Die wichtigste Veränderung ist durch die Ausbreitung des Christentums in der Art, die Moralität zu befördern, vorgegangen; daraus ist nach dem Übergang der Kirche aus einer Privatgesellschaft in einen Staat - aus einer Privatangelegenheit eine Angelegenheit des Staats geworden, und was seiner Natur nach Willkür ist und war, ist Pflicht geworden, und zwar zum Teil ist ein äußeres Recht der Kirche daraus erwachsen. Die Kirche hat die Grundsätze der Moralität aufgestellt, außer dieser Moral zugleich die Mittel angegeben, sich diese Grundsätze zu eigen zu machen, und besonders auch über die Anwendung auf einzelne Fälle unter dem Namen der Kasuistik eine weitläufige Wissenschaft aufgestellt.
In dem moralischen System der Kirche ist ein Hauptzug, daß es auf die Religion und auf unsere Abhängigkeit von der Gottheit gebaut ist; das Fundament, worauf es erbaut ist, ist nicht eine Tatsache unseres Geistes, ein Satz, der aus unserem Bewußtsein entwickelt werden könnte, sondern etwas Gelerntes, und die Moral [ist] also nicht eine selbständige, in ihren Grundsätzen unabhängige Wissenschaft; das Wesen der Moralität also nicht auf Freiheit begründet, nicht Autonomie des Willens.
Mit der historischen Kenntnis wird angefangen, dieser ist vorgeschrieben, welche Empfindungen und welchen Gemütszustand sie hervorbringen soll, Dankbarkeit und Furcht - um uns unseren Pflichten getreu zu erhalten, deren Kriterium das Wohlgefallen Gottes ist, welches von einzelnen Pflichten bekannt ist, von anderen aber künstlich daraus berechnet werden muß. Diese Rechenkunst ist so sehr ausgedehnt und die Menge der Pflichten dadurch so unendlich vergrößert worden, daß der freien Willkür wenig mehr übriggelassen ist; und was als Pflicht an sich nicht gerade geboten oder verboten ist, das wird vollends in der Asketik wichtig, die gar keinen Gedanken mehr zollfrei, keine Handlung, keinen unwillkürlichen Anblick, keinen Genuß, welcher Art er sei, Freude, Liebe, Freundschaft, Geselligkeit unkontrolliert läßt, sondern jede Regung der Seele, jede Gedankenassoziation, jeden der Gedanken, die von Sekunde zu Sekunde den Kopf des Menschen durchfliegen, jede Empfindung des Wohlseins in Anspruch nimmt, durch eine ähnliche Rechnung, wie das System der Glückseligkeitslehre Pflichten deduziert, - durch eine lange Reihe von Schlüssen eine Gefahr zu deduzieren weiß. Die Asketik schreibt der Seele ferner eine Menge Exerzitien vor, durch die sie bearbeitet werden soll, und ist eine weitläufige Wissenschaft der Taktik, die gegen jeden Feind der Frömmigkeit, den jeder Mensch in seinem Busen hat, zu welchem ihm jede Lage, jede Ansicht werden kann, und besonders gegen den unsichtbaren höllischen Feind künstlich und regelmäßig manövrieren lehrt.
