Solche Lehren setzen sich der zuverlässig bälder oder später eintretenden Gefahr aus, von der Vernunft in Anspruch genommen und angegriffen zu werden, die vorreifen Früchte können dann vielleicht erstickt, unterdrückt, abgeschlagen werden - aber mit der fortgehenden Reife werden weder Scheiterhaufen für die Schriftsteller oder nur ihre Schriften noch beschworene Symbole dem Übel Einhalt tun, dessen Same in der menschlichen Natur selbst unzerstörbar liegt. Denn unwiderstehlich führt die Vernunft auf den großen Grundsatz von der Selbstgenügsamkeit der Pflicht und der Tugend, welche durch weitschweifigere oder heterogenere Beweggründe als bloß durch die Verbindung mit der Idee von Gott befördern zu wollen schon Entheiligung ist; und wenn Männer dieses Glaubens die Rolle der wunderbaren Lehre nicht gar für nachteilig, der Moralität schädlich, dem Despotismus aber beförderlich halten, so würdigen sie ihr Geschäft doch nur dahin, höchstens ein Kappzaum des rohen Pöbels zu sein. Nun überzeugt von der Identität ihres Wesens mit ihrem Vernunftglauben, sucht jeder auf seine Art seine Gegner kraftlos zu machen - der eine bestreitet die positive Religion mit Gründen aus ihr oder aus ihren Dokumenten selbst, einer mit den Waffen des Witzes, einem anderen genügt seine Überzeugung, daß er die positiven Lehren eigentlich für unbedeutend [hält], doch weil sie im Glauben der Völker etwas Geheiligtes sind, sie seinen Ideen anzupassen sucht. Wir finden es bei so vielen Männern, die die Idee der Moralität rein aus ihrem eigenen Herzen entwickelten und darin als in einem Spiegel die Schönheit derselben erblickten und von ihr entzückt wurden und deren Seele von Hochachtung für Tugend und moralische Größe am vollsten war - bei einem Spinoza, Shaftesbury, Rousseau, Kant -: je höher ihre Hochachtung für die Moral und für die Moral der Lehre Christi steigt, desto heterogener, desto entbehrlicher däucht ihnen das übrige.
Die Geheimnisse, die unbegreiflichen Dogmen [sind] weder für Vernunft oder Verstand vorstellbar - eben weil sie unbegreiflich sind -, ebensowenig für die Phantasie, für diese sind sie ganz und gar widersprechend.27) Wenn von solchen Lehren die Rede ist, so müssen alle drei ihre gewöhnlichen Verrichtungen einstellen, sie müssen es sich gefallen lassen, daß man solange ganz Verzicht auf sie tut, denn ihre Gesetze sind hier ebenso unbrauchbar, als wenn ich Wein nach der Elle messen oder eine Karikatur in die Form eines Apollokopfs passen wollte. Also bleibt das Gedächtnis übrig, das gewisse Verbindungen von Worten in sich aufnimmt, die es für sich behalten, isolieren und sowenig als möglich den Verstand muß sehen lassen.
Ihr Hauptgebrauch ist uns noch übrig, nämlich sofern diese unbegreiflichen Lehren das Herz angehen, die praktischen Forderungen, die an den Menschen geschehen, die Antriebe, die sie ihm an die Hand geben, und die Hoffnungen dessen, was sie ihm versprechen, enthalten. Einige dieser Lehren sind so beschaffen, daß sie an sich kein praktisches Moment haben, sondern dies erst vergesellschaftet mit anderen enthalten.
Überhaupt muß das erste Gesetz aller dieser Lehren sein, daß sie dem Menschen keine [andere] Art, Gott zu gefallen, anweisen als die durch einen guten Lebenswandel, oder keine andere Triebfeder zum gut moralischen Handeln angeben als [die] rein moralische. Die Religion stellt den Begriff, Gott zu gefallen, in mehr oder minder reinem Sinn auf. Von dem Sinn, vor Gott als dem Ideal der Heiligkeit zu bestehen zu suchen, bis zu dem herunter, bei ihm wegen irgendeiner sinnlichen Übung ausschließend und besonders wohl daran zu sein, gibt es eine Menge Schattierungen, die freilich nie genug voneinander abgesondert und rein gedacht werden.
