α) Die praktische Vernunft setzt dem Menschen als höchsten Zweck alles seines Bestrebens, sie legt ihm die Aufgabe auf: Hervorbringung des höchsten Guts in der Welt, Moralität und ihr angemessene Glückseligkeit.
Ich glaube es als ziemlich allgemeine Lehre des Christentums annehmen zu dürfen, daß die Hoffnung einer ewigen Seligkeit das ist, was für den Christen das größte Interesse hat, in Vergleich mit welchem alles andere nur einen untergeordneten Wert [hat]. Wohlgefallen Gottes an ihm ist ihm darum wichtig, weil dieser der Ausspender jener Seligkeit ist. Diese Idee der Seligkeit kommt in Ansehung der Materie ziemlich mit dem überein, was die Vernunft setzt. Die oberste Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts ist nach der Vernunft die Angemessenheit der Gesinnung zum moralischen Gesetz. Nach der christlichen Religion ist die oberste Bedingung der ewigen Seligkeit [der] Glaube an Christum und an die Kraft seines versöhnenden Todes, und zwar nicht, weil dieser Glaube am Ende zur Moralität führen kann, die alsdann doch die eigentliche Bedingung und jener Glaube nur das Mittel wäre, sondern der Glaube an sich selbst ist Grund des Wohlgefallens Gottes, und dieses Wohlgefallen gibt deswegen ewige Seligkeit denen, die an Christum glauben, welche sie eigentlich nie verdienen konnten.
Diese Verschiedenheit in dem, was für den Menschen höchstes Gebot sein soll, führt zu mehreren Konsequenzen oder ist vielmehr auf einigen wichtigen vorhergehenden Sätzen gebaut: nämlich durch alles Bestreben, durch allen aufrichtigen Eifer zum Guten kann der Mensch es wegen seiner völligen Unfähigkeit zur Moralität nie so weit bringen, Glückseligkeit zu verdienen; welcher Grad ihm von derselben zuteil wird, hat er von der unverdienten freien Gnade Gottes, von ihrer Gerechtigkeit würde er nichts als Unglück und Strafe zu erwarten haben. Hier wird unwidersprechlich der Satz zum Grunde gelegt: der gute Mensch verdient Glückseligkeit, er kann sie als Recht fordern, er ist derselben würdig. Nur wird die Unmöglichkeit vorausgesetzt, ein guter Mensch zu werden.
Man hat diesen Sätzen bis zum Langweiligwerden den Sokrates, so viele tugendhafte Heiden, so manche ganze unschuldige Völkerschaft entgegengesetzt, aber immer die elende Antwort bekommen, die für den gefühlvollen Mann, der an Tugend glaubt, empörend ist, die ein herzleerer Kirchenvater ausgebrütet und die ebenso leeren Schüler ihm bis zum Ekel nachgeschwatzt haben -: dies seien nur glänzende Laster gewesen. Jenen Satz, der in der allgemeinen moralischen Natur des Menschen so tief gegründet ist - daß der Gute der Glückseligkeit würdig ist, ein Grundsatz, der sich allgemein in der Urteilungsart des gesunden Menschenverstandes äußert -, legen die Theologen bei ihrer Lehre von Gerechtigkeit selbst zum Grunde, aber es ist ein Satz, der ihnen doch Mühe macht, den sie zu verheimlichen suchen, nicht recht eingestehen wollen, denn er ist ihrer Grundlehre von dem genugtuenden Leiden und Tod Christi doch in etwas zuwider.
Der Satz von der Verdorbenheit nicht nur der Menschen, sondern der menschlichen Natur, dem die Erfahrung da widerspricht, wo nicht schlechte Regierungen die Menschheit herabgewürdigt haben, würde durch die schwache Exegese einiger unzusammenhängender Stellen der Schrift, die dies zu sagen schienen, nicht allein behauptet und so ausgebildet worden sein, wenn er nicht im Zusammenhang des Ganzen eine so große Wichtigkeit hätte. Von dieser Verdorbenheit und dem Widerwillen gegen das Gute, gegen das die Vernunft einen unüberwindlichen Ekel fühle, hat man sogar die physische Ursache in der Heiligen Schrift zu finden geglaubt und nicht bedacht, daß durch diese Fortpflanzung, wo der Wille des Menschen schlechterdings keinen Einfluß haben kann, wonach schon die Kinder für strafwürdig erklärt werden, - daß dadurch ja der Mensch, der außerdem noch unter den Einflüssen böser Geister stehen solle, gerade von aller Schuld für frei erklärt [wird], daß Zurechnung ganz und gar nicht stattfinden kann, wo keine praktische Freiheit ist, wo ihm das Vermögen abgesprochen wird, teils das Gute als solches anzuerkennen, teils es zu achten, teils ihm Übergewicht über die Sinnlichkeit zu geben. Ganz konsequent sind daher die Heiden ohne Gnade und Barmherzigkeit verdammt worden, und die menschenfreundliche Gesinnung derjenigen Theologen, die jetzt doch nimmer so gerade darüber abzusprechen wagen, steht in Widerspruch mit ihrem übrigen System.
