4.

20) Die Staatsverfassungen, Gesetzgebungen und Religionen der Völker tragen lange noch Spuren ihres ursprünglichen kindlichen Geistes an sich, auch wenn dieser schon längst verflogen ist. Lange ist noch die Gewalt in den Händen eines Einzigen, von dem eine Familie als von ihrem Vater sie mit Kindessinn ausüben ließ - wenn das Volk längst aufgehört hat, eine Familie, und der Fürst, ein Vater zu sein. In Ansehung der Staatsverfassung und Gesetzgebung fühlten die Völker bald, sowie sie sich ein wenig ausdehnten, daß ihr kindliches Vertrauen mißbraucht wurde, und schränkten durch bestimmte Gesetze den bösen oder guten Willen ihrer Machthaber ein. Der kindliche Geist in den Religionen hat sich länger erhalten, und diese tragen immer Spuren desselben an sich, wenn in den Staaten lange schon keinem mehr Gutes zugetraut wird, als ihm zu tun erlaubt oder befohlen ist.

Dieser Kindessinn in der Religion sieht Gott als einen mächtigen Herrn an, der im übrigen Neigungen, Leidenschaften, auch gar Launen hat - Gott ruht aus -, wie die Herrscher unter Menschen, und [der] also nicht immer nach der Regel des Rechts straft oder glücklich macht, bei dem man sich also einschmeicheln kann, gegen den man mehr Furcht, höchstens Ehrfurcht [empfindet], als [man ihm] Liebe weiht, dem [man] wie vor alters und noch jetzt den Fürsten des Orients - wie noch jetzt die Unschuld ihren Gönnern oder Freunden - von den guten Gaben, die die Natur dem Menschen gibt - der Frohsinn und die Zufriedenheit -, etwas darbeut, oft das Schönste, das Frühste als freiwilligen Tribut des Zutrauens und der Freude zurücklegt; - den die Phantasie hier oder dort näher glaubt, der ihr hier oder da um gute, ehrwürdige Menschen, um die Hütten der Unschuld - einer Baucis - lieber zu verweilen dünkt, und der [ihr] diese Örter, diese Menschen heiliger, ehrwürdiger - σεμνοί, πελώϱιοι - scheinen [läßt]; - der dem kindlichen Verstand in Wettern, Überschwemmungen, Pest usw., im Wogen des Meers, im Drohen der Felsen - ebenderselbe oder mehrere - unmittelbarer zu wirken scheint; - und auf den die kindliche Einbildungskraft die Geschäfte und Verhältnisse des menschlichen Lebens überträgt.21)

Dieser Kindessinn hat den religiösen Einrichtungen und Gebräuchen und Vorstellungen (besonders Opfer - Gebet und Abbüßung) den Ursprung gegeben, die der Vernunft oft bizarr und lächerlich, oft verabscheuenswürdig - und das am meisten, wenn sie sieht, daß Herrschsucht die guten Herzen der Menschen dabei betrogen -, immer unwürdig scheinen, dem Geist aber und der Phantasie, die sich in jenen Sinn zurücksetzt, oft lieblich, oft erhaben, gar oft im höchsten Grad rührend sind. Sie werden durchs Herkommen geheiligt, fortgepflanzt; das Interesse vieler Menschen verwickelt sich außerdem so mannigfaltig darein, daß die größte Ausartung einesteils und die Fortschritte der Vernunft andererseits dazu gehören, um unter gewaltigen Erschütterungen ein solches System, das in die allgemeine Gewohnheit verwebt ist, zu verbannen. Je mehr auf einer Seite der Geist verfliegt, der ursprünglich in diesen Einrichtungen hauchte, und die heiligen Gebräuche und Übungen alsdann zu einer Last werden, die die Frömmigkeit vorher nicht fühlte, und auf der anderen Seite die Vernunft mehr Boden gewinnt, desto näher sind jene Gebräuche sicherem Sturze. - Mit der Vernunft, die Handlungen der Pflicht fordert, unvertragbar ist sowohl die Frömmigkeit, die Gaben und Opfer zu den Tempeln der Gottheit bringt - oder in Abbüßung, Kasteiung, Fasten, langem heftigen Beten ihr Herz erleichtert -, oder die in frommen Gefühlen der Liebe, in mystischen Empfindungen schwelgt. Mit den Fortschritten der Vernunft gehen unaufhaltsam viele Empfindungen verloren, viele sonst rührende Assoziationen der Einbildungskraft werden schwächer, die wir Einfalt der Sitten heißen und deren Gemälde uns erfreut, uns rührt22) , deren Verlust wir oft nicht mit Unrecht bedauern. Spuren davon, geheime Züge, außer denen, die mit jeder menschlichen Neigung, Leidenschaft verknüpft sind, wo der ganz vernünftig sein wollende Mensch bei seiner Menschlichkeit gleichsam oft überrascht [wird], bleiben immer noch zurück. Warum hat man noch in unseren Tagen Reliquien von Friedrich dem Großen, von Rousseau emsig aufgesucht und teuer verkauft?

