Woher das Positive?

Wie hätte man erwarten sollen, daß ein solcher Lehrer, der sich nicht gegen die eingeführte Religion selbst, sondern nur gegen den moralischen Aberglauben, durch die Beobachtung ihrer Gebräuche den Forderungen des Sittengesetzes Genüge geleistet zu haben, erklärte; der nicht auf eine auf Autorität gegründete Tugend (welches entweder ohne Sinn oder unmittelbar ein Widerspruch ist), sondern auf eigene freie Tugend drang, - daß ein solcher Lehrer Veranlassung zu einer positiven (auf Autorität gegründeten und den Wert des Menschen gar nicht oder wenigstens nicht allein in Moral setzenden) Religion geben würde! Diese Vorstellung, daß Jesus Lehrer einer rein moralischen, nicht positiven Religion gewesen sei; daß Wunder u. dgl. nicht die Absicht gehabt haben, Lehren zu begründen, die nicht auf Tatsachen beruhen können, sondern nur etwa Aufmerksamkeit durch solche auffallende Erscheinungen in einem fürs Moralische tauben Volke zu erregen; daß er manche Vorstellungen seiner Zeitgenossen - z. B. ihre Erwartungen von einem Messias, [ihre] Vorstellung der Unsterblichkeit unter dem Bilde der Auferstehung, daß sie heftige, unheilbare Krankheiten der Wirkung eines bösen mächtigen Wesens zuschrieben und dergleichen mehr -, daß Jesus diese Vorstellungen nur gebraucht habe, teils um ihnen einen edleren Begriff zu unterlegen, teils weil sie in keiner unmittelbaren Beziehung auf Moralität stehen; daß sie als Zeitideen nicht zum Inhalt einer Religion gehören, welcher ewig und unwandelbar sein müsse; daß die Lehre Jesu überhaupt nicht positiv sei, nichts auf seine Autorität habe gründen wollen -: gegen diese Vorstellung erheben sich zwei Parteien, die darin übereinstimmen, daß die Religion allerdings Prinzipien der Tugend, aber zugleich auch positive Vorschriften, das Wohlgefallen Gottes noch durch andere Übungen, Gefühle und Handlungen zu erwerben als durch Moralität, enthalte; - aber welche zwei Parteien sich darin voneinander unterscheiden, daß die eine dies Positive an einer reinen Religion für außerwesentlich, ja für verwerflich hält und wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer Tugendreligion nicht zugestehen will, die andere hingegen den Vorzug derselben gerade in dieses Positive setzt, es für gleich heilig mit den Prinzipien der Sittlichkeit hält, oft gar diese auf jenes baut, ja ihm selbst zuweilen eine größere Wichtigkeit als jenen einräumt. Die Frage, wie die Religion Jesu positiv geworden sei, hat die letztere Partei leicht zu beantworten, indem sie nämlich behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen, für alle seine Lehren, selbst für die Gesetze der Tugend habe Jesus nur auf seine Autorität Glauben gefordert, und diese Partei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan [II, 1] von den Christen sagt: "Was noch von ihrem Stifter her / Mit Menschlichkeit den - [Aber]glauben würzt, / Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: / Weils Christus lehrt, weils Christus hat getan" -, und die Erscheinung, wie eine positive Religion sosehr Eingang finden konnte, erklärt sie dadurch, daß keine Religion wie diese den Bedürfnissen der Menschheit sosehr angemessen sei, indem sie die Probleme der praktischen Vernunft, die diese sich unmöglich selbst lösen könne - z. B. wie Vergebung der Sünden, auch für den Besten, der davon nicht frei ist, zu hoffen sei -, befriedigend beantwortet habe, wodurch diese seinsollenden Probleme jetzt gar zu dem Rang von Postulaten der praktischen Vernunft erhoben werden, und was ehemals auf dem theoretischen Wege versucht worden ist, die Wahrheit der christlichen Religion aus Vernunftgründen zu erweisen, das wird jetzt durch eine sogenannte praktische Vernunft erwiesen. Da es aber bekannt ist, daß mehrere Jahrhunderte lang an dem System christlicher Religion, wie es heutzutage sich vorfindet, gearbeitet worden ist, daß in dieser allmählichen Bestimmung der einzelnen Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mäßigung und Vernunft die heiligen Väter geleitet hat, daß schon bei der Annahme der christlichen Religion nicht bloß reine Liebe zur Wahrheit, sondern zum Teil sehr zusammengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten, unreine Leidenschaften und oft nur auf Aberglauben gegründete Bedürfnisse des Geistes gewirkt haben, so muß es erlaubt sein, um die Entstehung des Gebäudes der christlichen Religion zu erklären, anzunehmen, daß auch äußere Umstände, der Geist der Zeiten Einfluß auf die Bildung ihrer Form gehabt haben, - welches der Zweck der Kirchen-, noch eigentlicher der Zweck der Dogmengeschichte [ist]. Die Absicht gegenwärtiger Untersuchung soll nicht diese speziellere Entwicklung des Gangs, den die Kirche dabei genommen hat, an der leitenden Hand der Geschichte sein, sondern teils in der ursprünglichen Gestalt der Religion Jesu selbst, teils in dem Geist der Zeiten selbst sollen einige allgemeine Gründe aufgesucht werden, durch welche es möglich geworden, daß man frühzeitig christliche Religion als Tugendreligion verkennen, sie anfangs zu einer Sekte und nachher zu einem positiven Glauben machen konnte.

