Jesus spricht viel von seinem Individuum

Sosehr nämlich auch bei einem Manne, der Tugend lehrt und dem Strom der Sittenverderbnis seiner Zeit entgegenarbeiten will, es auf seinen eigenen moralischen Charakter ankommt und ohne einen solchen seine Rede tot und kalt von seinen Lippen fallen würde, so kam doch hier manches zusammen, das die Person des Lehrers wichtiger machte, als es für die Empfehlung der Wahrheit an sich nötig war.

Jesus war nämlich für sich selbst genötigt, sehr viel von sich, von seiner Person zu sprechen; die Umstände, die ihn dazu veranlaßten, war die Art, wie sein Volk sich allein wollte beikommen lassen; ihre ganze Verfassung, alle ihre gottesdienstlichen, politischen und bürgerlichen Gesetze waren sie innigst überzeugt, von der Gottheit selbst empfangen zu haben. Dies war ihr Stolz, dieser Glaube schnitt alle eigenen Spekulationen ab und schränkte sich ganz allein auf das Studium der heiligen Urkunden und die Wirksamkeit der Tugend auf einen blinden Gehorsam gegen diese sich nicht selbst gegebenen Gebote ein; - der Lehrer, der mehr in seinem Volke wirken wollte, als einen neuen Kommentar darüber zu liefern, und es von der Unzulänglichkeit des statutarischen Kirchenglaubens überzeugen wollte, mußte notwendig seine Behauptungen auf die gleiche Autorität gründen; auf Vernunft allein sich berufen zu wollen, hätte den Fischen predigen geheißen, da sie für eine solche Aufforderung keinen Sinn hatten; bei Empfehlung einer moralischen Gesinnung kam ihm allerdings die unvertilgbare Stimme des moralischen Gebotes im Menschen und die Stimme des Gewissens zu Hilfe; und sie kann die Wirkung haben, von selbst die Wichtigkeit des Kirchenglaubens sinken zu machen, aber wenn das Gefühl der Moralität ganz und gar die Richtung des Kirchenglaubens genommen hat, ganz damit amalgamiert ist, wenn dieser selbst in den Gemütern alleinherrschend ist, wenn alle Tugend nur darauf gegründet und eine falsche daraus entsprungen ist, so kann ihm nur durch die Entgegensetzung einer gleichen Autorität, einer göttlichen, beigekommen werden; daher Jesus für seine Lehren nicht deswegen Aufmerksamkeit verlangt, weil sie den moralischen Bedürfnissen unseres Geistes angemessen, sondern weil sie Gottes Willen seien; diese Übereinstimmung dessen, was er sagte, mit dem Willen Gottes, daß wer an ihn glaube, an den Vater glaube, daß er nichts lehre, als was ihn der Vater gelehrt habe (welches bei Johannes besonders die herrschende und immer wiederkehrende Vorstellung ist), - ohne diese Autorität für sich zu haben, konnte Jesus durch eine noch so beredte Vorstellung des Werts der Tugend an sich nicht auf seine Zeitgenossen wirken; er mochte nun sich einer Verbindung mit Gott selbst bewußt sein oder auch nur das uns in die Brust gegrabene Gesetz für eine unmittelbare Offenbarung der Gottheit gehalten haben, daß es ein Funken der Gottheit sei, und durch die Gewißheit, daß er nur lehre, was dieses Gesetz gebiete, sich der Übereinstimmung der Lehre mit dem Willen Gottes bewußt gewesen sein. Wie weit dies gehen könne, daß die Menschen ihrer eigenen angestammten Kraft und Freiheit entsagen, daß sie sich so willig unter eine ewige Vormundschaft beugen, daß die Anhänglichkeit an die Ketten der Vernunft desto größer wird, je lästiger sie werden, - davon sieht jeder alle Tage Beispiele vor sich. Neben der Empfehlung einer Tugendreligion mußte Jesus auch notwendig immer sich, den Lehrer derselben, ins Spiel bringen - und Glauben an seine Person fordern, dessen seine Vernunftreligion nur bedurfte, um sich dem Positiven entgegenzusetzen.