Die Lehren müssen notwendig, auch wenn ihre Autorität auf einer göttlichen Offenbarung beruht, so beschaffen sein, daß sie eigentlich durch die allgemeine Vernunft der Menschen autorisiert sind, daß ihre Verpflichtung jeder Mensch einsieht und fühlt, wenn er darauf aufmerksam geworden ist, - denn außerdem, daß solche Lehren, die entweder uns ein besonderes Mittel, Gottes Wohlgefallen zu erlangen, anzugeben oder sonst irgend besondere höhere Kenntnisse, nähere Aufschlüsse über unerreichbare Gegenstände, und zwar zum Behuf der Vernunft, nicht bloß der Phantasie, uns zu verschaffen versprechen, - außerdem, daß sie früher oder später ein Gegenstand des Angriffs von denkenden Männern und ein Gegenstand des Streits werden, wobei immer das praktische Interesse verlorengeht oder wegen des Streits genaue, intolerante Symbole aufgestellt werden, so werden sie gewiß, weil ihre Verknüpfung mit den wahren Bedürfnissen und Forderungen der Vernunft immer unnatürlich bleibt und sie, wenn dennoch diese Verbindung durch Gewohnheit ganz fest geworden ist, leicht zu Mißbräuchen Anlaß geben, niemals im Gefühl die Wichtigkeit eines reinen, echten, auf Moralität unmittelbar sich beziehenden praktischen Moments erlangen.
Diese Lehren müssen aber auch einfach sein, und wenn es Wahrheiten der Vernunft sind, so sind sie eben deswegen einfach, weil sie alsdann weder eines Apparats von Gelehrsamkeit, noch eines Aufwands von mühsamen Beweisen bedürfen: und durch diese Eigenschaft, daß sie einfach sind, werden sie um so mehr Kraft und Nachdruck auf das Gemüt, auf die Bestimmung des Willens zu Handlungen ausüben und so konzentriert weit mehr Einfluß, weit mehr Anteil an der Bildung eines Volksgeistes haben, als wenn die Gebote gehäuft, künstlich geordnet sind und eben deswegen immer vieler Ausnahmen bedürfen.
Diese allgemeinen Lehren müssen zugleich menschlich sein - eine große und schwere Forderung -, und zwar so menschlich, daß sie der Geisteskultur und der Stufe von Moralität angemessen sind, auf der ein Volk steht. Gerade einige der erhabensten und für die Menschen interessantesten Ideen qualifizieren sich wohl schwerlich dazu, allgemein als Maximen aufgenommen zu werden - sie scheinen wohl nur das Eigentum weniger geprüfter, durch lange Erfahrung zur Weisheit durchgedrungener Menschen zu sein, in denen sie zum festen Glauben, zur gerade in den Lagen, wo er aufrichten soll, nicht zu erschütternden Überzeugung geworden sind. Von der Art ist besonders der Glaube an eine weise und gütige Vorsehung, mit dem, wenn er lebendig, rechter Art [ist], gänzliche Ergebenheit in Gott verbunden ist.
Diese Lehre, sosehr sie und alles, was mit ihr zusammenhängt, Hauptlehre in der christlichen Gemeinde ist, indem alles, was darin vorgetragen wird, sich auf die unerschwingliche Liebe Gottes reduziert, auf die alles hinausläuft, ferner uns jahraus, jahrein Gott als immer nahe und gegenwärtig, alles, was um uns vorgeht, bewirkend vorgestellt wird; sosehr dies nicht bloß als mit unserer Moralität und dem, was uns am heiligsten ist, im notwendigsten Zusammenhang stehend vorgestellt wird, sondern auch durch häufige Versicherungen Gottes selbst, durch andere Fakta, die uns davon unwidersprechlich überzeugen sollen, zur vollsten Gewißheit erhoben wird, - so sehen wir doch durch die Erfahrung bei dem großen Haufen, daß ein Wetterschlag, eine kalte Nacht dies Vertrauen auf die Vorsehung und geduldige Ergebung in den Willen Gottes, die daraus erfolgen sollte, sehr kleinmütig zu machen vermag, daß es überhaupt nur der Anteil eines weisen Mannes ist, sich über Ungeduld, Ärger über fehlgeschlagene Hoffnungen, Mißmut über Unglücksfälle hinwegzusetzen.