Solche Züge sind es, die uns z. B. außer ihrer Tapferkeit und Treue die Szenen aus der Ritterzeit so anziehend machen, - die Verschwindung solcher Assoziationen ist es, die das Alter für Verschwindung der Sitte selbst nimmt und [die] seine Klagen veranlaßt. - Wenn diese Einfalt der Sitten bei einem Volke noch allgemein ist, wenn den Fürsten, den Priestern alles noch ebenso heilig ist wie dem ganzen Volk, da gibt es kein rührenderes, kein wohltätigeres Schauspiel - das ist das Glück der Südseeinsulaner, auch der Peruaner vielleicht vor dem Streite Athahualpas und Huaskars. Aber wenn ein Stand, der regierende oder der Priesterstand oder beide zugleich diesen Geist der Einfalt verlieren, der ihre Gesetze und Ordnungen stiftete und bisher beseelte, so ist sie nicht nur unwiederbringlich dahin, sondern die Unterdrückung, die Entehrung, Herabwürdigung des Volks ist dann gewiß (daher [ist] die Absonderung in Stände für die Freiheit schon gefährlich, weil es einen esprit de corps geben kann, der bald dem Geiste des Ganzen zuwider wird). Wenn dem Volk auch nicht mehr Opfer, nicht mehr Büßungen aufgelegt werden, als es vorher immer gewohnt war, so ist das Ganze zusammen doch nimmer eine Gemeine, die gemeinschaftlich, in dem nämlichen Sinn einmütig vor die Altäre ihrer Götter tritt, sondern ein Haufe, dem seine Führer heilige Empfindungen ablocken und dabei selbst nicht mitfühlen - wie der Taschenspieler dem gaffenden Publikum Bewunderung [ablockt], wo er selbst zwar nichts bewundert, aber sich auch nicht stellt, als teile er ihr Staunen, dahingegen jene in Anstand, Gesicht und Worten die Mitempfindung heucheln. Dieser Kontrast ist dann für den ruhigen Zuschauer desto empörender, je mehr ihn die Einfalt, die Unschuld der Menge rührt; der Anblick des andächtigen Volks, der gegen Himmel gerichteten Blicke, der gefalteten Hände, der gebogenen Knie, des tiefen Seufzens, des brennenden Gebets würde unwiderstehlich mit reiner Wärme sein Herz erheben, wenn nicht die Hauptpersonen des Spiels gerade Bitterkeit in seine Empfindung mischten.

Woran wird das Volk erkennen, ob seine Priester bei seinem Gottesdienst andere Absichten haben, als nur seine Frömmigkeit zu vermehren, ob sein Vertrauen in sie nicht mißbraucht wird?

Die Ursache der Möglichkeit dieser Ausartung liegt wohl darin, daß außerdem, daß der Gegenstand der Religion etwas Mysteriöses ist, die meisten, besonders äußerliche Religionen ihre geheimen oder auch allgemein bekannten Mysterien hatten, daß, um zum Depositär derselben fähig zu sein, besondere Eigenschaften, besondere Vorbereitungen gehörten, die ihnen eine Auszeichnung gaben; und als näher bei dem Heiligtum floß auf sie selbst ein Teil der Verehrung, die jenem geweiht war. Sie hatten alsdann die Anordnung der religiösen Feste (und bei jedem Nationalfest präsidierte die Religiosität) zu machen, die Einnahme und Aufbewahrung oder Verwendung der Geschenke für die Gottheit war ihrer Gewissenhaftigkeit anvertraut.

