Ausbreitungssucht

Eine andere Eigentümlichkeit einer positiven Sekte ist ihr Eifer, sich auszubreiten, für ihren Glauben und für den Himmel Proselyten zu machen.

Der rechtschaffene Mann, dem Tugend zu verbreiten am Herzen liegt, ist dabei ebenso tief von dem Gefühl des Rechts eines jeden, seine eigene Überzeugung und seinen Willen zu haben, durchdrungen - und ist billig genug, die zufälligen Verschiedenheiten der Meinung und des Glaubens für außerwesentlich zu halten und für etwas, an das, wenn es einmal gewählt ist, kein anderer ein Recht hat, es zu ändern.

So wie der rechtschaffene Mann, der einem philosophischen System zugetan ist, das Moralität zur Grundlage und zum Ziel alles Lebens und Philosophierens macht, die Inkonsequenz des Epikureers oder überhaupt eines jeden übersieht, der Glückseligkeit zum Prinzip seines moralischen Systems macht - wenn in einem solchen ungeachtet seiner Theorie, die, in strenger Konsequenz verfolgt, keinen Unterschied zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Unsittlichkeit übriglassen würde, dennoch der bessere Teil seiner selbst die Oberhand in ihm behält; - so wie er auch den Christen hochschätzt, der aus seinem dogmatischen Systeme oder wenigstens aus mancher Seite desselben für sein Gewissen Polster einer falschen Beruhigung sich zurechtmachen könnte, aber eher sich an das Wahre, Göttliche seiner Religion, an das Moralische hält und ein tugendhafter Mann ist; - und wie ihn ein solcher Widerspruch zwischen Kopf und Herzen eher veranlaßt, die unbestechbare Macht des Ichs zu bewundern, das über tugendzerstörende Überzeugungen des Verstands und gelernte Worte des Gedächtnisses triumphiert, so wird auch der rechtschaffene Mann, welcher positiven Sekte er zugetan sei, Moralität als das Höchste seines Glaubens anerkennen und in jedem anderen Sektengläubigen, in dem er einen Freund der Tugend findet, einen Bruder, einen Anhänger der gleichen Religion umarmen - und ein solcher Christ wird zu einem solchen Juden sagen wie der Klosterbruder zu Nathan [IV, 7]:

Ihr seid ein Christ! - Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
Ein bessrer Christ war nie!
[und] einem solchen Christen entgegnet ein solcher Jude:
Wohl uns! Denn was
Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
Zum Juden!

