Bern

1793-1796

[Fragmente über Volksreligion und Christentum]

(1793-1794)

1.

1) Religion ist eine der wichtigsten Angelegenheiten unseres Lebens - als Kinder sind wir schon gelehrt worden, Gebete an die Gottheit zu stammeln, schon wurden uns die Händchen gefaltet, um sie zu dem erhabensten Wesen zu erheben, unserem Gedächtnis eine Sammlung damals noch unverständlicher Sätze aufgeladen, zum künftigen Gebrauch und Trost in unserem Leben.

Wenn wir älter werden, füllen Beschäftigungen mit der Religion einen großen Teil unseres Lebens aus, ja bei manchen hängt der ganze Umkreis ihrer Gedanken und Neigungen [mit der Religion] wie der äußere Zirkel des Rads mit dem Mittelpunkt zusammen. Wir weihen außer anderen Zwischenfesten ihr den ersten Tag jeder Woche, der uns von Jugend auf in einem schöneren, festlicheren Lichte erscheint als alle anderen Tage. Wir sehen um uns her eine besondere Klasse von Menschen, die ausschließlich für den Dienst der Religion bestimmt ist; allen wichtigeren Begebenheiten, Handlungen des Lebens der Menschen, von denen ihr Privatglück abhängt, schon der Geburt, der Ehe, dem Tode und Leichenbegängnis wird etwas Religiöses beigemischt.

Denkt nun der Mensch nach, wenn er älter wird, über die Natur und Eigenschaften des Wesens, besonders über das Verhältnis der Welt zu diesem Wesen, auf das alle seine Empfindungen gerichtet sind? - Die menschliche Natur ist so eingerichtet, daß das, was in der Lehre von Gott praktisch ist, was ihm zu Triebfedern, zu Handlungen, zur Quelle der Erkenntnis der Pflichten und zur Quelle des Trostes werden kann, sich dem unverdorbenen Menschensinne bald darbietet, und der Unterricht, den man von Jugend auf uns davon gibt, die Begriffe, alles das Äußerliche, was darauf Bezug hat und was einen Eindruck auf uns macht, ist von der Art, daß es auf ein natürliches Bedürfnis des menschlichen Geistes geimpft wird, - oft unmittelbar, zu häufig aber leider nur durch willkürliche, weder in der Natur der Seele noch in den aus den Begriffen selbst zu schöpfenden und zu entwickelnden Wahrheiten gegründete Bande angeknüpft wird. -2)

... des menschlichen Lebens in Bewegung setzen. Die erhabene Forderung der Vernunft an die Menschheit, deren Rechtmäßigkeit wir so oft mit vollem Herzen anerkennen, wenn es damit erfüllt ist, und die anziehenden Beschreibungen, die eine reine schöne Phantasie von unschuldigen oder weisen Menschen machte, sollten sich unserer nie so bemeistern, daß wir viel davon in der wirklichen Welt zu finden hofften oder hier oder dort dies schöne Luftbild in der Wirklichkeit zu erhaschen und zu sehen glaubten; Unzufriedenheit mit dem, was wir finden, verdrießliche Laune würde seltener unseren Sinn umnebeln. Erschrecken wir also nicht, wenn wir zu finden glauben müssen, daß Sinnlichkeit das Hauptelement bei allem Handeln und Streben der Menschen ist; wie schwer ist es zu unterscheiden, ob bloße Klugheit oder wirkliche Moralität der Bestimmungsgrund des Willens sei. Befriedigung des Triebs nach Glückseligkeit als höchster Zweck des Lebens angenommen, wenn man dabei nur gut zu berechnen weiß, wird dem äußeren Aussehen nach wohl die nämlichen Wirkungen hervorbringen, als wenn das Gesetz der Vernunft unsern Willen bestimmt. So genau in einem System der Moral reine Moralität von Sinnlichkeit in abstracto gesondert werden muß, so sehr diese unter jene erniedrigt wird, - so sehr müssen wir bei Betrachtung des Menschen überhaupt und seines Lebens seine Sinnlichkeit, seine Abhängigkeit von der äußeren und inneren Natur - von dem, was ihn umgibt und in dem er lebt, und von den sinnlichen Neigungen und dem blinden Instinkt - vorzüglich in Anschlag bringen; die Natur des Menschen ist mit den Ideen der Vernunft gleichsam nur geschwängert -: wie das Salz ein Gericht durchdringt, aber, wenn es gut bereitet ist, nirgends in einem Klumpen sich zeigen darf, aber seinen Geschmack doch dem Ganzen mitteilt, oder wie das Licht alles durchdringt, erfüllt, seinen Einfluß in der ganzen Natur zeigt, aber nicht als Substanz dargestellt werden kann, den Gegenständen aber doch ihre Gestalt gibt, sich in jedem verschieden bricht, aus den Pflanzen heilsame Luft entwickelt, so beleben die Ideen der Vernunft das ganze Gewebe seiner Empfindungen, so zeigt sich ihm durch ihren Einfluß die Handlung in einem eigenen Licht, sie selbst zeigen sich selten in ihrem Wesen, aber ihre Wirkung durchdringt doch alles als eine feine Materie und gibt jeden Neigungen und Trieben einen eigenen Anstrich.

