Zustand der jüdischen Religion - Jesus

Der traurige Zustand der jüdischen Nation - einer Nation, die ihre Gesetzgebung von der höchsten Weisheit selbst ableitete und deren Geist nun unter einer Last statutarischer Gebote zu Boden gedrückt war, die pedantisch jeder gleichgültigen Handlung des täglichen Lebens eine Regel vorschrieben und der ganzen Nation das Ansehen eines Mönchsordens gaben, so wie sie das Heiligste, den Dienst Gottes und der Tugend in toten Formularen geordnet und eingezwängt hatten und dem Geist nichts als noch den Stolz auf diesen Gehorsam der Sklaven gegen sich nicht selbst gegebene Gesetze übrigließen, der auch durch die Unterwerfung des Staats unter eine fremde Gewalt tief gekränkt und erbittert wurde -, dieser Zustand der jüdischen Nation mußte in Menschen von besserem Kopf und Herzen, die ihr Selbstgefühl nicht aufgeben, verleugnen und sich nicht zu toten Maschinen herunterbeugen konnten, das Bedürfnis einer freieren Tätigkeit, als mit mönchischer Geschäftigkeit eines geist- und wesenlosen Mechanismus kleinlicher Gebräuche ein Dasein ohne Selbstbewußtsein zu leben, eines edleren Genusses, als in diesem Sklavenhandwerk sich groß zu dünken, erwecken. Bekanntschaft mit fremden Nationen lehrte einige die schöneren Blüten des menschlichen Geistes kennen, die Essener versuchten es, eine selbständigere Tugend in sich zu bilden, Johannes trat dem Sittenverderbnis, das wechselseitig Folge und Quelle jener verkehrten Begriffe war, mutig in den Weg. Jesus, bis in sein männliches Alter mit seiner eigenen Bildung beschäftigt, frei von der ansteckenden Krankheit seines Zeitalters und seiner Nation, frei von der eingeschränkten Trägheit, die an die gemeinen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens ihre einzige Tätigkeit verwendet, wie von Ehrgeiz und anderen Neigungen - deren gewünschte Befriedigung ihn genötigt haben würde, in den Vertrag der Vorurteile und der Laster einzutreten -, unternahm es, Religion und Tugend zur Moralität zu erheben und die Freiheit derselben, worin ihr Wesen besteht, wiederherzustellen, denn so wie jede Nation eine hergebrachte Nationaltracht, eine eigene Manier, zu essen und zu trinken, und in ihrer übrigen Lebensart eigene Gewohnheiten hat, so war Moralität von der ihr eigentümlichen Freiheit zu einem System solcher Gebräuche herabgesunken; er rief die moralischen Prinzipien, die in den heiligen Büchern seines Volkes lagen, demselben ins Gedächtnis zurück (die höchsten Grundsätze der Moral fand Jesus vor und stellte keinen neuen auf, Matth. 22, 36; s. Dt. [5. Mose] 6, 6; Lv. [3. Mose] 19, 18; Lv. 18, 5; Matth. 5, 48; seid heilig wie etc.; Matth. 7, 12 hat einen zu weiten Umfang - und ist auch für den Lasterhaften als Maxime der Klugheit zu gebrauchen -, als daß es einen moralischen Grundsatz abgeben könnte; und wirklich wäre es sonderbar gewesen, wenn eine Religion wie die jüdische, die die Gottheit zu ihrem politischen Gesetzgeber machte, nicht auch rein moralische Prinzipien enthalten hätte), würdigte nach denselben die Zeremonien und die Menge Ausflüchte, die man gefunden hatte, das Gesetz zu eludieren, die Beruhigung, die das Gewissen in Befolgung des Buchstabens des Gesetzes, in den Opfern und anderen heiligen Gebräuchen statt in dem Gehorsam gegen das Sittengesetz fand, - nur diesem, nicht der Abstammung von Abraham, legte er einen Wert in den Augen der Gottheit bei, nur ihm gestand er Würdigkeit, in einem anderen Leben der Seligkeit teilhaftig zu werden, zu. Den Wert einer tugendhaften Gesinnung und die Unwürdigkeit einer heuchelnden Genauigkeit bloß in äußeren Übungen des Gottesdienstes lehrte Jesus öffentlich vor dem Volke, sowohl in seinem Vaterlande, Galiläa, als in Jerusalem, dem Mittelpunkt des Judentums; besonders bildete er im vertrauteren Umgange eine Anzahl Männer, die ihn in seinen Bemühungen, im Größeren auf das ganze Volk zu wirken, unterstützen sollten. Aber seine einfache Lehre, die Kampf mit den Neigungen, Entsagung und Aufopferung verlangte, vermochte wenig gegen die vereinigte Macht eines eingewurzelten Nationalstolzes, der in die ganze Konstitution verflochtenen Heuchelei und Scheinheiligkeit und der Vorteile derjenigen, die dem Glauben sowohl als der Ausübung der Gesetze vorstanden. Jesus hatte den Kummer zu sehen, daß sein Plan, Moralität in die Religiosität seiner Nation zu bringen, gänzlich scheiterte, daß selbst seine Bemühungen, wenigstens in einigen Männern bessere Hoffnungen und einen besseren Glauben anzuzünden, eine sehr zweideutige und unvollständige Wirkung gehabt hatten (s. Matth. 20, 20, ein Vorfall, der sich nach einem Umgang des Johannes und Jakobus mit Jesus von einigen Jahren zutrug; - Judas. Selbst in den letzten Augenblicken seines Aufenthaltes auf Erden, einige Augenblicke vor seiner sogenannten Himmelfahrt, zeigten sie noch die jüdische Hoffnung in ihrer ganzen Größe, daß er den israelitischen Staat wieder herstellen werde, Acta [Apg.] 1, 6). Jesus selbst wurde ein Opfer des Hasses der Priesterschaft und der gekränkten Nationaleitelkeit seines Volkes -