17) Außer dem mündlichen Unterricht, der immer nur einen sehr eingeschränkten Wirkungskreis hat, sich nur auf die erstreckt, die die Natur zunächst mit uns verbunden hat, ist die einzige Wirkungsart im Großen [die] durch Schriften; hier stellt sich der Belehrer auf eine unsichtbare Kanzel vor das ganze Publikum, und weil er nicht gesehen wird, so hat er hier das Herz, demselben von seinem moralischen Verderben die grellsten Gemälde aufzustellen, und geht sowenig schonend mit ihm um, als er sonst kaum gegen den verachtetsten Menschen einen Ton annehmen würde; man hat wohl schwerlich je gesehen, daß, wenn es nicht amtshalber geschah, ein Moralist je nur die Hälfte von dem, was er dem ganzen nach Stand und Würden hochgeehrten Publikum ins Gesicht sagt - unaufgerufen, bloß getrieben von innerem Gefühl eines Berufs, die Menschen zu bessern -, dem Kreis von Menschen vorzuhalten das Herz hatte, aus dem er doch, wenn sein Gemälde nicht anders bloße Radotage und seine Mittel dagegen bloße theoretische Quacksalbereien sind, die Züge dazu abstrahiert hatte. Wie sich überhaupt die Art des Unterrichts immer nach dem Genie und dem Ton richten muß, mit dem man bei einem Volk ankommen kann, so finden wir auch hier die Manier verschieden. Sokrates, der in einem republikanischen Staat lebte, wo jeder Bürger mit dem andern frei sprach, wo aber eine feine Urbanität im Umgang der Anteil selbst fast des niedrigsten Pöbels war, stieg den Leuten so in der Konversation auf die unbefangenste Art in der Welt aufs Dach, und ohne den didaktischen Ton, ohne den Anschein, belehren zu wollen, fing er eine gewöhnliche Konversation an und führte auf die feinste Art zu einer Lehre, die sich von selbst gab und auch einer Diotima nicht aufdringend scheinen konnte. Die Juden hingegen waren es schon gewohnt, von ihren Voreltern her, durch ihre Nationaldichter auf eine rauhere Art haranguiert zu werden, schon aus ihren Synagogen her waren ihre Ohren an die moralischen Predigten und einen direkten Ton der Belehrung, von ihrer Schriftgelehrten und Pharisäer Zänkereien an eine derbere Widerlegungsart der Gegner [gewohnt], und also von einem, der auch nicht gerade Pharisäer oder Sadduzäer war, klang ihnen eine Anrede wie "Ihr Schlangen und Otterngezüchte" eben nicht so hart, wie es griechischen Ohren geklungen hätte.
Man sollte glauben, ein Mensch könne immer, auch bei den besten Anlagen und der vortrefflichsten Erziehung, sein ganzes Leben hindurch nie aufhören, an seiner intellektuellen und moralischen Vollkommenheit fortzuarbeiten, und ein unbefangener dabei tätiger Mann habe in den mancherlei Verhältnissen, worein er teils durch den Zufall mit andern Menschen gesetzt ist, teils worein ihn seine eigene Tätigkeit, immer noch etwas zu lernen, bringt, könne nie leicht mit sich fertig werden oder glauben, es zu sein, und dies um so mehr bei den verwickelten Verhältnissen unseres bürgerlichen Lebens, wo sich oft selbst die entschiedenste Rechtschaffenheit in einer zweideutigen Kollision von Pflichten, z. B. häufig zwischen Billigkeit und Mitleid im einzelnen und allgemeinen Prinzipien von Gerechtigkeit oder wenigstens von verjährten Rechten, finden wird - und wo die Klugheit um so mehr aus Pflicht vorsichtig sein muß, wenn sie nicht ihre eigenen Angelegenheiten besorgt, sondern im Größeren oder im Kleineren einen Zweig des Wohlstands von einer größeren Menge Menschen zu befördern mithilft. Daher auch schon mancher gewissenhafte Nathanael, um seinem Herzen nicht Gewalt antun zu müssen oder um sich die Verlegenheiten zu ersparen, sich lieber ganz aus diesen Verhältnissen herauszusetzen vorgezogen hat; denn je mannigfaltiger die Verhältnisse, desto