menschen mit fröhlicher Verwunderung die Verachtung anderer und das Selbstgefühl eigener Schande in Ruhm und Stolz verwandelt sahen, - eine Religion, die ihnen predigte, Menschenblut zu vergießen sei Sünde. So sehen wir nun den heiligen Ambrosius oder Antonius mit seinem zahlreichen Volke, dessen Stadt sich eine Horde Barbaren näherte, statt auf die Wälle zu ihrer Verteidigung zu eilen, in den Kirchen und auf den Straßen kniend um Abwendung ihres zu fürchtenden Unglücks die Gottheit anflehen. Und warum hätten sie auch wollen können, kämpfend zu sterben? Die Erhaltung der Stadt konnte jedem nur wichtig sein, um sein Eigentum und den Genuß desselben zu erhalten; hätte er sich der Gefahr ausgesetzt, kämpfend zu sterben, so hätte er etwas Lächerliches getan; denn das Mittel, der Tod, hätte den Zweck, Eigentum und Genuß, unmittelbar aufgehoben; das Gefühl, in Verteidigung des Eigentums nicht sowohl dies Eigentum selbst als das Recht an dasselbe sterbend zu behaupten (denn wer in Verteidigung eines Rechtes stirbt, der hat es behauptet), - dieses Gefühl war einem unterdrückten Volke fremd, dem es genügte, sein Eigentum nur aus Gnade zu haben.63)
Mit dem Bedürfnis einer gegebenen, objektiven Religion steht die Möglichkeit des Wunderglaubens in genauem Zusammenhang. Eine Begebenheit, deren Bedingung nur ein einziges Mal Bedingung derselben gewesen sein soll, eine erzählte Wahrnehmung, die schlechterdings nicht zur Erfahrung erhoben werden kann, ist für den Verstand, der hier allein Richter ist, vor dessen Gerichtshof die Entscheidung gehört, schlechterdings undenkbar, er kann es nicht unterlassen, sich die Bedingungen jener Begebenheit als vollständig zu denken, wenn die Erzählung selbst auch schlechterdings auf keine solche Data hinweist und er sich also enthalten muß, bestimmte, gewisse Bedingungen sich zu denken; wird ihm wahrscheinlich gemacht, daß eine Bedingung, die er sich jetzt vorstellt, nicht eingetreten, so sucht er nach anderen, und wenn ihm die Unwahrscheinlichkeit aller, die der Scharfsinn ersinnen kann, gezeigt worden ist, so gibt er seine Forderung nicht auf, daß, wenn auch diese oder jene Bedingung nicht eingetreten sei, doch vollständige Bedingungen müssen vorhanden gewesen sein. Glaubt man jetzt sein fruchtloses Suchen dadurch zu befriedigen, daß man ihm zur Erklärung ein höheres Wesen als Ursache hinstellt, so verstummt, so schweigt er, denn von ihm hat man sich abgewandt, dem Verstand war dies nicht gesagt, - die Einbildungskraft hingegen ist damit leicht zufrieden, und man hat sich jetzt auf ihr Feld geworfen, der Verstand läßt es geschehen, er lächelt gleichsam dazu, hat aber kein Interesse, ihr ihr Spielzeug zu nehmen, denn ihm ist damit nichts mehr zugemutet, er läßt sich auch soweit herunter, ihr seinen allgemeinen Begriff von Ursache zu überlassen, zu leihen, um ihn zu gebrauchen, aber er ist es nicht, der mit der Anwendung etwas zu schaffen haben kann. Damit ist aber dem Erzähler des Wunders nicht Genüge geschehen; er lärmt und schreit jetzt über Gottlosigkeit, Blasphemie, Schurkerei, - der Ungläubige bleibt unbewegt, er sieht keinen Zusammenhang zwischen Immoralität und Irreligion und der Behauptung der Rechte seines Verstandes ein. Nun aber ändert sich die Szene, man wendet sich an die Vernunft, hält ihr große moralische Zwecke bei diesen Wundern, Besserung und Beseligung des Menschengeschlechts vor, man wendet sich an das Gefühl der Ohnmacht der Vernunft, heizt der Einbildungskraft tüchtig ein, und die ohnmächtige Vernunft, die diesen Schrecken, dieser Übermacht nichts entgegensetzen kann, nimmt in der Angst die Gesetze an, die ihr gegeben werden, und legt dem Widerspruch des Verstandes Stillschweigen auf. Mit diesem Zustand des Gemütes steht oder fällt der Wunderglaube. Es ist vergebens, sich auf dem Boden des Verstandes über Wunder herumzustreiten; der Erfolg hat immer gezeigt, daß damit nichts ausgerichtet worden ist; das Interesse der Vernunft hat immer dafür oder dawider entschieden. Ist sie einer äußeren Gesetzgebung bedürftig, hat sie den Schrecken einer objektiven Welt ...