Da Moralität nun nicht zur obersten Bedingung der Seligkeit gemacht werden kann, weil die Menschen ihrer nicht fähig sind, und Seligkeit also gar nicht stattfinden könnte, so ist von der erbarmenden Gnade Gottes ein anderes Ingrediens, dessen der Mensch noch fähig ist, dafür substituiert (an dessen Stelle gesetzt) worden - nämlich der Glaube an Christum. Man mag als einen noch so notwendigen Bestandteil des Glaubens die Tätigkeit desselben in guten Werken fordern, so liegt doch nach dem Ausspruch der Theologen in letzteren nicht dasjenige fürs erste, welches uns verdienstlich sein, uns einen eigentümlichen Wert geben könnte, was das Wohlgefallen Gottes auf uns ziehen könnte, - und dann hängt der Glaube überhaupt von einer Überzeugung des Verstands oder der Phantasie ab, die Dinge für wahr halten sollen, welche teils auf historischer Glaubwürdigkeit beruhen, teils von der Art sind, daß der Verstand sich nicht mit ihnen vereinbaren kann.
Der Glaube an Christum als an eine historische Person ist nicht ein Glaube in einem praktischen Vernunftbedürfnis gegründet, sondern ein Glaube, der auf Zeugnissen anderer beruht. Was Interesse für die Vernunft hat, was dem Dasein und der Tätigkeit des Menschen einen höchsten Endzweck setzt, was den Schlußstein des ganzen Systems seiner Beruhigung, der Auflösung der für ihn wichtigen Fragen macht, hat nach dem, was die Vernunft uns hierüber sagt, sein
Prinzip, sein Fundament in der Vernunft selbst, deren Entwicklung nur nötig ist, um jedem Menschen die Auflösung jener Probleme zu geben, und der Zugang dazu ist also jedem offen, der ihre Stimme hören will (ein Tag sagt's dem andern usw.). Historischer Glaube dagegen ist seiner Natur nach eingeschränkt, die Ausbreitung desselben hängt von zufälligen Umständen ab, es ist eine Quelle, aus der nicht jeder schöpfen kann, - und doch soll die Bedingung des Wohlgefallens Gottes an uns, unseres Schicksals für die Ewigkeit [davon] abhängen. Man stelle sich hierbei noch so bescheiden und demütig mit unserer Unwissenheit in Ansehung der Wege und Absichten der Vorsehung, der man in anderen Fällen doch so genau auf die Spur gekommen sein will - wir können nicht fragen, warum hat die Natur den Tieren die Talente des Menschen, die Anlagen zur Vernunft und Moralität versagt? -, aber wenn ein elender Stolz, der sich bei der angenommenen Verdorbenheit unserer Natur auf nichts als auf diese selbst stützen könnte, uns nicht im Range der Wesen auf eine höhere Stufe als so unzählige andere Nationen setzen will, so können wir erwarten, daß die Mittel, die Schule zu einer Vollkommenheit, die dem Menschen allein Wert geben [kann], dem ganzen menschlichen Geschlecht offenstehen. Und es sind nur zwei Fälle möglich: entweder war der größere Teil des menschlichen Geschlechts von dem Segen ausgeschlossen, der durch jenen Glauben auf uns Auserwählte träuft, uns, deren Verdorbenheit nach unserem eigenen Eingeständnis der Verdorbenheit des übrigen Menschengeschlechts wenigstens gleich war und also nichts Besseres verdiente, in welchem Fall wir die so wichtigen Begriffe von der Würdigkeit, glücklich zu sein, die auf Sittlichkeit beruht, unserer Vernunft und dem allgemeinen Menschengefühl absprechen und das moralische Verhältnis der Gottheit zur Welt und den Menschen, den Begriff seiner Gerechtigkeit, weswegen doch die Existenz desselben allein Interesse für uns hat, aufheben und leugnen, daß die moralischen Eigenschaften Gottes irgend in einem Grade für uns erkennbar, bestimmbar seien, daß wir uns irgendeinen Begriff von seiner moralischen Natur machen können - von seiner Art, die Menschen zu richten, was die Tugend in seinen Augen sei -, da wir doch so manche transzendentale und gänzlich mysteriöse Eigenschaften desselben aus der christlichen Religion sollen kennenlernen, - entweder müssen wir ganz darauf Verzicht tun, oder aber wir müssen zugeben, daß jener Glaube nicht von der enormen Wichtigkeit sei, die man von ihm ausgibt, nicht die einzige ausschließende Bedingung, unter der Menschen von ihrem Endzweck auf der Welt etwas begreifen, unter der sie vor Gott und der Vernunft einen Wert haben können.
