III.

Sobald eine Scheidewand zwischen Leben und Lehre oder nur Trennung und weite Entfernung beider voneinander ist, so entsteht der Verdacht, daß die Form der Religion einen Fehler habe, - entweder daß sie zuviel mit Wortkrämerei umgeht oder an die Menschen zu große frömmelnde Forderungen macht, ihren natürlichen Bedürfnissen, den Trieben einer wohlgeordneten Sinnlichkeit - τη ͂ς σωφροσύνης - zuwider ist, oder daß beides zugleich der Fall ist. Wenn die Freuden, die Fröhlichkeit der Menschen sich vor der Religion zu schämen haben, wenn von einem öffentlichen Feste sich [der,] der sich lustig machte, in den Tempel schleichen muß, so hat die Form der Religion eine zu düstere Außenseite, als daß sie sich versprechen dürfte, daß man für ihre Forderungen die Freuden des Lebens hingeben würde.

Sie muß um alle Gefühle des Lebens freundlich weilen, sich nicht eindrängen wollen, sondern überall willkommen sein. Wenn Religion aufs Volk soll wirken können, so muß sie ihn freundlich überallhin begleiten, bei seinen Geschäften und ernsteren Angelegenheiten des Lebens wie bei seinen Festen und Freuden ihm zur Seite stehen, - aber nicht so, daß sie sich aufzudrängen schiene oder eine beschwerliche Hofmeisterin würde, sondern daß sie die Anführerin, die Ermunterin sei. Die Volksfeste der Griechen waren wohl alle Religionsfeste, einem Gotte oder einem um ihren Staat wohlverdienten und deswegen vergötterten Menschen zu Ehren. Alles, selbst die Ausschweifungen der Bacchanten waren einem Gotte geheiligt, selbst ihre öffentlichen Schauspiele hatten einen religiösen Ursprung, den sie bei ihrer weiteren Ausbildung nie verleugneten. So vergaß Agathon die Götter nicht, als er durch eine Tragödie den Preis davontrug, - den anderen Tag stellte er den Göttern ein Fest an. Sympos[ion] S. 168 [Steph. 172 D].

Volksreligion, die große Gesinnungen erzeugt und nährt, geht Hand in Hand mit der Freiheit.

Unsere Religion will die Menschen zu Bürgern des Himmels, deren Blick immer aufwärts gerichtet ist, erziehen, und darüber werden ihnen menschliche Empfindungen fremd. Bei unserem größten öffentlichen Fest naht man sich dem Genusse der heiligen Gabe in der Farbe der Trauer mit gesenktem Blick - beim Fest, das das Fest der allgemeinen Verbrüderung sein sollte, fürchtet mancher vom brüderlichen Kelch durch einen Venerischen, der ihn vor ihm genoß, angesteckt zu werden, und damit ja sein Gemüt nicht aufmerksam, nicht in heiligen Empfindungen erhalten werde, so muß man während dem Aktus das Opfer aus der Tasche langen und auf den Teller legen - während die Griechen, mit den freundlichen Geschenken der Natur, mit Blumen bekränzt, mit Farben der Freuden bekleidet, auf ihren offenen, zur Freundschaft und Liebe einladenden Gesichtern Frohsein verbreitend, sich den Altären ihrer guten Götter nahten.

Geist des Volks, Geschichte, Religion, Grad der politischen Freiheit desselben lassen sich weder nach ihrem Einfluß aufeinander, noch nach ihrer Beschaffenheit abgesondert betrachten, sie sind in ein Band zusammenverflochten - wie von drei Amtsbrüdern keiner ohne den andern etwas tun kann, jeder aber auch vom andern etwas annimmt. Die Moralität einzelner Menschen zu bilden, ist Sache einer Privatreligion, der Eltern, eigener Anstrengung und der Umstände; den Geist des Volks zu bilden, ist zum Teil auch Sache der Volksreligion, zum Teil der politischen Verhältnisse.14)

