Einen großen Teil des Zutrauens und der Aufmerksamkeit, die Jesus unter den eines selbsterrungenen und in sich selbst gegründeten Glaubens unfähigen Juden erhielt, war seinen Wundern zuzuschreiben, ungeachtet daß eine solche Kraft seinen gelehrteren Zeitgenossen, wie es scheint, nicht so sehr auffiel (z. B. Heilung der Dämonischen verrichteten auch Juden; ferner, als Jesus die verdorrte Hand in der Synagoge heilte, fiel ihnen nicht diese Heilung, sondern die Entweihung des Sabbats zunächst auf), wie es doch bei Leuten, die mit dem, was durch Natur möglich ist oder nicht, wohl bekannter sind als gemeine Leute, hätte geschehen sollen; ungeachtet dessen, was Gegner des Christentums gegen die Wirklichkeit und Philosophen gegen die Möglichkeit der Wunder vorgebracht haben, so wird soviel von allen zugestanden, und dies ist hier genug für uns, daß diese Taten Jesu Wunder für seine Schüler und Freunde waren. Nichts hat wohl so sehr als dieser Glaube an Wunder dazu beigetragen, die Religion Jesu positiv zu machen, sie gänzlich, selbst ihrer Tugendlehre nach auf Autorität zu gründen. Ungeachtet Jesus nicht wegen dieser seiner Wunder, sondern wegen seiner Lehre Glauben verlangte, ungeachtet ewige Wahrheiten ihrer Natur nach, wenn sie notwendig und allgemeingültig sein sollen, auf das Wesen der Vernunft allein, nicht auf für die Vernunft zufällige Erscheinungen der äußeren Sinnenwelt gegründet werden können, so nahm jetzt doch die Überzeugung von der Verbindlichkeit zur Tugend folgenden Weg: Wunder auf Treu und Glauben angenommen, begründeten einen Glauben, eine Autorität des Täters derselben, und diese Autorität desselben wurde das Prinzip der Verbindlichkeit zur Moralität, und die Christen hätten auf diesem Wege, wenn sie immer an das Ziel desselben gelangt wären, noch viel vor den Juden vorausgehabt; aber so blieben sie zuletzt auf dem halben Wege stehen; und wie die Juden Opfer, Zeremonien und einen Fronglauben, so machten sie Lippendienst, äußerliche Handlungen, innere Empfindungen, einen historischen Glauben zum Wesen der Religion.
Außerdem, daß dieser Umweg zur Moralität über Wunder und Autorität einer Person und dann noch [über] manche Stationen, an denen man sich aufzuhalten hat, den Fehler jedes Umwegs hat, daß er das Ziel entfernter macht, als es wirklich ist, und den Wanderer leicht veranlassen kann, in seinen Beugungen und zerstreuenden Stationen den Weg gar aus den Augen zu verlieren, so tut er der Würde der Moralität Abbruch, die selbständig jedes andere Fundament verschmäht, sich selbst genug nur auf sich gegründet sein will. Nicht die Tugendlehre Jesu war es jetzt mehr, die für sich selbst ein Gegenstand der Achtung sein sollte, wo sie dann auch Achtung für den Lehrer bewirkt hätte, sondern jene verlangte nur Achtung wegen des Lehrers und dieser wegen seiner Wunder. Wer auf diesem Umweg ein frommer und tugendhafter Mensch geworden ist, dessen Demut schreibt seiner eigenen Tugendkraft, der Achtung, die er dem Ideal der Heiligkeit zollt, weder den größten Anteil an seiner moralischen Gesinnung, noch sich überhaupt eigene Fähigkeit oder Empfänglichkeit für Tugend und den Charakter der Freiheit zu; aber der hat diesem Charakter, der Quelle der Moralität, gänzlich entsagt, wer sich jenem Gesetz nur aus Furcht vor der Strafe seines Herrn gezwungen unterwirft und also, wenn der theoretische Glaube an diese Gewalt, von der er abhängig ist, in ihm weggenommen ist, wie ein entfesselter Sklave kein Gesetz mehr kennt, denn das Gesetz, dessen Joch er trug, hatte nicht er, [seine Vernunft] sich gegeben38) , denn diese konnte er nicht als eine freie, als eine Herrin, sondern mußte sie nach dem geläufigen Ausdruck als eine Magd ansehen, und bei seinen Neigungen bleibt ihr jetzt nur dies Amt übrig. Daß dieser Weg von der Geschichte der Wunder aus zum Glauben an eine Person, von diesem Glauben, wenn es gut geht, zur Sittlichkeit die durch Symbole befohlene Landstraße sei, ist so bekannt, als es erwiesen ist, daß die eigentümliche Grundlage der Tugend in der Vernunft des Menschen liegt und daß der Rang der menschlichen Natur, die Stufe der Vollkommenheit, die von ihr gefordert wird, höher zu setzen ist als auf den Standpunkt der Unmündigkeit, auf dem sie ewig eines Vormunds bedürfen soll und nie in den Stand der Männlichkeit zu treten vermöge.
Ein kleines Ziel zu stecken usw.
Jesus erhob seine Religionslehre nicht selbst zu einer eigentümlichen, sich durch eigene Gebräuche unterscheidenden Sekte, es kam auf den Eifer seiner Freunde und auf die Art, mit welcher diese seine Lehre aufgefaßt hatten, an, in was für einer Gestalt, mit welchen Ansprüchen sie dieselbe weiter verkündigen, auf was für Gründe sie dieselbe stützen würden. Es ist hier also die Frage, was trugen teils der Charakter und die Talente der Jünger Jesu, teils die Art ihrer Verbindung mit ihrem Lehrer bei, die Lehre Jesu zu einer positiven Sekte zu machen.