Ein Volk also, das seinen öffentlichen Gottesdienst so einrichten will, daß Sinn und Phantasie und das Herz gerührt werden - ohne daß die Vernunft leer dabei ausgeht -, daß seine Andacht aus einer vereinigten Beschäftigung und Erhöhung aller Kräfte der Seele entspringt, die Vorstellung der strengen Pflicht durch die Schönheit und Froheit erheitert und zugänglicher gemacht wird, - ein solches Volk wird, um nicht durch seine Empfindung einer Klasse von Menschen das Heft seiner Abhängigkeit in die Hände zu geben, seine Feste selbst anordnen, seine Spenden selbst verwenden, und wenn durch einheimische Anstalten sein Sinn beschäftigt, seine Einbildungskraft etonniert (frappiert), sein Herz gerührt und seine Vernunft befriedigt wird, so wird sein Geist kein Bedürfnis fühlen, oder es würde ihm vielmehr kein Genüge tun, die Ohren alle sieben Tage Phrasen und Bildern zu leihen, die nur vor einigen tausend Jahren in Syrien verständlich und an ihrem Platze waren.

Wie wenig die objektive Religion für sich ohne korrespondierende Anstalten des Staats und [der] Regierung ausgerichtet hat, zeigt uns ihre Geschichte seit der Entstehung des Christentums. Wie wenig hat sie über die Verdorbenheit aller Stände, über die Barbarei der Zeiten, über die groben Vorurteile der Völker Meister werden können. Gegner der christlichen Religion, die mit einem Herzen voll menschlicher Empfindung die Geschichte der Kreuzzüge, der Entdeckung von Amerika, des jetzigen Sklavenhandels, und nicht bloß dieser brillanten Begebenheiten, wo zum Teil die christliche Religion eine ausgezeichnete Rolle spielte, sondern überhaupt die ganze Kette der fürstlichen Verdorbenheit und der Verworfenheit der Nationen lasen und denen das Herz dabei blutete - und [die] dann dagegen die Ansprüche der Lehrer und Diener der Religion an Vortrefflichkeit, an allgemeine Nützlichkeit u. dgl. Deklamationen hielten -, mußten mit einer Bitterkeit, mit einem Haß gegen die christliche Religion erfüllt werden, den ihre Verteidiger oft einer teuflischen Bosheit des Herzens zuschrieben. Den brillanten, schauderhaften Gemälden von den Greueltaten und dem Elende, das der Eifer für eine besondere Religion angestiftet hat - welche die Gegner der christlichen Religion nicht aufhören, mit aller Stärke des Pinsels und aller Schärfe des Witzes aufzustellen -, setzen ihre Verteidiger entgegen, daß diese Waffen schon zu abgenützt und die Gründe, die sich daraus ziehen ließen, schon längst widerlegt seien; besonders aber geben sie ihnen zu verstehen, daß alles dies Unheil nicht geschehen wäre, wenn zum Glücke der Menschheit doch nur ihre Kompendien schon wären herausgewesen.

Aber hatten die Päpste und ihre Kardinäle, hatte Kukupeter [?] und die Pfaffen seiner Zeit, hatten sie nicht Mosen und die Propheten, konnten sie nicht dieselben hören, hatten die nicht die lautere Quelle der Moral, wie wir noch heutzutage haben, - brauchte diese denn unserer Paraphrasen, unserer gelehrten Lehrbegriffe? War sie für sich unvollständig? War sie für sich nicht fähig, ich will nicht sagen die Sitten, die Roheit des Volks zu bessern oder wenigstens zu bändigen, aber doch einen größeren Einfluß auf die Menschenklasse zu haben, deren Geschäft ihr ganzes Leben hindurch es war, sie zu kennen und an sich zu arbeiten, - war sie nicht fähig, die Herrschsucht der Geistlichkeit, die entweder große Unverschämtheiten oder kleine Niederträchtigkeiten verübte, zu mäßigen, da diese Klasse von Menschen die geistliche Demut zum Schilde aushingen, da sie die Belohnung, die Empfehlungen dieser Tugenden täglich in den Lehren des Mannes fanden, dem sie ihr ganzes Leben zu weihen vorgaben? Welches Laster ist nicht unter ihnen im Schwange gegangen? und welches ist doch nicht von ihrem Herrn und Meister verboten gewesen? Waren nicht die Zeiten, wo die Fürsten von ihren Beichtvätern geleitet [wurden], die Länder, wo die geistlichen Herren regierten, die unglücklichsten?

