Wenn man von der christlichen Religion schreibt, ist man jederzeit der Gefahr ausgesetzt, des Fehlers beschuldigt zu werden, daß man sich eine unrichtige Vorstellung von dem Zweck und Wesen derselben mache; und bei dem, was man an der Vorstellung, die man sich davon macht, auszusetzen findet, ist man gleich mit der Gegenantwort bereit, dies treffe die christliche Religion nicht, sondern nur eine gewisse Vorstellung von derselben. Bittet man sich aus, man möchte einem doch den Lehrbegriff zeigen, worin man zuverlässig das lautere System der christlichen Religion antreffe, so werden die Herren alle aus einem Munde antworten: ist
Ihnen denn mein Kompendium nicht bekannt? - Aber meine Herren, Ihre selbstgeschriebenen Kompendien oder die, die Sie als Ihr Glaubenssystem zum Grunde legen, sind selbst so
verschieden, daß man Sie ersuchen muß, sich vorher zu vereinbaren, ehe Sie etwas als nicht zur christlichen Religion gehörig ausgeben. - Das, was im folgenden als zur christlichen Religion gehörig angesehen werden wird, ist entweder unmittelbar aus dem Neuen Testament geschöpft, oder das, was man mehr als Lehre eines Systems ansehen kann, sehr wenige Lehrbücher und die Überzeugungen einzelner aufgeklärter Männer abgerechnet, wohl noch immer [die] öffentlich von den Konsistorien und Kirchenräten anerkannte Volkslehre, noch immer der Gang, der auf den meisten Kanzeln und Schulen genommen wird - wenigstens das System, in dem wohl die ganze jetzt groß gewordene Generation erzogen und unterrichtet worden ist -, und es ist wohl deswegen immer noch wichtig, manches in dieser Heilsordnung zu beleuchten, bis gesündere Vorstellungen allgemeiner Platz gegriffen haben und jene Systeme nur etwa für den neugierigen Forscher in dem Geist verflossener Zeiten noch Interesse haben. Ich glaube daher nicht in den Fehler derjenigen verfallen zu sein, die anderen die Krätze geben, um sie kratzen zu können. Keine Versicherung würde mir mehr Vergnügen machen als die, bei manchen Vorstellungsarten, die mir anstößig schienen, sei es deswegen unnötig gewesen, etwas zu erinnern, weil sie längst vergessen seien, wenn ich anders diese Versicherung für allgemein wahr annehmen könnte.
Wirkung der Religion ist Verstärkung der Triebfedern der Sittlichkeit durch die Idee von Gott als moralischem Gesetzgeber - und Befriedigung der Aufgaben unserer praktischen Vernunft in Ansehung des von ihr uns gesetzten Endzwecks, des höchsten Guts. Wegen dieser Wirkungen kann die Religion Zweck der Gesetzgeber und der Verwalter eines Staats werden, und das natürliche Bedürfnis der Menschen zu derselben kann von ihnen durch besondere Anstalten befriedigt werden. Gewöhnlich hat der Wille der Nation schon längst sich für eine bestimmte Religion erklärt, ehe die Regierungen dieselbe zum Zwecke setzen konnten; nur die Fortpflanzung, die Aufrechterhaltung, die immerwährende Auffrischung der Kenntnis derselben kann eine Regierung sich zum Zwecke machen. Wenn man nun weiß, von wie großem Einfluß bei der Masse der Nationen in monarchischen Staaten die öffentlichen Anstalten zur Erhaltung eines gewissen Religionssystems sind, wo das Volk selten in dem Zustand ist, selbst untersuchen, selbst wählen zu können, sondern sich beim Unterricht überhaupt leidend verhält, so ist es wohl erlaubt zu fragen: Ist die Religion, die einst für das Volk zweckmäßig war - es würde sich sonst nicht zu ihr gewandt haben -, ist diese Religion in der gleichen Gestalt unter ganz veränderten Umständen immer noch ebenso zweckmäßig? War die Religion in ihrem ersten Ursprung so beschaffen, daß sie fähig war, bei jeder Veränderung der Regierungsform, der Aufklärung als allgemeine Religion sowohl wie als Privatreligion ihre Würde, ihre Zweckmäßigkeit zu behalten und ihre Wirksamkeit gleich auszuüben? Hat der Geist der Völker das, was an ihr etwa temporale war, selbst nach und nach abgelegt oder verändert, oder haben die Machthabenden es in ihre Gewalt bekommen, die Religion auszuspenden, und haben diese ein Interesse darein gelegt, die Gestalt, die sie von ihren Voreltern ererbten, festzuhalten und als ein teures ihnen anvertrautes Gut unverändert wieder den Händen ihrer Nachfolger zu überliefern? Bis Veränderungen das Bedürfnis einer ganzen Nation wurden und dann nicht mehr aufzuhalten waren, hat es immer Jahrhunderte erfordert; und das Volk war gewöhnlich mit einem Stoße zufrieden, ließ sich dann das Heft bald wieder aus den Händen winden, wodurch gewöhnlich weiterer Fortgang, mehrere Verbesserungen selbst durch die Anhänglichkeit an den neuen Fund und das Mißtrauen, man gehe darauf aus, ihn ihnen wieder aus den Händen zu reißen, auf Jahrhunderte unmöglich gemacht wurden.
Eine Religion kann betrachtet werden
a) in Ansehung ihrer Lehren
b) ihrer Traditionen
c) ihrer Zeremonien
d) ihres Verhältnisses zum Staat oder als öffentliche Religion - Anstalten.
Welches sind die Erfordernisse einer Volksreligion in Ansehung dieser Gesichtspunkte - treffen wir sie bei der christlichen Religion an?