mannigfaltiger die Pflichten, und also je einfacher jene, desto einfacher auch diese, und es kostet gewöhnlich mehr Überwindung herauszutreten als gar nicht hineinzugehen - so wie es leichter ist, sonstige Bedürfnisse zu entbehren, als ihnen freiwillig zu entsagen. Ein Diogenes also, dessen Temperament mit einer Handvoll Wasser und einem schlechten Stück Brot vorliebnehmen kann und dessen Ehrgeiz nicht durch einen Purpur, wohl aber durch einen zerrissenen Mantel befriedigt [ist], der also weder als Freund, noch als Vater, noch durch seinen Erwerb weiter keine großen Pflichten gegen andere hat, als sie nicht zu schlagen und - wozu er nicht leicht Versuchung haben kann - nicht zu stehlen, der hat es sich leicht gemacht, ein vollkommner moralischer Mann zu sein, und sogar eine Art von Recht erworben, ein großer Mann zu heißen, er hat Zeit und Weile genug, nun auch an anderen zu arbeiten.
Unter den Römern ist kein Christus, kein Sokrates aufgestanden; kein Römer zu den Zeiten ihrer Stärke, wo nur eine Tugend galt, konnte verlegen sein zu wissen, was er zu tun hatte - es gab nur Römer in Rom, keine Menschen; in Griechenland hingegen wurden die studia humanitatis, menschliche Empfindungen, menschliche Neigungen und Künste geschätzt, und es gab der Abwege mehrerlei von der Natur, auf die es einem Sokrates oder sonstigen Weisen einfallen konnte zurückzuführen - Abweichung von der römischen Natur war Staatsverbrechen. Wo Menschen irgendeine Linie der Vollkommenheit festgesetzt und Tugend an etwas Objektives geknüpft haben, in dessen Dienst die Leidenschaften selbst Tugenden werden können, da ist es leichter zu beurteilen, was sich ihr nähert oder von ihr abweicht, als es da ist, wo ein höheres Interesse stattfindet und in dem Gedränge mannigfaltiger kollidierender Pflichten - oder in der Erstarkung menschlicher Neigungen und Pflichten - Tugend und die Grenze, bis wohin Natur sich der Vernunft unterwerfen soll, unendlich schwerer zu unterscheiden ist.
Christus hatte zwölf Apostel, die Zahl Zwölf war eine feste, bleibende Zahl, - der Jünger [hatte er] mehrere, aber die Apostel waren die, die seines vertrauten Umgangs genossen, die sich aller anderen Verhältnisse entschlagen hatten und nur seinen Umgang, seinen Unterricht genossen, ihm soviel als möglich in allem ähnlich zu werden sich bestrebten - sich durch die Länge der Zeit, des Unterrichts und seines lebendigen Beispiels seines Geists zu bemächtigen suchten; und wie eingeschränkt jüdisch, wie ganz irdisch anfangs ihre Erwartungen, Hoffnungen, Ideen waren, und wie langsam sie ihren Blick und ihr Herz von einem jüdischen Messias und Stifter eines Reichs, wo General- und Hofmarschallstellen zu vergeben sein würden, und von dem Eigennutz, der zuerst an sich denkt, nicht erheben, nicht erweitern konnten zu dem bloßen Ehrgeiz, ein Mitbürger des Reichs Gottes zu werden! Es genügte dem Christus nicht, Jünger zu haben wie Nathanael, Joseph von Arimathia, Nikodemus u. dgl., d. h. mit Männern von Geist und vortrefflichem Herzen Gedankenkorrespondenzen gehabt zu haben, etwa einige neue Ideen, einige Funken in ihre Seele geworfen zu haben, die, wenn das Zeug, wo sie hinfallen, nicht gut ist, [nicht] selbst Brennstoff enthält, ohnedem verloren sind, - solche Männer, teils glücklich und zufrieden abends im Schoße ihrer Familie und nützlich-tätig in ihrem Wirkungskreise, teils bekannt mit der Welt und ihren Vorurteilen, daher tolerant gegen sie, obzwar streng gegen sich, wären für die Anforderung, eine Art von Abenteurer zu werden, nicht empfänglich gewesen. Christus sagt, das Reich Gottes zeigt sich nicht mit äußerlichen Gebärden; es scheint also, seine Schüler