Es liegt in dem Begriff der Religion, daß sie nicht bloße Wissenschaft von Gott, seinen Eigenschaften, unserem Verhältnis und dem Verhältnis der Welt zu ihm und der Fortdauer unserer Seele - was uns allenfalls entweder durch bloße Vernunft annehmbar oder auch auf einem anderen Weg uns bekannt wäre -, nicht eine bloße historische oder räsonierte Kenntnis ist, sondern daß sie das Herz interessiert, daß sie einen Einfluß auf unsere Empfindungen und auf die Bestimmung unseres Willens hat, - indem teils unsere Pflichten und die Gesetze einen stärkeren Nachdruck dadurch erhalten, daß sie als Gesetze Gottes uns vorgestellt werden; teils indem die Vorstellung der Erhabenheit und der Güte Gottes gegen uns unser Herz mit Bewunderung und mit Empfindungen der Demut und Dankbarkeit erfüllt.

Die Religion gibt also der Moralität und ihren Beweggründen einen neuen erhabeneren Schwung, sie gibt einen neuen stärkeren Damm gegen die Gewalt der sinnlichen Antriebe ab. Bei sinnlichen Menschen ist auch die Religion sinnlich, - die religiösen Triebfedern zum Guthandeln müssen sinnliche sein, um auf die Sinnlichkeit wirken zu können; sie verlieren dadurch freilich gewöhnlich an ihrer Würde, insofern sie moralische Triebfedern sind, aber sie haben dadurch ein so menschliches Ansehen erhalten, sich so sehr an unsere Empfindungen angeschmiegt, daß wir angezogen von unserem Herzen und geschmeichelt durch die schöne Phantasie oft leicht vergessen, daß eine kalte Vernunft solche Bilder-Vorstellungen mißbilligt oder gar verbietet, auch nur was darüber sagen zu wollen.

Wenn man von öffentlicher Religion spricht, so versteht man darunter die Begriffe von Gott und Unsterblichkeit und was darunter Beziehung hat, sofern sie die Überzeugung eines Volks ausmachen, sofern sie Einfluß auf die Handlungen und Denkart desselben haben; ferner gehören hierher auch die Mittel, wodurch diese Ideen dem Volke teils gelehrt, teils eindringlich fürs Herz gemacht werden; unter dieser Wirkung ist nicht bloß die unmittelbare verstanden, daß ich nicht stehle, weil Gott es verbot - besonders die entfernteren müssen in Anschlag gebracht werden und sind oft am wichtigsten zu schätzen. Diese sind hauptsächlich Erhebung, Veredlung des Geistes einer Nation, daß das so oft schlummernde Gefühl ihrer Würde in ihrer Seele erweckt werde, daß sich das Volk nicht wegwirft und nicht wegwerfen läßt, daß es sich aber nicht nur als Menschen fühlt, sondern daß auch sanftere Tinten von Menschlichkeit und Güte in das Gemälde gebracht werden.

Die Hauptlehren der christlichen Religion sind seit ihrer Entstehung wohl die nämlichen geblieben, aber nach den Zeitumständen wurde die eine Lehre ganz in den Schatten gestellt und eine andere vorzüglich erhoben, ans Licht gestellt und auf Kosten der verdunkelten verdreht, entweder zu weit ausgedehnt oder zu sehr eingeschränkt.

Die ganze Masse von Religionsgrundsätzen und von den daraus fließenden Empfindungen und besonders der Grad von Stärke, womit sie auf Handlungsart einfließen können, ist der Hauptpunkt einer Volksreligion. Auf einen unterdrückten Geist, der unter der Last seiner Ketten seine jugendliche Kraft verloren [hat] und zu altern anfängt, können religiöse Ideen wenig Eindruck machen.

