Merkwürdig ist in dieser Rücksicht auch noch der Befehl, den Jesus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern zur Ausbreitung seiner Lehre und seines Narnens gibt. So charakteristisch der rührende Abschied vor seinem Tode in dem Munde eines Tugendlehrers ist, der mit der Stimme der zärtlichsten Freundschaft, mit dem begeisternden Gefühle des Werts der Religion und Sittlichkeit in dem wichtigsten Momente seines Lebens die wenigen ihm übrigen Augenblicke noch dazu anwendet, seinen Freunden Liebe und Duldsamkeit zu empfehlen, ihnen Gleichgültigkeit gegen die Gefahren, in welche sie Tugend und Wahrheit bringen könnte, einzuprägen, sosehr charakterisiert der Befehl nach seiner Auferstehung den Lehrer einer positiven Religion, besonders wie dieser Befehl bei Markus (16, 15-18) ausgedrückt ist. Statt: gehet hin usw. hätte ein Tugendlehrer vielleicht gesagt: ein jeder in dem Kreise der Tätigkeit, den ihm Natur und Vorsehung angewiesen, wirke soviel Gutes als möglich; in jenem Abschied legt der Tugendlehrer allen Wert auf das Tun, hier auf Glauben; hier setzt er auch ein äußeres Zeichen, das Taufen, als Unterscheidungszeichen und macht diese zwei positiven Sachen, Glauben und Getauftwerden, zur Bedingung der Seligkeit, und auf den Unglauben setzt er Verdammnis. Man mag den Glauben noch sosehr hinaufsteigern zu einem lebendigen, in Werken der Barmherzigkeit und Menschenliebe tätigen Glauben und den Unglauben sosehr herabsetzen zu einer gegen sein besseres Wissen und Gewissen hartnäckigen Weigerung, die Wahrheit des Evangeliums anzuerkennen, und zugeben, daß nur ein solcher Glaube und Unglaube gemeint sei, wenn es auch schon nicht gerade in den dürren Worten liegt, so bleibt ihm doch noch etwas Positives wesentlich ankleben, und dieses Positive ist an Würde der Moralität wenigstens gleich als unzertrennlich von ihr gesetzt, es ist Seligkeit und Verdammnis daran gebunden. Daß aber dies Positive vorzüglich auch in diesem Befehl gemeint sei, erhellt auch aus dem Folgenden, wo die Gaben, die Eigenschaften, die den Gläubigen werden zuteil werden, angegeben [werden]: in seinem Namen Teufel auszutreiben, mit neuen Zungen zu reden, Schlangen ohne Gefahr aufzuheben, ohne Gefahr giftige Getränke zu verschlucken, Kranke durch Auflegung der Hände zu heilen. Auffallend kontrastieren die Eigenschaften, die hier den gottwohlgefälligen Menschen zugeschrieben werden, mit dem, was besonders Matth. 7, 22 gesagt wird; hier werden gerade die ähnlichen Züge im Gemälde aufgeführt, nämlich in Jesu Namen Teufel auszutreiben, in seinem Namen Prophetensprache zu reden (welches bekanntlich einen weiteren Umfang hat, als bloß zu weissagen, und mit καιναι ͂ς γλώσσαις λαλει ͂ν so ziemlich zusammentrifft oder wenigstens damit verwandt ist) und andere viele gewaltige Taten zu tun, und doch mit allen diesen Eigenschaften könne ein Mensch so beschaffen sein, daß das Urteil der Verwerfung von dem Richter der Welt ausgesprochen werde. Diese Worte Mark. 16, 15-18 sind nur in dem Munde eines Lehrers einer positiven Religion, nicht in dem Munde eines Tugendlehrers möglich.
Diese verschiedenen Umstände, die sich in der Lehre Jesu finden, außerdem daß sie einen unbedingten und uneigennützigen Gehorsam gegen den Willen Gottes und das Sittengesetz fordert und denselben zur Bedingung des Wohlgefallens Gottes und der Hoffnung der Seligkeit macht, konnten es veranlassen, daß diejenigen, die seine Religion aufbehielten und verbreiteten, die Kenntnis des Willens Gottes und die Verpflichtung zu demselben allein auf die Autorität Jesu gründeten; daß sie selbst die Anerkennung dieser Autorität als einen Teil des göttlichen Willens und also eine Pflicht aufstellten; daß die Vernunft zu einem bloß empfangenden, nicht gesetzgebenden Vermögen gemacht und alles, was sich sonst als Lehre Jesu und nachher seiner Stellvertreter erweisen ließe, bloß deswegen, weil es Lehre Jesu sei, als Willen [Gottes] geachtet und daß daran Seligkeit und Verdammnis gebunden wurde; daß selbst die Tugendlehren jetzt positiv, d. h. als nicht für sich selbst, sondern als Gebote Jesu verpflichtend [wurden], das innere Kriterium ihrer Notwendigkeit verloren und mit jedem anderen positiven, speziellen Gebot, mit jeder äußeren Anordnung, die in Umständen oder auf Klugheit gegründet ist, in gleichen Rang gesetzt wurden; und, was sonst ein widersprechender Begriff ist, die Religion Jesu wurde zu einer positiven Tugendlehre. Daß nun die Lehre Jesu nicht bloß sich nur von dem öffentlichen Glauben unterschied und denselben für gleichgültig hielt und also nur eine philosophische Schule bildete, sondern diesen öffentlichen Glauben und die Befolgung seiner Gebote und Gebräuche auch für sündlich hielt und den letzten Endzweck des Menschen nur als durch ihre Gebote, die teils in Tugendgeboten, teils in positiven Glaubensmeinungen und Zeremonien bestanden, erreichbar vorstellte, - daß die Lehre Christi also zu einem positiven Sektenglauben wurde, daraus entwickelten sich für ihre äußere Form sowohl als für ihren Inhalt die wichtigsten Folgen, die sie von dem, was man anfängt, für das Wesen jeder wahren und auch der christlichen Religion zu halten, von der Bestimmung, die Pflichten des Menschen und die Triebfedern zu denselben in ihrer Reinheit aufzustellen und die Möglichkeit des höchsten Gutes durch die Idee von Gott zu zeigen, immer mehr und mehr abgebracht haben.