Aufklärung - Wirkenwollen durch Verstand

Der Verstand dient nur der objektiven Religion. - [Er dient dazu,] die Grundsätze zu läutern, [sie] in ihrer Reinigkeit darzustellen - er hat herrliche Früchte, [z. B.] Lessings Nathan hervorgebracht und verdient die Elogen, mit denen man ihn immer erhebt.

Aber durch den Verstand werden die Grundsätze nie praktisch gemacht.

Der Verstand ist ein Hofmann, der sich nach den Launen seines Herrn gefällig richtet, - er weiß zu jeder Leidenschaft, zu jeder Unternehmung Rechtfertigungsgründe aufzutreiben, er ist vorzüglich ein Diener der Eigenliebe, die immer sehr scharfsinnig ist, den begangenen oder zu begehenden Fehlern eine schöne Farbe zu geben, sie lobt sich oft selber darüber, daß sie so einen guten Vorwand für sich gefunden hat.

Aufklärung des Verstands macht zwar klüger, aber nicht besser. Führt man auch die Tugend auf Klugheit zurück, rechnet man dem Menschen vor, daß er ohne Tugend nicht glückselig werden könne, so ist die Berechnung viel zu spitzfindig und zu kalt, als daß sie im Moment des Handelns wirksam sein, als daß sie überhaupt Einfluß aufs Leben haben könnte.

Wer die beste Moral zur Hand nimmt, sich über die allgemeinen Grundsätze sowohl als über die einzelnen Pflichten und Tugenden die genauesten Bestimmungen bekanntmacht, und man wollte beim wirklichen Handeln an diesen Haufen von Regeln und Ausnahmen denken, so käme eine solche verzwickte Handlungsart heraus, die ewig ängstlich und mit sich selbst im Streit wäre. Wer, der je eine Moral geschrieben hat, würde selbst je hoffen, daß es einen Menschen geben würde, der entweder das Buch auswendig lernen oder bei allem, was er tut, bei jeder Neigung, die ihn ankommt, seine Moral nachschlagen solle, ob sie auch sittlich, ob sie erlaubt sei. Und doch ist dies eigentlich die Forderung, die man mit einer Moral an einen macht. Daß schlimme Neigungen gar nicht aufsteigen, daß sie nicht zu einer großen Höhe gelangen, dies kann keine gedruckte Moral, keine Aufklärung des Verstandes leisten; diese negative Wirkung [erstrebt] Campes Theophron8) - [nicht:] der Mensch soll selbst handeln, selbst wirken, sich selbst entschließen, nicht andere für sich handeln lassen, [sondern er] ist da nichts weiter als bloße Maschine.

Wenn man davon spricht: man kläre ein Volk auf, so setzt dies voraus, daß Irrtümer bei demselben herrschen, Volksvorurteile, die sich auf Religion beziehen, - und die meisten sind mehr oder weniger von dieser Beschaffenheit, gründen sich auf Sinnlichkeit, auf der blinden Erwartung, daß eine Wirkung erfolgen werde, die mit der Ursache, wodurch die Wirkung hervorgebracht werden soll, gar nicht in Zusammenhang steht; bei dem Volke, das viele Vorurteile hat, scheint der Begriff der Ursache sich meist noch auf dem Begriff der bloßen Aufeinanderfolge zu gründen, indem sie [nicht] selten auch, wo sie von Ursachen sprechen, die mittleren Glieder der aufeinanderfolgenden Wirkungen auslassen und nicht einsehen. - Sinnlichkeit und Phantasie sind die Quellen der Vorurteile, auch richtige, vor der Untersuchung des Verstands standhaltende Sätze sind beim gemeinen Volk insofern auch Vorurteile, als sie nur daran glauben, indem sie keine Gründe dafür kennen.

Vorurteile können also von zweierlei Art sein

a) wirkliche Irrtümer,

b) wirkliche Wahrheiten, die aber nicht wie Wahrheiten eingesehen werden sollen, durch Vernunft als solche erkannt, sondern auf Treu und Glauben anerkannt werden - und wobei also subjektiv kein größeres Verdienst stattfindet.

