Praktische moralische Lehren

Sehr viele Gegner des Eigentümlichen des Christentums haben dagegen die größte Achtung gegen die Moral der christlichen Religion bezeigt, - sosehr sie die Dreieinigkeits-, die Versöhnungs-, die Erbsündelehre zum Gegenstand ihres Spotts oder ihrer sonstigen Waffen gemacht haben, so sehr sind sie von der Moral des Christentums begeistert worden und haben sie als eine Wohltat, die dem Menschengeschlecht widerfahren ist, erhoben. Und in der Tat, das reinste System der Moral, das schlechterdings alle materialen Prinzipien ausschließt, hat sich nirgends ungezwungener an die christliche Religion anschließen können als in Ansehung der Moral. Und sosehr wieder andere einzelne Aussprüche Jesu oder seiner Apostel, einzelne Befehle oder Äußerungen von Gesinnungen als mit einer reinen Moral unverträglich gefunden haben, so ausgemacht ist es, daß der ganze Geist der Moral Christi mit jeder erhabensten Moral in Übereinstimmung gebracht werden kann, daß der unbedingteste Gehorsam gegen das Gesetz darin eingeschärft wird.

Aber die Hauptsache ist nicht, ob sich die Aussprüche einer reinen Moral in der Lehre Jesu auffinden lassen; sie lassen sich ebensogut aus den Schriften eines Platon, Xenophons, Rousseaus finden. Es ist auch nicht in Anschlag zu bringen, daß die praktischen Grundsätze nicht in ein System gebracht oder wenigstens alle Pflichten und die Motive derselben bestimmt gegeben sind; die Hauptsache ist, in welchem Licht, in welcher Verbindung, in welchem Rang sie aufgestellt sind.

Johannes' Anrede an das Volk war: Tut Buße; [die] Christi: Tut Buße und glaubet an das Evangelium; [die] der Apostel: Glaubet an Christum, - und der Weg der letzteren hat sich bis auf den heutigen Tag in allen Schulen, Kompendien, Predigten erhalten. Auch heutigentages, wo der Geist, die Ideen der Zeit das Bedürfnis einer Sühne für Verbrechen nicht mehr haben, fängt man teils der Zeit, teils der Wichtigkeit nach mit dem an, Christum uns als Sündenversöhner kennen zu lehren, der der beleidigten Heiligkeit Gottes als Opfer für die Menschheit gefallen [hat], von welcher jedes Individuum nicht in einzelnen Fällen, sondern für seine Existenz schon und für sein ganzes Leben einer Sühne bedürfte. Die Dankbarkeit gegen die Person, die dies für uns gelitten hat und gestorben ist - als ob nicht schon viele Millionen für geringere Zwecke sich hingeopfert, mit Lächeln, ohne blutigen Angstschweiß, mit Freudigkeit sich für ihren König, für ihr Vaterland, für ihre Geliebte hingegeben hätten - wie wären sie erst für das Menschengeschlecht gestorben! -, die Dankbarkeit gegen diesen Tod, das Wichtigste, das Zentrum unserer Religion, das Feierlichste für die Beschäftigung unserer Phantasie, soll zur Verehrung Christi und Gottes führen; zu dieser Verehrung gehört unter anderem Ausbreitung seines Namens usw., auch endlich Frömmigkeit, Mildtätigkeit usw.

Durch diese Umwege sind wir an die Moral gelangt, aber nicht in aufsteigender, sondern in absteigender Linie. Der Vorwurf wäre also ungerecht, daß die christliche Religion überhaupt Moralität nicht befördere; aber wieviel jene Umwege der Moralität dadurch, daß man sie so leicht für einzige Hauptzwecke angenommen hat, der Moralität geschadet haben, liegt am Tage. Schon dadurch ist das Ziel der Moralität aus den Augen verrückt worden, daß man nicht sie, sondern Seligkeit zum letzten Zweck dieser Lehren gemacht hat.

Die Anpreisung des Glaubens hat häufig die Folge gehabt, daß man sich mit einem toten Glauben - des Gedächtnisses, des Mundes -, mit Empfindungen begnügt hat und [sich] die gute Gesinnung und gute Handlungen erspart hat. Schon die Verfahrungsart der Apostel, Menschen in ihre Gemeine aufzunehmen, war von der, die Christus bei denen beobachtete, die er zu seinen Freunden annahm, gänzlich verschieden. Jenen genügte es, wenn eine Menge meist unwissender Menschen durch die Beredsamkeit einer oder etlicher Stunden [sich] so hatten in Erstaunen setzen lassen, daß sie ihren Worten glaubten und sich von den Aposteln taufen ließen, und damit waren sie dann gemachte Christen. Diese Bekehrungsart ist viele Jahrhunderte fortgesetzt worden und wird noch heutigentags im ganzen auf die nämliche Art am Ganges, am Orinoko, am Lorenzstrom geübt.

Weil die dankbare Verehrung Christi, die Ausbreitung seines Namens auf dem Erdboden für einen Hauptzweck, für eine Hauptpflicht ausgegeben wird, so hat dies die Folge gehabt, daß der Vorwurf gar nicht ungerecht ist, den Sittah im Nathan31) macht. Denn wozu Missionare ausschicken, solange es noch moralisch-schlechte Menschen unter den Christen gibt? Nicht bloß die Katholiken, die Protestanten ebensogut und die Englische Kirche haben weitläufige kostbare Anstalten, deren Ausführung viel Arbeit, Schweiß, Beschwerlichkeiten, selbst Blut gekostet hat - um mit einem Namen, mit Geschichte die Phantasie von Völkern auszufüllen, die sich ihrem Bedürfnis gemäß ihre Götter, ihre Religion schon selbst geschaffen hatten.