Sosehr also der Begriff, Gott [zu] gefallen, den die Religion als das höchste Ziel aufstellt, unreiner Sätze fähig ist, so muß sie um so sorgfältiger verhüten, daß sich keine praktisch schädliche Vorstellung mit einschleiche.
An sich ist eigentlich die Forderung ein Widerspruch, daß unsere Vernunft und Phantasie übersteigende Lehren, sobald sie in irgendeiner Beziehung mit dem Praktischen stehen, uns keinen anderen Weg als den eines guten Lebenswandels, keine andere Art, Gott zu gefallen, als diese zeigen sollen; denn zeigten sie uns keinen neuen Weg, so wären sie keine unbegreiflichen Lehren, keine Mysterien. Solche Lehren nun, die nur gewisse Übungen - es sei nun mit dem Munde oder mit Händen und Füßen, es sei ein Glockenspiel von Empfindungen oder es seien gewisse Entbehrungen und Züchtigungen des Körpers, oder gewisse Dinge zu glauben - von uns verlangen, um dem heiligen Wesen zu gefallen, daß man dadurch des Gesetzes der Moralität enthoben, davon dispensiert sein könnte, - ein Gewebe von solchen Lehren, sie mögen im Glauben der Völker und der Geschichte mit den heiligsten Siegeln beurkundet sein, die Vernunft muß es verwerfen; in ihrer Forderung, moralisch gut zu sein, kann sie sich nichts abdingen lassen.
Wie verworfen das Gebäude solcher Staaten oder nur Klassen von Menschen ist, wo diese Grundsätze im Schwange gehen, wo alle natürlichen Verhältnisse durch diesen unmoralisch-religiösen Galimathias verdreht sind, hat die Geschichte aller Zeiten gelehrt, und lehrt es noch heutigentags das traurige Bild der Staaten, wo diese Systeme noch herrschen - z. B. im Kirchenstaat, in Neapel -, und nur die nie ganz zerstörbare Güte der menschlichen Natur, die hier freilich verhunzt genug ist, nur die Notwendigkeit der bürgerlichen Gesetze, die, um es möglich zu machen, daß die Gesellschaft zur Not zusammenhalten kann, jene Grundsätze in etwas korrigieren müssen, verhindern es, daß die Laster und bösen Neigungen den Lehren, wodurch sie genährt, straflos und gerechtfertigt werden, ganz konsequent sind.
Ich rechne hierher den öffentlich autorisierten Glauben, durch Messen-Hören und Ablaßkram seine Sünden nicht nur abkaufen zu können, sondern in nichts einem guten Menschen nachzustehen, - daß körperliche und andere Strafen auf Verschiedenheit in der Meinung gesetzt sind, - ferner daß Verbrecher durch Asyle dem Arm der Gerechtigkeit entzogen und von den Interpreten der Gottheit in Schutz genommen werden, - daß es nicht nur als Glauben verdienstlicher ist, sondern daß es öffentlich veranstaltet ist, daß nur der Bettler begünstigt wird, der arbeitsame Mann hingegen sich übel befindet. Und hier ist nicht bloß von den Lehren einiger Sophisten oder Empiristen die Rede, die etwa mit philosophischem Scharfsinn die Grundsätze, die den Unterschied zwischen Tugend und Laster festsetzen, nicht als festgegründet genug haben finden können, oder [von] Wollüstlingen, die in ihrem Leben weiter nie sich darum bekümmerten oder deren Leidenschaften sie verhinderten, auf die Stimme der Tugend zu hören, - nicht von solchen einzelnen, wie es überall gibt, ist die Rede, sondern davon, daß jene die Moralität verkehrenden und die Menschheit sowie die Gottheit entehrenden Grundsätze nicht etwa bloß von müßigen Köpfen in Studierstuben oder auf Kathedern abgehandelt werden - so wie etwa ohne merklichen Schaden des gemeinen Wesens von einem Professor die Glückseligkeit, von anderen sonst empirische Sätze zum Grundsatz der Moral oder des Naturrechts angenommen werden -, nicht nur öffentlich gelehrt [werden], sondern, was lebendiger spricht als Lehren, in den ganzen Zusammenhang des Staats aufs innigste eingewebt sind. Männer, die das Bedürfnis besserer Grundsätze fühlen, wie auch die sonst guten Menschen in solchen Staaten nicht auf der erlaubten Heerstraße der Erniedrigung und des Lasters gehen können, bringen ihre bessere Empfindung mit jenen Grundsätzen durch solche Wendungen in eine Verbindung, deren Schwäche sie vor ihrem Verstand verbergen müssen, die aber doch ihr Herz befriedigen.