Dem Volk seine Vorurteile nehmen, es aufklären, heißt also - denn Vorurteile praktischer Art, d. h. die auf die Bestimmung des Willens Einfluß haben, haben ganz andere Quellen und andere Folgen, und von diesen ist hier nicht die Rede -, heißt seinen Verstand in Rücksicht auf gewisse Gegenstände so ausbilden, daß er einerseits sich von Überzeugung und der Gewalt der Irrtümer wirklich losreißt, teils von den wirklichen Wahrheiten durch Gründe überzeugt ist. Allein fürs erste, welcher Sterbliche will überhaupt entscheiden, was Wahrheit ist? Allein nehmen wir hier an, wie es sein muß, wenn von dem menschlichen Wissen mehr in concreto gesprochen wird, und was man auch bloß in politischer Hinsicht annehmen muß, wenn menschliche Gesellschaft statthaben soll, daß es allgemein geltende Prinzipien gibt, die nicht nur dem gesunden Menschenverstande einleuchten, sondern auch jeder Religion zum Grunde liegen müssen, wenn sie diesen Namen verdienen soll, sie mögen auch noch so verunstaltet sein, -

α) so ist es gewiß, daß deren nur wenige sind und daß eben deswegen, weil sie teils so allgemein und abstrakt sind, teils wenn sie rein dargestellt werden sollen, wie die Vernunft es verlangt, sie der Erfahrung und dem sinnlichen Schein [widersprechen], da sie nicht eine Regel für diese sind, sondern nur auf eine entgegengesetzte Ordnung der Dinge passen können; so qualifizieren sie sich nicht leicht zu einer lebendigen Anerkennung von seiten des Volks, und wenn das Gedächtnis sie auch behalten hat, so machen sie noch keinen Teil des geistigen, des begehrenden Systems des Menschen aus;

β) da es unmöglich ist, daß eine Religion, die allgemein fürs Volk sein soll, aus allgemeinen Wahrheiten bestehen kann, worauf zu jeder Zeit nur ausgezeichnetere Menschen gekommen sind und sie mit Liebe und dem ganzen Herzen umfaßten, und also immer teils Zusätze beigemischt sein müssen, die bloß auf Treu und Glauben angenommen werden müssen, oder die reineren Sätze vergröbert in eine sinnlichere Hülle gesteckt werden müssen, wenn sie verstanden werden und der Sinnlichkeit annehmlich sein sollen, und teils auch solche Gebräuche eingeführt werden müssen, von deren Notwendigkeit oder Nutzen auch zutraulicher Glaube oder Angewöhnung von Jugend auf beredet10) , so erhellt, daß Volksreligion, und (was schon mit dem Begriff der Religion an sich verbunden ist) wenn ihre Lehren in Leben und Tat wirksam sein sollen, unmöglich auf bloße Vernunft gebaut sein könne. - Positive Religion beruht notwendig auf Glauben an die Tradition, durch die sie uns überliefert wird, - und also können wir von ihren religiösen Gebräuchen auch nur durch diesen Grund von der Verbindlichkeit zu denselben, von dem Glauben, daß Gott sie als wohlgefällig, als Pflicht von uns fordere, überzeugt werden. Aber an sich bloß mit Vernunft betrachtet, kann von ihnen nur so viel behauptet werden, daß sie zur Erbauung, zur Erweckung frommer Empfindungen dienen, und ihre Zweckmäßigkeit hierzu kann untersucht werden. Allein sobald ich mich überzeugt habe, daß Gott durch diese Gebräuche, durch unseren Dienst, an sich nicht geehrt werde, daß Rechttun ihm der wohlgefälligste Dienst sei, daß ich aber doch einsehe, daß diese Gebräuche zur Erbauung dienen, so haben eben hierdurch diese Gebräuche einen großen Teil ihres sonst möglichen Eindrucks auf mich verloren.