Jene so plötzliche Niederschlagung des Vertrauens auf Gott, der schnelle Übergang zur Unzufriedenheit mit ihm wird dadurch um so mehr erleichtert, daß man dem christlichen Pöbel nicht nur von Jugend auf angewöhnt, unaufhörlich zu beten, sondern sie auch immer von der höchsten Notwendigkeit desselben dadurch zu überreden sucht, daß man ihnen gewisse Erfüllung desselben verspricht.
Ferner hat man der leidenden Menschheit zum Besten von allen Enden und Orten her einen solchen Haufen von Trostgründen, im Unglück zu gebrauchen, zusammengeschafft, daß es einem am Ende leid tun könnte, daß man nicht alle acht Tage einen Vater oder Mutter zu verlieren hat, nicht mit Blindheit geschlagen ist; die Betrachtung hat hier den Gang genommen, daß man mit unglaublichem Scharfsinn physische und moralische Wirkungen aufs weiteste verfolgt und herausgeklügelt hat und, indem man diese als Zwecke der Vorsehung aufstellte, dadurch nähere Einsichten in ihre Pläne mit den Menschen, nicht bloß im allgemeinen, sondern auch im einzelnen erlangt zu haben glaubte.
Sobald wir aber hierüber uns nicht damit begnügen, voll heiliger Ehrfurcht den Finger auf den Mund zu legen und zu verstummen, so ist nichts gewöhnlicher, als daß der anmaßende Vorwitz sich herausnimmt, ihre Wege auch meistern zu wollen, welcher Hang, zwar nicht beim gemeinen Volk, noch durch die vielen idealischen Ideen, die im Kurs sind, verstärkt wird. Welches alles eben zur Beförderung der Ergebenheit in Gottes Willen und der Zufriedenheit wenig beiträgt. Es möchte sehr interessant sein, den Glauben der Griechen damit zu vergleichen. Bei ihnen lag einerseits der Glaube, daß die Götter dem Guten hold seien und den Bösen der furchtbaren Nemesis anheimstellen, zum Grunde - erbaut auf das tiefe moralische Bedürfnis der Vernunft, lieblich belebt durch den warmen Hauch der Empfindungen, nicht auf die kalte, aus einzelnen Fällen deduzierte Überzeugung, daß alles zum besten gewendet werde, die niemals ins wahre Leben gebracht werden kann; anderseits war Unglück bei ihnen Unglück, Schmerz war Schmerz, - was geschehen war und sich nicht ändern ließ, über dessen Absichten konnten sie nicht grübeln, denn ihre μοι ͂ϱα, ihre ἀνάγκαια τύχη war blind, aber dieser Notwendigkeit unterwarfen sie sich dann auch willig mit aller möglichen Resignation und hatten wenigstens den Vorteil, daß man das leichter erträgt, was man von Jugend auf als notwendig anzusehen gewöhnt worden ist, und daß das Unglück zu dem Schmerz, zu dem Leiden, das es gebiert, nicht auch den viel beschwerlicheren - unerträglicheren - Ärger, Mißmut, Unzufriedenheit hervorbringt. Dieser Glaube, da er Achtung vor dem Strome der Naturnotwendigkeit einerseits und zugleich die Überzeugung [ist], daß die Menschen von den Göttern nach moralischen Gesetzen beherrscht werden, scheint menschlich der Erhabenheit der Gottheit und der Schwäche, der Abhängigkeit von der Natur und dem eingeschränkten Gesichtskreis des Menschen angemessen zu sein.
Einfache, auf allgemeine Vernunft gegründete Lehren vertragen sich mit jedem Grad der Volksbildung, und diese wird allmählich jene auch nach ihren Veränderungen modifizieren, obgleich mehr nach dem Außenwerk, mehr was Malerei der sinnlichen Phantasie betrifft.
Diese Lehren, wenn es auf allgemeine Menschenvernunft gegründete Lehren sind, können dabei ihrer Beschaffenheit nach keinen anderen Zweck haben, als teils durch sich selbst, teils durch den damit verbundenen Zauber von mächtig eindringenden Zeremonien nur im Großen auf den Geist des Volks zu wirken, so daß sie sich weder in die Ausübung der bürgerlichen Gerechtigkeit mischen, noch sich eine Privatzensur anmaßen werden, noch werden sie, da auch ihre Formeln einfach, leicht Veranlassung geben, über sie selbst zu streiten, - und da sie nur wenig Positives verlangen und festsetzen, sondern die Gesetzgebung der Vernunft nur formell ist, so ist die Herrschsucht der Priester einer solchen Religion beschränkt.