In allen einzelnen Fällen nun zu beurteilen, wie gehandelt werden soll, ist für den Laien und Ungelehrten allerdings sehr schwer, denn bei der Menge moralischer und Vorsichtigkeitsregeln können bei der allereinfachsten Sache mehrere derselben in Kollision kommen, und es gehört ein wohlgeübter Scharfsinn dazu, sich aus dergleichen jetzt verwickelten Fällen glücklich herauszufinden, wobei freilich der gesunde Menschenverstand an alle diese Präkautionen gar nicht gedacht und unmittelbare Empfindung gewöhnlich eine richtigere Handlungsart gegriffen [hat] als die gelehrtesten Kasuisten - und nicht, wie die Entscheidung dieser gemeiniglich ist, wegen einer aus der Handlung vielleicht und entfernt entstehenden Gelegenheit zu sündigen eine gute Handlung unterlassen hätte. Bei allen diesen Regeln der Moral und der Klugheit ist a priori verfahren worden, d. h. ein toter Buchstabe ist zum Grunde gelegt und auf ihm ein System aufgeführt worden, wie der Mensch handeln, empfinden, was diese und jene sogenannten Wahrheiten für Bewegungen hervorbringen sollen, - dem Gedächtnis ist über alle, selbst die edelsten Kräfte der Seele die gesetzgebende Gewalt eingeräumt worden. In wen nicht diese Fäden des Systems von Jugend eingewoben worden sind, und wer sonst durch Erfahrung an anderen und eigene Empfindung die menschliche Natur kennengelernt hat und nun mit dem System bekannt wird und darin leben soll, der befindet sich in einer bezauberten Welt; im Menschen des Systems kann er kein Wesen seiner Art erkennen, eher als in ihm noch wird er in den Feenmärchen des Orients und in unseren Ritterromanen Natur finden und sich dabei nicht sosehr als auf jenem Wege verirren, wenn er auf jene Dichtungen der Phantasie ein Lehrgebäude der Physik und auf diese Geburten unserer Tage eine Psychologie gründen wollte, - und wenn er sich vor Gott und den Menschen als einen armen Sünder und verdorbenen Menschen niederwirft, so ist bei der angeborenen Verderbnis unserer Natur ein solcher Fehler nicht der Mühe wert, sich vor Gott, sich selbst und anderen desselben schuldig zu erkennen, auch ohne dies sind wir ja nichts nütze, und ein Trost dabei ist, daß wir dies mit allen anderen Menschen ohnedem gemein haben, in Vergleichung mit welchen dann jeder noch [etwas] vorauszuhaben glaubt. - Wenn dann ein Mensch den ganzen von der Kirche vorgeschriebenen Gang von Erkenntnissen, Empfindungen und Gemütszuständen durchgelaufen ist und es doch nicht weiter gebracht hat als ein anderer, der alles dieses Apparats entbehrte, wie so manche Tugendhafte unter den sogenannten blinden Heiden, und [wenn] es zwar in Ängstlichkeit und Vorsicht, Unterwerfung und Gehorsam sehr weit gekommen, dagegen in Mut, Entschlossenheit, Kraft und anderen Tugenden, wodurch man allein fähig wird, das Beste der Einzelnen und des Staats zu befördern, dahintengeblieben ist oder gar leer ausgegangen ist, - was hat dann das Menschengeschlecht durch das mühsame Regelsystem der Kirche gewonnen? Vollends möchte man diese Frage aufwerfen, wenn man die zahlreichen Mengen der Heuchler in jeder solchen Kirche bedenkt, die alle jene Kenntnisse, Empfindungen, auch die Sprüche der Kirche innehaben, in solchen kirchlichen Übungen leben und weben; welche Kraft kann man ihnen zuschreiben, wenn sie doch alles beobachteten und taten, was die Kirche fordert, und doch dabei Bösewichter bleiben und Betrüger obendrein sind?
Einen Vorteil, und zwar einen großen hat der Staat oder vielmehr die Gewalthaber in demselben - denn jener ist dabei zertrümmert - erhalten durch dieses Vorhaben der Kirche, auf die Gesinnungen zu wirken, nämlich eine Herrschaft, einen Despotismus, der nach Unterdrückung aller Freiheit des Willens durch die Geistlichkeit völlig gewonnenes Spiel hat, - bürgerliche und politische Freiheit hat die Kirche als Kot gegen die himmlischen Güter und den Genuß des Lebens verachten gelehrt, und so wie die Entbehrung der Mittel, die physischen Bedürfnisse zu befriedigen, den tierischen Teil des Menschen des Lebens berauben, so bringt auch die Beraubung des Genusses der Freiheit des Geistes der Vernunft den Tod, in welchem Zustand die Menschen den Verlust, [mangelnden] Gebrauch derselben, Sehnsucht nach ihr so wenig fühlen werden, als der tote Körper sich nach Speise und Trank sehnt. - So ist durch den Versuch Jesu, seine Nation auf den Geist und die Gesinnung aufmerksam zu machen, der bei der Beobachtung ihrer Gesetze lebendig sein müsse, um gottgefällig zu werden, durch diesen Versuch ist unter dem Regiment der Kirche dieses complementum der Gesetze wieder zu Regeln und Ordnungen geworden, die immer wieder eines solchen complementi bedürfen; und dieser Versuch der Kirche ist wieder fehlgeschlagen; denn der Geist, die Gesinnung ist ein zu ätherisches Wesen, als daß er sich in gebietenden Buchstaben und Formeln festhalten oder in gebotenen Empfindungen und Gemütszuständen darstellen ließe.