Wie Religion überhaupt eine Sache des Herzens ist, so könnte es eine Frage sein, wie weit sich Räsonnement einmischen darf, um Religion zu bleiben. Denkt man viel nach über die Entstehung der Empfindungen, über die Gebräuche, die man mitzumachen hat und durch die fromme Gefühle geweckt werden sollen, über ihren historischen Ursprung, über ihre Zweckmäßigkeit u. dgl., so verlieren sie gewiß von dem Nimbus der Heiligkeit, mit dem wir sie immer zu sehen gewohnt waren, wie die Dogmen der Theologie von ihrem Ansehen verlieren, wenn wir sie mit der Kirchengeschichte beleuchten. Aber wie wenig ein solches kaltes Nachdenken dem Menschen Haltung gewährt, sehen wir häufig bei solchen, wenn sie in Lagen kommen, wo das zerrissene Herz einen festeren Stab braucht, wo die Verzweiflung dann oft wieder nach dem greift, was ihr ehemals Trost gewährte und was sie jetzt desto fester und ängstlicher umfaßt, damit es ihr nicht wieder entwische, und das Ohr geflissentlich den Sophistereien des Verstands zuhält.

Etwas anderes als Aufklärung, als Räsonnement ist Weisheit. Aber Weisheit ist nicht Wissenschaft - Weisheit ist eine Erhebung der Seele, die sich durch Erfahrung verbunden mit Nachdenken über Abhängigkeit von Meinungen wie von den Eindrücken der Sinnlichkeit erhoben hat und [die] notwendig, wenn es praktische Weisheit, nicht bloße selbstgefällige oder prahlende Weisheit [ist], von einer ruhigen Wärme, einem sanften Feuer begleitet sein muß; sie räsoniert wenig, sie ist auch nicht methodo mathematica von Begriffen ausgegangen und durch eine Reihe von Schlüssen, wie Barbara und Barocco, zu dem, was sie für Wahrheit nimmt, gekommen, - sie hat ihre Überzeugung nicht auf dem allgemeinen Markt eingekauft, wo man das Wissen an jeden, der richtig bezahlt, hergibt, wüßte sie auch nicht in blanker Münze, in den gangbaren Sorten auf den Tisch wieder hinzuzählen -, sondern spricht aus der Fülle des Herzens.

Bildung des Verstands und Anwendung desselben auf die Gegenstände, die unser Interesse auf sich ziehen, - Aufklärung bleibt deswegen ein schöner Vorzug, so wie deutliche Kenntnis der Pflichten, Aufklärung über praktische Wahrheiten. Aber sie sind nicht von der Beschaffenheit, daß sie dem Menschen Moralität geben könnten, sie stehen im Wert unendlich gegen Güte und Reinigkeit des Herzens zurück, sie sind damit eigentlich [nicht] kommensurabel.

Frohsein ist in dem Charakter eines gutgearteten Jünglings ein Hauptzug; verhindern ihn Umstände daran, daß er sich auf sich selbst mehr zurückziehen muß, und er faßt den Entschluß, sich zu einem tugendhaften Menschen zu bilden, und hat dabei noch nicht Erfahrung genug, daß Bücher ihn nicht dazu machen können, so nimmt er vielleicht Campes Theophron in die Hände, um sich diese Lehren der Weisheit und Klugheit zur Richtschnur seines Lebens zu machen; er liest morgens und abends einen Abschnitt daraus und denkt den ganzen Tag daran - was wird die Folge sein? Etwa wirkliche Vervollkommnung? Menschenkenntnis? praktische Klugheit? Zu dieser gehört jahrelange Übung und Erfahrung - aber die Meditation über Campe und das Campische Lineal werden ihm in acht Tagen entleiden! Düster und ängstlich geht er in die Gesellschaft, wo nur derjenige willkommen ist, der sie aufzuheitern weiß, schüchtern genießt er ein Vergnügen, das nur dem schmeckt, der mit frohem Herzen dabei ist. Vom Gefühl seiner Unvollkommenheit durchdrungen, bückt er sich gegen jedermann, Umgang mit Frauenzimmern heitert ihn nicht auf, weil er da fürchtet, eine leise Berührung irgendeines Mädchens möchte ein entzündendes Feuer durch seine Adern gießen, und dies gibt ihm ein linkisches, steifes Ansehen - er wird es aber nicht lange aushalten, sondern schüttelt bald die Aufsicht dieses mürrischen Hofmeisters ab und wird sich besser dabei befinden.