Wie leicht ist, in eine Waagschale gelegt, die ganze Heilsordnung, mit dem ausführlichsten und gelehrtesten: was ist das? dazu in den Kopf gepreßt, gegen die andere, wo alle Leidenschaften, die Macht der Umstände, der Erziehung, der Beispiele, der Regierung jene hoch in die Lüfte schnellen [lassen].

Als Wirkung und Hauptzweck der christlichen Religion wird angegeben: moralische Besserung und Wohlgefallen bei Gott, - und als Bedingung, unter der man die wahre Religion, den wahren Glauben haben könne, wird gefordert, entweder, daß man Gott schon so wohlgefällig sei, daß er einem von selbst den wahren Glauben schenke, oder so moralisch gut, daß man das Böse hasse und nach der Gerechtigkeit dürste, - d. h. durch die christliche Religion könne man gut werden, wenn man schon vorher gut ist.

Montesquieu [Esprit des loix] (24, ch. 2):

"C'est mal raisonner contre la religion, de rassembler dans un grand ouvrage une longue énumération des maux qu'elle a produits, si l' on ne fait de même celle des biens, qu'elle a faits. Si je voulais raconter tous les maux, qu'ont produits dans le monde les loix civiles, la Monarchie, le gouvernement républicain, je dirais des choses effroyables!"23)

Unter den Geboten, die Christus seinen Schülern und Zuhörern gab, sind viele, deren Ausübung, wenn sie nicht in dem Geiste, der der Geist der Tugend ist, sondern nur dem Buchstaben nach geschieht, unnütz, oft gar schädlich sein würde - so wie die Gesetzgebung eines Staats, in dem mehr die Sitten als die Gesetze herrschen, für einen anderen, wo man sich alles erlauben würde, was nicht durch die Gesetze verboten ist, sehr unvollständig und unbrauchbar sein würde. So sind viele Gebote Christi den ersten Grundlagen der Gesetzgebung in bürgerlichen Gesellschaften, den Grundsätzen der Rechte des Eigentums, der Selbstverteidigung usw. entgegen. Ein Staat, der heutzutage die Gebote Christi unter sich einführen würde - nur mit den äußerlichen könnte er es tun, denn der Geist derselben läßt sich nicht gebieten -, würde sich bald selbst auflösen. Man hat noch nie gehört, daß ein Mann, dem sein Rock gestohlen worden ist und der noch seine Weste und Hosen retten konnte, von einem christlichen Lehrer sei geschmält worden, daß er diese nicht auch selbst noch preisgab, [und] bei dem Eide, in Ansehung dessen doch die Geistlichkeit das ausdrückliche Verbot Christi gewiß kennt, hat diese die feierlichste Rolle zu spielen.

Was erregte vorzüglich auch den Haß der Schriftgelehrten und die Räte der Juden gegen Christus? war es nicht seine individuelle Art, teils selbst zu handeln, teils die Handlungen anderer Menschen zu beurteilen, die nicht nur gegen ihre heiligen Gewohnheiten, sondern auch gegen die bürgerlichen Gesetze anstieß? Wenn davon die Rede war, wie ein Fall nach den gerichtlichen Gesetzen zu beurteilen sei, so griff Christus die Handhaber dieser Gesetze an, und gesetzt, diese wären die untadelhaftesten Männer und ganz seines Sinnes gewesen, so hätten sie doch nicht danach, sondern den Gesetzen gemäß richten müssen. Der Richter muß oft anders sprechen als der Mensch; jener oft etwas verdammen, was dieser entschuldigt.

