Abendmahl

So hat auch eine andere Handlung in dem Munde und unter den Augen des Tugendlehrers Jesu selbst eine ganz andere Gestalt in der eingeschränkten und dann wieder eine andere in der allgemein gewordenen Sekte erhalten. Wenn man, ohne durch dogmatische Begriffe die Gabe der Auslegung geschärft zu haben, die Geschichte des letzten oder einiger [der] letzten Abende liest, die Jesus noch im Schoße der vertrauten Freundschaft zubrachte, so findet man die Unterhaltung sicher erhaben, die er mit seinen Jüngern [geführt hat] über Ergebenheit in sein Schicksal, die Erhabenheit des Tugendhaften über Leiden und Ungerechtigkeiten in dem Bewußtsein seiner Pflicht, allgemeine Menschenliebe, durch welche allein der Gehorsam gegen Gott bewiesen werden könne. Ebenso rührend und menschlich ist die Art, wie Jesus das jüdische Passah zum letzten Male mit ihnen feiert, sie dabei erinnert, wenn sie nun ihre Pflichten erfüllt [hätten] und bei einem religiösen oder sonst einem freundschaftlichen Mahle sich erholten, seiner, ihres treuen Freundes und Lehrers, der nicht mehr in ihrer Mitte sein werde, zu gedenken, beim Genuß des Brotes sich seines für die Wahrheit aufzuopfernden Leibes, beim Genuß des Weines seines zu vergießenden Blutes sich zu erinnern, - ein Sinnbild, wodurch er in der Vorstellung das Andenken an sich mit Teilen der Mahle, die sie genießen würden, selbst in Verbindung setzte, das zwar aus Gegenständen, die gerade gegenwärtig waren, sehr natürlich gegriffen war, aber bloß von der ästhetischen Seite betrachtet etwas spielend scheinen kann, aber doch an sich gefälliger ist als der so lange durchgeführte Gebrauch der Worte Blut und Fleisch, Speise und Trank, Joh. 6, 47 ff., in metaphysischem Sinne, der selbst von Theologen für etwas hart erklärt worden ist.

Diese menschliche Bitte eines Freundes, der von seinen Freunden Abschied nimmt, wurde bald von den zur Sekte gewordenen Christen in ein Gebot, das den Befehlen der Gottheit gleich ist, die Pflicht, das Andenken des Lehrers zu ehren, die aus der Freundschaft freiwillig hervorgeht, in eine religiöse Pflicht und das Ganze in eine mysteriöse gottesdienstliche Handlung verwandelt, die an die Stelle der jüdischen und römischen Opfermahlzeiten trat, wobei die Armen durch die Freigebigkeit der Reicheren in den Stand gesetzt wurden, diese Pflicht auch zu erfüllen, die sie sonst dürftig oder mit Mühe verrichtet hätten, und die ihnen dadurch angenehm wurde. Bald wurde solchen Mahlzeiten zur Ehre Christi außer der Kraft, die jede gewöhnliche gesunde Mahlzeit auf den Körper, die eine freie Unterhaltung auf die Erheiterung oder hier fromme Gespräche auf die Erbauung hatten, eine hiervon unabhängige Wirkung zugeschrieben. Wie aber bei der Allgemeinerwerdung des Christentums eine größere Ungleichheit des Ranges der Christen stattfand, die zwar in der Theorie verworfen, aber in praxi beibehalten wurde, so hörte ein solches Fraternisieren auf, und statt daß [wie] ehemals hier und da die Klage geführt wurde, daß die Mahle der geistlichen Liebe zuweilen in Gelage und Szenen einer fleischlichen Liebe ausgeartet seien, so wurde nach und nach an der leiblichen Sättigung immer mehr und mehr abgezogen, dagegen das Geistliche, Mystische desto höher angeschlagen, und andere geringfügigere Empfindungen, die im Anfang dabei stattfanden, freundschaftliche Unterhaltung, geselliges Beisammensein, wechselseitige Öffnung und Aufheiterung der Gemüter kommen bei einem so erhabenen Genuß nicht mehr in Betrachtung.