Wenn Aufklärung das leisten soll, was ihre großen Lobredner von ihr ausgeben, wenn sie ihre Lobsprüche verdienen soll, so ist es wahre Weisheit, sonst bleibt sie gemeinhin Afterweisheit, die sich brüstet und ihrer Manières, die sie vor so vielen schwachen Brüdern vorauszuhaben sich einbildet, sich erhebt. Dieser Dünkel findet sich gemeinhin bei den meisten Jünglingen oder Männern, die durch Schriften neue Einsichten erlangen und ihren bisherigen Glauben, den sie mit den meisten, die so um sie waren, gemein hatten, aufzugeben anfangen, wobei oft die Eitelkeit einen besonders großen Anteil hat. Wer da von der unbegreiflichen Dummheit der Menschen viel zu sagen weiß; wer einem auf das Haar hin demonstriert, daß es die größte Torheit sei, daß ein Volk ein solches Vorurteil habe; wer dabei mit den Worten, als da sind Aufklärung, Menschenkenntnis, Geschichte der Menschheit, Glückseligkeit, Vollkommenheit, immer um sich wirft, ist weiter nichts als ein Schwätzer der Aufklärung, ein Marktschreier, der schale Universalmedizinen feilbietet - sie speisen einander mit kahlen Worten und übersehen das heilige, das zarte Gewebe der menschlichen Empfindung. Jeder wird vielleicht solche Beispiele um sich herumschnattern hören; mancher hat es vielleicht wohl an sich selbst erfahren, denn in unseren vollgeschriebenen Zeiten ist dieser Gang der Bildung sehr häufig. - Wenn einer oder der andere durch das Leben selbst das auch mehr verstehen lernt, was vorher nur als totes Kapital in seiner Seele lag, so bleibt doch noch in jedem Magen ein Wust von Buchgelehrsamkeit unverdaut liegen, der, weil der Magen damit genug zu schaffen [hat], eine gesündere Nahrung verhindert und dem übrigen System des Körpers keine nahrhaften Säfte zufließen läßt, - das aufgedunsene Ansehen gibt vielleicht den Schein der Gesundheit, aber in allen Gliedern lähmt ein saftloses Phlegma die freie Bewegung.

Ein Geschäft des aufklärenden Verstands ist es, die objektive Religion zu sichten. Aber wie die Kraft [dieses Verstandes] kein großes Moment hat, wenn Besserung der Menschen, Auferziehung zu großen starken Gesinnungen, zu edlen Gefühlen, zu einer entschlossenen Selbständigkeit hervorgebracht werden soll, so hat auch das Produkt, die objektive Religion, kein großes Gewicht dabei.

Es schmeichelt dem menschlichen Verstand, wenn er sein Werk - ein großes hohes Gebäude der Gotteserkenntnis und der Erkenntnis der menschlichen Pflichten und der Natur - betrachtet. Das Bauzeug, die Materialien hat er allerdings dazu herbeigeschafft; er hat daraus einen Bau verfertigt, fährt immer fort, ihn zu verschönern oder auch Schnörkel daran zu machen; aber je weitschichtiger, je zusammengesetzter der Bau, an dem die ganze Menschheit arbeitet, wird, desto weniger gehört er jedem einzelnen [zu] eigen. Wer nur diesen allgemeinen Bau kopiert, von ihm nur für sich sammelt, wer nicht in sich selbst und aus sich selbst ein eigenes Häuschen baut zu seiner Bewohnung mit dem Dach- und Fachwerk, wo er ganz einheimisch ist, wo er jeden Stein wo nicht ganz aus dem Rohen gearbeitet, doch ihn zurechtgelegt, ihn in den Händen herumgekehrt hat, - der ist ein Buchstabenmensch, der hat nicht sich selbst gelebt und gewebt.