Aus allem erhellt, daß die Lehren Jesu, seine Grundsätze eigentlich nur für die Bildung einzelner Menschen paßten und darauf gerichtet waren; z. B. wenn er den Jüngling, der ihn fragt: Meister, was soll ich tun, um vollkommen zu sein?, seine Güter verkaufen und den Armen auszuteilen hieß, so führt der Fall, wenn man ihn als Grundsatz nur einer kleinen Gemeine, eines geringen Dorfs ausgeführt sich dächte, auf zu absurde Konsequenzen, als daß man sich einfallen lassen könnte, ihn auf ein größeres Volk auszudehnen; oder vereinigt sich [eine Gemeine] wie die ersten Christen mitten unter einem anderen Volk unter einem solchen Gesetze der Gütergemeinschaft, so ist der Geist eines solchen Gesetzes gerade im Augenblick der Einrichtung selbst verschwunden, die durch eine Art Zwang nicht nur die Lust zu Verheimlichungen, wie bei Ananias, veranlaßt, [sondern auch] die Wohltätigkeit einer solchen Resignation nur auf ihre Mitglieder, auf die Mitgenossen ihrer Gebräuche und Unterscheidungszeichen einschränkt und dem Geist der Menschenliebe entgegen ist, die ihren Segen auf Beschnittene und Unbeschnittene, Getaufte und Ungetaufte ausgießt.

 

... öffentliche Gewalt, die sich ins Heiligtum des Herzens hineinzudrängen herausnimmt, wo nur der Freund freiwillig zugelassen wird - jetzt geht es an eine Erklärung der Absichten, die aus Umständen zusammengekünstelt werden.

