Wenn Theologie Sache des Verstands und des Gedächtnisses ist - ihr Ursprung mag übrigens sein, woher er will, aus der Religion selbst -, Religion aber Sache des Herzens, wegen eines Bedürfnisses der praktischen Vernunft interessant, so erhellt von selbst, daß verschiedene Seelenkräfte bei Religion und Theologie wirksam [sind] und auch verschiedene Vorbereitungen des Gemüts für beide erfordert werden. Um hoffen zu können, daß das höchste Gut, dessen einen Bestandteil wirklich zu machen uns als Pflicht auferlegt [ist], im Ganzen wirklich werde, fordert die praktische Vernunft Glauben an eine Gottheit - an Unsterblichkeit.
Dies ist wenigstens der Keim, aus dem Religion entspringt, - und das Gewissen, der innere Sinn für Recht und Unrecht, und das Gefühl, daß auf Unrecht Strafe, auf Rechttun Glückseligkeit folgen müsse, ist in dieser Deduktion der Religion nur in seine Bestandteile, in deutliche Begriffe aufgelöst. Mag die Idee eines mächtigen unsichtbaren Wesens durch irgendeine furchtbare Naturerscheinung in der Seele des Menschen geworden sein, oder mag sich Gott im Wetter den Menschen zuerst geoffenbart haben, wo jeder näher die Gegenwart Gottes fühlt, oder im sanften Säuseln des Abendwindes, so traf sie auf jenes moralische Gefühl, das seinem Bedürfnisse jene Idee ganz angemessen fand.
Religion ist bloßer Aberglauben, wenn man aus ihr in solchen Fällen Bestimmungsgründe zum Handeln hernimmt, wo nur Klugheit raten sollte, oder wenn die Furcht vor der Gottheit gewisse Handlungen verrichtet, wodurch man ihre Unzufriedenheit abwenden zu können glaubt. Bei vielen sinnlichen Völkern ist wohl Religion so beschaffen - die Vorstellung von Gott und seiner Handlungsart mit den Menschen schränkt sich darauf ein, daß er nach den Gesetzen der menschlichen Sinnlichkeit und nur auf ihre Sinnlichkeit wirke, und nur sehr wenig Moralisches ist diesem Begriff beigemischt. - Der Begriff von Gott und der, an ihn sich zu wenden (Dienst), ist schon moralischer, d. h. deutet schon mehr auf Bewußtsein von einer höheren, nach größeren Zwecken als sinnlichen bestimmten Ordnung hin, - wenn der oben berührte Aberglaube zwar auch beigemischt ist, aber mit der Anfrage an die Gottheit wegen der Zukunft, des Erfolgs einer Unternehmung auch Anrufung um ihren Beistand, das Gefühl, daß von ihren Schlüssen alles abhänge, beigesellt ist und überall der Glaube zum Grunde liegt oder wenigstens neben dem Glauben an Schicksal, Naturnotwendigkeit stattfindet, daß sie nur dem Gerechten Glück ausspende, über den Ungerechten und Übermütigen aber Unglück verhänge, - und wenn aus der Religion moralische Beweggründe des Handelns hergeholt werden.
Subjektive Religion ist bei guten Menschen, die objektive kann fast eine Farbe haben wie sie will, so ziemlich gleich - was mich euch zum Christen macht, das macht euch mir zum Juden, sagt Nathan4) -, denn Religion ist Sache des Herzens, welches oft inkonsequent handelt gegen die Dogmen, die sein Verstand oder Gedächtnis annimmt; die verehrungswürdigsten Menschen sind gewiß nicht immer diejenigen, die am meisten über Religion spekuliert haben, die ihre Religion sehr oft in Theologie verwandeln, d. h. oft Fülle, Herzlichkeit des Glaubens gegen kalte Erkenntnisse und Wortparaden vertauschen.