Wer nur jenem großen Haus sich einen Palast nachbaut, lebt darin wie Louis XIV. in Versailles, er kennt kaum alle Gemächer seines Eigentums und füllt nur ein sehr kleines Kabinettchen aus - da[hingegen] ein Hausvater in seinem großelterlichen Häuschen überall besser Bescheid, von jeder Schraube, jedem Schränkchen Red und Antwort über ihren Gebrauch und ihre Geschichte zu geben weiß. - [Recha in] Lessings Nathan [V, 6]: Bei dem meisten kann ich noch sagen, Wie? wo? warum ich es gelernt.

Sein kleines Häuschen, das der Mensch alsdann sein eigen nennen kann, es muß Religion bauen helfen, [aber] wieviel kann sie ihm dabei helfen?

Wenn zwischen reiner Vernunftreligion, die Gott im Geist und in der Wahrheit anbetet und seinen Dienst nur in die Tugend setzt, und dem Fetischglauben, der sich bei Gott auch noch durch etwas [anderes] als einen an sich guten Willen beliebt machen zu können glaubt, ein so weiter Unterschied ist, daß dieser im Gegensatz gegen jene gar keinen Wert hat, daß beide von ganz verschiedener Gattung sind, und so wichtig für die Menschheit es ist, diesen immer mehr zur Vernunftreligion hinzuführen und den Fetischglauben zu verdrängen, so fragt es sich, da eine allgemeine geistige Kirche nur ein Ideal der Vernunft bleibt - und da es nicht wohl möglich ist, daß eine öffentliche Religion etabliert werden könnte, die alle Möglichkeit, Fetischglauben daraus zu ziehen, benähme -, wie eine Volksreligion im allgemeinen eingerichtet sein müsse, um a) negativ so wenig als möglich Veranlassung zu geben, an dem Buchstaben und den Gebräuchen hängen zu bleiben, und b) positiv - daß das Volk zur Vernunftreligion geführt [würde], Empfänglichkeit dafür bekäme.

