34) Jetzt braucht die Menge, die keine öffentliche Tugend mehr hat, die weggeworfen im Zustande der Unterdrückung lebt, andere Stützen, anderen Trost, um eine Entschädigung für ihr Elend zu haben, das sie nicht zu vermindern wagen kann, - die innere Gewißheit des Glaubens an Gott und Unsterblichkeit muß durch äußere Versicherungen, durch Glauben an Menschen ersetzt werden, die mehr davon wissen zu können von sich die Meinung zu erregen wußten. Der freie Republikaner, der im Geiste seines Volks für sein Vaterland seine Kräfte, sein Leben aufwandte und dies aus Pflicht tat, rechnet seine Mühe nicht so hoch an, daß er Ersatz, Entschädigung dafür verlangen könnte; er hat für seine Idee, für seine Pflicht gearbeitet - was hat er dagegen zu fordern? Er erwartet nur, weil er brav war, in Gesellschaft der Helden in Elysium oder Walhalla zu leben, dort nur darum glücklicher als hier, weil er frei von den Plagen der gebrechlichen Menschheit ist. Ebenso, wer Gehorsam unter Natur und Notwendigkeit als Maxime in seine Vernunft aufgenommen und dies Gesetz als uns zwar unverständlich, aber als heilig ehrt, was bleiben für Ansprüche auf Entschädigung zu machen übrig? Was kann ein Ödipus für Schadloshaltung für seine unverschuldeten Leiden fordern, da er sich im Dienste, unter der Herrschaft des Fatums zu stehen glaubte? Aber blinden Gehorsam unter die bösen Launen verworfener Menschen sich zur Maxime zu machen, war nur ein Volk von der höchsten Verdorbenheit, von der tiefsten moralischen Kraftlosigkeit fähig; nur die Länge der Zeit, die gänzliche Vergessenheit eines besseren Zustands kann es dahin bringen. Ein solches Volk, das, von sich selbst und von allen Göttern verlassen, ein Privatleben führt, braucht Zeichen und Wunder, braucht Versicherungen von der Gottheit, daß es ein zukünftiges Leben habe, da es diesen Glauben in sich selbst nicht mehr haben kann. Es ist aber doch nicht so weit zu bringen, um die Idee der Moralität zu fassen und auf diese seinen Glauben zu bauen, die Ideen sind vertrocknet, sind jetzt Chimären, sondern sein Glaube kann nur an einem Individuum hängen, kann nur an eine Person sich anlehnen, die ihm Beispiel, die der Gegenstand seiner Bewunderung ist. - Daher der offene, willkommene Empfang der christlichen Religion zu den Zeiten der verschwundenen öffentlichen Tugend der Römer und der sinkenden äußeren Größe. Daher, wenn nach Jahrhunderten die Menschheit wieder Ideen fähig wird, das Interesse an dem Individuellen verschwindet, die Erfahrung von der Verdorbenheit der Menschen zwar bleibt, aber die Lehre von der Verworfenheit des Menschen abnimmt und dasjenige, was uns das Individuum interessant machte, selbst als Idee in ihrer Schönheit nach und nach hervortritt, von uns gedacht, unser Eigentum wird, [wenn wir] das Schöne der menschlichen Natur, was wir selbst in das fremde Individuum hineinlegten, indem wir von ihr nur alles Ekelhafte, dessen sie fähig ist, zurückbehielten, wieder als unser eigenes Werk freudig erkennen, es uns wieder aneignen und dadurch Selbstachtung für uns empfinden lernen, da wir vorher nur [das] uns eigen glaubten, was nur Gegenstand der Verachtung sein kann -
Im Privatleben mußte Liebe zum Leben, Bequemlichkeit und Verschönerung desselben unser höchstes Interesse sein (welche in ein System von Klugheit gebracht unsere Moralität ausmachten); jetzt, wenn moralische Ideen in dem Menschen Platz greifen können, so sinken jene Güter im Wert, und Verfassungen, die nur Leben und Eigentum garantieren, werden nimmer für die besten gehalten, - der ganze ängstliche Apparat, das künstliche System von Triebfedern und Trostgründen, worin soviel tausend Schwache ihr Labsal fanden, wird entbehrlicher. Das System der Religion, das immer die Farbe der Zeit und der Staatsverfassungen annahm, deren höchste Tugend Demut [war], Bewußtsein seines Unvermögens, das alles anderswoher, das Böse selbst zum Teil erwartet, wird jetzt eigene wahre, selbständige Würde erhalten.