Solche Lehren müssen also von der Vernunft, sowohl wenn sie Grundsätze für den Einzelnen als wenn sie allgemeinere, die die Ökonomie eines ganzen Staats angehen, sich wählt, schlechterdings verworfen [werden].
Sonst aber geben die positiven Lehren einer Religion, diejenigen, die die Entwicklung der menschlichen Vernunft nicht selbst auffinden könnte, einen besseren Zweck an, und besonders in neueren Zeiten ist man immer sehr eifrig bemüht, von jeder dogmatischen Lehre das praktische Moment auszubilden und aufzusuchen.
Man ist von den Bemühungen, die Mysterien der Religion durch Vernunft annehmbar zu machen, zurückgekommen und hält jetzt sehr viel auf den Unterschied, daß jene Lehren zwar über die Vernunft, aber nicht wider die Vernunft seien, ein Unterschied, der doch eine gewisse scheue Rücksicht auf sie, eine gewisse Ehrfurcht vor ihrem Ritteramt andeutet, aber am Ende nicht weit her ist; denn ist die Vernunft höchste Richterin ihres Glaubens, so wird sie das, worauf sie in dem ganzen Umfang ihres Gebrauchs und ihrer Kraftanwendung nicht kommen zu können glaubt28) , nicht annehmen, nicht glauben, - so gut als, wenn nach allen Versuchen der Schiffahrt keine nordwestliche Durchfahrt durch Amerika entdeckt wird, die Geographie dreist behauptet, es gebe keine.
Solche Worte also, die für die Vernunft verloren sind, denn sie kann sie nicht begreifen, die für den Verstand undenkbar, für die Phantasie unvorstellbar, nur für das Gedächtnis zu brauchen sind, können bloß noch für das Herz, bloß in Ansehung ihres Einflusses auf die Willensbestimmung eine Wichtigkeit für den Menschen haben.
Unleugbar hat manche Seite der übermenschlichen christlichen Religionslehren nicht eigentliche Moralität, sondern nur Legalität zum Zweck und zur Folge. Wenn sie einer Verfeinerung und Wendung, um moralisch zu werden, fähig sind, so muß doch eingestanden werden - vorher wurde das Ding nicht so genau genommen -, daß diese Versuche erst durch die Einwürfe und Vorwürfe der Gegner veranlaßt worden sind, und lange, lange sind sie eigentlich nur dazu benutzt worden,
Die Phantasie des Träumers zu erstürmen
Wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt29)
(oder haben sie zur Hoffnung veranlaßt, Moralität auf eine übernatürliche Weise zu erwarten - oder die Furcht [erzeugt,] eben auf diese Art verschlimmert zu werden). Ich brauche mich nur auf die Vorstellungen zu berufen teils der Belohnungen, die in mystische Seligkeiten, kindische, tändelnde oder auf einem unmoralischen Stolze beruhende Vorzüge gesetzt wurden, teils der Strafen, die noch beredter als die Belohnungen ausgemalt [sind] durch ihre grellen, sinnlichen Bilder von den Qualen der Hölle, wo der Teufel mit immer neuer Erfindungskraft die Seele ewig ohne Hoffnung der Errettung, ewig, ewig peinigt -: manche Phantasie, wie nicht zu verwundern, die unter der Gewalt dieser Vorstellungen erlegen [ist], zerrüttet [wurde], viele Menschen [, die sie] zur Verzweiflung, zur Raserei gebracht haben.