Wenn in der Moral die Idee der Heiligkeit als die letzte Höhe der Sittlichkeit und der letzte Punkt des Bestrebens gesetzt wird, so beweisen die Einwendungen derjenigen, die sagen, eine solche Idee sei dem Menschen nicht erreichbar (welches auch jene Moralisten selbst einräumen), sondern er brauche außer der reinen Achtung fürs Gesetz noch andere sich auf seine Sinnlichkeit beziehende Triebfedern, nicht so viel, daß der Mensch sich nicht bestreben dürfe, sich sei's auch bis in alle Ewigkeit jener Idee zu nähern, sondern nur, daß [man] bei der Roheit und bei dem mächtigen Hang zur Sinnlichkeit bei den meisten Menschen häufig zufrieden sein müsse, auch nur Legalität hervorzubringen, welche hervorzubringen keine rein sittlichen Triebfedern erfordert werden (vgl. Matth. 19, 16), wofür sie wenig Sinn hätten, und daß es schon Gewinn sei, wenn nur die grobe Sinnlichkeit verfeinert, wenigstens nur Interesse für etwas Höheres geweckt werde und statt eigentlich tierischer Triebe Empfindungen geweckt werden, die des Einflusses der Vernunft mehr fähig werden und sich dem Moralischen mehr nähern oder wobei es eigentlich nur möglich ist, daß, wenn das laute Geschrei der Sinnlichkeit etwas gedämpft, auch moralische Empfindungen aufkeimen - überhaupt schon bloße Kultur sei ein Gewinn; sie wollen nur so viel, daß es wohl auf dieser Erde nicht wahrscheinlich sei, daß die Menschheit oder auch ein einzelner Mensch je der nicht moralischen Triebfedern werde entbehren können - und in unsere Natur selbst sind solche Empfindungen verwebt, die, obzwar nicht moralisch, nicht aus der Achtung fürs Gesetz entspringend und also weder ganz fest und sicher noch an sich einen Wert haben[d] und wieder Achtung verdienen[d], doch liebenswürdig sind, böse Neigungen hindern und das Beste der Menschen befördern - von der Art sind alle gutartigen Neigungen, Mitleiden, Wohlwollen, Freundschaft usw. Zu diesem empirischen Charakter, der innerhalb des Kreises der Neigungen eingeschlossen ist, gehört auch das moralische Gefühl, das seine zarten Fäden in das ganze Gewebe ausschicken muß; das Grundprinzip des empirischen Charakters ist Liebe, die etwas Analoges mit der Vernunft hat, insofern als die Liebe in anderen Menschen sich selbst findet oder vielmehr sich selbst vergessend sich aus seiner Existenz heraussetzt, gleichsam in anderen lebt, empfindet und tätig ist - so wie Vernunft, als Prinzip allgemein geltender Gesetze, sich selbst wieder in jedem vernünftigen Wesen erkennt, als Mitbürgerin einer intelligiblen Welt. Der empirische Charakter der Menschen wird zwar von Lust und Unlust affiziert, [aber] Liebe, wenn es schon ein pathologisches Prinzip des Handelns ist, ist uneigennützig, sie handelt nicht darum gut, weil sie berechnet hat, daß Freuden, die aus ihren Handlungen entspringen, unvermischter und länger dauernd sind, als die der Sinnlichkeit oder die aus der Befriedigung irgendeiner Leidenschaft entspringen - es ist also nicht das Prinzip der verfeinerten Selbstliebe, wo das Ich am Ende immer der letzte Zweck ist.

Zur Aufstellung von Grundsätzen taugt der Empirismus freilich schlechterdings nicht; aber wenn davon die Rede ist, wie man auf die Menschen zu wirken hat, so muß man sie nehmen, wie sie sind, und alle guten Triebe und Empfindungen aufsuchen, wodurch wenn auch nicht unmittelbar seine Freiheit erhöht, doch seine Natur veredelt werden kann. Bei einer Volksreligion besonders ist es von der größten Wichtigkeit, daß Phantasie und Herz nicht unbefriedigt bleiben, daß die erste mit großen, reinen Bildern erfüllt und in dem letzteren die wohltätigeren Gefühle geweckt werden. Daß beide eine gute Richtung erhalten, ist um so wichtiger bei der Religion, deren Gegenstand so groß, so erhaben ist, wo beide sich zu leicht selbst Wege bahnen oder sich irreleiten lassen, entweder daß das Herz, durch falsche Vorstellungen und seine eigene Bequemlichkeit verführt, sich an Außendinge hängt oder in niedrigen, falschdemütigen Gefühlen Nahrung findet und damit Gott zu dienen glaubt, - oder daß die Phantasie Dinge als Ursache und Wirkung verknüpft, deren Aufeinanderfolge bloß zufällig ist, und sich gegen die Natur außerordentliche Wirkungen verspricht. Der Mensch ist ein so vielseitiges Ding, daß sich alles aus ihm machen läßt; das so mannigfaltig verflochtene Gewebe seiner Empfindungen hat so vielerlei Enden, daß alles - geht's nicht von dem einen, so geht's von anderen - sich daran anknüpfen läßt. Daher ist er des törichtesten Aberglaubens, der größten hierarchischen und politischen Sklaverei fähig gewesen. - Diese schönen Fäden der Natur dieser gemäß in ein edles Band zu flechten, muß vornehmlich Geschäft der Volksreligion sein.

