56) Jedes Volk hatte ihm eigene Gegenstände der Phantasie, seine Götter, Engel, Teufel oder Heilige, die in den Traditionen des Volkes fortleben, deren Geschichte und Taten die Amme den Kindern erzählt und [diese] durch den Eindruck auf ihre Einbildungskraft an sich zieht und jene Geschichten bleibend macht. - Außer diesen Geschöpfen der Einbildungskraft leben in dem Andenken der meisten, besonders freier Völker die alten Helden der Geschichte ihres Vaterlandes, - die Stifter oder Befreier der Staaten fast weniger noch als die Tapferen vor den Zeiten, als das Volk sich in einen unter bürgerlichen Gesetzen stehenden Staat vereinigte. Diese Helden leben nicht isoliert, allein in der Phantasie der Völker; ihre Geschichte, die Erinnerung ihrer Taten ist an öffentliche Feste, Nationalspiele, an manche innere Einrichtung oder äußerliche Verhältnisse des Staats, an wohlbekannte Häuser und Gegenden, an öffentliche Tempel und andere Denkmäler geknüpft. Jedes Volk, das seine eigentümliche Religion und Verfassung oder das auch einen Teil derselben und seiner Kultur von fremden Nationen erhalten, aber sich dieselbe ganz angeeignet hatte, - Ägypter, Juden, Griechen, Römer haben eine solche Nationalphantasie gehabt. Auch die alten Germanier, Galen, Skandinavier hatten ihr Walhalla, wo ihre Götter wohnten, ihre Helden, die in ihren Gesängen lebten, deren Taten sie in den Schlachten begeisterten oder bei den Mahlen ihre Seele mit großen Entschlüssen füllten; sie hatten ihre heiligen Haine, wo diese Gottheiten ihnen näher waren.
Das Christentum hat Walhalla entvölkert, die heiligen Haine umgehauen und die Phantasie des Volks als schändlichen Aberglauben, als ein teuflisches Gift ausgerottet und uns dafür die Phantasie eines Volks gegeben, dessen Klima, dessen Gesetzgebung, dessen Kultur, dessen Interesse uns fremd, dessen Geschichte mit uns in ganz und gar keiner Verbindung ist. In der Einbildungskraft unseres Volkes lebt ein David, ein Salomon, aber die Helden unseres Vaterlandes schlummern in den Geschichtsbüchern der Gelehrten, und für diese hat ein Alexander, ein Cäsar usw. ebensoviel Interesse als die Geschichte eines Karl des Großen oder Friedrich Barbarossa. Außer etwa Luther bei den Protestanten, welches könnten auch unsere Helden sein, die wir nie eine Nation waren? welches wäre unser Theseus, der einen Staat gegründet und ihm Gesetze gegeben hätte; wo unsere Harmodiosse und Aristogitone, denen wir als Befreiern unseres Landes Skolien sängen? Die Kriege, welche Millionen Deutsche gefressen haben, waren Kriege der Ehrsucht oder der Unabhängigkeit der Fürsten, die Nation nur Werkzeug, die, wenn sie auch mit Erbitterung und Wut kämpfte, am Ende doch nicht zu sagen wußte: warum? oder was haben wir gewonnen? Die Reformation und die blutige Behauptung des Rechts, eine solche zu machen, ist eine von den wenigen Begebenheiten, an denen ein Teil der Nation ein Interesse genommen hat, und zwar ein Interesse, das nicht wie das an den Kreuzzügen mit der Erkaltung der Einbildungskraft verdunstete, sondern in dem das Gefühl eines bleibenden Rechts, des Rechts, in seinen religiösen Meinungen seiner selbst errungenen oder erhaltenen Überzeugung zu folgen, tätig war; aber außer der in einigen protestantischen Kirchen gewöhnlichen jährlichen Ablesungen der Augsburger Konfession, die jedem Zuhörer gewöhnlich Langeweile macht, und außer der kalten Predigt, die darauf folgt: welches ist das Fest, das das Andenken jener Begebenheit feierte? Es scheint, als ob die Gewalthaber in Kirche und Staat es gerne sähen, daß das Andenken, daß einst unsere Voreltern dieses Recht gefühlt und Tausende ihr Leben an die Behauptung eines solchen Rechts wagen konnten, daß das Andenken hieran in uns schlummere, ja nicht lebendig erhalten werde.
Wer mit der Geschichte der Stadt Athen, ihrer Bildung und Gesetzgebung unbekannt ein Jahr in ihren Mauern lebte, konnte aus den Festen sie ziemlich kennenlernen.