Wenn die Phantasie griechischer Bacchantinnen überschnappte bis zum Wahn, die Gottheit selbst gegenwärtig zu sehen, und zu den wildesten Ausbrüchen einer regellosen Trunkenheit, so war dies eine Begeisterung der Freude, des Jubels, - eine Begeisterung, die bald wieder ins gemeine Leben zurückkehrte. Aber jene religiösen Ausschweifungen der Phantasie sind Ausbrüche der traurigsten, ängstlichsten Verzweiflung, die die Organe von Grund aus zerrüttet, und häufig unheilbar; die Data, selbst die bestimmteren Züge zu diesen Gemälden werden von der Dogmatik gegeben, nicht bloß die Lehre, und es ist nur der mehr oder weniger lebhaften Phantasie des Lehrers überlassen, sie greller oder minder schrecklich darzustellen.
Die Erwartung[en] der Belohnungen und Strafen in einer anderen Welt sind so natürlich in dem praktischen Bedürfnis der Vernunft, einen Zusammenhang zwischen diesem und einem anderen Leben [herzustellen], gegründet, daß diese Lehre ein Hauptpunkt aller Religionen gewesen ist; aber um einer moralischen Religion würdig zu sein, muß Vorsicht bei ihrer Behandlung angewandt werden - um sie im Glauben der Völker zu befestigen.
Was Ausbildung der Einbildungskraft dabei ist, kommt hier noch nicht in Betrachtung, nur die Lehre, soweit sie auf den übervernünftigen Grundsätzen beruht, die uns die christliche Religion gibt, - obgleich auch Glaube an die Bilder der Einbildungskraft als an Dogmen gefordert wird. Die Lehre der Auferstehung der Leiber ist von keiner großen moralischen Wichtigkeit; nur hat sie wohl die an sich unbedeutende Folge gehabt, daß durch sie der Begriff von der Seele des Menschen, als eines geistigen unkörperlichen Wesens, nicht allgemeiner hat werden können; oder vielmehr hat sich die Hoffnung einer Fortdauer der persönlichen Existenz - wogegen der Tod, die Erlöschung derselben so natürlich spricht -, da sie die Idee eines unkörperlichen, unverweslichen, unsterblichen Wesens nicht hatte, damit geholfen, den Körper als ihr Selbst, nicht bloß als ihren vertrauten Gefährten wieder aufleben zu lassen.
Die Hoffnung einer Entschädigung für ausgestandene Leiden ist ein tröstender Gedanke, ein Gedanke, den wir von der Gerechtigkeit fordern, aber wir müssen uns dabei doch gewöhnen, nicht alles, was etwa unserer Erwartung entgegen geschieht, als ein Unrecht anzusehen; wir müssen uns mehr gewöhnen, uns mehr von der Natur abhängig zu betrachten. Die Verwicklung unserer politischen und bürgerlichen Verhältnisse und die Ungleichheit in der Lebensart und in den Glücksgütern hat nicht nur das Elend aller Art, sondern auch die Reizbarkeit und die Empfänglichkeit dafür vermehrt; zu den Schmerzen, denen wir vermöge unserer Natur und unserer von dieser so oft abweichenden Lebensart ausgesetzt sind, gesellt sich gar häufig auch Unlittigkeit, Ungeduld, die aus der Forderung entspringt, daß uns alles wohl und nach Wunsch gehen soll, und aus dem Glauben, Unrecht bei dem Unglück zu leiden.
