[Erster Entwurf]26)

a) Es sollte eine schwere Aufgabe scheinen, ein System von religiösen und moralischen Wahrheiten auf[zu]stellen, das aller oder doch der meisten freien Beifall haben könnte, da wir es als ein notwendiges Erfordernis einer Volksreligion ansehen, daß sie ihre Lehren nicht aufdringe, keines Menschen Gewissen Zwang leide, - es sollte schwer scheinen, wenn man nur obenhin die unendliche Verschiedenheit der Systeme und Hypothesen betrachtet, die von den Philosophen und Theologen, seitdem sich die Vernunft zu Ideen und zum Spekulieren über dieselben entwickelt hat, erdacht worden sind. Eben diese Erfahrung, daß so vielerlei Vorstellungsarten möglich und, so bizarr uns manche scheinen, sie doch an allgemeine Ideen oder Bedürfnisse der Menschheit angeknüpft [sind und] immer ihre Anhänger gefunden haben, zugleich auch die Erfahrung, daß, sobald durch öffentlichen Befehl oder Verbot einer gewissen Vorstellungsart eine Wichtigkeit darein gelegt wird, nicht nur die Gewissensfreiheit der Menschen gekränkt, sondern auch leicht ein gefährlicher Fanatismus angezündet werden kann, - diese Erfahrungen geben eben für die Dogmen einer Volksreligion die Regel, daß sie so einfach als möglich sein, nichts enthalten sollen, was nicht die allgemeine Menschenvernunft anerkennt, - nichts, wodurch etwas bestimmt, etwas dogmatisch behauptet würde, das die Grenzen der Vernunft übersteigt, wenn die Befugnis dazu auch im Himmel selbst ihren Ursprung haben sollte.