Die Gründe des Glaubens an Christum beruhen auf Geschichte. Wenn Einfalt der Sitten in einem Volke noch vor der großen Ungleichheit der Stände bewahrt hat und die Geschichte sich auf dem eigenen Boden des Volkes zugetragen hat, so pflanzen sich die Sagen von Eltern zu den Kindern fort, sie sind in gleichem Maße jedermanns Eigentum; sobald aber in einer Nation besondere Stände sich bilden, nimmer der Vater der Familie zugleich Hoherpriester ist, so wird sich früh ein Stand hervortun, der der Depositär der Sagen ist, von dem alsdann die Kenntnis derselben unter das Volk ausgeht; besonders wird dies der Fall sein, wenn die Sagen aus einem fremden Lande, unter fremden Sitten, in fremder Sprache entsprungen sind. Hier kann der Grund, der Inhalt der Sagen in seiner ursprünglichen Form nicht mehr das Eigentum aller sein, indem, um jene Form kennenzulernen, viele Zeit und ein mannigfaltiger Apparat von Kenntnissen erfordert wird; auf diese Art wird jener Stand bald zu einer Herrschaft über den öffentlichen Glauben gelangen, die sich bis zu einer sehr ausgedehnten Gewalt erweitern kann oder wenigstens immer in Ansehung der Lehren der Volksreligion das Heft in den Händen behält.
Glaube33) an das, was Leute uns sagen, die unser Zutrauen besitzen oder vom Staate dazu privilegiert sind, daß man ihnen glaubt, ist eine unendlich bequemere Sache, als selbst sich zum Nachdenken zu gewöhnen; der historische Glaube ist auch fähig, Untersuchungen zu veranlassen, aber es liegt nicht unmittelbar in seiner Natur, den Geist des Nachdenkens zu erwecken; bei moralischen oder Klugheitsregeln glaubt sich jeder berechtigt und findet sich veranlaßt, sie mit seinem Gefühl und mit seinen Erfahrungen zusammenzuhalten und über die Wahrheit und Anwendbarkeit derselben zu urteilen. Bei Geschichtswahrheiten ist das Volk dazu gewöhnt, das zu glauben, was ihm von Jugend auf erzählt wird, und nie in Zweifel darüber zu geraten, und dazu verdammt, sich in Untersuchungen über die Wahrheit desselben nie einlassen zu können. Da der Grund unserer Seligkeit nicht auf dem beruhen soll, was unsere Vernunft, Aufmerksamkeit auf uns selbst und andere, unser Selbstdenken zu prüfen fähig wäre, sondern auf der Autorität derer, denen der Staat vorzüglich die Sorge für die Fortpflanzung der Geschichtswahrheiten anvertraut hat, so kann man vielleicht sagen, es liege in der Natur der Sache, daß Gebrauch und Kultur des Verstandes, Vertrauen auf seine eigenen Einsichten, Selbständigkeit in seinen Überzeugungen so wenig durch sie befördert wird und so wenig allgemein ist.