Hinter der vorgeblichen Verachtung der Güter und Ehren dieser Welt steckt gar häufig ein sehr übel abstechender Neid gegen die, die sie besitzen; die Verachtung ist gar häufig eher ein Ärger darüber, und die Entbehrung derselben wird alsdann für ein Unrecht, für ein Leiden angesehen, wofür uns gleichfalls Entschädigung gebühre. Viele Menschen in der Überzeugung, daß die Leiden dieser Welt nicht wert seien der Herrlichkeit in der zukünftigen, glauben, ohne Leiden können sie an dieser gar nicht teilnehmen; bei einem ruhigen Genuß dieses Lebens verbunden mit der Erfüllung seiner Pflichten leben sie immer noch [nicht nur] voll Wachsamkeit über ihre Tugend, sondern eigentlich voll Angst - und schaffen sich eine Menge entweder wirklicher oder erträumter Leiden und klagen30) über diese Welt als über ein Jammertal, wo sie doch wirklich nichts zu klagen haben. Alle dergleichen Dispositionen führen ab von dem Geist, von der Wahrheit eines zu hoffenden moralischen Zusammenhangs dieses Lebens mit dem zukünftigen.
Eine unterscheidende, der Vernunft unbekannte Lehre des Christentums ist die fürchterliche Alternative, wo es kein Mittleres gibt, daß das Schicksal, das die Menschen in einer anderen Welt erwartet, entweder ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis ist, - eine Alternative, die, wenn den Menschen die Vorstellungen der Zukunft nach diesem Leben so sicher, so zuverlässig wären wie die Gewißheit, daß Quingimarinde das Fieber kuriert, - die, sag ich, dem Menschen in diesem Leben, nach welchem das Reich der Gnaden ein Ende hat und das Reich der unerbittlichen Gerechtigkeit seinen Anfang nimmt, keinen Augenblick Ruhe ließe, sondern ihn in einen Zustand der marterndsten Ungewißheit versetzte, die im Gefühl ihrer Unvollkommenheit ewig zwischen der Furcht vor dem Richter der Welt und der Hoffnung von dem gnädigen verzeihenden Vater wankte, - ein qualvoller Zustand, der nur darum weniger häufig ist, weil die Natur des Menschen inkonsequent in Ansehung derjenigen ihrer Grundsätze ist, die nicht in ihr selbst gegründet sind, sondern nur von außen in den Kopf eingetrieben sind.
Von sehr großer praktischer Wichtigkeit aber ist die Geschichte Jesu, nicht bloß seine oder die ihm zugeschriebenen Lehren. Um das Gute zu lieben, das Recht recht zu üben, nicht bloßen augenblicklichen guten Regungen den Schein der Tugend zu danken zu haben, sondern aus freier Wahl sie zu lieben, dazu gehören Grundsätze, ein Übergewicht unserer Metaphysik über unsere Physik, abstrakter Ideen über das Sinnliche. Wann wird es mit dem Menschengeschlecht so weit kommen, daß Grundsätze mehr herrschen als Empfindungen, Gesetze mehr als Individuen? Wenn die Tugend, sagte Platon, sichtbar unter den Menschen erschiene, so würden alle Sterblichen sie lieben müssen - an tugendhafte Menschen glaubte doch wohl Platon, aber um die Menschen zur eifernden Bewunderung zu begeistern, verlangte er die Tugend selbst. Die Geschichte Jesu stellt uns nicht bloß einen Menschen dar, der sich in der Einsamkeit vorher selbst gebildet hatte und dann seine Zeit allein auf Besserung der Menschen verwandte, der diesem Zweck endlich selbst sein Leben aufopferte. Um das bekannteste Beispiel anzuführen, so hätte uns Sokrates insofern ebensogut zum Spiegel, zum Muster aufgestellt werden können; er schöpfte seine Weisheit im Getümmel des tätigen Lebens, in den Schlachten, wo er mit Lebensgefahr seinen Freund errettete, er widmete sein Leben der Besserung seiner Bürger, und die Wahrheit reichte ihm endlich den Giftbecher, den er mit der erhabensten Ruhe leerte. Was fehlt uns hier zu einem Vorbild der Tugend? War nicht Sokrates ein Mensch mit nicht mehr Kräften als wir, können