Ein anderer Übelstand, der notwendig hieraus floß, ist der, daß diese Empfindungen, die im Laufe des Besserwerdens vorkommen sollen, und die Handlungen, die als Ausdrücke solcher Empfindungen angesehen werden - Abendmahl, Beichte, gewisse Almosengaben bei Gelegenheit derselben und während des Gottesdienstes -, öffentlich sind, dem kirchlichen Staate oder seinen Beamten dargebracht werden, die, weil sie solche Beamte sind, unsere Freunde sein sollen. Bei dieser öffentlichen Ausstellung seiner Fortschritte auf dem Wege der Frömmigkeit will nun nicht leicht einer dahinten bleiben, macht die Empfindungen und deren Zeichen mit, - und mehr kann die Kirche unmöglich gebieten und zustande bringen.
Auch unsere Sitten, insofern sie Empfindungen durch äußere Zeichen darlegen, beziehen sich nicht sowohl auf Empfindungen, die man wirklich hat, sondern die man haben soll, wie man beim Tode seiner Anverwandten Traurigkeit mehr empfinden soll, als wirklich immer empfindet, und sich die äußeren Zeichen dieses Gefühls nicht sowohl nach dem, was man wirklich fühlt, sondern was man empfinden soll, richten, wobei man sogar in Ansehung der Stärke und der Dauer der Empfindung übereingekommen ist; und da sich unsere öffentliche Religion auch in diesen Stücken - wie auch in der Trauer und [dem] Fasten in der Fastenzeit und dem Putz und Wohlleben der Ostertage - und viele unserer Sitten auf Regeln der Empfindungen beziehen, welche Regeln allgemein gelten sollen, so ist jetzt soviel Leeres, Geistloses in unseren Gebräuchen, da die Empfindung davon gewichen, uns immer aber dieselbe in der Regel aufgegeben ist. Nichts hat der Mönchsasketik und Kasuistik so sehr geschadet als die größere Ausbildung des moralischen Sinnes unter den Menschen und die bessere Kenntnis der Natur der menschlichen Seele47) .
Auf diese Weise hat die Kirche nicht nur eine Menge äußerer Handlungen vorgeschrieben, dadurch wir teils unmittelbar der Gottheit Ehre erweisen und uns bei ihr in Gunst setzen, teils dadurch eine solche Stimmung und Richtung unseres Geistes hervorbringen [sollen], die sie von uns verlangt, sondern die Kirche hat auch unserer Art zu denken, zu empfinden und zu wollen unmittelbar die Gesetze vorgeschrieben, und die Christen sind wieder dahin gekommen, wo die Juden waren; das Charakteristische der jüdischen Religion - die Knechtschaft unter einem Gesetze, von der frei geworden zu sein die Christen sich so sehr Glück wünschen - findet sich auch wieder in der christlichen Kirche. Der Unterschied besteht zum Teil in den Mitteln, indem die religiösen Pflichten der Juden gewissermaßen auch Zwangspflichten waren, welches sie zum Teil in der christlichen Kirche auch sind, indem derjenige, der sie unterläßt, hier und da noch verbrannt, fast allgemein aber der Rechte seines Staats beraubt wird. Das vorzüglichste Mittel, das eigentlich doch auch bei den Juden stattfand, ist Wirkung auf die Einbildungskraft, nur daß die Vorstellungen, die bei beiden gebraucht werden, verschieden sind - bei den Christen sind vorzüglich
Schreckfeuer aufgesteckt auf hohen Türmen,
Die Phantasie des Träumers zu erstürmen,
Wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt.48)
Der Hauptunterschied soll darin bestehen, daß die Juden mit ihren äußeren Zeremonien der Gottheit genug zu tun glaubten, den Christen hingegen es eingeschärft werde, daß es dabei allein auf die Gesinnung ankomme, mit der zwei Menschen die gleiche Handlung erreichten; - die Gesinnung des Christen nun ist ihm ganz genau vorgeschrieben, in der Heilsordnung ist nicht nur die Folge seiner notwendigen Erkenntnisse, die allerdings fähig sind, deutlich gemacht zu werden, aber auch die Folge der verschiedenen Gemütszustände, die sich aus jenen und auseinander entwickeln sollen, genau vorgezeichnet - und die Kirche gebietet diesen Kursus durchzumachen -, und daß auch in der christlichen Kirche