Glauben - dieser Glaube unterscheidet sich noch von dem historischen durch seinen höheren Grad von Lebhaftigkeit, eine Spannung der Seele, ist endlich noch dem Schicksal ausgesetzt; er mag noch so sehr mit Autorität umlagert, die Umstände mögen noch so fein und künstlich in ein System kombiniert sein, dem man nirgend beikommen kann, ohne sich in ein endloses Detail verwickeln zu müssen, um alle Hypothesen, alle Möglichkeiten wegzuschaffen, - so wagt es am Ende doch die Vernunft, aus sich selbst jenen Glauben zu prüfen, aus sich selbst die Prinzipien der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit zu schöpfen, unangesehen jenes künstlichen historischen Gebäudes, das sie auf der Seite liegen läßt und [das] einen Primat über die Überzeugung von Vernunftwahrheiten aus historischen Gründen behauptet.
Ist die Vernunft einmal so weit großgezogen, daß sie diese ihre Autonomie fühlt, so hat ihre aus sich selbst geschöpfte, in sich selbst gegründete Überzeugung eine solche Stärke, daß sie entweder jenen historischen Glauben und seine Beweisgründe gänzlich nicht achtet, ganz darum unbekümmert ist und sich den Vorwurf eines sträflichen Leichtsinns zuzieht; oder wenn nicht aufgehört wird, ihr jenen Glauben vor Augen zu halten, sie damit zu bestürmen, und sie diesen nicht in sich selbst auch aus historischen Gründen anzugreifen versteht, wenn ihr die Gelehrsamkeit dazu mangelt und sie also hartnäckig die Übergabe verweigert, so wird sie einer vorsätzlichen Blindheit angeklagt; oder sie sucht den historischen Glauben entweder selbst zu erschüttern durch Witz, durch die Vorstellung der Ungereimtheit mancher Erzählung oder [dadurch,] daß sie die heilige Geschichte wie ein anderes menschliches Werk behandelt und bei ihren Sagen ebenso die Möglichkeit, verändert worden zu sein oder nur in einem Volksglauben ihren Grund gehabt zu haben, voraussetzt als bei den Traditionen anderer Völker, - oder daß sie den historischen Glauben mit seinen eigenen Waffen angreift und in den Büchern, die sein Fundament ausmachen, das nicht findet, was er daraus zieht, und sich dieselbe auf alle mögliche Art anzupassen sucht, - in diesem Fall wird sie des Mangels an Achtung für das göttliche Wort, der Bosheit und Unredlichkeit beschuldigt.
Der Glaube an Christum ist der Glaube an ein personifiziertes Ideal (s. S. 81 ff.).
Warum reichen uns Beispiele von Menschen nicht hin, uns im Kampf der Tugend zu stärken, den göttlichen Funken in uns, die Kraft, die in uns liegt, über das Sinnliche Meister zu werden, zu fühlen? Warum erkennen wir in tugendhaften Menschen nicht, daß sie nicht nur Fleisch von unserem Fleisch, Bein von unserem Bein [sind], sondern fühlen auch die moralische Sympathie, daß dies Geist von unserem Geist, Kraft von unserer Kraft ist? - Ach, man hat uns überredet, daß diese Vermögen fremdartig, daß der Mensch nur in die Reihe der Naturwesen, und zwar verdorbener gehöre, man hat die Idee der Heiligkeit gänzlich isoliert und allein einem fernen Wesen beigelegt, sie mit der Einschränkung unter eine sinnliche Natur für unvereinbar gehalten; - wenn daher dieser moralische Vollkommenheit zugeschrieben werden könnte, so würde sie nicht einen Teil unseres eigenen Wesens ausmachen, sondern nur durch Verbindung jenes Wesens aller Wesen selbst mit uns, durch sein Einwohnen in uns (unio mystica) sein Wirken in uns möglich sein. Diese Erniederung der menschlichen Natur erlaubt es uns also nicht, in tugendhaften Menschen uns selbst wiederzuerkennen, - für ein solches Ideal, das uns Bild der Tugend wäre, bedurfte es eines Gottmenschen. Wohl uns immer noch, wenn wir das wahrhaft Göttliche in ihm finden, nicht gerade darin, daß er die zweite Person der Gottheit, daß er vom Vater von Ewigkeit her gezeugt usw., sondern darin, daß sein Geist, seine Gesinnung mit dem moralischen Gesetz übereinstimmte, dessen Idee wir am Ende freilich aus uns