[Die Positivität der christlichen Religion]

(1795/96)

37) Man mag die widersprechendsten Betrachtungen über sie [sc. die christliche Religion] anstellen, von welcher [Art] sie seien, so werden immer viele Stimmen mit Anführung des Grundes sich dagegen erheben, eine solche Behauptung treffe zwar wohl dieses oder jenes System der christlichen Religion, aber nicht die christliche Religion selbst, und jeder setzt sein System als die christliche Religion und verlangt, daß jeder dies vor Augen habe. Die Behandlungsart der christlichen Religion, die zu unseren Zeiten im Schwange steht, die Vernunft und Moralität zur Basis ihrer Prüfung und den Geist der Nationen und Zeiten in der Erklärung zu Hilfe nimmt, wird von einem durch Kenntnisse heller Vernunft und gute Absichten sehr ehrwürdigen Teile unserer Zeitgenossen als wohltätige Aufklärung angesehen, die zum Ziele der Menschheit, zur Wahrheit und Tugend führe, von dem anderen, durch gleiche Kenntnisse und gleich wohlmeinende Zwecke respektablen, noch dazu durch das Ansehen von Jahrhunderten und der öffentlichen Macht unterstützten Teile für bare Verschlimmerungen ausgeschrien. - Noch mißlicher in einer anderen Rücksicht sind Untersuchungen der Art, wie sie der Gegenstand dieser Abhandlung sind; hat man nämlich in der Meinung christlicher Gelehrten auch nicht mit einem bloßen entweder selbstgeschaffenen oder längst verschwundenen Phantom von christlicher Religion zu tun gehabt, sondern wirklich eine Seite des Systems berührt, das der Gegenstand der Achtung und des Glaubens vieler Menschen ist, so hat man sehr Ursache, mit der Milde zufrieden zu sein, wenn man wegen der Verblendung, manches nicht in dem gleich hellen Lichte der Wichtigkeit und unantastbaren Ehrwürdigkeit anzusehen, bloß bemitleidet wird.

Ein Glaubensbekenntnis, an die Spitze dieser Abhandlung gestellt, würde daher auch kein Auskunftsmittel sein, sich befriedigend zu erklären, und da es gegen den Zweck dieser Abhandlung sein würde, fruchtbar für die Sache selbst die Gründe darzulegen und den Inhalt derselben hinlänglich zu rechtfertigen, so müßte eine solche trockene Skizze eher die Meinung erregen, als ob der Verfasser seine individuelle Überzeugung für etwas Wichtiges ansähe und seine Person bei dem Ganzen in Betrachtung käme. Ganz allein in bezug auf die Sache selbst wird hier bemerkt, daß überall der Grundsatz zum Fundament aller Urteile über die verschiedene Gestalt, Modifikationen und Geist der christlichen Religion gelegt worden sei, daß der Zweck und das Wesen aller wahren Religion und auch unserer Religion Moralität der Menschen sei, und daß alle spezielleren Lehren der Religion des Christentums, alle Mittel, dieselbe auszubreiten, alle Pflichten, zu meinen und sonst an sich willkürliche Handlungen zu beobachten, nach ihrer näheren oder entfernteren Verbindung mit jenem Zwecke in Ansehung ihres Werts und ihrer Heiligkeit geschätzt werden. -