Ach, aus den fernen Tagen der Vergangenheit strahlt der Seele, die Gefühl für menschliche Schönheit, Größe im Großen hat, ein Bild entgegen - das Bild eines Genius der Völker, eines Sohns des Glücks, der Freiheit, eines Zöglings der schönen Phantasie. Auch ihn fesselte das eherne Band der Bedürfnisse an die Muttererde, aber er hat es durch seine Empfindung, durch seine Phantasie so bearbeitet, verfeinert, verschönert, mit Hilfe der Grazien mit Rosen umwunden, daß er sich in diesen Fesseln als in seinem Werke, als einem Teil seiner selbst gefällt. Seine Diener waren die Freude, die Fröhlichkeit, die Anmut; seine Seele [war] erfüllt von dem Bewußtsein ihrer Kraft und ihrer Freiheit, seine ernsthafteren Gespielen, Freundschaft und Liebe, [waren] nicht der Waldfaun, sondern der feinempfindende, seelenvolle, mit allen Reizen des Herzens und der lieblichen Träume geschmückte Amor.

Von seinem Vater, einem Günstling des Glücks und einem Sohn der Kraft, erhielt er zum Erbteil das Vertrauen auf sein Glück und den Stolz auf seine Taten. Seine nachsichtige Mutter, kein scheltendes, hartes Weib, überließ ihren Sohn der Erziehung der Natur, zwang seine zarten Glieder nicht in einengende Windeln, und als gute Mutter folgte sie mehr den Launen, den Einfällen ihres Lieblings, als daß sie dieselbigen eingeschränkt hätte. In Harmonie mit diesen mußte ihn, das Kind der Natur, die Säugamme nicht mit Furcht vor der Rute oder einem Gespenst der Finsternis, nicht mit dem sauersüßen Zuckerbrot der Mystik, das den Magen erschlafft, noch an dem Gängelbande der Worte, das ihn in ewiger Unmündigkeit erhalten hätte, großziehen, zum Jüngling bilden wollen, sondern sie tränkte ihn mit lauterer gesunder Milch reiner Empfindungen - an der Hand der schönen, freien Phantasie schmückte sie mit ihren Blumen den undurchdringlichen Schleier, der die Gottheit unseren Blicken entzieht, bevölkerte und zauberte sich hinter demselben lebendige Bilder, auf die er die großen Ideen seines eigenen Herzens mit der ganzen Fülle hoher und schöner Empfindungen übertrug. - Wie die Amme bei den Griechen Hausfreundin war und Freundin des Zöglings ihr ganzes Leben hindurch blieb, so blieb sie immer seine Freundin, der er unverdorben seinen freien Dank, freie Liebe darbringt, [sie] teilt als gesellige Freundin seine Freuden, seine Spiele, und [er] wird in seinen Freuden nicht von ihr gestört, sie behält ihre Würde dabei aufrecht, und sein eigenes Gewissen straft jede Vernachlässigung derselben, sie erhält ihre Herrschaft auf immer, denn sie ist auf Liebe, auf Dankbarkeit, auf die edelsten Gefühle ihres Zöglings gebaut - ihrem Schmucke schmeichelte sie, gehorchte der Laune seiner Phantasie, aber sie lehrte ihn die eiserne Notwendigkeit ehren, sie lehrte ihn diesem unabänderlichen Schicksal ohne Murren folgen.

Wir kennen diesen Genius nur vom Hörensagen, nur einige Züge von ihm, in hinterlassenen Kopien seiner Gestalt, ist uns vergönnt, mit Liebe und Bewunderung zu betrachten, die nur ein schmerzliches Sehnen nach dem Original erwecken. Er ist der schöne Jüngling, den wir auch in seinem Leichtsinn lieben, mit dem ganzen Gefolge der Grazien, mit ihnen der balsamische Atem der Natur, die Seele, die, von ihnen eingehaucht, er aus jeder Blume sog, - er ist von der Erde entflohen.15)