Das ganze Leben des Christen soll eine Vorbereitung auf diese Veränderung sein, seine Wünsche sind dahin sogar gerichtet, der tägliche Umgang mit den Bildern des Todes und den Hoffnungen jenes Lebens, gegen welche die Genüsse, die Freuden dieser Welt, wo er sich nicht attachiert, nur wie ein Fremder einen schwachen Anteil nimmt, keiner Aufmerksamkeit wert sind, soll ihm das Verlassen dieses Schauplatzes seiner Wirksamkeit nicht nur nicht fürchterlich, auch sogar angenehm machen. - Noch weniger als ihm der Augenblick des Todes fürchterlich ist, bangt ihm weder vor Zernichtung, vor dem Aufhören der Harmonie, wenn das Instrument zerbrochen wäre, noch vor seinem künftigen Schicksal - sein ganzes Leben war eine meditatio mortis. Es dünkt ihm nur die Vorbereitungsschule zum künftigen, es hat an sich keinen, nur in bezug aufs künftige einigen Wert. Was sind auch fünfzig bis achtzig Jahre, dazu verwendet, aufgebraucht, die gegen die grenzenlose Ewigkeit, die ganze Dauer unserer Existenz nur ein Augenblick sind? Wer sollte in sechzig Jahren einen Augenblick die fürchterliche Alternative: ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis, vergessen können? Wer sollte gegen die immer neu erwachende Furcht der Unwürdigkeit zur ersteren nicht hinfliehen zu den Gnadenmitteln, angeboten von eben der Lehre, die uns mit diesen Schrecken bekannt macht? wer sollte nicht auf den Augenblick dieser fürchterlichen Katastrophe [warten], wo er nicht nur Abschied nimmt von allem, was ihm irgend teuer war, sondern wo er in wenigen Stunden oder Minuten nimmer den Glanz dieser Sonne, aber des Richterthrones wird schimmern sehen, vor welchem sein Schicksal jetzt auf Ewigkeit entschieden wird? wer sollte nicht für diesen Augenblick der bangen Erwartung alle Waffen des Trostes um sich her versammeln? wer sollte wenigstens nicht da noch in Eile wie einer, der plötzlich eine Reise unternehmen [muß], auf die er nicht Zeit hatte sich vorzubereiten, noch von geistlichem Geräte zusammenpacken, soviel als es die Zeit und seine Krankheit erlaubt? Daher sehen wir die Betten der Kranken von Geistlichen und Freunden umringt, die der beklommenen Seele des Sterbenden die gedruckten und vorgeschriebenen Seufzer vorächzen; daher hören wir, daß bei allen Erinnerungen und Ermahnungen den Beschluß der Refrain macht: memento mori; die mächtigsten aller Beweggründe zu handeln werden jenseits des Grabes hergeholt, schön oder fromm sterben [zu können], noch Besinnung genug zu haben, der in der Schule mit Schweiß erlernten Sprüche und Reime sich jetzt wieder erinnern und sie und anderes sagen zu können.
Die Helden aller Nationen sterben auf gleiche Art, denn sie haben gelebt, und sie haben in ihrem Leben gelernt, die Macht der Natur anzuerkennen. Aber Unlittigkeit gegen diese, gegen ihre geringen Übel, macht auch dann ungeschickt, ihre größeren Wirkungen zu ertragen. Wie könnte es sonst kommen, daß die Völker, in deren Religion ein Hauptpunkt, ein Hauptstein in dem ganzen Gebäude Vorbereitung zum Tode ist, im Ganzen so unmännlich sterben, dahingegen andere Nationen unbefangen diesen Augenblick nahen sehen? Wie zu einer Mahlzeit der eine des Morgens früh anfängt, seine Haare kräuseln zu lassen, seine Prunkkleider anlegt, seine Pferde anspannen läßt, voll von der Wichtigkeit der bevorstehenden Unternehmung die ganze Zeit überlegt, wie er sich benehmen, wie er die Konversation führen soll, und wie ein junger Redner Angst hat, ob er seine Sache gut machen werde24) , - ein anderer hingegen des Morgens seinen Geschäften nachgeht und erst wenige Minuten vor der Stunde der Tafel sich der Einladung erinnert und so schlicht und unbefangen dazutritt, als ob er zu Hause wäre. Wie verschieden die Bilder, die von dem Tode in die Phantasien unseres Volks und der Griechen übergegangen sind - bei diesen ein schöner Genius, der Bruder des Schlafs, verewigt in Monumenten über den Gräbern, bei uns der Knochenmann, dessen grauser Schädel über allen Särgen paradiert. Der Tod erinnerte sie an den Genuß des Lebens, uns [daran], es uns zu entleiden; er war ihnen Geruch zum Leben, uns zum Tode. Wie wir in einer ehrbaren Gesellschaft von gewissen natürlichen Dingen nicht sprechen, sie nicht einmal schreiben, so umschrieben sie den Tod, milderten seine Bilder, die die Redner und Prediger uns, um Schrecken einzujagen, uns den Genuß zu verleiden, mit allen möglichen scheußlichen Farben ausmalen.