Volksreligion unterscheidet sich von Privatreligion vornehmlich dadurch, daß der Zweck jener, indem sie mächtig auf Einbildungskraft und Herz wirkt, der Seele überhaupt die Kraft und den Enthusiasmus, - den Geist einhaucht, der zur großen, zur erhabenen Tugend unentbehrlich ist. Die Ausbildung des Einzelnen, seinem Charakter gemäß, die Belehrung über Kollisionsfälle der Pflichten, die besonderen Beförderungsmittel der Tugend, Trost und Aufrichtung in einzelnen Leiden und Unglücksfällen müssen der Privatreligion zur Bildung überlassen werden; und daß sie nicht zu einer öffentlichen Volksreligion qualifizieren, erhellt daraus:

a) Die Belehrung über Kollisionsfälle der Pflichten; diese sind so mannigfaltig, daß ich mir dabei entweder nur durch den Rat rechtschaffener und erfahrener Männer oder durch die Überzeugung, daß Pflicht und Tugend der höchste Grundsatz sind - die vorher allenfalls durch die öffentliche Religion fest und Maxime meiner Handlung zu werden fähig geworden ist -, für mein Gewissen befriedigend herauszuhelfen vermag: öffentlicher Unterricht wie Unterricht über Moral - wovon oben - [ist] zu trocken, und so wenig als sie wird er es vermögen, daß das Gemüt in dem Augenblicke des Handelns sich von feinen kasuistischen Regeln bestimmen lasse; oder es würde eine ewige Skrupulosität erzeugt, die der zur Tugend erforderlichen Entschlossenheit und Kraft ganz entgegen ist.

b) Wenn die Tugend kein Produkt der Lehre und des Geschwätzes ist, sondern eine Pflanze, die, obzwar mit gehöriger Pflege, doch aus eignem Trieb und eigner Kraft gebildet wird, so verderben die vielerlei Künste, die man erfunden haben will, um Tugend wie in einem Treibhaus hervorzubringen, und wo es gleichsam nicht soll fehlen können, mehr am Menschen, als wenn man ihn verwildern läßt.11) Der religiöse öffentliche Unterricht bringt es seiner Natur nach mit sich, daß nicht nur der Verstand über die Idee von Gott, unser Verhältnis zu ihm aufgeklärt wird, sondern daß man auch sucht, alle anderen Pflichten aus den Verbindlichkeiten, die wir [gegen] Gott haben, abzuleiten und uns jene desto eindringlicher zu machen, sie als desto bindender vorzustellen. Allein diese Ableitung hat schon etwas Gesuchtes, etwas weit Hergeholtes, es ist eine Verbindung, wo bloß der Verstand den Zusammenhang einsieht, der oft sehr erkünstelt ist und wenigstens dem gemeinen Menschensinn nicht einleuchtet; und es ist gewöhnlich, je mehr Beweggründe man für eine Pflicht anführt, desto kälter wird man gegen sie.

c) Der einzige wahre Trost im Leiden (für Schmerzen gibt es keinen Trost - denen ist nur Stärke der Seele entgegenzusetzen) ist Vertrauen auf die Vorsehung Gottes, alles andere ist leeres Geschwätz, das vom Herzen abgleitet.

Wie muß Volksreligion beschaffen sein? (Volksreligion ist hier objektiv genommen.)

a) In Ansehung der objektiven Lehren

b) in Ansehung der Zeremonien.

 

A. I. Ihre Lehren müssen auf der allgemeinen Vernunft gegründet sein.

II. Phantasie, Herz und Sinnlichkeit müssen dabei nicht leer ausgehen.

III. Sie muß so beschaffen sein, daß sich alle Bedürfnisse des Lebens, die öffentlichen Staatshandlungen daran anschließen.

B. Was hat sie zu vermeiden?

Den Fetischglauben - worunter besonders auch der in unserem wortreichen Zeitalter häufig ist, daß man der Forderung der Vernunft durch Tiraden über Aufklärung u. dgl. Genüge geleistet zu haben glaubt; daß man sich über dogmatische Lehren ewig in den Haaren liegt und indessen weniger an sich oder anderen etwas bessert.