Religion gewinnt durch den Verstand aber sehr wenig, seine Operationen, seine Zweifel können im Gegenteil das Herz mehr erkalten als wärmen; und derjenige, der gefunden hat, daß die Vorstellungsarten anderer Nationen oder der Heiden, wie man sie nennt, viel Absurdes enthalten, und [der] sich seiner höheren Einsichten, seines Verstandes, den er weiter sehen läßt, als die größten Männer sahen, deswegen höchlichst freut, der kennt nicht das Wesen der Religion. Der seinen Jehovah Jupiter oder Brahma nennt und ein wahrer Gottesverehrer ist, bringt wie der wahre Christ ebenso kindlich seinen Dank, sein Opfer. - Wen rührt nicht die schöne Einfalt, wenn die Unschuld an ihren größten Wohltäter bei dem Guten, das ihr die Natur anbeut, denkt, ihm das Beste, das Makelloseste, die Erstlinge des Korns und der Schafe darbietet, - wer bewundert nicht den Coriolan, wenn er in der Größe seines Glücks, die Nemesis fürchtend, wie sich Gustaf Adolf in der Schlacht bei Lützen vor Gott demütigte, die Götter bittet, nicht den Genius der römischen Größe, sondern ihn zu demütigen.
Dergleichen Züge sind fürs Herz und wollen mit dem Herzen, mit Einfalt des Geistes und der Empfindung genossen sein, nicht mit dem kalten Verstand bekunstrichtert werden. - Nur der Eigendünkel des Sektengeists, der sich weiser dünkt als alle Menschen anderer Parteien, kann bei dem unschuldigen letzten Willen des Sokrates, dem Gott der Gesundheit einen Hahn darzubringen, die schöne Empfindung des Sokrates, daß er für seinen Tod, den er für Genesung ansehe, den Göttern danke, ungenossen vorbeilassen und die hämische Anmerkung machen, die Tertullian, Apolog[eticum] Kap. 46, macht - Sokrates etc.5)
Wo das Herz wie bei dem Klosterbruder in der Szene im Nathan, woraus die obigen Worte entlehnt sind, nicht lauter spricht als der Verstand, wenn es verschlossen bleibt und diesem Zeit läßt, über eine Handlung zu räsonieren, - dessen Herz taugt schon nicht viel, die Liebe wohnt nicht in ihm. Nirgend ist die Stimme der unverdorbenen Empfindung, des lauteren Herzens und die Rechthaberei des Verstandes schöner einander entgegengesetzt als in der Geschichte in dem Evangelium, wo Jesus von einem ehemals übelberüchtigten Weibe das Salben seines Leibes, als offenen, durch die umstehende Gesellschaft sich nicht irremachen lassenden Erguß einer schönen von Reue, Zutrauen und Liebe durchdrungenen Seele, mit Wohlgefallen und Liebe annahm, wo aber einige seiner Apostel ein zu kaltes Herz hatten, um das Tiefe dieser weiblichen Empfindung, ihr schönes Opfer des Zutrauens mitzuempfinden, und die kalte, mit dem Vorwand eines Interesses der Mildtätigkeit verbrämte Randglosse machen konnten. - Welch eine kahle und forcierte Anmerkung ist es, wenn der gute Gellert irgendwo6) sagt, ein kleines Kind wisse heutzutage mehr von Gott als der weiseste Heide, gerade wie Tertullian Apologeticum Kap. 46, deum quilibet opifex etc. Gerade als wenn das Kompendium der Moral, das ich hier in meinem Schranke stehen habe und wo[fern] es nur bei mir steht, ob ich es [auch] zur Emballage eines stinkenden Käses gebrauchen will, mehr Wert hätte als das vielleicht zuweilen ungerechte Herz eines Friedrich II.; denn der Unterschied zwischen dem opifex des Tertullian, dem Kinde Gellerts, dem man den theologischen Sauerteig mit dem Katechismus eingeprügelt hat, und dem Papier, auf das man Moral gedruckt hat, ist im ganzen in dieser Hinsicht nicht sehr groß - eigentlich durch Erfahrung erworbenes Bewußtsein fehlt beiden fast in gleichem Grade.7)