Das oben aufgestellte Bild von den Bemühungen Jesu, die Juden zu überzeugen, daß das Wesen der Tugend oder der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht in der bloßen Befolgung des mosaischen Gesetzes liege, wird zwar von allen Parteien des christlichen Glaubens als richtig anerkannt, aber zugleich für sehr unvollständig ausgegeben werden.

Die Behauptung, daß auch die Tugendgesetze Jesu etwas Positives seien, d. h. daß sie daher ihre Gültigkeit haben, weil Jesus sie geboten habe, zeugt zwar von einer demütigen Bescheidenheit und einer Resignation auf alles eigene Gute, Edle und Große in der menschlichen Natur, aber sie muß doch wenigstens voraussetzen, daß der Mensch ein natürliches Gefühl der Verpflichtung zu göttlichen Geboten habe; und entspräche in unserem Herzen der Aufforderung zur Tugend schlechterdings nichts, würde dadurch keine eigene Saite in uns angeschlagen, so wäre das Unternehmen Jesu, die Menschen Tugend zu lehren, von der gleichen Beschaffenheit und von gleichem Erfolge gewesen wie der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den Fischen zu predigen, welcher sich auch darauf hätte verlassen können, daß das, was weder seine Predigt noch die Natur der Fische vermochte, durch einen Beistand von oben in ihnen gewirkt werden könne. Wie es aber gekommen ist, daß selbst Tugendgesetze als etwas Positives angesehen worden sind, darauf werden wir in der Folge kommen. Da unsere Absicht nicht ist, zu untersuchen, wie diese oder jene positive Lehre in das Christentum gekommen ist oder welche Veränderungen mit ihr nach und nach vorgegangen sind, noch ob diese oder jene Lehre wirklich ganz oder zum Teil positiv, aus Vernunft erkennbar sei oder nicht, so werden wir überhaupt nur dasjenige berühren, was in der Religion Jesu die Veranlassung gab, daß sie positiv wurde, d. h. entweder nicht durch Vernunft postuliert, ihr sogar widerstreitend war, oder auch damit übereinstimmend, doch nur auf Autorität hin geglaubt zu werden [verlangte].

Eine Sekte setzt überhaupt Verschiedenheit der Lehre, der Meinungen - gewöhnlich von den herrschenden oder auch nur von anderen - voraus; eine philosophische Sekte kann man eine solche nennen, die sich durch ihre Lehren von dem, was wesentlich für den Menschen Pflicht und Tugend ist, durch ihre Vorstellungen von der Gottheit unterscheidet, Verwerfung und Unwürdigkeit nur an Abweichung von der Sittlichkeit, nicht an Irrtümer über die Art, wie sie deduziert wird, knüpft, den Volksglauben der Phantasie dabei für eines denkenden Mannes unwürdig, aber nicht für sträflich hält; einer philosophischen Sekte sollte man nicht sowohl eine religiöse als eine positive entgegensetzen, die außer der Sittlichkeit auch das, was eigentlich nicht auf Vernunft beruht, sondern in der Phantasie der Völker seinen Glaubensgrund hat, nicht zur Moralität für unwesentlich, sondern entweder bloß für sündlich hält und sich davor hütet oder auch an die Stelle dieses Positiven etwas anderes Positives setzt, dem Glauben an welches sie gleichen Wert und Rang mit Sittlichkeit zugesteht, ja sogar die, welche nicht daran glauben, auch ohne ihre Schuld, welches beim positiven, nicht beim moralischen Glauben der Fall sein kann, moralisch schlechten Menschen gleichsetzt. Für diese Art von Sekten sollte man eigentlich den Namen Sekte aufbewahren, da er etwas Widriges an sich hat und eine philosophische Partei nicht mit einem Namen belegt zu werden verdient, der die Nebenidee von Verdammung und Intoleranz bei sich führt. Auch sollte man solche positiven Sekten nicht wie gewöhnlich religiöse Sekten nennen, da das Wesen der Religion doch in etwas anderem als einem Positiven besteht. Man könnte zwischen diese zwei Arten eine dritte setzen, eine solche, die zwar von einer Seite das positive Prinzip des Glaubens und der Erkenntnis von dem, was Willen Gottes und Pflicht ist, als heilig zur Basis des Glaubens macht, aber für das Wesentliche in demselben nicht die gebotenen darin etwa vorkommenden positiven Lehren und befohlenen Gebräuche, sondern die Tugendgebote hält. Von dieser Art war die Lehre Jesu. Er war ein Jude, das Prinzip seines Glaubens und seines Evangeliums war der geoffenbarte Wille Gottes, wie die Traditionen der Juden ihm denselben überliefert hatten, aber zugleich das lebendige Gefühl seines eigenen Herzens von Pflicht und Recht. In die Befolgung dieses moralischen Gesetzes setzte er die Hauptbedingung des Wohlgefallens Gottes. Außer dieser Lehre, der Anwendung derselben auf einzelne Fälle und Versinnlichung durch fingierte Beispiele (Parabeln) kommen in seiner Geschichte noch andere Umstände hinzu, die das Ihrige dazu beitrugen, einen Glauben auf Autorität zu gründen.