selbst holen müssen, wenn schon sein Buchstabe in Zeichen und Worten gegeben sein kann. Daß aber dies wahre Göttliche in ihr oft verkannt, beiseite gesetzt worden ist, zeigen einesteils die Streitigkeiten oft auf Leben und Tod der Gelehrten und der Priester - d. h. derer, deren Pflicht es war, die Aufmerksamkeit auf jene moralischen Eigenschaften zu erhalten - über für die Moral so unfruchtbare Prädikate als die ewige Zeugung, die Art der Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen usw., über welche außerwesentlichen Eigenschaften man in schulgerechten Kompendien die erschöpfendsten Bestimmungen findet, die am Ende so fein werden, daß sie einem unter den Fingern entwischen. Die verschiedenen Meinungen hierüber sind zu wesentlichen Angelegenheiten der Religion gemacht, sie sind nicht in den Studierstuben geblieben, sondern das Volk, die Regierungen sind zur Teilnahme aufgefordert worden, um ihre Gewalt gegen die andersdenkende Partei zu gebrauchen und diese in ihrem Blute oder im Kerker ihre Irrtümer büßen zu lassen. Auf diesem Wege ist offenbar das Wesentliche des Ideals übersehen, mißkannt worden - die Eigenschaft, wegen welcher es für uns Ideal, göttlich sein sollte. Nicht weniger aber zeigen uns andere ebenso traurige Erfahrungen, daß dies nicht die einzig mögliche Art war, es zu verkennen, daß die Menschen noch an außerwesentlicheren Eigenschaften desselben hängen, für dieselben ihr eigenes und fremdes Blut aufopfern konnten, für seinen bloßen Namen, für Worte, die damit verbunden wurden oder die von ihm herrühren (S. 85). Durch welche Veranstaltungen es aber zustande gebracht werden könne, daß in Christo nicht der Mensch nur, nicht sein Name nur, sondern die Tugend selbst erkannt und geliebt werde, die Beantwortung dieser Frage beruht auf der Auflösung des Problems, wie ein Volk überhaupt zur Empfänglichkeit für moralische Ideen und zur Moralität großgezogen werden könne, ein Problem, dessen Ausführung für unsere Absicht zu weitaussehend wäre und wovon bloß Gegenstand unserer Betrachtung der Anteil [ist], den die christliche Religion beiläufig durch die Umwege ihres Glaubens daran nehmen will. Der Angel aber, um den sich die ganze Hoffnung unserer Seligkeit dreht, ist der Glaube an Christum als den Versöhner Gottes mit der Welt, als den, der an unserer Statt die Strafen trug, die das Menschengeschlecht teils wegen seiner natürlichen Verdorbenheit, teils selbstverschuldet verdient hatte, welche Leiden eines Unschuldigen - denn er war Gott - an der unermeßlichen Schuld des Menschengeschlechts abgeschrieben und uns zugute aufgerechnet werden sollen. - Gegen dieses Stockwerk im Gebäude des christlichen Glaubens sind die anderen Lehren nur als so viele unterstützende Strebepfeiler anzunehmen; darum war es nötig, die Nichtswürdigkeit der Menschen und ihre Unfähigkeit, natürlicherweise je einen Wert zu bekommen, [zu behaupten], die Lehre von der Gottheit Christi - denn nur das Leiden eines solchen konnte die Schuld des Menschengeschlechts aufwiegen -, darum [auch] die Lehre von der freien Gnade Gottes, weil jene Geschichte, an die unsere Seligkeit gebunden ist, der halben Welt ohne ihr Verschulden unbekannt bleiben konnte, und so manche andere, die damit zusammenhängt, auszubilden. Wenn man dabei auch die abgeschmackte Vorstellung, Christus habe in der Tat selbst die Strafe der ganzen Welt in seinen Leiden ausgestanden, dadurch entfernt, daß man nur überhaupt sagt, Gott habe an diese Leiden die Vergebung unserer Sünden geknüpft, sie seien die Bedingung der Wiederkehr seiner Gnade gewesen, welches der Mensch freilich aus seinem moralischen Verhältnis zur Gottheit nicht begreifen [kann] und wodurch der obigen Ungereimtheit eben nicht so gar viel abgeholfen ist, so bleibt also noch der Hauptgedanke übrig: wegen fremden Verdienstes wird den Menschen ihre Schuld erlassen, wenn sie nur dies glauben wollen.