Positives von seinen Jüngern

Sowenig Spezielles uns von dem Charakter der meisten Schüler Jesu bekannt ist, so scheint doch soviel gewiß zu sein, daß sie sich durch Rechtschaffenheit, Mut und Standhaftigkeit im Bekennen der Lehre ihres Meisters, Demut und Freundlichkeit auszeichneten, dabei aber an einen eingeschränkten Kreis der Tätigkeit gewöhnt [waren], ihre Handwerke, so wie man diese gewöhnlich lernt und treibt, handwerkmäßig gelernt und getrieben hatten und sich weder als Generale, noch als tiefe Staatsmänner auszeichneten, im Gegenteil ihren Ruhm darein setzten, dieses nicht zu sein; - mit diesem Geiste kamen sie in die Bekanntschaft und Schule Jesu; ihr Gesichtskreis erweiterte sich ein wenig, doch nicht über alle jüdischen Ideen und Vorurteile hinaus (s. von Petrus, dem feurigsten unter allen, ein Beispiel in der Apostelgeschichte - nun erst erkenne ich, und das Gefäß mit den verschiedenen Tieren - und was oben schon angeführt ist), und ohne einen großen Schatz eigener Energie des Geistes zu besitzen, hatte ihre Überzeugung von der Lehre Jesu vorzüglich auch in ihrer Freundschaft und Anhänglichkeit an ihn ihren Grund; sie hatten Wahrheit und Freiheit nicht selbst errungen, sondern kamen nur durch mühsames Lernen zu einem dunklen Gefühl und zu Formeln derselben; ihr Ehrgeiz war, diese Lehre getreu aufzufassen und aufzubewahren und sie ebenso getreu, ohne Zusatz, ohne daß sie durch eigene Bearbeitung abweichende Eigentümlichkeiten erhalten sollte, anderen zu überliefern. Und so mußte es sein, wenn sich die christliche Religion erhalten, wenn sie als öffentliche Religion sich festsetzen und als solche auf die Nachwelt kommen sollte. Wenn es erlaubt ist, in diesem Punkte das Schicksal der Philosophie des Sokrates mit dem Schicksal der Lehre Jesu zu vergleichen, so finden wir unter anderem auch in der Verschiedenheit der Schüler beider Weisen einen Grund, daß die sokratische Philosophie nicht in Griechenland oder wo es sonst sei zur öffentlichen Religion gediehen ist.

Die Jünger Jesu hatten jedes andere Interesse, das freilich nicht weit ging und welches sie nicht schwer ankommen konnte, aufgegeben, hatten alles verlassen und waren Jesu nachgefolgt; ein Interesse für den Staat hatten sie nicht, wie ein Republikaner für sein Vaterland hat, alles ihr Interesse war auf die Person Jesu eingeschränkt. Die Freunde des Sokrates hatten von Jugend auf ihre Kräfte vielseitiger entwickelt, hatten republikanischen Geist eingesogen, der jedem Individuum für sich mehr Selbständigkeit gibt und es einem etwas guten Kopfe unmöglich macht, ganz und gar nur an einer Person zu hängen; in ihrem Staate war es noch der Mühe wert, sich für ihn zu interessieren, und ein solches Interesse kann nie aufgegeben werden. Sie hatten meist schon andere Philosophen, andere Lehrer gehabt, liebten den Sokrates um seiner Tugend und seiner Philosophie wegen, nicht die Tugend und seine Philosophie um seinetwillen. Wie Sokrates selbst für sein Vaterland gestritten, jede Pflichten eines freien Bürgers im Krieg als tapferer Soldat, im Frieden als gerechter Richter erfüllt hatte, so waren auch alle seine Freunde etwas mehr als bloße untätige Philosophen, etwas mehr als bloße Schüler des Sokrates. Sie vermochten dann auch in ihren eigenen Köpfen das Gelernte zu bearbeiten und ihm den Stempel eigener Originalität aufzudrücken, viele stifteten eigne Schulen und waren so gut selbständig große Männer als Sokrates.