Der jugendliche Genius eines Volkes - [der] alternde: jener fühlt sich und jauchzt in seiner Kraft, fliegt mit Heißhunger auf etwas Neues, interessiert sich aufs lebhafteste dafür, verläßt es aber vielleicht wieder und ergreift was anderes, nie aber kann dies etwas sein, das seinem stolzen freien Nacken Fesseln auflegen wollte; der alternde Genius zeichnet sich vorzüglich durch feste Anhänglichkeit an das Hergebrachte in jeder Rücksicht aus, trägt daher die Fesseln wie ein Alter das Podagra, über das er brummt, aber das er nicht von sich schaffen kann, läßt sich stoßen und rütteln, wie sein Herrscher es will, genießt aber nur mit halbem Bewußtsein, nicht frei, nicht offen, mit heiterer, schöner Freude, die andere zur Sympathie einlädt - seine Feste sind Geschwätze, wie einem Alten nichts übers Plaudern geht, nicht lauter Ausruf, nicht vollblütiger Genuß.

Auseinandersetzung des Unterschieds zwischen objektiver und subjektiver Religion; Wichtigkeit dieser Auseinandersetzung in Ansehung der ganzen Frage.

Objektive Religion ist fides quae creditur, der Verstand und das Gedächtnis sind die Kräfte, die dabei wirken, die Kenntnisse erforschen, durchdenken und behalten oder auch glauben. Zur objektiven Religion können auch praktische Kenntnisse gehören, aber insofern sind sie nur ein totes Kapital - die objektive Religion läßt sich im Kopfe ordnen, sie läßt sich in ein System bringen, in einem Buche darstellen und andern durch Rede vortragen; die subjektive Religion äußert sich nur in Empfindungen und Handlungen -: sag ich von einem Menschen, er hat Religion, so heißt das nicht, er hat große Kenntnisse derselben, sondern es heißt, sein Herz fühlt die Taten, die Wunder, die Nähe der Gottheit, es erkennt, es sieht Gott in seiner Natur, in den Schicksalen der Menschen, er wirft sich vor ihm nieder, dankt ihm und preist ihn in seinen Taten, sieht bei seiner Handlung nicht bloß darauf, ob es gut oder klug sei, sondern auch der Gedanke: es ist Gott wohlgefällig, ist ihm ein Beweggrund von ihr - oft der stärkste; beim Genuß, bei einem glücklichen Ereignis richtet er zugleich einen Blick auf Gott und dankt ihm dafür. - Subjektive Religion ist lebendig, Wirksamkeit im Innern des Wesens und Tätigkeit nach außen. Subjektive Religion ist etwas Individuelles, objektive die Abstraktion, jene das lebendige Buch der Natur, die Pflanzen, Insekten, Vögel und Tiere, wie sie untereinander eins vom andern leben, jedes lebt, jedes genießt, sie sind vermischt, überall trifft man alle Arten beisammen an, - diese das Kabinett des Naturlehrers, der die Insekten getötet, die Pflanzen gedörrt, die Tiere ausgestopft [hat] oder in Branntwein aufbehält und alles zusammen rangiert, was die Natur trennte, nur nach einem Zweck ordnet, wo die Natur unendliche Mannigfaltigkeit von Zwecken in ein freundschaftliches Band verschlang.

Die ganze Masse von religiösen Kenntnissen, die zur objektiven Religion gehören, kann bei einem großen Volke dieselbe sein, sie könnte es an sich auf dem ganzen Erdboden sein; sie ist in die subjektive Religion verflochten, aber macht nur einen kleinen, ziemlich unwirksamen Teil derselben aus, modifiziert sich in jedem Menschen anders; das Wichtigste, das in Betrachtung kommt bei der subjektiven Religion, ist, ob und wieweit das Gemüt gestimmt ist, sich von religiösen Beweggründen bestimmen zu lassen, wie groß seine Reizbarkeit für dieselbe ist; und dann welche Arten von Vorstellungen vorzüglich Eindruck auf das Herz machen, welche Arten von Empfindungen am meisten in der Seele angebaut und am leichtesten hervorzubringen sind - der eine Mensch hat keinen Sinn für die sanfteren Vorstellungen von Liebe, Beweggründe von der Liebe Gottes hergenommen schlagen nicht an sein Herz an, seine gröberen Empfindungsorgane werden nur durch Erregung der Furcht, durch Donner und Blitz aufgerüttelt, die Saiten seines Herzens erklingen nicht dem sanften Anschlag der Liebe; andere Ohren sind taub gegen die Stimme der Pflicht, es nützt nichts, sie auf den inneren Richter der Handlungen, der seinen Stuhl in dem Herzen des Menschen selbst aufgeschlagen hat, auf das Gewissen aufmerksam zu machen - in ihnen ist diese Stimme nie erschallt; Eigennutz ist das Pendel, dessen Schwingungen ihre Maschine im Lauf erhält.