wir nicht an das Werk der Nachahmung mit der Hoffnung gehen, die Stufe von Vollkommenheit in unserer Lebensweise ebensogut erringen zu können? Was kostete Christum die Hilfe, die er Kranken reichte? - ein Wort. Mit göttlicher Kraft versehen, der weder die Sinnlichkeit irgendeine leise Neigung oder Empfindung entgegenstellen, noch der Mangel an Mitteln und Kraft im Wege stehen konnte, sollte das untadelige Leben Jesu, seine Standhaftigkeit, seine Ruhe im Leiden uns nicht als bewunderungswürdig vorkommen und nicht zur Nachahmung reizen, die wir ganz entblößt, ohne Hoffnung sind, es so weit zu bringen. Aber auf dies Räsonnement des kalten Verstandes achtet die Phantasie [nicht], und gerade die Beimischung, der Zusatz des Göttlichen qualifiziert den tugendhaften Menschen Jesus zu einem Ideale der Tugend, - ohne das Göttliche seiner Person hätten wir nur den Menschen, hier aber ein wahres übermenschliches Ideal, das der menschlichen Seele, soweit sie sich davon entfernt denken muß, doch nicht fremd ist. Außerdem hat dieses Ideal noch den Vorteil, kein kaltes Abstraktum zu sein; seine Individualisierung, daß wir es sprechen hören, es handeln sehen, bringt es, das schon unserem Geiste verwandt ist, für unsere Empfindung noch näher. Hier ist also für den Gläubigen nicht mehr ein tugendhafter Mensch, sondern die Tugend selbst erschienen: bei jenem sind wir immer geneigt, noch geheime Schatten oder doch ehemaligen Kampf, wie bei Sokrates nur aus der Physiognomie, vorauszusetzen, - hier hat der Glaube die makellose, doch nicht entkörperte Tugend.
Der Zusatz des Göttlichen bei Jesus, statt dem Scheine nach unseren Eifer im Nachahmen zu schwächen, da er uns durch die Betrachtung der Unmöglichkeit, sich ihm zu nähern, abschrecken sollte, ist vielleicht mehr unserem Hang zu Idealen, die mehr als menschlich sind, günstig.
So wie man aber, um ein guter Nachahmer zu sein, selbst ein Stück von einem Original sein muß - wie in allem anderen, so auch noch mehr im Moralischen, sonst ist sie nur etwas Gezwungenes, etwas, dem man es ansieht, daß es nicht natürlich ist, wo hier und da etwas nicht recht an seinem Orte ist, nicht recht passen will, zum übrigen absticht -, so muß die Tugend besonders etwas selbst Erfahrenes, etwas selbst Geübtes sein. Die anderen nachgebetete, auswendig gelernte Tugend hat etwas Linkisches, etwas, das nicht gegen Erfahrung und fortschreitende Bekanntschaft mit der Welt bestehen kann, das keinen Wert, keinen Verdienst hat. So hat also die Menge, unzählige Menschen ohne Belang, d. h. ohne edle Empfindungen, ohne delikate Lagen, ohne Situationen, wo Tugend und Stärke oder Geduld sich zeigen konnten, die aber doch, ohne entfernt in ähnlichen Lagen oder ähnlicher Tätigkeit begriffen zu sein, schlechterdings ihrem Urbild gleich sein wollten, ihren Kleinigkeiten den Namen hoher Tugenden umgelegt. Daher die Menge der klagenden Leidenden, denen nichts fehlte, - der Verfolgten, die man ruhig ließ oder die nicht selbst eher Ruhe hatten, als bis man sie verfolgte, - die Menge der Lehrenden, deren Weisheit kein Mensch bedurfte. Das Muster von Tugend, das sich die Menschen nach ihrem Ideal bildeten, nahm natürlich auch den Ton derjenigen Tugenden an, die an dem Ideal hauptsächlich hervorstechen, aber das Nachgeahmte hat dann gemacht, daß diese Tugenden häufig ausarteten, ungeschickt angebracht wurden. Aus dem Belehrenwollen ist Rechthaberei und daraus Intoleranz entstanden.
[Die] Lehre von der Vorsehung, ein der christlichen Religion eigener Begriff, [ist] ein Begriff der Vernunft, dessen wir uns eigentlich bei keinem einzelnen Fall bedienen sollten, da er nicht ein Verstandesbegriff ist und also nichts erklärt.