So ohne religiöse Phantasie, die auf unserem Boden gewachsen wäre und mit unserer Geschichte zusammenhinge, schlechterdings ohne alle politische Phantasie, schleicht unter dem gemeinen Volke nur hier und da ein Rest eigener Phantasie unter dem Namen Aberglauben herum, der als Gespensterglauben das Andenken eines Hügels erhält, auf welchem einst Ritter ihr Unwesen trieben, oder eines Hauses, wo Mönche und Nonnen spukten oder wo ein für ungetreu gehaltener Verwalter oder Nachbar noch keine Ruhe im Grabe gefunden hat, oder der als Geburt der Phantasie, die nicht aus der Geschichte schöpft, schwache oder böse Menschen mit der Möglichkeit einer Hexenkraft äfft, - dürftige und traurige Reste einer versuchten Selbständigkeit und eines versuchten Eigentums, welche vollends auszurotten als eine Pflicht der ganzen aufgeklärten Klasse der Nation vorgestellt wird und allgemeiner Ton ist, - durch welche Stimmung des feineren Teils der Nation, außer der Unbildsamkeit und Rauhigkeit des Stoffs selbst, die Möglichkeit, jenen Rest von Mythologie und damit die Empfindungsweise und Phantasie des Volks zu veredeln, völlig weggenommen wird. Die lieblichen Spiele eines Hölty, Bürger, Musäus in diesem Fache gehen für unser Volk wohl ganz verloren, da es, um des Genusses derselben empfänglich zu sein, in seiner übrigen Kultur zu weit zurück ist, wie auch die Phantasie der gebildeteren Teile der Nation von der der gemeinen Stände ein völlig anderes Gebiet hat und Schriftsteller und Künstler, die für jene arbeiten, von diesen schlechterdings auch in Ansehung der Szene und der Personen ganz und gar nicht verstanden werden, - dahingegen der atheniensische Bürger, den seine Armut von der Fähigkeit, seine Stimme in der öffentlichen Volksversammlung zu geben, ausschloß oder der sich gar als Sklaven verkaufen mußte, so gut als ein Perikles und Alkibiades wußte, wer der Agamemnon und der Ödipus war, den ein Sophokles und Euripides in edlen Formen einer schönen und erhabenen Menschheit aufs Theater brachte oder ein Phidias und Apell in reinen Gestalten körperlicher Schönheit darstellte.
Die Wahrheit der Charaktere in der Darstellung durch Shakespeare hat außerdem, daß viele aus der Geschichte bekannt sind, dieselben dem englischen Volk so tief eingeprägt und für dasselbe einen eigenen Kreis von Phantasievorstellungen gebildet, daß das Volk bei Aufstellungen der akademischen Gemälde die Gegenstände desjenigen Teils, wo die größten Meister wetteifern, der Shakespearegalerie, wohl versteht und frei genießen kann.
Diejenige Sphäre von Phantasievorstellungen, die dem gebildeten wie dem ungebildeten Teile unserer Nation gemein wäre, die religiöse Geschichte, hat für die dichterische Bearbeitung, wodurch die Nation veredelt werden könnte, außer anderen Unbequemlichkeiten in Ansehung des ungebildeteren Teils [den Nachteil], daß dieser zu steif an dem Stoffe als an einer Glaubenssache hängt, in Ansehung des gebildeteren Teils [den Nachteil], daß auch bei einer schöneren Behandlung von seiten des Dichters schon teils die Namen die Vorstellung von etwas Altfränkischem und Gotischem mit sich führen, teils wegen des Zwanges, mit dem sie von Jugend auf der Vernunft sind angekündigt worden, ein Gefühl von Unbehaglichkeit mit sich bringen, das dem Genusse der Schönheit, der aus dem freien Spiele der Seelenkräfte hervorgeht, zuwider ist; wenn auch in einzelnen Köpfen die Phantasie sich in Freiheit gesetzt hat und dem Schönen und Großen allein nachstrebt, so sieht man es im ganzen ihren Idealen oder ihrer Empfänglichkeit für diese an, daß sie ihr von dem Katechismus zugeschnitten worden sind.
Als sich der Geschmack an alter Literatur und damit der Geschmack an schönen Künsten ausbreitete, so nahm der gebildetere Teil der Nation die Mythologie der Griechen in ihre Phantasie auf, und die Empfänglichkeit desselben für diese Vorstellungen beweist ihre größere Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Verstande, der sich sonst nie enthalten konnte, sie in ihrem freien Genuß zu stören. Andere versuchten es, den Deutschen eine eigentümliche Phantasie, die auf ihrem Grund und Boden gewachsen war, wieder zu geben, und riefen ihnen zu: ist denn Achaia der Tuiskonen Vaterland? Allein diese Phantasie ist nicht die Phantasie der jetzigen Deutschen; die verlorene Phantasie einer Nation wiederherzustellen, war von jeher vergeblich und konnte im ganzen noch weniger Glück machen als Julians Versuch, der Mythologie seiner Voreltern in den Menschen seiner Zeit ihre vorige Stärke und Allgemeinheit zu geben, ein Versuch, dessen Gelingen viel mehr Wahrscheinliches für sich hatte, da in den Gemütern noch viel davon übrig war, da dem Kaiser noch viele Mittel zu Gebote standen, seiner Mythologie den Vorzug zu geben. Jene altdeutsche Phantasie findet nichts in unserem Zeitalter, an das sie sich anschmiegen, anknüpfen könnte, sie steht in dem ganzen Kreise unserer Vorstellungen, Meinungen und Glaubens so abgerissen da, ist uns so fremd als die ossianische oder indianische, und was jener Dichter in Ansehung der griechischen Mythologie seinem Volke zuruft, könnte man ihm und seinem Volke in Ansehung der jüdischen mit eben dem Rechte zurufen und fragen: Ist denn Judäa der Tuiskonen Vaterland?