haben ihn bei dem Befehl: Gehet hin in alle Welt usw. und taufet sie, insoweit mißverstanden, daß sie diese Taufe, ein äußeres Zeichen, für allgemein notwendig hielten, welches um so schädlicher ist, da Unterscheidung durch äußere Zeichen Sektiererei, Entfernung von anderen nach sich zieht - [wie] überhaupt der Unterschied durch das Moralische dadurch, daß ihm noch ein anderer Unterschied zugegeben wird, geschwächt [wird], gleichsam schon von seiner Beleuchtung verliert. Christus sagt: wer da glaubet, es heißt aber nicht gerade: wer an mich glaubet - es sei nun darunter zu verstehen oder nicht, so nahmen es die Apostel einmal so, und das Schiboleth ihrer Freunde, der Bürger ihres Reichs Gottes war nicht: Tugend, Rechtschaffenheit, sondern: Christus, Taufe usw. - Wär ihr Christus nicht ein so guter Mann gewesen - s. Nathan [II, 1].
Sokrates hatte Schüler von allerlei Art; oder vielmehr er hatte keine - er war nur Lehrer und Meister, wie jeder durch sein Beispiel der Rechtschaffenheit und durch vorzügliche Vernunft sich auszeichnende Mann es für jeden ist. Wenn man ihn schon nicht vom Katheder oder von einem Berg herunter predigen hörte - wie hätte es überhaupt einem Sokrates in Griechenland einfallen sollen zu predigen, er ging darauf aus, die Menschen zu belehren, [sie] über das, was ihr höchstes Interesse erwecken soll, aufzuklären und dafür zu beleben, er ließ sich für seine Weisheit nicht bezahlen, er jagte ihr zuliebe sein unfreundliches Weib nicht aus dem Hause, daß er nichts mit ihr hätte zu schaffen haben wollen, sondern blieb ohne Widerwillen, seiner Weisheit unbeschadet in den Verhältnissen als Mann, als Vater.
Die Zahl seiner näheren Freunde war unbestimmt, der 13., 14. usw. war ihm ebenso willkommen als die vorhergehenden, wenn er ihnen nur an Geist und Herz gleich war. Sie waren seine Freunde, seine Schüler, so doch, daß jeder für sich blieb, was er war, daß Sokrates nicht in ihnen lebte, nicht das Haupt war, von dem sie als Glieder den Lebenssaft erhielten. Er hatte keinen Model, in den er seine Charaktere gießen wollte, keine Regel[n], nach denen er ihre Verschiedenheiten hätte ausgleichen wollen - dazu wären ihm nur kleine Geister zu Gebote gestanden, deren er sich zwar annahm, aber die gerade nicht seine intimsten Freunde wurden -, es war ihm nicht daran gelegen, sich ein kleines Korps zu seiner Leibwache in gleicher Uniform, gleichem Exerzitium, gleicher Parole, die zusammen nur einen Geist hätten, zurechtzuhobeln, die dann auf immer seinen Namen getragen hätten - daher hat es zwar Sokratiker, aber nie keine Zunft gegeben, die wie die Maurer an Hammer und Kelle wären zu unterscheiden gewesen. Jeder seiner Schüler war Meister für sich; viele stifteten eigene Schulen, mehrere waren große Generale, Staatsmänner, Helden aller Art - nicht von einem, demselben Schlag, jeder in einem eigenen Fach, nicht Helden im Martyrtum und Leiden, sondern im Handeln und im Leben. Außerdem blieb Fischer, wer Fischer war, keiner sollte Haus und Hof verlassen - er fing bei jedem von seinem Handwerk an und führte ihn so von der Hand zum Geist, von einer Sache, wo jeder zu Haus kam, mit dem er sich unterhielt, er entwickelte aus der Seele des Menschen Begriffe, die darin lagen und nichts weiter brauchten als eine Hebamme: er gab niemand Veranlassung zu sagen: Wie - ist dies nicht der Sohn des Sophroniskos? Woher kommt ihm solche Weisheit, daß er sich unterfängt, uns zu lehren? Er beleidigte niemand durch Großtun mit seiner Wichtigkeit oder durch mysteriöse, hohe Redensarten, die nur Unwissenden und Leichtgläubigen imponieren mögen - er wäre [sonst] unter den Griechen ein Gegenstand des Lachens geworden.