Ja! wohl euch! denn Reinheit des Herzens war euch beiden das Wesentliche eures Glaubens, und darum konnte jeder den anderen als den Genossen des seinigen betrachten. Derjenige, in dessen Augen hingegen das Positive seiner Religion einen unendlichen Wert hat und dessen Herz über dieses Positive nichts Höheres zu setzen hat, wird, je nachdem sein sonstiger Charakter beschaffen ist, andere Sektengläubigen entweder bemitleiden oder verabscheuen. Im ersten Fall wird er den einzigen Weg des Glücks, das er für sich hofft, anderen Unwissenden und Unglücklichen auch zu weisen sich gedrungen fühlen, besonders wenn er sonst Gründe hat, sie zu lieben, um so mehr, da das Mittel, diesen Weg zu finden, so leicht, so leicht scheint, da das Gedächtnis in einigen Stunden alles auffassen kann, was dazu nötig ist, und da der Verirrte, wenn er sich nur einmal auf dem rechten Wege findet, so viele Brüder, die ihn unterstützen, so viele Stärkungsmittel, Ruhepunkte und Trostplätze findet. Der sich im anderen Falle befindet, kann, da sein positiver Glaube so fest mit ihm verwebt ist als das Gefühl seiner Existenz, nichts anderes glauben, als daß denselben nicht an[zu]nehmen nur in einem bösen Willen seinen Grund haben könne. Verschiedenheit des Charakters und der Neigungen finden gewöhnliche Menschen überhaupt begreiflicher und erträglicher als Verschiedenheit der Meinungen; man hält dafür, es sei so leicht, diese zu ändern, und glaubt dies fordern zu können, weil man anderen so gern seine Art zu sehen zutraut oder zumutet, und [daß,] was unserem Kopf verträglich ist, auch dem anderen nicht anstößig sein könne. Auch wirkt als Grund oder als Vorwand der fromme, aber in diesem Falle eingeschränkte Gedanke dabei, es sei Pflicht, die Ehre Gottes zu befördern, ihm die Art der Anbetung und des Dienstes zu verschaffen, die seiner allein würdig sei, und der Unterlassung solcher positiven Meinungen und Gebräuche als einer Übertretung der heiligsten Pflichten zu steuern, von der einer den Übertreter durch Überzeugung oder Überredung zurückzuführen suchen wird, - welche aber die Spanier in Amerika und noch jetzt ihre heilige Inquisition sich berufen fühlt, zu [be]strafen und diese Verbrechen der beleidigten Majestät der Gottheit durch Mord zu rächen, [und die] die meisten übrigen katholischen und protestantischen Glaubensregierungen [sich berufen fühlen,] durch Ausschließung von bürgerlichen Rechten zu ahnden. Der einzelne wird von seinem positiven Glauben desto fester überzeugt, je mehrere Personen er davon überzeugen kann oder überzeugt sieht; der Glaube an Tugend stützt sich auf das Gefühl ihrer Notwendigkeit, auf das Gefühl, daß sie eins ist mit dem eigensten Selbst; bei jeden positiven Glaubensmeinungen strebt der Gläubige, sein eigenes Gefühl, daß noch Zweifel dagegen möglich sind, [sowie] die Erfahrungen an anderen, in denen diese Zweifel bis zu Gründen der Verwerfung jenes positiven Glaubens sich verstärkt haben, dadurch zu entfernen, daß er so viele als möglich zu der Fahne seines Glaubens zu versammeln sucht, es kommt den Sektengläubigen immer eine Art von Befremdung an, wenn er von Menschen hört, die nicht seines Glaubens sind, - und dies Gefühl von Unbehaglichkeit, das sie ihm verursachen, verwandelt sich sehr leicht in Abneigung, in Haß gegen sie; es ist ein Zug der Vernunft, die sich unvermögend fühlt, den positiven, auf Geschichte gegründeten Lehren den Charakter der Notwendigkeit zu geben, ihnen wenigstens den anderen Charakter der Vernunftwahrheiten, den der Allgemeinheit, so gut [es] sich tut, aufzudrücken oder bei ihnen zu finden; so hat auch unter den sogenannten Beweisen vom Dasein Gottes der Beweis ex consensu gentium immer eine Stelle gefunden und führt wenigstens etwas Beruhigendes mit sich; selbst gegen den Schrecken der Hölle hat ja oft der Gedanke, dort nur das Schicksal vieler zu teilen, etwas Tröstendes gehabt; und jedes, so auch das Joch des Glaubens wird erträglicher, je größere Gesellschaft man dabei hat, und insgeheim wirkt oft auch ein Unwillen, daß ein anderer von Fesseln, die wir tragen und von denen wir nicht Kraft genug haben, uns loszumachen, frei sein wolle, bei der Sucht mit, ihn zum Proselyten zu machen. Da das Christentum im Gebiete des Heidentums aber schon so große Eroberungen gemacht, da die Theologen es mit großer Zufriedenheit rühmen, daß die Weissagungen des Alten Testaments in Erfüllung gegangen sind oder nächstens bald vollends gehen werden, daß der Glaube Christi bald auf der ganzen Erde ausgebreitet sei, daß ihm alle Völker des Erdbodens anhangen, so ist bei einem solchen Überflusse von Christen der Bekehrungseifer lauer geworden, und ungeachtet die Polemik das ganze Arsenal der gegen Heiden und Juden so siegreichen christlichen Waffen aufbehalten hat, auch an den Mohamedanern besonders und auch den Juden noch viel zu tun übrig wäre, so sind doch die Anstalten, die gegen die Indianer und Amerikaner gerichtet sind, im Verhältnis mit dem, was man von der Menge, der Überlegenheit in allen Künsten, dem Reichtum der Völker, die zusammen die Christenheit ausmachen, erwarten könnte, in der Tat nur dürftig zu nennen; gegen die Juden vollends, die sich mitten unter uns immer mehr einnisteln, zieht höchstens ein "Sanftmut sieget" aus, und seine Ritterzüge erwecken höchstens die Teilnahme einer eingeschränkten [Anzahl] von Menschen. Ungeachtet die schnelle und weite Ausbreitung des Christentums durch Wunder, durch den standhaften Mut seiner Bekenner und Märtyrer, durch die fromme Klugheit seiner späteren Vorsteher, die zum Besten ihrer guten Sache zuweilen einen heiligen Betrug anzuwenden genötigt waren, dergleichen Ungeweihte aber immer unheilig nennen, - ungeachtet diese außerordentlich schnelle Verbreitung des Christentums einen großen Beweis [seiner] Wahrheit und der göttlichen Vorsehung bildet, so findet es sich heutzutage doch nicht selten, daß die erbaulichen Bekehrungsgeschichten aus Malabar, Paraguay oder Kalifornien nicht sowohl wegen der frommen Betriebsamkeit ihrer Verfasser und wegen der Verkündigung des Namens Christi am Ganges oder Mississippi, nicht sowohl wegen des Zuwachses des Reiches Christi Interesse erwecken, als vielmehr in den Augen vieler, die sich Christen nennen, nach der daraus zu schöpfenden Bereicherung der Geographie, der Naturgeschichte und der Kenntnis der Sitten der Völker geschätzt werden. Den Proselyten, die sich hier und da zur Seltenheit selbst anbieten, wird im Ganzen wenig Ehre und Aufmerksamkeit erwiesen, so daß die Verwunderung, die man bei diesem Triumphe, bei dem Schauspiel der Taufe eines bekehrten Juden äußert, von ihm allerdings für einen Glückwunsch, von seiner Verirrung zurückgekommen zu sein, oder auch fast für Befremdung genommen werden kann, wie er sich in die christliche Kirche verirrt habe. Daß im Ganzen so wenig mehr geschieht, ist aber auch dadurch zu entschuldigen, daß die gefährlichsten, die innerlichen Feinde des Christentums immer so viele Zurüstungen und Arbeit erfordern, daß man an das Heil der Türken und Samojeden wenig denken kann.