Die Anmaßung, die Herzen und Nieren zu prüfen und die Gewissen zu richten und zu strafen, die sich nach und nach einschlich und leicht einschleichen konnte, da in dem ersten Ursprung des Christentums schon der Keim derselben lag, da fälschlich, was nur für eine kleine Familie angeht, auf die bürgerliche Gesellschaft ausgedehnt wurde, - diese Anmaßung, die sich auf eine unglaubliche Art festsetzte - denn es sollte unglaublich scheinen, daß Menschen ihre Rechte so weit vergessen und diesen Verlust so wenig empfinden sollten -, hat die empörendsten Auswüchse von gewaltsamen Einrichtungen und Betörungen der Menschheit veranlaßt: Ohrenbeichte, Kirchenbann, Abbüßungen und die ganze Folge dieser entehrenden Denkmäler von der Erniedrigung der Menschheit. Die Reformatoren, die in ihren Lehrsätzen den Aussprüchen des Neuen Testaments, in ihren christlichen Polizeieinrichtungen - denn ohne solche glaubten sie nicht, daß Ausübung der Religion stattfinden [könne], denn eine Kirchengewalt als Stütze der Gewissensfreiheit zum Gegengewicht gegen Fürstengewalt aufzustellen, daran dachten sie nicht, denn sie unterwarfen das Christentum der weltlichen Macht -, in der Kirchenpolizei der Einfalt der ersten Kirche folgen wollten, wurden dadurch verführt, den Unterschied zwischen den nötigen Einrichtungen bei einer herrschenden Volksreligion und den Privatgesetzen einer partiellen Gesellschaft, eines Klubs zu übersehen, - wie hätten sie sich von dem Begriff einer Kirche als einer Art von status in statu, von einer sichtbaren gleichförmigen Gemeinschaft und Verbindung zu einem bestimmten ritus losreißen können? Wie weit z. B. Luther von der Idee der Verehrung Gottes in Geist und Wahrheit entfernt war, zeigen seine traurigen Streitigkeiten mit Zwingli, Ökolampad usw., er benahm den Geistlichen die Macht, durch Gewalt und über die Beutel zu herrschen, aber er wollte es noch über die Meinungen. Die Fürsten mit ihren Hofpfaffen als die Vormünder ihres Volks gaben ihren Kindern Hofmeister, die sie gängeln, ermahnen, im Notfall auch mit der Rute züchtigen sollten. Daher wurden die kirchlichen Strafen, außer den politischen, die Kirchenbußen u. dgl., daher die Beichten beibehalten, die eigentliche Ohrenbeichte [zwar] abgestellt, aber die Geistlichen als Beichtväter beibehalten, um den beunruhigten Gewissen zu Hilfe zu kommen, deren Phantasie man unaufhörlich bestürmte und erst ängstlich machte; dadurch daß man die Religion auf Besserung des Herzens, Buße und Bekehrung zurückführte, aber nicht bei diesen allgemeinen Ausdrücken von einem Zustande stehenblieb, die eigentlich in dem Herzen eines jeden Menschen was anderes, Temperament, Neigung und Phantasie nach Verschiedenes sind, sondern die Zustände so zergliederte, so sich in Spielwerke von Empfindungen einließ; - da man diese Zustände als etwas Handgreifliches oder in die Sinne Fallendes darstellte, deren Ankunft oder Vorhandensein man so gut wissen könne, als man auf die Uhr sehen kann, ob es zwölf ist; - da man detaillierte psychologische Beschreibung dieser Zustände [gab], als ob sie bei allen Menschen dieselben wären, die also ohnedem nicht nach einer wirklichen Kenntnis des menschlichen Herzens, sondern nach theologischen Vorurteilen von einer angeborenen Verderbnis der menschlichen Natur, die von einer ohne Menschenkenntnis begleiteten lächerlichen Exegese künstlich ineinander gefügt und nacheinander geordnet waren; - da dies alles so in das Gedächtnis und das Gewissen des gemeinen Mannes unaufhörlich hineingepoltert oder getändelt wurde, so mußte ein solcher Sauersüßteig notwendig seine gesunden kräftigen tätigen Säfte verderben - es mußten unzählige Mißverständnisse mit seinen eigenen Neigungen, Regungen entstehen, eine solche desorganisierte Ängstlichkeit des Gewissens entstehen, daß an die Stelle einer Fülle der Empfindungen fade Empfindelei, ein unverdauter Wortkram, [an die Stelle] einer Tatkraft, Zuversicht zu sich, Achtung vor sich selbst eine heuchelnde Demut, eine geistliche Eitelkeit, die immer mit sich und ihren Regungen beschäftigt ist und unendlich von ihren Gefühlen, Siegen, bangen Anfechtungen zu schwatzen weiß und damit zu tun hat, treten mußte; - jetzt hatten freilich die Geistlichen die Hände voll Zweifel zu lösen, gegen Anfechtungen zu stärken, vor geheimen Einflüssen des Bösen zu warnen, in Leiden zu trösten, die die Welt, die Anfechtungen des Satans und eigene böse Lüste und Begierden hervorbringen - es sind Patienten, die die gesunde Luft und frisches Wasser nicht vertragen können, sondern jetzt von faden Brühen und den Mischungen des Apothekers leben, über jeden Wind, der ihre Eingeweide drückt, jedes Niesen und Räuspern ein Tagebuch halten und sonst mit niemand mehr zu schaffen haben als mit sich, allenfalls dem Bittenden von ihren Tisanen präsentieren und ihn der Obhut Gottes empfehlen. Man sieht es den theologischen Kompendien an, wo nicht eigentlich Religionskenntnis, [sondern] das, was nur Kenntnis des psychologischen Gangs oder der Art, gewisse Seelenzustände hervorzubringen, ist, den Hauptteil ausmacht - dem Grundsatze gemäß, daß eigentlich Buße und Bekehrung das Wichtigste ist, wozu aber durch die unerwartetsten Umwege geführt wird, wo es dann kein Wunder ist, wenn man in diesen [sich] zu sehr verliert, um ans eigentliche feste Ziel zu gelangen; dieser Gedanke der Besserung und des Wegs dazu ist so ausgesponnen, in so viele Stationen abgeteilt, mit soviel fremden Namen, die einerlei Sache ausdrücken - aber durch ihre Befremdung und Verschiedenheit wunder welche Geheimnisse und Wichtigkeiten in sich zu halten scheinen, von der gratia applicatrix bis zur unio mystica hinaus -, ausstaffiert, daß man die einfachsten Sachen nimmer darin erkennt und, wenn man die Sachen mit gesunden Augen beim Lichte betrachtet, sich schämen muß, daß alle diese Kunst und Gelehrsamkeit für eine Sache aufgewendet ist, die der gemeine Menschenverstand in einer Viertelstunde begreift; heutzutage hat man gefunden, daß subjektive Religion sich nicht in Dogmatik einzwingen läßt, und das Objektive nimmt jetzt den Hauptteil derselben ein, Lehren, die wo nicht immer für die Vernunft sind, doch das Gedächtnis und den Verstand unterhalten. Diese Kirchenzucht der Christen ist nicht etwas, das erst nach seiner Entstehung neu in die Statute der christlichen Gesellschaft wäre eingetragen worden, sondern sie ist, wie wir gesehen haben, in ihrem ersten unausgebildeten Entwurf schon enthalten und dann von der Herrschsucht und Heuchelei benutzt und ausgedehnt worden. Sosehr sich die Spuren ihres gröbsten Mißbrauchs zu verlieren anfangen, so ist doch noch unendlich viel von ihrem Geist zurückgeblieben, und sie gibt uns ein neues Beispiel zu den vielen, daß Einrichtungen, Gesetze einer kleinen Gesellschaft, wo jedem Bürger die Freiheit, Mitglied zu sein oder nicht, [zukommt,] wenn sie auf die große bürgerliche Gesellschaft ausgedehnt werden, nimmer schicklich sind und mit der bürgerlichen Freiheit nicht bestehen können.