noch der widersprechende Zusatz, Empfindungen zu gebieten, hinzukommt, da in dem Judentum doch nur Handlungen geboten waren, dieser Unterschied ist nicht von der Art, daß dadurch der Zweck der Moral und Religion, Moralität bewirkt würde, sondern es ist an sich und war auch der Kirche unmöglich, auf diesem Wege mehr als Legalität und handwerksmäßige Tugend und Frömmigkeit hervorzubringen. - Die notwendigen Folgen davon, Empfindungen gebieten zu wollen, waren und mußten diese sein: Selbstbetrug, daß man die vorgeschriebene Empfindung zu haben, sein Gefühl mit dem, was man beschrieben fand, übereinstimmend glaubte, wobei aber eine solche hervorgekünstelte Empfindung der wahren, natürlichen unmöglich weder an Kraft noch Werte gleichkommen konnte; [die Folge] von diesem Selbstbetruge ist entweder falsche Beruhigung, die auf diese in dem geistlichen Treibhaus gewirkten Empfindungen einen hohen Wert setzt und sich viel damit meint und daher, wo jetzt Kraft nötig wäre, schwach ist und, wenn ein solcher Mensch dies selbst bemerkt, in Hilflosigkeit, Angst, Mißtrauen in sich verfällt - ein Seelenzustand, der oft bis zum Wahnsinn getrieben wird, so wie oft auch derjenige in Verzweiflung gerät, der mit allem guten Willen und aller möglichen Anstrengung doch seine Empfindungen noch nicht auf die Höhe getrieben zu haben glaubt, die von ihm erfordert wird, und da er sich im Felde der Empfindungen befindet und nie zu keinem festen Maßstab seiner Vollkommenheit gelangen kann (außer etwa durch Täuschungen der Einbildungskraft), so wird er sich in einer Ängstlichkeit befinden, der Kraft und Entschlossenheit fehlt und die nur im Vertrauen auf die unbegrenzte Gnade der Gottheit einige Beruhigung findet - nur eine kleine Erhöhung der Spannung der Einbildungskraft verwandelt diesen Zustand ebenfalls in Wahnsinn und Verrücktheit. Die gewöhnlichste Wirkung ist eine Art des oben angeführten Selbstbetrugs, da man bei allem Reichtum geistlicher Empfindungen im ganzen den Charakter behält und der gewöhnliche Mensch neben dem geistlichen haust, allenfalls von diesem durch Floskeln und äußere Gebärden ausstaffiert wird, im Handel und Wandel der gewöhnliche, sonntags aber oder unter seinen Brüdern oder vor seinem Gebetbuch ganz ein andrer ist; es ist oft zu hart, einen solchen Charakter der eigentlichen Heuchelei zu beschuldigen; zu dieser gehört das Bewußtsein des Widerspruchs zwischen den Beweggründen der Handlungen und dem Schilde, den man dabei aushängt; bei jenem fehlt dieses Bewußtsein hingegen sehr, und der Mensch hat schlechterdings keine Einheit; kommen diese beiden Arten von Gesinnungen wirklich in Kollision, und die fleischliche hat, wie dies sehr gewöhnlich zu sein pflegt, die Oberhand, so kann es dieser unter der ungeheuren Menge von moralischen und asketischen Geboten unmöglich an einem fehlen, mit dem das Vergehen in Beziehung gesetzt werden und dem Handelnden selbst unter diesem Überzug in einer lobenswürdigen Gestalt erscheinen kann. Am weitesten sind diese Spitzfindigkeiten bei den Katholiken getrieben; die lutherische Kirche hat von dem Äußeren besonders das meiste weggeworfen, aber ein System von Empfindungssatzungen und Regeln aufgestellt, das am konsequentesten von den Pietisten behauptet und geübt wird, denn ob diese schon nur eine Sekte dieser Kirche zu sein scheinen, so kann man doch nicht sagen, daß sie in ihrem Glaubens- oder Moralsystem von den Satzungen ihrer Kirche in etwas abgewichen sei, im Gegenteil scheint sie derselben System nur genauer auszudrücken, und wenn sie von dem größten Teil der Lutheraner sich auszuzeichnen scheinen, so kommt es daher, daß bei diesen die Natur und der gesunde Menschenverstand die Angemessenheit ihres Lebens und ihrer Gefühle zu ihrem Systeme hindert. Am meisten scheinen im ganzen die Reformierten Moral zur Hauptsache zu machen und die Asketik zu vernachlässigen.