Von dieser Stimmung, von dieser Rezeptivität hängt es ab, wie in einem jeden einzelnen die subjektive Religion beschaffen sein soll. Objektive Religion lehrt man uns von Jugend auf in den Schulen; frühzeitig genug lädt man sie unserem Gedächtnisse auf, daß oft der noch nicht erstarkte Verstand, die schöne zarte Pflanze des offenen freien Sinnes unter der Bürde niedergedrückt wird; oder wie Wurzeln sich durch ein lockeres Erdreich durcharbeiten und damit verschlingen und ihre Nahrung daraus saugen, aber von einem Steine abgebogen werden und andere Richtung suchen, so bleibt die dem Gedächtnis auferlegte Bürde unaufgelöst liegen, die erstarkten Seelenkräfte schütteln sie entweder ganz ab oder lassen sie auf der Seite liegen und ziehen keinen nährenden Saft aus ihr ein.

In jeden Menschen hat die Natur einen Keim der feineren, aus Moralität hervorgehenden Empfindungen gesenkt, sie hat einen Sinn fürs Moralische, für weitere Zwecke als die bloße Sinnlichkeit in ihn gelegt; daß diese schönen Keime nicht ersticken, daß daraus eine wirkliche Rezeptivität für moralische Ideen und Empfindungen entstehe, dies ist Sache der Erziehung, der Bildung. Religion ist nicht das erste, was im Gemüt Wurzeln fassen kann, sie muß einen gebauten Boden antreffen, in dem sie erst gedeihen kann.

Auf subjektive Religion kommt alles an, diese hat einen eigentlichen wahren Wert - die Theologen mögen sich über die Dogmen, über das, was zur objektiven Religion gehört, über die näheren Bestimmungen dieser Sätze streiten; jeder Religion liegen einige wenige Fundamentalsätze zum Grunde, die nur in den verschiedenen Religionen mehr oder minder modifiziert, verunstaltet, mehr oder weniger rein dargestellt sind, - die den Grund alles Glaubens, aller Hoffnungen ausmachen, welche die Religion uns an die Hand gibt. Wenn ich von Religion spreche, so abstrahiere ich schlechterdings von aller wissenschaftlichen oder vielmehr metaphysischen Erkenntnis Gottes, unseres und der ganzen Welt Verhältnisses zu ihm usw. Eine solche Erkenntnis, bei der sich bloß der räsonierende Verstand beschäftigt, ist Theologie, nicht mehr Religion. Ich rechne hier nur insoweit Kenntnisse von Gott und Unsterblichkeit zur Religion, als das Bedürfnis der praktischen Vernunft fordert und was in einem leicht einzusehenden Zusammenhang damit steht. Dabei sind nähere Aufschlüsse über besondere Anstalten Gottes zum Besten der Menschen nicht ausgeschlossen.

Von objektiver Religion spreche ich aber nur insofern auch, als sie einen Bestandteil der subjektiven ausmacht.

Meine Absicht ist nicht, zu untersuchen, welche religiösen Lehren am meisten Interesse fürs Herz haben, der Seele am meisten Trost und Erhebung geben können; nicht wie die Lehren einer Religion beschaffen sein müssen, die ein Volk besser und glücklicher machen soll, sondern was für Anstalten dazu gehören, daß die Lehren und die Kraft der Religion in das Gewebe der menschlichen Empfindungen eingemischt, ihren Triebfedern zum Handeln beigesellt [sei] und sich in ihnen lebendig und wirksam erweise, - daß sie ganz subjektiv werde; wenn sie das ist, so äußert sie ihr Dasein nicht bloß durch Händefalten, durch Beugen der Knie und des Herzens vor dem Heiligen, sondern sie verbreitet sich auf alle Zweige der menschlichen Neigungen (ohne daß die Seele gerade es sich bewußt ist) und wirkt überall, aber nur mittelbar mit - sie wirkt, um mich so auszudrücken, negativ, bei dem frohen Genuß menschlicher Freuden oder bei Ausführung erhabener Taten und Übung der sanfteren Tugenden der Menschenliebe; wenn sie auch nicht unmittelbar einwirkt, so hat sie doch den feineren Einfluß, daß sie die Seele wenigstens frei und offen dabei fortwirken läßt und die Sehnen ihrer Tätigkeit nicht lähmt; - zur Äußerung menschlicher Kräfte, es sei des Muts, der Menschlichkeit, wie zum Frohsein, zum Lebensgenuß gehört Freiheit von bösartiger Stimmung der Seele zum Neid u. dgl., gehört Unschuld, reines Gewissen, und diese zwei Eigenschaften hilft die Religion mitbefördern. So hat sie auch insofern Einfluß, daß Unschuld, mit ihr verbunden, genau den Punkt zu treffen weiß, wo Frohsein in Ausschweifung, Mut und Entschlossenheit in Eingriff in fremde Rechte ausarten würde.