So kann in einem Staate, wo nicht jeder Bürger der natürliche Verteidiger seines Vaterlands ist, wo es aber doch Freiwillige genug gibt, die für etwas Geld dieses Amt über sich nehmen, eine Gesellschaft sich untereinander verbinden, nie Waffen in die Hände zu nehmen, nie an Kriegen teilzunehmen, deren Rechtmäßigkeit sie so wenig kennt als die Vorteile, wenn der Staat Sieger bleibt, in dem sie leben; die sich überhaupt in keinem Fall berechtigt glaubt, auf den Mord anderer Menschen auszugehen, und den einzelnen Gewalttätigkeiten nur Geduld und Unterwürfigkeit entgegensetzt. Aber wenn eine solche Gesellschaft selbst zu einem Staate erwüchse, so kann sie ihre Maximen in ihrer Allgemeinheit nimmer beibehalten, wenn sie sich nicht in Gefahr setzen will, mit Unterdrückung alles natürlichen Gefühls ihr ganzes Gebäude von der Glückseligkeit des ganzen Volks der Frechheit einer Handvoll von Räubern preiszugeben.

So wie die beste Erziehung der Kinder das gute Beispiel ist, das sie täglich um sich sehen, und so wie sie zum Ungehorsam und mürrischen Eigensinn desto mehr geneigt werden, je mehr man ihnen immer zu befehlen hat, so ist es auch mit der Erziehung des Menschen im Großen. Sie entziehen sich, sie scheuen (ils ne se prêtent pas, ils se refusent) eine Religion, die sie immer und ewig gängeln will, ihnen von einer Menge von Tugenden und Lastern herabschwatzt, die sie nie im Leben so in abstracto zu Gesicht bekommen haben, wie man sie ihnen hier beschreibt, oder die für die menschlichen Lagen gar nicht taugen. Desto mehr, ohne daß sie es selbst wissen, hat einen geheimen Einfluß auf sie, steht auch der freieste Mensch in Abhängigkeit von dem Geist der Menschen, die ihn umgeben. Der sonst gegen Mäkelei am unlittigsten wäre - wenn auf den Kanzeln im allgemeinen eine Tugend oder Buße und Bekehrung überhaupt anempfohlen wird, so nimmt das jeder schon an, jeder läßt es sich gesagt sein, weil es alle nicht weniger angeht als ihn. Aber wird ein detailliertes getreues Gemälde von herrschenden Verderben gemacht, werden individuelle Züge eingewebt, so wirkt dies in dem, der sich getroffen, der sein Eigentum, seine Handlungsweise angegriffen fühlt, eher Erbitterung, er hält keine Autorität für befugt, sich dergleichen anzumaßen. (Kinder werden durch bloße Sinnlichkeit, durch Liebe und Furcht geleitet, - der erwachsene Mensch ist dabei auch fähig, durch Vernunft geführt zu werden; wenigstens tut er schwerlich wie das Kind, was für sein eigenes Bestes ist, bloß anderen zu Gefallen, aus Liebe für jemand, ohne vorher einzusehen, daß es gut ist.) - Jeder findet es unerträglich, wenn Fremde sich in seine Sachen, besonders in seine Handlungsweise mischen; am unerträglichsten sind öffentlich aufgestellte Sittenwächter. Wer mit lauterem Herzen handelt, wird am ersten mißverstanden von den Leuten mit dem moralischen und religiösen Lineal.