Sosehr die Phantasie die Freiheit liebt, sosehr gehört dazu, daß die Religionsphantasie eines Volkes fest sei, daß sie ihr System weniger an bestimmte Zeiten als an gewisse bekannte Orte knüpfe; diese Kenntnis des Orts ist dem Volke gewöhnlich ein Beweis mehr oder der sicherste, daß die Geschichte, die man davon erzählt, wahr sei. Daher die lebendige Gegenwart, mit welcher die Mythologie der Griechen in ihren Gemütern war; daher die Stärke des Glaubens der Katholiken an ihre Heiligen und Wundertäter; den Katholiken sind diejenigen Wunder viel gegenwärtiger und wichtiger, die in ihrem Lande verrichtet wurden, als die oft viel größeren, die in anderen Ländern oder die selbst von Christus verrichtet wurden. Jedes Land hat gewöhnlich seinen Schutzpatron, der in diesem Lande besonders Wunder getan hat und dort vorzüglich verehrt wird. Außerdem glaubt sich jedes Volk durch die besondere Aufmerksamkeit, die ein solcher Schutzgott ihm geweiht habe, vorzüglich ausgezeichnet und geehrt, und dieser Vorzug vor anderen Völkern vermehrt seine Anhänglichkeit daran, wie dies der Fall bei den Juden ist. Hierdurch wird eine solche Phantasie einheimisch bei einem Volke. Das, was in unseren heiligen Büchern eigentliche Geschichte ist, wie der größte Teil des Alten Testaments, und nicht eigentlich wie das Neue Testament die Glaubenspflicht auf sich hat, also eigentlich zum Gegenstand der Volksphantasie werden kann, ist unseren Sitten, unserer Verfassung, der Kultur unserer körperlichen und Seelenkräfte so fremd, daß es fast keinen Punkt gibt, wo wir damit zusammentreffen, als hier und da die allgemein menschliche Natur, - und [ist] für jeden, der anfängt aufgeklärt zu werden, d. h. für die Gesetze seines Verstandes und seiner Erfahrung Allgemeinheit zu fordern - und die Anzahl dieser Klasse der Menschen steigt immer -, größtenteils ungenießbar und für nur zwei Klassen von Lesern zu gebrauchen, für die eine, die mit heiliger Einfalt in dem Sinn alles für wahr nimmt, daß sie überzeugt ist, es wäre auch für die allgemeine Erfahrung zugänglich gewesen, und für die andere Klasse, der diese Frage über Wahrheit und Unwahrheit für den Verstand dabei gar nicht einfällt, sondern die bloß an subjektive, an Wahrheit für die Phantasie dabei denkt, so wie wir sie an der Hand Herders lesen.58)
Die Griechen hatten ihre religiösen Sagen fast nur dazu, um Götter zu haben, denen sie ihre Dankbarkeit weihen, denen sie Altäre bauen und Opfer darbringen könnten; uns hingegen soll die heilige Geschichte mancherlei nutzen, wir sollen mancherlei in moralischer Rücksicht daraus lernen und ersehen. Aber eine gesunde moralische Urteilskraft, die mit diesem Vorsatz darangeht, ist gar oft genötigt, das Moralische in die meisten Geschichten hineinzulegen, ehe sie etwas Moralisches finden kann, und mit gar vielen wird sie überhaupt in Verlegenheit kommen, sie mit ihren Grundsätzen zu vereinen. Der Hauptnutzen und die Hauptwirkung, die ein frommer Mann dabei in sich verspüren kann, ist die Erbauung, d. h. die Erweckung dunkler heiliger Empfindungen (weil er jetzt mit Vorstellungen von Gott umgeht), deren Verworrenheit auf Gewinn an moralischer Einsicht Verzicht tut, aber gewöhnlich eine Verstärkung anderer sogenannter heiliger Leidenschaften, als eines mißverstandenen heiligen Eifers für Gottes Ehre, frommen Stolzes und Eigendünkels und einer gottergebenen Schlafsucht, mit zurückbringt.