Vor seinem Tode - er starb als Grieche, der dem Äskulap einen Hahn opferte, nicht wie Maupertuis in einer Kapuzinerkutte starb, nicht wie ihr kommuniziert - vor seinem Tode also sprach er mit seinen Jüngern über die Unsterblichkeit der Seele, wie ein Grieche spricht zur Vernunft und zur Phantasie, - er sprach so lebendig, er zeigte ihnen diese Hoffnung in seinem ganzen Wesen so nahe, so überzeugend, die Prämissen zu diesem Postulate hatten sie in ihrem ganzen Leben gesammelt. Diese Hoffnung - es widerspricht der menschlichen Natur und dem Vermögen ihres Geistes, daß uns so viel gegeben werden könnte, daß sie zur Gewißheit werden sollte - belebte er bis zu dem Punkte, als der menschliche Geist, seinen sterblichen Gefährten vergessend, sich herausheben kann, - daß, wenn es auch sein sollte, daß er ein Geist aus seiner Gruft stiege und uns Meldung täte von der Vergelterin18) , daß er uns mehr zu hören gäbe als die Tafeln Mosis und die Orakel der Propheten, die wir im Herzen haben, - daß, wenn dies den Gesetzen der menschlichen Natur zuwider doch hätte sein dürfen, er nicht nötig gehabt hätte, sie durch Auferstehung zu stärken - nur in ärmlichen Geistern, die die Prämissen zu dieser Hoffnung, d. i. die Idee der Tugend und des höchsten Guts nicht in sich lebend haben, ist auch die Hoffnung der Unsterblichkeit schwach. Er hinterließ keine maurerischen Zeichen, keinen Befehl, seinen Namen zu verkündigen, keine Methode, der Seele auf das Dach zu steigen und Moralität in sie einzugießen - das ἀγαθόν ist mit uns geboren, etwas, das nicht eingepredigt [werden kann]. Zur Fertigkeit im Guten die Menschen zu bringen, zeigte er keinen Umweg (über duftende, den Kopf angreifende Blumen19) ), der über ihn gehen sollte, - wo er der Mittelpunkt, gleichsam die Hauptstadt wäre, in die man mühsam reisen und daraus die gnädigst erteilte Nahrung heimzutransportieren und in Zinsen zu legen hätte, keinen ordinem salutis, wo jeder Charakter, jeder Stand, jedes Alter, jedes Temperament gewisse Stationen des Leidens, gewisse Seelenzustände durchzumachen hätten, sondern er klopfte gleich an der rechten Pforte an, ohne Mittler, führte nur den Menschen in sich selbst hinein, wo er nicht einem wildfremden Gast, [einem] Geiste Wohnung bereiten sollte, der aus fernem Lande ankommen würde, sondern er sollte nur besser Licht und Raum seinem alten Hausherrn machen, den die Menge der Geiger und Pfeifer in [ein] altes Dachkämmerlein sich zurückzuziehen genötigt hätten.