II.

Jede Religion, die eine Volksreligion sein soll, muß notwendig so beschaffen sein, daß sie Herz und Phantasie beschäftigt. Auch die reinste Vernunftreligion wird in den Seelen der Menschen, noch mehr des Volks verkörpert, und es wäre wohl gut, um abenteuerliche Ausschweifungen der Phantasie zu verhüten, schon mit der Religion selbst Mythen zu verbinden, um der Phantasie wenigstens einen schönen Weg zu zeigen, den sie sich dann mit Blumen bestreuen kann. - Die Lehren der christlichen Religion sind größtenteils an Geschichte angeknüpft oder dadurch dargestellt, und der Schauplatz ist auf der Erde, wenn auch nicht bloße Menschen dabei handelten; hier ist also der Phantasie ein gut zu erkennendes Ziel vorgestellt, aber doch bleiben noch eine Menge Plätze übrig, wo ihr ein freier Spielraum offensteht und [sie], wenn sie mit schwarzer Galle gefärbt ist, sich eine fürchterliche Welt ausmalen kann, auf der anderen Seite aber leicht ins Kindische fällt, da eigentlich das Liebliche, die schönen aus der Sinnlichkeit geholten Farben durch den Geist unserer Religion ausgeschlossen sind - und wir überhaupt zu sehr Vernunft- und Wortmänner sind, um schöne Bilder zu lieben. Was die Zeremonien betrifft, so ist wohl einerseits keine Volksreligion ohne dieselben gedenkbar, auf der anderen Seite aber wohl nichts schwerer, als zu verhindern, daß sie nicht von dem Pöbel für das Wesen der Religion selbst genommen werden.

Die Religion besteht aus dreierlei, a) Begriffe, b) wesentliche Gebräuche, c) Zeremonien. Sehen wir die Taufe, das Nachtmahl als Ritus an, woran gewisse außerordentliche Wohltaten und Begnadigungen gebunden sind, die uns als Pflichten an sich selbst aufgelegt sind, deren Ausübung uns Christen vollkommener, moralischer macht, so gehören sie zur zweiten Klasse. Sehen wir sie aber bloß als Mittel an, deren Zweck und Wirkung nur Erweckung frommer Empfindungen ist, so gehören sie in die dritte Klasse.

Opfer gehören auch hierher, können aber nur uneigentlich Zeremonien genannt werden, weil sie bei der Religion, mit der sie zusammenhängen, wesentlich sind, zum Gebäude selbst gehören, Zeremonien aber nur die Zieraten, die Formen dieses Gebäudes sind.

Auch die Opfer können von zweierlei Seiten betrachtet werden.

a) Zum Teil wurden sie den Altären der Götter dargebracht als Sühnopfer, als Ablaß, als Verwandlung der gefürchteten physischen oder moralischen Strafe in eine Geldbuße, als Einschmeichlung in die verlorene Gnade des Oberherrn, des Ausspenders der Belohnungen und Strafen, - wobei in Beurteilungen des Unwerts einer solchen Gewohnheit zwar die Vernunftwidrigkeit und die Verfälschung des Begriffs von Moralität mit Recht gerügt, zugleich aber bedacht werden muß, daß so ganz kraß die Idee des Opfers nirgends (als vielleicht in der christlichen Kirche) in der Tat existiert hat12) , und dann doch der Wert der Empfindungen, die dabei wirkten, wenn sie auch nicht unvermischt waren - der heiligen Ehrfurcht vor dem heiligen Wesen, der demütigenden Niederwerfung, Zerknirschung des Herzens vor ihm, des Zutrauens, daß die belastete, nach Ruhe seufzende Seele zu diesem Anker hintrieb -, nicht ganz verkannt werden muß. Ein Pilger, den die Last seiner Sünden drückt, der Bequemlichkeit, Weib und Kind, seinen vaterländischen Boden verläßt, um barfuß und im härenen Kleid die Welt zu durchwandern, der unwegsame Gegenden sucht, um seinen Füßen Schmerzen zu machen, und mit seinen Tränen die heiligen Orte benetzt, für seinen kämpfenden, zerrissenen Geist Ruhe sucht, in jeder vergossenen Träne, in jeder Büßung, in jeder Aufopferung Linderung findet und bei den Gedanken, hier hat Christus gewandelt, hier ist er für mich gekreuzigt worden, ermuntert wird, wieder etwas Stärke, wieder etwas Zutrauen zu sich selbst empfängt, - sollte ein solcher Pilger mit der Einfalt seines Herzens für den, dem eine solche Stimmung wegen anderer Begriffe seiner Zeit nicht mehr möglich ist, sollte er dann bei uns das Pharisäergefühl: ich bin gescheiter als solche Menschen, in uns erwecken? oder sollten diese heiligen Empfindungen Gegenstand des Spotts für uns werden? Auch solche Büßungen sind von der Art von Opfern, von der ich hier sprach, die aus dem nämlichen Geiste dargebracht werden, als jene Büßungen geschehen.

b) Eine andere, mildere, einem sanfteren Himmelsstrich entsprossene Gestalt des Opferns ist die wahrscheinlich ursprünglichere und allgemeinere, die sich auf Dankbarkeit und Wohlwollen gründete, wo das Gefühl von einem Wesen, das erhabener ist als der Mensch, das Bewußtsein, daß man ihm alles zu danken hat und daß es das, was man in Unschuld ihm darbringt, nicht verschmäht, und die Gesinnung, bei dem Anfang jedes Unternehmens es zuerst um Beistand anzuflehen, an dasselbe bei jeder Freude, bei jedem erlangten Glück an dasselbe, an die Nemesis vor jedem bescherten Genuß zuerst zu denken, ihm die Erstlinge, die Blume jedes Guten darbringt, dieses Wesen einlädt und hofft, daß es freundlich um den Menschen weilen werde; - die Gesinnung, die ein solches Opfer darbrachte, war entfernt von dem Gedanken an Sünden und [daran,] den verdienten Strafen derselben etwas abgebüßt zu haben, oder sein Gewissen überredete ihn deswegen nicht, die Nemesis sei dadurch befriedigt und habe ihre Ansprüche an ihn deswegen und ihre Gesetze in Herstellung des moralischen Gleichgewichts aufgegeben.

Solche wesentliche Gebräuche der Religion müssen eigentlich mit dieser nicht näher zusammenhängen als mit dem Geist des Volks und aus diesem eigentlich hervorgesproßt sein -sonst ist ihre Ausübung ohne Leben, kalt, kraftlos, die Empfindungen, die man dabei hat, erkünstelt, heraufgepumpt, oder es sind Gebräuche, die der Volksreligion nicht wesentlich sind, aber es für die Privatreligion sein können - so das Nachtmahl nach der Gestalt, die es jetzt unter den Christen hat, ungeachtet [daß] eigentlich seine Bestimmung ein Mahl zum Genuß in Gesellschaft war.

Notwendige Eigenschaften der Zeremonien einer Volksreligion sind:

a) und vorzüglich, daß sie sowenig als möglich Veranlassung zum Fetischdienste werden können, daß sie [nicht so] beschaffen sind, daß bloß das Werk, der Mechanismus bleibt und der Geist verfliegt. Ihre Absicht muß allein sein, die Andacht, die heiligen Empfindungen zu erhöhen, - und als ein solches reines Mittel, das am wenigsten des Mißbrauchs fähig ist und diese Wirkung hervorbringt, bleibt vielleicht allein die heilige Musik und der Gesang eines ganzen Volkes übrig, vielleicht auch Volksfeste, wo sich Religion einmischen muß.